Wird Hilfstechnik eingesetzt?

In letzter Zeit wird wieder verstärkt die Frage diskutiert, ob Websites erfahren sollten, dass man Hilfstechnik verwendet.
Die Electronic Frontier Foundation hat schon vor einiger Zeit gezeigt, dass sich im Prinzip jedes System nur anhand dieser Daten identifizieren lässt, fast jedes System hat einen Fingerabdruck.
Die Browser wissen allerdings in der Regel auch, wenn der Nutzer Hilfssoftware verwendet, das gilt zumindest für Screenreader. Da Screenreader auf bestimmte Informationen der Accessibility-Schnittstellen zurückgreifen, muss der Browser diese Informationen übermitteln. Wie es bei Vergrößerungssoftware oder Eyetracking und ähnlichen Systemen aussieht, weiß ich allerdings nicht. Diese Programme benötigen wesentlich weniger Informationen als Screenreader. Diese Information wird aber normalerweise nicht weitergegeben. Der Browser ruft unterschiedslos alle Informationen ab, ob ein Screenreader installiert ist oder nicht.

Die Vorteile

Es gibt einige Vorteile. So würde sich die leidige Diskussion darüber erübrigen, ob und wie viele Behinderte eine Website nutzen. Gibt der Browser die Info weiter, so wissen wir es, können es in Zahlen fassen und unserem unwilligen Geschäftsführer, der Barrierefreiheit für teures Teufelszeug hält, um die Ohren schlagen.
Ein augenfälliger Vorteil ist, dass ein Server eine barrierefreiere Version der Website ausliefern könnte, wenn er weiß, dass der Nutzer eine Behinderung hat. Vorstellbar wäre z.B., dass der Server die Information bekommt, der Sehbehinderte braucht eine Farbkombination Weiß auf Schwarz und eine Mindesttextgröße von 20 pt und liefert eine entsprechende Version aus.

Die Nachteile

Diese Ideen werden allerdings aus guten Gründen abgelehnt. Man ist sich heute einig darüber, dass die beste Lösung darin besteht, die Website selbst so barrierefrei wie möglich zu machen und alles Weitere dem Nutzer, seiner Hilfssoftware und dem Browser zu überlassen. Die beste Website der Welt könnte nicht alle möglichen Sehbehinderungen mit Spezialversionen abdecken.
Auch für andere Gruppen sehe ich keinen Vorteil. Autisten oder Epileptiker können ihre Browser so einstellen, dass Störungen durch Animationen minimiert werden und sie verwenden in der Regel ohnehin keine Hilfssoftware.
Damit ist auch das Statistik-Argument ausgehebelt. Wir wissen am Ende des Tages vielleicht, wie viele Screenreader-Nutzer die Website besucht haben, aber die meisten Behinderten verwenden gar keine Hilfssoftware, sondern verändern einfach ein paar Einstellungen.
Und selbst wenn die Zahlen die Realität widerspiegeln, würde sich kaum etwas ändern. Wir beschweren uns seit Jahr und Tag über die mangelnde Barrierefreiheit von Google+, Xing oder LinkedIn, so dass die das inzwischen mitbekommen haben sollten, aber keinen Handlungsbedarf sehen. Und, wie viele Behinderte brauche ich überhaupt, bevor ich mir überlege, mich um Zugänglichkeit zu kümmern?
Ein weiterer Faktor, der vielleicht unter den Tisch fallen würde: Das Ganze könnte auch datenschutzrechtlich relevant sein. Der oben erwähnte Fingerabdruck würde durch eine weitere Information – Hilfssoftware – noch ein wenig präzesiert werden. Neben wir an, ich sende ein Beschwerdeformular über die Website des Anbieters ab, wer hält den Server davon ab, die Info über die Hilfssoftware mit anzuhängen, damit der Empfänger weiß, dass er einen Krüppel vor sich hat? Bin ich paranoid? Ja vielleicht, aber das ist egal. Die Vergangenheit zeigt, dass Datensparsamkeit immer besser ist als Geschwätzigkeit.

Fazit – mein Screenreader geht euch nichts an

Ich denke, die Sache ist klar. Die Info, dass ich einen Screenreader benutze geht den Webbetreiber wirklich nichts an, sie ist für ihn irrelevant und bringt uns keine direkten Vorteile, die wir zu diesem Preis haben möchten.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner