Qualitätssicherung der Barrierefreiheit

Qualitätsmanagement barrierefreier WebseitenIst die Website einmal fertig gestellt, werden selten noch große Änderungen durchgeführt. Es gibt den großen Relaunch alle fünf Jahre, einige Sicherheitsupdates, hier und da wird eine neue Funktion eingefügt.
Im eCommerce läuft es genau anders herum: viele Shops arbeiten ständig an der Optimierung. Sie sprechen von Conversionsoptimierung oder Landingpageoptimierung,was einen ähnlichen Hype wie damals die Suchmaschinenoptimierung ausgelöst hat.
Damit kann man es zwar schnell übertreiben, einige Methoden sind aber sicher auch für den normalen Webmaster interessant. Ich sehe immer wieder, wie groß angelegte Relaunches angegangen werden. Die Oberfläche sieht oft schicker und moderner aus, aber weder die Benutzerfreundlichkeit noch die Barrierefreiheit werden verbessert. Alte Probleme werden gelöst, neue werden geschaffen. Kurioserweise merkt man als Webseitenbetreiber am wenigsten die Probleme mit seinem Webauftritt: zum einen hält man sich die meiste Zeit im Backend auf, zum anderen weiß man ja, wie es funktioniert, weil man es selber geplant hat.
Für mich besteht die Lösung darin, das Budget statt in einen Relaunch in eine beständige Optimierung der Webseite zu stecken. Finanziell dürfte am Ende in etwa das Gleiche rauskommen. Ein Relaunch erfordert aber, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt viel Zeit investiert, während man bei einer beständigen Optimierung sehr genau planen kann, wie viele Stunden man pro Woche oder Monat mit Optimierungsmaßnahmen verbringen möchte.
Es ist banal, aber viele Webseitenbetreiber achten bis heute nicht darauf, dass tote Links auf andere Webseiten repariert oder 404-Fehlerseiten gefixt werden. Ein großes Problem sind zum Beispiel auch veraltete Informationen. Viele Seiten sind nicht datiert, so dass der Nutzer nicht weiß, wie aktuell die Informationen sind oder wann sie das letzte mal aktualisiert wurden. Für Empfänger von Sozialleistungen kann das enorm wichtig sein. Veraltete Informationen sind falsche Informationen. Die Funktionsfähigkeit einer Webseite zu gewährleisten ist eine Maßnahme der Qualitätssicherung.

Barrierefreiheit sichern

Viele Anbieter achten beim Relaunch oder der Entwicklung ihrer Webseite darauf, dass sie barrierefrei ist, aber schlampen bei neuen Funktionen, die ja meist auch auf neuerer Technik basieren.
Dabei sollten die Menschen auch eingeladen werden, bestehende Schwierigkeiten zu melden. Der normale Webmaster hat ein ungesundes Mißtrauen gegenüber Volkes Meinung. Verbesserungsvorschläge bleiben unbeachtet, weil „unser Webauftritt perfekt ist“. So verkauft man weder Produkte noch Dienstleistungen.
Die größten Erkenntnisse werden allerdings von Experten gemacht. Man kann z.B. gezielt Menschen mit Behinderung einladen, die Seite nach und nach zu evaluieren, um sie allmählich zu verbessern. ein jährlicher Checkup kann auch neue Hilfssoftware oder Endgeräte berücksichtigen.

Web Analytics

Web Analytics lässt sich nur eingeschränkt zur Messung der Barrierefreiheit einsetzen. Eine Möglichkeit ist der Einsatz von Heatmaps, welche die Mausbewegungen und das Klickverhalten abbilden. Damit lässt sich vermutlich auch die Dropout-Rate bei Ausklappmenüs messen.
Mit Heatmaps oder genauer Clickmaps lässt sich beobachten, wo die Benutzer hingeklickt haben. Wenn es da nichts zu klicken gab, sollte die Seite darauf hin überprüft werden, ob die Gestaltung hier problematisch ist.
Über das Tracking von Formularen kannst du beobachten, wo die häufigsten Fehler gemacht wurden. Neben einem schlecht strukturierten formular dürfte ein schlechtes Fehlermanagement der häufigste Grund sein, warum der Ausfüllvorgang abgebrochen wurde, mehr dazu in der Formularserie von Einfach für Alle. Das Schöne ist, dass man bei Anpassungen anschließend sehr genau beobachten kann, wie sich die Fehlerrate entwickelt.
Tatsächlich lassen sich mit aktuellen kommerziellen Lösungen spezielle Verhaltensweisen beobachten. Bei eTracker heißt das Event-Tracking. Man kann so etwa spezifisch beobachten, wie oft ein Dropdown-Menü aufgerufen wurde, für Formulare sollte es ebenfalls geeignet sein. So kann man auch harte valide Zahlen darüber sammeln, wie viele Besucher vor dem CAPTCHA kapitulieren.

Nutzertests am lebenden Objekt

Im Grunde sind Nutzertests mit Menschen mit Behinderung nicht so schwierig umzusetzen. Denkbar ist etwa ein geschlossener Beta-Bereich, in dem die Menschen bestimmte Aufgaben erledigen sollen. Der Vorteil solcher Tests besteht darin, dass Behinderte von zuhause aus arbeiten können und damit in vertrauter Umgebung ihre eigene Technik einsetzen können. In Kombination mit A/b-Tests oder multivariaten Tests kann erprobt werden, welche Version am besten funktioniert. Telefonisch oder per Skype kann auch die Methode des lauten Denkens eingesetzt werden.

Redakteure schulen

Redakteure sollten beständig geschult werden, damit sie ein Grundverständnis für Barrierefreiheit entwickeln können und vor allem wissen, worauf es eigentlich ankommt.
Schulung klingt irgendwie langweilig und reißt sicher keinen vom Hocker. Statt einer langatmigen Lerneinheit kann zum Beispiel ein Blinder eingeladen werden, der den Redakteuren zeigt, wie sie blind surfen können.

Redaktionshanduch

Jede Redaktion hat ein Redaktionshandbuch. Sollte deine Redaktion noch keines haben, dann wird es mal Zeit. Im Handbuch werden Grundsätze wie die Textformatierung festgehalten. Es wird aber auch festgehalten, welche Formulierungen nicht verwendet werden sollten – sozusagen ein Giftschrank für Fachjargon und hohle Phrasen. Hier ist der ideale Platz für Informationen, wie Texte und Bilder barrierefrei angeboten werden. Die Redakteure sollten angehalten werden, ihre Texte auch regelmäßig zu prüfen.

Dokumentieren statt verstecken

Wenn sich jemand die Mühe gemacht hat, eine Webseite barrierefrei zu machen, sollte er das auch dokumentieren, statt verschämt darauf zu hoffen, dass es niemandem auffällt.

Weiterlesen

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner