Barrierefreie Webseiten für Senioren

Zwei graue Figuren, eine im Rollstuhl, eine am RollatorDurch die demografische Entwicklung wird die Barrierefreiheit digitaler Technik immer wichtiger. Warum das so ist und worauf es bei der Barrierefreiheit für ältere Menschen ankommt, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Senioren sind die am schnellsten wachsende Gruppe im Internet. Zum Einen natürlich, weil allmählich die erste Gruppe ins Alter kommt, für die ein Computer zum Alltag gehört. Senioren sind generell die am schnellsten wachsende Gruppe in der Gesellschaft.
Zum Anderen, weil Senioren tatsächlich die einzige Gruppe bilden, die noch nicht auf breiter Front im Internet vertreten ist. Im Folgenden wollen wir uns ansehen, auf welche Probleme Senioren im Internet stoßen können.

Starke vs. schwache Behinderung

Latente Einschränkungen der Sinnesorgane und der Bewegungsfähigkeit, wie sie im Alter üblich sind können sich ganz anders auswirken als stärkere Behinderungen bei jüngeren Menschen. Geburtsbehinderte sind insofern im vorteil, dass sie sich in Bezug auf ihre Behinderung nie anpassen mussten. Wer blind zur Welt kommt, mag das nicht schön finden. Er musste aber nicht umlernen. Wer im Laufe seines Lebens behindert wird oder bei wem sich drastische Veränderungen ergeben, der muss sich anpassen. Dabei stehen die Chancen umso besser, je jünger die Person ist, dass sie diesen Anpassungsprozess hinbekommt.
Im alter hingegen kommen viele latente Einschränkungen oft zeitgleich zusammen. Die Person kann sich zwar anpassen, doch steht ihr weniger Zeit zur Verfügung, Strategien und den Umgang mit Hilfsmitteln zu erlernen. Hinzu kommen Faktoren wie soziale Isolation, finanzielle Armut, psychische Probleme, eine nicht angepasste Wohnsituation und vieles mehr, was sich zusätzlich negativ auf die Anpassungsfähigkeit auswirken kannn. Der wichtigste Faktor in unserem Zusammenhang ist aber die Kombination unterschiedlicher Einschränkungen. Wenn alle Sinne und die Physis, die Merkfähigkeit und die Belastbarkeit gleichzeitig gefordert sind, nun, das würde auch den Jüngsten unter uns überfordern.
Hinzu kommt, dass viele Einschränkungen gar nicht bemerkt oder falsch interpretiert werden. Es soll vorkommen, dass ein schlechtes Gehör mit einer Demenz verwechselt wird. Oder umgekehrt.
Natürlich gehe ich davon aus, wie die Situation heute zu sein scheint. Vieles spricht dafür, dass die heute 60- oder 50-jährigen einen anderen Habitus haben werden als die heutigen Senioren. Dennoch: die gesundheitlichen Einschränkungen werden auftreten. Gerade die Generation der Bildschirm-Arbeiter und Smartphone-Nutzer werden vielleicht sogar früher mit physischen Problemen zu kämpfen haben als die Generation der Körper-Arbeiter. Das bleibt abzuwarten.

Sehen

Sehen wir von den im Alter typischen Augenerkrankungen wie diabetische Retinopatie und AMD ab, spielt vor allem der Faktor Kurzsichtigkeit eine große Rolle. Durch die intensive Nutzung von Smartphones und Bildschirmen am Arbeitsplatz wird die Zahl der Betroffenen zunehmen.
Auch eine Kontrastschwäche ist im Alter üblich. Dadurch fällt es schwerer am Bildschirm zu arbeiten oder zu lesen. Gerade die kleinen Smartphones und auch kleine Tablets mit bescheidener Display-Qualität könnten ein Problem darstellen. Hier haben wir aber den Vorteil, dass die Pinch-to-Zoom-Geste relativ intuitiv ist und mobile Seiten eine starke vergrößerung ohne größere Probleme ermöglichen. Kontrast und schlechte Typographie sind ein anderes Thema.

Hören

Durch YouTube, Netflix und Co. gewinnt das Thema Hörqualität allmählich wieder an Bedeutung.
Das Differenzieren zwischen wichtigen und unwichtigen Geräuschen wird im Alter schwieriger. Oft haben wir einen Brei aus Stimme und Hintergrund-Sound. Gestern stand ich an einem nicht besonders vollen Leipziger Hauptbahnhof. Es gab ein permanentes lautes Geräusch wahrscheinlich von einem stehenden Zug. Dabei war es mir nicht möglich, die Durchsagen richtig zu verstehen. Ähnlich sieht es aus, wenn die Musik in einem Video zu laut ist, dann ist es schwierig, einen Sprecher zu verstehen.
Ich sehe generell zwei Möglichkeiten: Zum Einen könnte Stimme und Hintergrund seperat aufgenommen werden. Dann bliebe es dem Zuhörer überlassen, den Hintergrundsound leiser zu drehen. Dafür sind natürlich entsprechene Formate und Player erforderlich.
Die zweite Möglichkeit wären intelligente Player. Sie könnten die Stimme erkennen und sie verstärken. Entsprechende Programme gibt es bereits in Hörgeräten. Ob das übertragbar ist, weiß ich allerdings nicht.

Bewegung

Ein Thema, was bislang unterschätzt wird ist die Frage der Bewegungsfähigkeit. Zwar gibt es schon Hilfen im Smartphone. Doch sind schnelle oder filigrane Bewegungen mit zunehmendem Alter schwierig. Schon ein Doppeltipp oder eine Scrollbewegung sind eine Herausforderung.
Hier könnten alternative Eingabemethoden eine Lösung sein. Beispiel dafür ist die intelligente Spracheingabe wie bei Alexa oder Siri, also eine Spracheingabe, bei der keine oder nur wenige Befhele gelernt werden müssen. Ist die Scheu, mit dem Computer zu reden erst mal weg, gibt es wohl keinen einfacheren Zugang zu digitalen Systemen. Wünschenswert wäre, dass sich diese Systeme weiter verbreiten und komplexere Interaktionen wie das Ausfüllen von Formularen ermöglichen. Die Sprachausgabe könnte die Frage vorlesen und die Spracheingabe würde die Antwort verarbeiten und weitergeben. Eventuell lassen sich die Web-Interfaces entsprechend anpassen. Es muss allerdings sehr viel einfacher werden, Schreibfehler zu vermeiden und zu korrigieren.

Gedächnis

Sehen wir einmal von Erkrankungen wie Demenz ab, lässt die Fähigkeit, sich Informationen zu merken im Alter merklich nach, ohne dass eine Erkrankung vorliegen muss. Das Gedächnis ist fürs Internet extrem wichtig: Welchen Link habe ich schon angeklickt, welche Informationen standen im ersten Teil des Textes, was soll ich noch mal bereit legen, wenn ich dieses Formular innerhalb von zwei Minuten ausfüllen muss? Vor allem das Kurzzeit-Gedächnnis ist gefordert.
Einige Sachen gehören schon seit Jahrzehnten zum Alltag: Besuchte Links haben eine andere Farbe als nicht-besuchte Links. Zwischen-Überschriften erleichtern das Überfliegen und Einprägen des Textes. Timeouts sollten ohnehin so gestaltet sein, dass sie niemanden unter Stress setzen. Weitere Hilfen müssen wohl noch entwickelt werden.

Informationsarchitektur

Eines der großen Probleme sehe ich heute und in Zukunft in der sehr komplexen Informationsarchitektur gerade öffentlicher Seiten. Als Normalsterbliche haben wir in der Regel mit den lokalen Behörden zu tun. Sie sind am langsamsten, wenn es um die Umsetzung aktueller Entwicklungen geht. Schaut euch einfach mal die Zahl auf Smartphones benutzbarer Städteportale an. Das ein Großteil des privaten Internetverkehrs heute über Smartphones läuft, scheint bei den Städten noch nicht angekommen zu sein.
Wenn aber ältere Menschen hauptsächlich über Tablets ans Internet herangeführt werden, sind sie damit noch stärker überfordert als wir. Wir alte Hasen schauen uns das Unglück gar nicht an, sondern suchen über Google und hüpfen zumindest zwei Klicks näher an das, was wir benötigen. Doch wer neu im Internet ist, dem sind solche und andere Tricks vielleicht nicht bekannt.
Deshalb muss die Informationsarchitektur von Websites radikal vereinfacht werden.
Optimistisch geschätzt wird auch das eGovernment in den nächsten 30 Jahren in Deutschland eine wachsende Rolle spielen. Der Alptraum vieler Blinder könnte wahrwerden: Ellenlange Webformulare und wenn man es abschicken will, müssen noch drei Captchas gelöst werden, vielleicht möchte ja ein Bot Blindengeld beantragen.
Auch hier ist das Thema radikale Vereinfachung: Formulare werden auf mehrere Seiten segmentiert, nur wirklich relevante Informationen werden abgefragt, ein Wechsel zwischen den unterschiedlichen Segmenten ist ohne Datenverrlust möglich, Inkonsistenzen und Fehleingaben werden sofort gekennzeichnet. Die Logik ist simpel und bestechend und gilt wenn überhaupt hier: Jede Minute, die in die Optimierung gesteckt wird spart ca. 1000 Minuten Arbeitszeit auf beiden Seiten. Wünschenswert wäre eine bundesweite Lösung, dann könnten entsprechend mehr Ressourcen in die Optimierung gesteckt werden. Zudem erleichtert ein einheitliches Informationsdesign das Handling unterschiedlicher Formulare. Schon gut, ich träume weiter.

Integrierte Hilfen gewinnen an Bedeutung

Es ist als positiv zu bewerten, dass alle großen Systeme das Thema Barrierefreiheit in ihren System behandeln. Apple ist hier neben Linux sicherlich Pionier. Microsoft und Google ziehen inzwischen nach. So gibt es in MacOS, Windows, Android, iOS und Linux mittlerweile eine große Bandbreite an Hilfen für Sehbehinderte, Hörbehinderte und Bewegungs-Behinderte. Es fehlen noch Hilfen für Menschen mit Gedächtnisproblemen, aber vielleicht kommt das ja noch.
Am meisten profitieren davon Menshen, die keinen Zugang zu professioneller Hilfstechnik haben oder brauchen. Viele Leute zögern, sich Hilfsmittel anzuschaffen oder wissen schlicht nicht, dass es sie gibt. Es gibt speziell das Problem, dass immer mehr Hilfsmittel entwickelt werden und die Krankenkasse immer weniger bezahlt bzw. eine sowjetisch anmutende Bearbeitungszeit eingeführt hat.
Zumindest bei der Nutzung digitaler Technik profitieren daher die älteren Leute davon, dass die Hilfen schon im System integriert, relativ leicht zu konfigurieren und zu nutzen sind. Der Narrator unter Windows 10 zum Beispiel, der mich ansonsten nicht überzeugt, hat eine für untrainierte Ohren gut verständliche Stimme sowie ein visuelles Menü. Damit ist er für Sehbehinderte leichter nutzbar und die Schwelle ist deutlich geringer als bei NVDA oder Jaws mit seinem verschachtelten Konfigurationsmenü aus der “Wir packen mal alles irgendwo hin, wo Platz ist”-Hölle. Windows hat schon länger einen Assistenten, der die Konfiguration der Bedienungshilfen erleichtert. Hilfstechnik muss insgesamt wesentlich einfacher nutzbar werden.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner