Sprachauszeichnungen

Streng nach Richtlinien müssen Begriffe, die nicht deutsch ausgesprochen werden, mit der entsprechenden Sprache in HTML ausgezeichnet werden.
Das ist eine erstaunliche Detail-Verliebtheit, die ich für überflüssigen Kleinkram halte.
Zunächst einmal verfügen moderne Screenreader über Wörterbücher, in denen auch die Aussprache gängiger Fremdwörter festgelegt ist.
Das Wort Detail wird nicht deutsch ausgesprochen, es klingt eher wie Detai, das L am Ende bleibt praktisch stumm. Der Screenreader kann das inzwischen richtig ohne Nachhilfe aussprechen, ebenso wie Chance, Restaurant und viele andere Wörter.
Das ist aber nicht der einzige Grund, von Sprachauszeichnungen abzusehen. Vor einer ganzen Weile konnte ich eine bestimmte Zeitung im Netz nicht mehr aufsuchen, Weil der Screenreader automatisch auf Englisch vorlas, wohlgemerkt: er las deutschen Text auf Englisch vor und zwar die gesamte Website. Seitdem habe ich die automatische Sprachausgabe abgestellt. Zuvor musste ich allerdings herausfinden, wo sich diese Option befindet, sie ist nämlich ziemlich gut versteckt. Vermutlich hatte der Website-Betreiber die Sprachangabe für seine Website auf Englisch stehen lassen oder gar nicht eingestellt.
Außerdem ist die Sprachumstellung nicht gerade angenehm, wenn nur einzelne Wörter oder Zitate geändert werden. Obwohl die vorlesende Stimme immer die gleiche bleibt, ändern sich Stimmlage, Intonation und weniger fassbare Aspekte der Sprachausgabe, was bestenfalls eine unangenehme Überraschung auslöst und einen schlimmstenfalls aus dem Lesefluss reißt. Das heißt, wenn die Sprachausgabe mitten im Satz auf amerikanisches Englisch, britisches Englisch, kastillianisches Spanisch oder französisches Französisch umschaltet, dann ist sehr wahrscheinlich, dass der Zuhörer diese überraschende Wendung kognitiv gar nicht oder nur verzögert nachvollzieht.
Das heißt, der eigentliche Zweck wird komplett verfehlt, der Mensch am anderen Ende der Leitung hat das Wort gar nicht verstanden, weil er eben das Französisch der Muttersprachler nicht verstehen kann oder weil er die Umschaltung kognitiv nicht mitgemacht hat.
Hinzu kommt, dass viele Blinde ihre Sprachausgabe auf ein hohes Tempo umgestellt haben. Allerdings können sie oft nur ihre eigene Sprache in diesem Tempo verstehen, während sie für fremdsprachige Texte das Tempo niedriger schalten würden.
Die Sprachauszeichnung für einzelne Wörter oder Phrasen ist also gänzlich überflüssig, die Redakteure sollten sich auf andere Faktoren wie gute Zwischenüberschriften konzentrieren. Ähnliches gilt auch für die Auszeichnung von Acronymen und Abkürzungen. Hier sollte man sich eher überlegen, ob man abkürzungen wie z. B., usw. oder Abk. nicht lieber ausschreibt oder sie komplett vermeidet.
Leider steht es natürlich den BIT-V-verpflichteten Website-Betreibern nicht frei. Dass die gleichen Websites unzugängliche PDF anbieten, interessiert weder sie noch bietet die BIT-V eine praktikable Lösung dafür.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner