Hören und Gehörlosigkeit

Ähnlich wie bei Sehbehinderung und Blindheit gibt es eine große Spannweite an Einschränkungen des Gehörs. Einige Hörschädigungen machen sich im Alltag kaum bemerkbar, andere führen dazu, dass die betroffene Person nur mit Hilfsmitteln oder so gut wie nichts hören kann.
Leichte Hörschädigungen können im Alltag unbemerkt bleiben, wenn man nicht gerade einen Hörtest macht. Wir merken es im Alltag kaum, aber viele Menschen können zumindest ein wenig Lippenlesen. Deshalb kann man auch Leute auf einem Konzert oder in der Disco mehr oder weniger verstehen. Wenn es dort stockdunkel wäre, würde das Kommunizieren auch schwerer fallen.

Gehörlosigkeit

Gehörlose Personen hören wenig oder gar nichts. Kinder, die von Geburt an gehörlos sind oder sehr früh ihr Gehör verlieren, lernen die Lautsprache nicht. Ihre Muttersprache wird die Gebärdensprache. Die Gebärdensprache ist zwar eine vollständige eigenständige Sprache, sie hat aber eine andere Basis als die Lautsprache. Unsere Lautsprache basiert auf Silben und Phonemen, die Gebärdensprache basiert auf einzelnen Gebärden für Wörter, mehr dazu auf der Wikipedia.
Deshalb haben Menschen, die die Lautsprache nicht gelernt haben Probleme, die gesprochene und geschriebene Sprache zu verstehen. Für sie ist diese Sprache und die Schrift wie eine Fremdsprache.
Bei Videos werden Untertitel eingesetzt, damit Gehörlose und Schwerhörige Menschen den Inhalt verstehen können. Es gibt zwei Arten von Untertiteln. Bei fremdsprachigen Filmen wird einfach der gesprochene Text übersetzt (OmU). Untertitel für Gehörlose enthalten weitere akkustische Informationen, die dem Gehörlosen ansonsten entgehen würden.
Untertitel haben auch eine Reihe von Vorteilen für Menschen, die keine Probleme mit ihrem Gehör haben. Wenn zum Beispiel die Tonqualität nicht so gut ist, etwa bei einer Aufzeichnung aus einem Hörsaal mit starkem Hall oder vielen Nebengeräuschen können sie das Gesprochene parallel mitlesen. Zudem haben nicht alle Sprecher eine verständliche Stimme. Insgesamt profitieren aber auch menschen, die der Deutschen Sprache nicht so mächtig sind. Schau dir einfach mal einen Vortrag in amerikanischem Englisch an, am besten gehalten von einem Südstaatler, es wird dir leichter fallen, den Inhalt zu verstehen, wenn das Gesagte in den Untertiteln nachzulesen ist.
Für Gehörlose spielen Gebärdenvideos eine besondere Rolle bei der Kommunikation im Internet. Es gibt eigene Communities, in denen Gehörlose sich über Gebärdenvideos austauschen. Sie profitieren von der mittlerweile hohen Bandbreite im Internet und der guten Verfügbarkeit von Webcams und Videokameras.
Außerhalb spezieller Gehörlosenportale werden relativ selten Inhalte in Gebärdensprache bereit gestellt. Es gibt in Deutschland relativ wenige Gebärdensprachdolmetscher, zudem ist die Produktion von Gebärdensprachvideos derzeit noch recht teuer. Texte, die häufig aktualisiert werden, müssten zudeem auch jedes Mal neu gebärdet werden.
Eine Lösung für dieses Problem versprechen automatische Übersetzer, die Texte in Gebärden übersetzen, die von einem digitalen Avatar vorgeführt werden. Solche Programme sind in Entwicklung, wann sie marktreif sein werden, kann heute noch keiner sagen.

Untertitel und Transkripte

Einfacher als Gebärdensprachvideos können Transkripte von Audio-Dateien und Untertitel für Videos erstellt werden. Ein Transkript ist einfach nur eine Verschriftlichung eines Audiobeitrags. Ein Transkript hat nebenbei gesagt noch einige andere Vorteile. Viele Leute haben kein großes Interesse daran, einen Podcast über mehrere Stunden anzuhören. Außerdem kann man eine Audiodatei schlecht durchsuchen. Last not least kann ein Texttranskript leichter von Suchmaschinen gefunden werden. Suchmaschinen mögen Text, sie mögen aber kein Audio oder Video. Ein gutes Beispiel ist dieses Transkript eines Gesprächs zwischen Frank Rieger, Fefe und Frank Schirrmacher.
Bei der Erstellung eines Transkripts ist es sinnvoll, auf die übliche Struktur von Texten zurückzugreifen, das heißt, es sollten Überschriften, Listen, Zitate und Links eingesetzt werden. Das Transkript sollte als eigenständiger Text funktionieren. Theoretisch kann man – wie im verlinkten Beitrag – den Zeitindex mit aufnehmen, also beschreiben, wer wann was gesagt hat. Ob das wichtig ist, muss jeder selbst entscheiden.
Mittlerweile gibt es auch einige Programme, die zumindest beim Abschreiben helfen sollen. Bei Dragon Naturally Speaking gibt es eine Möglichkeit, Audio-Dateien transkribieren zu lassen. Die Ergebnisse mögen am Ende nicht perfekt sein, aber das ist schon mal besser als nichts und spart sicher viel Arbeit.

Leichte Sprache

Auch Texte in Leichter Sprache können für Gehörlose eine Hilfe sein. Darauf gehe ich im nächsten Abschnitt „Verstehen“ genauer ein.

Übungen

  • Schaue dir einmal ein Video auf YouTube zum Beispiel von einer politischen Talkshow an. Blende dabei den Ton aus. Was meinst du, welche Informationen über die Untertitel vermittelt werden müssen, damit Gehörlose dem Geschehen folgen können?
  • Als nächstes solltest du versuchen, einige Gebärden zu lernen. Du wirst nicht in zehn Minuten zum Gebärdensprachler, es geht einfach darum, ein Gefühl für die Funktionsweise der Sprache zu bekommen. Es gibt einige Videos auf YouTube und viele andere Quellen im Internet.
  • Last not least solltest du einmal ein Video selbst untertiteln, es muss ja nicht gleich die 90-minütige Vorlesung sein. Wähle auf YouTube ein kurzes Video aus, dessen Inhalt dich interessiert, es sollte nach Möglichkeit mehr als einen Sprecher haben. Orientiere dich an den Qualitätskriterien.

Lektüreempfehlungen

Handlungsmöglichkeiten

Leider ist die Übersetzung von Texten oder Vorträgen in Leichte Sprache oder Gebärdensprache aufwendig und teuer. Dennoch gibt es einige Möglichkeiten, um die Kommunikation mit gehörlosen oder schwerhörigen Menschen zu ermöglichen.
Eine dieser Möglichkeiten ist VerbaVoice. VerbaVoice ist ein mobiler Text- und Gebärdendolmetschdienst, der flexibel zugeschaltet werden kann. Er ist zum Beispiel dafür geeignet, Vorträge oder Bewerbungsgespräche barrierefreier zu gestalten. In vielen Fällen wie bei Arztbesuchen oder Bewerbungsgesprächen sollte im übrigen ein anderer Kostenträger die Kosten für die Gebärdendienste übernehmen
Ein anderer Dienst ist das Signing Question and Answer Tool. Dabei gibt es die Möglichkeit, Videos in Gebärdensprache anzunehmen, in Text transkribieren zu lassen, die Antwort in Text abzufassen, sie in Gebärdensprache übersetzen zu lassen und dem Fragesteller als Video zukommen zu lassen. Das ist vor allem für die asynchrone Kommunikation hilfreich, kann aber die Kommunikation verlangsamen.
Für Schwerhörige ist es gut, wenn der Ton möglichst klar und störungsfrei ist.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner