Wie beschreibe ich etwas für Blinde?

Das ist eine komplexe Aufgabe, die leider mehr Zeit und Hirnschmalz erfordert als der klassische Alternativtext.

Komplexe Bewegungsabläufe

Vorneweg sei gesagt, dass nicht nur Blinde, sondern viele andere Menschen von verbalen Beschreibungen profitieren. Das ist kein Gutmenschentum, sondern Service. Nehmen wir das Beispiel einer sportlichen Übung. Das beste Übungsbuch der Welt kämpft mit zwei Problemen bei grafischen Darstellungen:

  1. Es ist zweidimensional
  2. Es kann bestenfalls Momentaufnahmen darstellen.

Zu 1. Der menschliche Körper ist bekanntermaßen dreidimensional. Ein Bild kann aber immer nur zweidimensional sein, im Buch sowieso. Im Internet könnte man sich noch mit Rund-um-Aufnahmen behelfen, die ich aber noch nicht zu Gesicht bekommen habe.
Das hat zur Folge, dass man immer nur einen Teil des Körpers aufnehmen kann, jener, der der Kamera zugewandt ist. Weiterhin muss sich der Fotograf entscheiden, ob er eine Ganzkörper-Aufnahme macht oder einen besonders wichtigen Teil des Körpers hervorhebt. Bei einer Ganzkörper-Aufnahme sieht man die Details nur unscharf bei einer Teilaufnahme sieht man nicht, was der Mensch mit seinen Armen oder Beinen macht oder wie er den Kopf hält. Bei einer Vorderaufnahme sieht man nicht, ob er seinen Rücken durchgestreckt hat und so weiter.
Zu 2. Wenn man nicht gerade eine Videoaufnahme oder ein Daumenkino hat kann man grafisch nur Zustände abbilden. Da der Platz und die Geduld des sportlers begrenzt sind, begnügt man sich oft mit einer Darstellung der Ausgangsstellung, der Mittelstellung und der Endstellung. Meistens ist es noch spartanischer und man zeigt nur eine Aufnahme der wichtigsten Position.
Die prozessuale Beschreibung ist für solche komplexen Abläufe die sinnvollste Beschreibungsform. Das heißt, man beschreibt zunächst die Ausgangsstellung mit allen relevanten Details: Durchgestreckter Rücken, Füße schulterbreit, Hände mit dem Handrücken nach oben gerade ausgestreckt und so weiter. Wenn die Ausgangsstellung für mehrere Übungen gleich ist, genügt es, sie einmal zu beschreiben und ihr einen Standardnamen wie „Ausgangshaltung“ oder „Vierfüßler-Stand“ zu geben. Wenn ein Körperteil während der Übung unverändert bleibt, stellt man das zu Beginn fest: „Der Rücken bleibt immer durchgestreckt“.
Dann werden nach und nach die Bewegungen beschrieben, die mit dem Körper gemacht werden sollen. Bewegungen, die in einer bestimmten Reihenfolge erfolgen sollen werden in dieser Reihenfolge beschrieben. Bewegungen, die parallel erfolgen, werden natürlich direkt hintereinander beschrieben, anders geht es leider nicht.
Wichtig ist auch, die Körperhaltung zu beschreiben, die das Ende der Übung bildet. Wenn das die Ausgangsstellung ist, reicht ein Verweis darauf, ansonsten muss die Endstellung ebenso beschrieben werden wie die Ausgangsstellung.
Das klingt aufwendiger, als es ist. Mark Lauren hat das in seinem Buch „Fit ohne Geräte“ so gemacht, ohne diese Anleitung zu kennen. Es gibt unzählige Yoga-CDs, die das so machen müssen, da die Leute die Übungen nur mit den CDs durchführen sollen.

Wegbeschreibungen

Blinde sind hervorragend darin, ihnen bekannte Wege Sehenden zu beschreiben. Sehende sind miserabel darin, Blinden Wege zu beschreiben.
Zunächst einmal scheinen die meisten Sehenden keine Straßennamen zu kennen. Das scheint sich mit den Navis noch verschlimmert zu haben, liegt aber oft auch in der Natur der Sache. Jeder Bonner weiß, wo der Posttower steht und könnte ihn auch ohne Karte finden. Aber die Adresse – hm – keine Ahnung. Das gilt auch für andere Institutionen wie das Haus der Geschichte, das Palais Schaumburg oder auch den Kaufhof. Blinde kennen hingegen oft nur die Adresse, wo sie hinwollen. Wenn sie in der Stadt fremd sind, wissen sie auch nicht, welche markanten Punkte in der Nähe sind. Für Blinde ist es deshalb immer empfehlenswert, über Google Maps oder ähnliche Dienste herauszufinden, ob markante Punkte wie Geschäfte oder Restaurants in der Nähe von dem Sind, was sie suchen.
Die Beschreibung Sehender ist bestenfalls nur zehn Meter genau. Ich nehme alles buchstäblich, wenn jemand sagt, das Gebäude oder die Straße ist neben … dann gehe ich auch neben XY. Für einen Sehenden kann aber „neben“ alles Mögliche heißen, zum Beispiel in Sichtweite, aber auch vor oder hinter XY.
Gehen wir einmal davon aus, dass die Beschreibung im Internet steht und ein öffentliches Verkehrsmittel einschließt. Ich nehme als Beispiel das Gustav-Heinemann-Haus in Bonn Tannenbusch. Wir fahren also mit der Straßenbahn 16/63 Richtung Bonn West bis zur Haltestelle Tannenbusch Mitte. An der Haltestelle steigen wir aus und gehen entgegen der Fahrtrichtung Richtung Ausgang. Vor dem Bahnhof befindet sich ein Einkaufszentrum, an dem man links vorbei gehen kann. Wir erreichen eine stark frequentierte Hauptstraße, die wir nicht überqueren, sondern biegen an dieser Stelle nach rechts ab und folgen der Straße. Von hier aus gehen wir einige Hundert Meter gerade aus und überqueren dabei diverse Nebenstraßen und durchqueren eine Art Park, bleiben aber an der Straße. Die Straße mündet in eine Querstraße, die ebenfalls stark frequentiert wird. Wenn wir diese Straße erreicht haben, befindet sich das Gustav-Heinemann-Haus zu unserer Rechten.
Erwischt, ich weiß weder, wie die eine noch die andere Straße heißt, aber ich hoffe, die Systematik ist klar geworden. Eine präzise Entfernungsangabe macht ab 20 – 30 Meter keinen Sinn mehr. Für den Blinden ist aber vor allem wichtig, dass er weiß, dass er auf dem richtigen Weg ist. Lange, aber gradlinige Wege sind einfacher als kurze, aber kurvenreiche Wege.
Für Passanten- die helfen möchten sieht die Sache ein wenig einfacher aus. Der Blinde wird, je nachdem, wie komplex die Strecke ist, so oder so mehrfach fragen müssen, deshalb reichen grobe Beschreibungen vollkommen aus. Nicht hilfreich sind präzise Beschreibungen wie „da“ oder „immer geradeaus“, wenn der Blinde sich Richtung Abgrund gedreht hat. Die meisten Leute können weder Wegdauer noch Wegstrecke exakt einschätzen, aber eine grobe Einschätzung (50 Meter, fünf Minuten etc.) ist besser als nichts.
Man kann auch gerne auf nicht offensichtliche Gefahren wie ruhende Baustellen, Dornengestrüpp und ähnliche Blinden-Fallen hinweisen.

Die komplexe Grafik

Heute muss sich fast jeder mit komplexen Grafiken herumschlagen. Eine Beschreibung für einfache Diagramme anzulegen erscheint mir nicht sinnvoll, wenn die Werte des Diagramms als Tabelle vorliegen. Da mögen sich Relationen nicht auf einen Blick erschließen, aber eine Beschreibung eines so sachlichen Objekts ist zwangsläufig zu selektiv, wenn sie rein verbal erfolgt.
Komplexe Grafiken wie Prozessabläufe stellen hingegen eine größere Herausforderung da. Zunächst sollte beschrieben werden, worum es überhaupt geht. Der zweite Schritt ist ein grober Überblick, zum Beispiel lässt sich die Grafik meistens in mehrere Sequenzen oder Abschnitte gliedern, die man zunächst benennen kann. Das ermöglicht dem Blinden, sich den groben Aufbau vorzustellen. Dann sollten die wichtigsten Elemente oder Prozesse nach und nach erläutert werden. Dabei ist es sinnvoll, einen Prozess nach dem anderen zu beschreiben, wenn mehrere Prozesse unabhängig voneinander verlaufen.
Wirklich kompliziert wird es, wenn mehrere Prozesse parallel verlaufen, aber es Abhängigkeiten gibt. Auch in diesem Fall halte ich es für am sinnvollsten, zunächst die Prozesse einzeln zu beschreiben und erst anschließend die Abhängigkeiten darzustellen.
Auch wenn Tabellen für Fließtext normalerweise verpönt sind, bieten sie für unseren Zweck interessante Möglichkeiten. So ermöglichen sie es, Sequenzen abzubilden. Eine Sequenz könnte zum Beispiel aus einer Spalte bestehen, parallele Elemente werden in einer Zeile dargestellt. HTML-Tabellen haben zurecht einen schlechten Ruf, aber sie lassen sich leichter sequentiell erschließen als normaler Fließtext und können Parallelität besser abbilden als verschachtelte Listen und was man sonst für diesen Zweck nutzen würde.

Kunstwerke

Die komplexeste Aufgabe dürfte die Beschreibung eines Kunstwerks sein. Es ist nicht schwierig zu beschreiben, was abgebildet ist: blaue Berge, braune Pferde, grüne Wiese… Aber wer das tut macht keinen Unterschied zwischen einem van Gogh oder einer Postkarte. Es gibt Hunderttausend Landschaften, die genau so aussehen.
Spannend wird es dort, wo die reine inhaltliche Beschreibung sich mit der Interpretation vermischt. Spätestens hier stoßen wir an die Grenzen des Beschreibbaren. Natürlich kann man einem Geburtsblinden mitteilen, dass der Maler unterschiedliche Töne von rot verwendet hat. Man könnte ihm versuchen zu beschreiben, was diese Unterschiede bedeuten, welche optische Wirkung sie haben und wie man die Intention des Malers interpretiert, was aber schon schwierig ist. Aber auch, wenn der Blinde das rein intelektuell nachvollziehen kann, er wird nie die gleiche Empfindung haben wie der fleißige Kunstkenner, der ihm das Bild beschrieben hat. Bei der Musik ist es im Prinzip das Gleiche, ein Musikstück lässt sich leicht beschreiben, die eigenen Empfindungen dazu auch, aber das löst beim Zuhörer nicht den gleichen Effekt aus, solange er das Stück nicht selbst hört. Ich sehe auch keinen Weg, wie sich das Problem lösen lässt. Es ist auch das typische Problem von Audiodeskriptionen für Videos. Klar kann man relativ viel beschreiben, dennoch gehen ein Großteil der Szenerie und der Schauspielerei verloren. Ich höre häufiger, dass dieser ein guter und jener ein schlechter Schauspieler sei. Ich selbst bin außer Stande, das zu beurteilen, im Gegenteil, ich könnte Arnold Schwarzenegger nicht von Terrence Hill unterscheiden, denn beide haben den gleichen Sychronsprecher..
Das dürfte der Grund sein, warum die meisten Blinden Literatur oder Radio dem Fernsehen und anderer eher visuell ausgerichteter Kultur vorziehen.

Alt oder Long Description?

Ursprünglich war vorgesehen, die Long Description in HTML5 abzuschaffen. Da sie nun beibehalten und von den gängigen Programmen unterstützt wird, spricht nichts dagegen, sie einzusetzen. Bislang scheinen sich aber keine Best Practices dafür durchgesetzt zu haben.
Der Alternativtext ist aber in keinem Fall die richtige Stelle für lange Beschreibungen. Zum Einen lässt sich in diesen Texten nicht navigieren, der Blinde kann sich die Beschreibung immer nur als Ganzes anhören, was bei mehr als 100 Zeichen anstrengend ist, wenn man eine bestimmte Stelle innerhalb dieses Textes sucht. Zum Anderen stören lange Alternativtexte zum Beispiel bei Text-Bild-Strecken den Lesefluss.
Auch für eine Bild-Unterschrift dürften ausführliche Beschreibungen zu lang sein. Am sinnvollsten erscheint es deshalb, die Texte direkt im Fließtext unterzubringen. Wie schon erwähnt profitieren alle Nutzer von solchen Beschreibungen.
In Fällen, in denen Beschreibungen tatsächlich nur für Blinde interessant sind oder wo der Fließtext wegen Begrenzungen nicht genügend Platz bietet ist die Long Desc der beste Platz für lange Beschreibungen. Das gilt insbesondere für eBooks oder andere elektronische dokumente, die man nur noch barrierefrei machen, deren Text man aber nicht mehr bearbeiten soll oder darf.

Fazit

Meine Theorie ist, dass Blinde anhand von Beschreibungen eine relativ gute Vorstellung davon gewinnen können, wie ein Geenstand aufgebaut ist. Der Anfang 2014 verstorbene blinde Psychologe Zoltan Torey, erzählt in seiner Biographie, dass er sich mühelos das Innere einer Maschine imaginieren konnte, das Ineinandergreifen der Zahnräder, das Geflecht aus Riemen und Kolben und deren Zusammenspiel. Mit seiner Imaginationsfähigkeit war er in der Lage, sein Dach neu zu decken. Blinde Frauen können sich blind schminken oder ihre Kleider selbst zusammenstellen, was vermutlich erhebliche visuelle Phantasie verlangt, wenn man nicht wie ein Paradiesvogel aussehen möchte.
Die Ursache dürfte darin liegen, dass Blinde sehr bald trainieren müssen, ihre Informationen aus rein verbalen Beschreibungen zu gewinnen. Da sie das tagtäglich tun müssen, werden sie fast zwangsläufig Experten dafür. Da Geburtsblinde keine Kapazitäten zur visuellen Informationsverarbeitung entwickeln mussten, dürften sie später erblindeten in dieser Fähigkeit überlegen sein.
Es gibt Sehende, die gerne Blinde begleiten, weil sie dadurch gezwungen sind, sich intensiver mit Kunstwerken zu beschäftigen. Normalerweise eilt man durch Ausstellungen, als ob es nicht sinnvoller wäre, sich intensiv mit einem Objekt zu beschäftigen, statt sich 100 anzuschauen, von denen keines einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner