eBook-Reader für Sehbehinderte

eBook-Reader haben eine Reihe von Vorteilen für Sehbehinderte.

Das Gerät kann nah ans Gesicht geführt werden, es sei denn, es handelt sich um ein Gerät mit reinem Touchscreen.
Für Sehbehinderte, die sich einen eBook-Reader zulegen möchten, habe ich hier einige Erfahrungen zusammengestellt. Es gibt zwar ausführliche Tests von INCOBS, die meisten dieser Geräte entsprechen allerdings nicht mehr dem Stand der Technik. Ich empfehle die Reader von Pocketbook.

Für Blinde ungeeignet

Weder Tablets noch reine E-Book-Reader sind heute für Blinde geeignet. Einige Geräte verfügen zwar über Vorlesefunktionen, aber das Gerät will schließlich auch bedient werden. Gerüchteweise war zu vernehmen, Amazon wolle seinem Kindle einen Screenreader verpassen, was aber bis heute nicht passiert ist. Für bei Amazon gekaufte Bücher kann sogar die Vorlesefunktion vom Verlag abgestellt werden.

Einige der Geräte verfügen über ein Android-Betriebssystem, es sollte also theoretisch möglich sein, den Screenreader Talkback zu installieren. Das wiederum scheint aber nur zu funktionieren, wenn das Gerät mit dem Android-App-Store verbunden ist, was nicht bei allen Geräten geht. Bei meinen Erfahrungen mit Talkback auf Android 2.1 kann ich von dieser Kombination leider nur abraten, das Ganze ist mehr als unbefriedigend.

Für Blinde ist es daher sinnvoller, auf ein funktionierendes System wie Nokia/Talks oder Apple-Geräte mit VoiceOver zu setzen, dafür reicht sogar ein gebrauchter iPod Touch aus, den man für unter 200 Euro bekommen kann. Ebenso kann man ein iPhone verwenden, sofern man bereits eines hat. Wer es sperriger mag kann ebensogut auf ein Netbook mit Ubuntu oder Windows/NVDA zurückgreifen.
Außerdem verfügen einige DAISY-Player über Vorlesefunktionen für Dokumente. Ob das mit den gängigen DRM-Verfahren funktioniert oder ob ePub unterstützt wird, kann ich leider nicht sagen.

Vorteile von elektronischem Papier

Die tragbaren geräte bieten für Vielleser zahlreiche Vorteile, die anderswo schon ausführlich behandelt wurden. Für Sehbehinderte ergeben sich aber noch weitere Vorteile:

  • Die Augen werden langsamer ermüdet, weil das Display weder flackert noch hintergrundbeleuchtet ist.
  • In der Regel gibt es mehrere Grade der Schriftvergrößerung und des Zoomens.
  • Einige Reader wie der Kindle DX, Pocketbook, Onyx, Asus verfügen über ein großes 9,7-Zoll-Display, was auch großformatige Tabellen zugänglicher macht
  • Es steht nur wenig Literatur in Großdruck zur Verfügung. Mit eBook-Readern erübrigt sich der Großdruck, wenn die Geräte gut genug vergrößern.

Leider sind vor allem die großen 9,7-Zoll-Geräte noch überdurchschnittlich teuer. Solche Geräte werden von Pocketbook, Amazon, Asus , Hanvon oder Onyx angeboten, wobei nicht alle in Deutschland lieferbar sind. Datenblätter zu sehr vielen Geräten gibt es bei CME.AT.
6 Zoll ist die Durchschnittsgröße des Displays, das entspricht etwa der größe eines Reclam-Taschenbuchs. Mittlerweile kann man einige der großen Geräte relativ günstig gebraucht erwerben.

Die Qualität der Displays verbessert sich stetig. Deshalb sollte man vor Ort aufprobieren, mit welchem Displaytypen man am besten arbeiten kann. Auch zwischen Displaytypen der gleichen Generation kann es deutliche Qualitätsunterschiede geben. Im Augenblick gelten Pearldisplays als am lesefreundlichsten.
Wie oben gesagt lässt sich die Schrift vergrößern. Wenn man die Schrift vergrößert, passt entsprechend weniger Text auf das Display, so dass häufiger umgeblättert werden muss. Für Sehbehinderte ist daher ein Gerät mit schneller Umblätterzeit sinnvoll. Je nach Leistungsfähigkeit der Geräte kann es sogar mehrere Sekunden dauern, bis das Gerät umschaltet.

Beleuchtung

Bei Dunkelheit werden die Displays schneller schlecht lesbar als Bücher. Außerdem macht sich der Schattenwurf stärker bemerkbar, wenn man eine Lampe benutzt. Sehbehinderte wissen, was ich meine, der Kopf oder die Hand werfen Schatten auf das Display, so dass sich die Lesbarkeit verschlechtert.
Es gibt einige Hüllen, die eingebaute Lampen anbieten. Weil die Lampe direkt am Gerät ist macht sich der Schattenwurf weniger bemerkbar. Allerdings kann ich nicht sagen, wie gut das funktioniert.
Mittlerweile gibt es Geräte, die eine Beleuchtung eingebaut haben. Dabei wird Licht über Lämpchen im Rahmen auf eine Folie geworfen, das Display hat also keine Hintergrundbeleuchtung. Das funktioniert zwar recht gut,
Generell sind solche Geräte empfehlenswert, da sie den Kontrast verbessern und die Lesbarkeit bei ungünstiger Beleuchtung verbessern. Aktuell gilt der Pocketbook Touch Lux II als einer der besten beleuchteten Reader.

PDF

Da PDFs standardmäßig keine Strukturinformationen enthalten, kann hier einiges schief gehen. Bei ePub weiß der Reader, wann er den Text umbrechen muss, wo das Inhaltsverzeichnis ist und er hat normalerweise auch keine Probleme mit Zeichensätzen. Bei PDF kann es deutlich schwieriger werden.
Man muss zwischen der Zoomfunktion und der Reflow-Funktion unterscheiden. Die Zoomfunktion ist nützlich, wenn man sich etwa Diagramme anschauen möchte. Beim Lesen von Text müsste man hingegen bei Vergrößerung sowohl vertikal als auch horizontal scrollen, was niemand freiwillig machen wird. Bei Reflow versucht der Reader, den Text an der richtigen Stelle umzubrechen, was nicht immer funktioniert. Bei einfachen Texten klappt das aber recht gut. Pocketbook hat eine recht gute PDF-Unterstützung, der Text kann um mehrere hundert Prozent vergrößert werden.
Ein großformatiges PDF nicht angepasst auf einem 6-Zoll-Gerät zu lesen dürfte sogar Sehenden schwer fallen. Auch hier würde ich dazu raten, die entsprechenden Funktionen auszuprobieren, bevor man sich für ein Gerät entscheidet.
Häufiger als man denkt stößt man noch auf PDFs, die nur aus Rastergrafiken bestehen, sozusagen echtes DRM. Damit wird aber kein eBook-Reader umgehen können.
Von den bekannteren Geräten haben die Pocketbook-eBook-Reader übrigens die beste PDF-Unterstützung.

Betriebssysteme

Die meisten Geräte scheinen auf einer angepassten Linuxvariante zu beruhen. Einige Systeme sind offen für Erweiterungen wie etwa die Reader von Pocketbook. Einige Geräte basieren auf Android, in der Regel haben sie aber keinen Zugriff auf den Appstore von Google, so dass Erweiterungen erst nach dem Rooten des Gerätes installiert werden können. Deren Funktionsfähigkeit ist entsprechend nicht garantiert. Das ist vor allem schade, weil kostenlose Screen Magnifier oder Screenreader, die für Android bereit stehen vermutlich nicht laufen werden.

Ausstattung

Die Kernfunktion ist das Lesen und rudimentäre Verwalten von Texten. Daneben verfügen einige wenige Geräte über eingebaute Vorlesefunktionen, etwa der Pocketbook, Onyx, Asus. Beim Pocketbook ist die Vorlesefunktion recht gut für Leute, die künstliche Stimmen gewohnt sind.
Dazu gibt es die üblichen Zugaben: Spiele, Browser und so weiter. Nette Spielereien, aber ohne leistungsfähige Hardware und einen Touchscreen eher komplex im Handling. Die wenigsten Geräte kommen mit einer vollständigen Tastatur, einige Geräte wie Pocketbook haben aber Bluetooth, so dass eine externe Tastatur verbunden werden kann. Damit ist es wesentlich leichter, Notizen zu machen oder sogar kurze Texte zu schreiben. Wer zum Beispiel Zitate übernehmen möchte, wird mit einer Tastatur eher zurecht kommen als mit einer Touch-Bedienung.
Für Sehbehinderte interessant ist aber zum Beispiel der Lagesensor. Bei den 6-Zöllern bietet es sich an, sie quer zu halten, damit die Zeilen ein wenig länger werden, außerdem wird die Schrift der Menüs auch ein wenig größer. Daher ist ein automatischer Lagesensor sinnvoll, damit man nicht ständig in den Menüs rumfummeln muss.

Adobe Digital Editions und Lesestoff

Einen Haken hat das Ganze dann doch und der heißt Adobe Digital Editions. Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich eine Software zum Digital Rights Management. Viele Shops haben als Voraussetzung, dass diese Software auf dem Rechner installiert wird, bevor man Bücher kaufen und auf das Gerät spielen kann. Mittlerweile soll sie accessible sein. Wer also mit dem Gedanken spielt, sich digitale Bücher zu kaufen, sollte vorher ausprobieren, ob er mit Adobes Programm klar kommt.
Eine Alternative ohne „hartes DRM“ ist beam eBooks. Der Shop setzt vermutlich auf digitale Wasserzeichen, die in die Dateien eingebettet sind und den Käufer identifizierbar machen. Ansonsten gibt es gemeinfreie Bücher beim Projekt Gutenberg.
Wer ein Stichwort mit dem Zusatz filetype:epub oder filetype:pdf bei Google eingibt, findet genug Lesestoff für den Rest seines Lebens. Mit der Firefox-Erweiterung GrabMyBooks kann man aus jeder Webseite ein ePub produzieren. Die freie Software Calibre wandelt auch PDFs in ePub um, wie gut das funktioniert, muss im Einzelnen geprüft werden. Calibre ist übrigens mit Screenreadern schlecht nutzbar. Das kostenlose Programm Stanza Desktop ist hingegen recht gut für Blinde als Lese- und Konvertierprogramm geeignet.
Mit der Onleihe bieten einige Bibliotheken die Möglichkeit, Bücher digital auszuleihen. Die Verfügbarkeit von Fachliteratur ist allerdings noch überschaubar. Der Dienst PAPERC bietet Fachliteratur zum Lesen im Browser, allerdings ist der Dienst bisher nicht barrierefrei nutzbar.
Eine kleine Warnung muss ich noch nachschieben: Amazons Format lässt sich nur mit dem Kindle oder spezieller Kindle-Anwendungen lesen. Der Kindle selbst beherrscht hingegen kein ePub.
Andere auf dem PC gängige Formate wie ppt oder doc oder gar pptx oder docx werden ebenfalls nicht ohne Weiteres unterstützt. Wer das Gerät etwa bei der Arbeit nutzen möchte und mit solchen Formaten arbeiten muss sollte auch darauf achten, dass die Geräte die benötigten Formate unterstützen. Der Pocketbook gehört zu den wenigen Geräten, die zahlreiche Formate unterstüten.

Erst schauen – dann kaufen

Die eBook-Reader werden allmählich erschwinglich, erste Geräte sind schon unter 100 Euro zu haben. Dennoch sollte man als Sehbehinderter nicht das erstbeste Gerät nehmen. Eine ganze Reihe von Faktoren sind dafür entscheidend, ob man sich in sein Gerät verlieben wird. Man sollte sich daher einige Geräte ansehen, bevor man zugreift. Wer zum Beispiel mit großen Tabellen arbeiten muss, wird mit einem 6-Zöller sicher nicht glücklich werden. Wer hingegen noch ein wenig Zeit hat sollte warten, bis sich die Pearl-Displays von eInk oder andere moderne ePaper-Technologien am Markt durchgesetzt haben, die einen besseren Kontrast oder eine bessere Auflösung versprechen.
Mit der Verbreitung Android-basierter eReader mit Touchsteuerung werden auch die Apps aus dem Android-Store interessant, die die Barrierefreiheit der Reader verbessern können. Nathan erklärt zum Beispiel, wie auf dem gerooteten Sony eine Vorlesefunktion installiert werden kann.
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