Warum Blinde Ausnahmen beim Urheberrecht brauchen

Edit vom 06.07.2013. Mittlerweile ist das Abkommen tatsächlich zustande gekommen. Vermutlich ist das dem relativ starkem medialen Interesse zu verdanken. Ich finde es nach wie vor bedauerlich, dass das Abkommen nur Blinde und Sehbehinderte betrifft und es keine Erleichterungen für Lernbehinderte, motorisch Behinderte oder Analphabeten gibt und in absehbarer Zeit nicht geben wird. Das zeigt mal wieder, dass auch bei Behinderten sich jeder selbst der nächste ist, die Blindenverbände hätten durchaus den Schulterschluss mit anderen Interessensverbänden suchen können.
Aktuell steht mal wieder die Verhandlung über die Schrankenregelung für Blinde an. Worum geht es dabei eigentlich und warum brauchen wir das?
Aufgeschlagene Bücher
Für Blinde und Sehbehinderte ist der Zugang zu Literatur exttrem schwierig. Ich habe das an anderer Stelle schon ausgeführt. Im Vergleich zu weniger reichen Ländern leben wir in Deutschland allerdings im Paradies. Immerhin haben wir Zugang zum Internet und mittlerweile den Zugang zu relativ günstiger Hilfstechnik. Anderswo kostet ein iPhone mehr als ein Jahresgehalt.

Aktuell geht es darum, dass Bücher ohhne Nachfrage bei den Inhabern der Urheberrechte blindengerecht aufbereitet und international zwischen den Organisationen getauscht werden dürfen. Ansonsten üssen die nationalen Organisationen jedes Buch selbst aufbereiten, was teuer, zeitaufwendig und total überflüssig ist. Überflüssig, weil ein Großteil der Arbeit gespart werden könnte, weil so ziemlich alle Bücher der letzten zehn bis 20 Jahre bereits in digitaler Form vorliegen sollten. Falls es noch jemanden gibt, der seine Bücher analog setzt entschuldige ich mich persönlich für meinen Irrtum.
Das Treaty for the Blind soll also regeln, dass nicht jedes winzige Land die Literatur aufs Neue aufbereiten muss. Dabei geht es insbesondere um international verwendbare Literatur aus dem angelsächischen, frankophonen, spanischen oder portugiesischen Sprachraum, also Literatur, die international getauscht werden könnte. Über das Treaty wird aber erst seit 25 Jahren verhandelt.
Ich finde das Ganze nicht unproblematisch, da es noch andere Behinderte sowie Menschen mit Leseschwierigkeiten gibt, für die so ein Abkommen sogar noch hilfreicher wäre. Immerhin haben wir in Deutschland Hörbüchereien und eine mittlerweile recht gute technische Ausstattung, so dass uns viele Texte in digitaler oder analoger Form zur Verfügung stehen. Da es wohl zu meinen Lebzeiten kein übergreifendes Abkommen geben wird unterstütze ich die Schrankenregelung trotz meiner Vorbehalte.

Die Argumentation der Content-Industrie

Die Argumentation der Content-Industrie ist das Übliche. Eigentlich hat man nichts gegen eine Schrankenregelung, die Blinden den Zugang zur Literatur erleichtert. Aber wenn man hier eine Ausnahme macht weicht man das Urheberrecht auf und öffnet das Tor für weitere Schrankenregelungen. Dabei geht es nur vordergründig um Bücher, in Wirklichkeit kämpfen die Lobbyisten anderer Industrien einen Stellvertreterkrieg. Sie verwehren uns den Zugang zum Wissen, weil sie ihre eigenen Interessen bedroht sehen.
Es gibt wohl kaum ein demokratisches Land, in dem die Urheber- und Verbreitungsrechte automatisch aufgeweicht werden, nur weil in einem internationalen Vertragswerk Schrankenregelungen für ein eng begrenztes Gebiet festgelegt werden.

Die Probleme des Literaturzugangs

Oftmals ist es schwer zu verstehen, welche Zugangsschwierigkeiten für die einzelnen Behindertengruppen bestehen, deswegen möchte ich hier kurz darauf eingehen. Fangen wir mit dem Großdruck an.

Das Problem bei Großdruckbüchern besteht darin, dass die Zahl verkaufbarer Bücher oft so gering ist, dass der Druck zu aufwendig wird. Bücher werden von Desktop Publishern gelayoutet, sie kümmern sich um Satz, Textfluß und andere typographische Anforderungen. Das ganze Spiel muss bei Großdruckbüchern wiederholt werden, da sich natürlich durch die Schrifgröße und eine andere Schriftart auch der gesamte Textfluss, die Absätze und der Satzspiegel ändern. Das lohnt sich natürlich nicht, wenn man nur einige Dutzend Bücher absetzen kann. Deswegen ist für diesen Bereich auch Print on Demand nicht sinnvoll, die Kosten für das Layout des Großdrucks amortisieren sich nicht.
Es ist aber auch aus andere Sicht nicht sinnvoll, vor allem bei starken Sehbehinderungen sind die individuellen Sehstärken, Gesichtsfeldausfälle und weitere Erkrankungen so unterschiedlich, dass das durch solche Maßnahmen nicht ausgeglichen werden kann. Hier gilt das gleiche wie für Websites, das Grundlayout sollte möglichst zugänglich gestaltet sein, am Ende ist es aber wichtig, dass die Leute es ihren Bedürfnissen anpassen können. Bei Büchern hieße das, dass die Bücher gut unter Bildschirmlesegeräten funktionieren sollten, das erreicht man durch eine flexible Bindung das Buch sollte möglichst platt aufliegen, wenn es aufgeklappt wird. Die bessere Alternative sind elektronische Bücher, die aber natürlich auch anpassbar sein müssen. Ein Großteil der Leute, die eBook-Reader kaufen sind ältere Menschen, welche die Funktionen zur Anpassung des Layouts zu schätzen wissen.
Ein anderes Problem gibt es bei der Umsetzung von Büchern in Audio oder Braille. An der Produktion eines professionellen Hörbuches sind immer viele Leute beteiligt, der Sprecher steht sozusagen vorne, es gibt aber noch den Lektor, der das Buch vorbereitet oder den Tonmeister, der sich um Aufnahme und Postproduktion kümmert. Bei Braille-Büchern müssen die Texte zunächst in Braille umgesetzt werden. Das geschieht teilweise automatisch, muss aber eebenfalls lektoriert werden, weil sich einige Sachen nicht automatisch übersetzen lassen.
Die Blindenbücher werden in der Regel von Bibliothreken per Post verschickt. In Deutschland ist der Versand als Blindensendung kostenlos. Früher hat man Hörbücher noch auf Cassette in kleinen Kunststoffboxen verschickt, die recht schwer sein konnten. Mittlerweile werden die Bücher als MP3-CD produziert und verschickt, wofür nicht nur die Postboten dankbar sein dürften. Aktuell gibt es schätzungsweise 60.000 ausleihbare Titel und eine deutlich höhere Zahl kommerzieller Hörbücher. Es werden bei weitem nicht alle Bücher als Hörbücher angeboten, besonders schlecht ist die Situation bei Fachbüchern. Es gibt aber auch kaum jemanden, der ernsthaft ein Fachbuch als Hörbuch haben wollte, solche Bücher liest man normalerweise nicht von vorne bis hinten durch, wie man es bei Hörbüchern meistens macht.
Bei Braillebüchern sieht die Lage noch deutlich schlechter aus. Ein durchschnittliches Taschenbuch kann in Braille übersetzt den Umfang mehrerer Telefonbücher annehmen, das sind diese Dinger, die man damals neben das Wählscheibentelefon gelegt hat. Für die sieben Wände von Harry Potter müsste man eine ganze Regalwand freiräumen. Es ist also ein Kosten- aber auch ein Platzfaktor.
Die Situation ist ähnlich für andere Behindertengruppen. Menschen, die wegen motorischer Einschränkungen keine Bücher halten oder umblättern können brauchen digitale Bücher, die sie mit ihrer Software steuern können. Funktionale Analphabeten und Lese-Rechtschreib-Schwache profitieren von einer Möglichkeit, sich Bücher strukturiert vorlesen zu lassen. Menschen mit Lernbehinderung benötigen Texte in Leichter Sprache. Auch Hier dürften bezüglich des internationalen Austauschs ähnliche Schranken bestehen wie für Blinden-Bücher. Last not least gilt das auch für Texte, die in Gebärdensprache übersetzt werden. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Bücher in Gebärdensprache gibt, aber ausschließen würde ich es nicht.
Anders gesagt: Viele Behinderte profitieren von Erleichterungen beim Urheberrecht und Kopierschutz.

Warum wir das brauchen

Es geht dabei nicht nur um den Zugang zur Kultur, sondern auch um den Zugang zur Bildung überhaupt. Trotz allem Internet, multimedialem Material und allen Gadgets stehen die meisten relevanten Informationen für Wissenschaft und Weiterbildung in Büchern oder buchähnlichen Produkten. Die Verlags- und Bildungsindustrie hat sich, auch wenn sie das Gegenteil behauptet, seit Jahren als Blockierer der Digitalisierung erwiesen. Man schimpft zurecht auf die goldenen Käfige von Apple oder Amazon, aber es ist bequemer als sich mit dem DRM der Verlage zu beschäftigen. Wir wollten eigentlich Bücher lesen und nicht Handbücher studieren.

Das Ganze ist nicht kostenlos zu haben

Es gibt den Begriff des Nachteilsausgleichs. Das heißt, dass die Nachteile, die durch eine Behinderung entstehen durch Erleichterungen ausgeglichen werden sollen. Viele verwechseln das mit Privilegien und fordern oft Dinge, die darüber hinaus gehen: Kostenlose Fahrt im Fernverkehr, kostenlose Mobilitätszentralen, kostenlose Autos und so weiter.
Ähnlich sieht es auch bei Büchern aus. Ich fordere allerdings nicht, dass Blinden oder Behinderten generell alle Bücher kostenlos zur Verfügung stehen müssen. Die Forderung läuft auf eine gleichberechtigte Zugänglichkeit von Behinderten und Nicht-Behinderten hinaus. Es gibt handfeste Nachteile für Blinde, zum Beispiel die schlechte Barrierefreiheit der On-Leihe, die ausgeglichen würden. Ansonsten sollten alle Behinderten den gleichen Preis für Bücher zahlen wie Nicht-Behinderte.
Das Seltsame am Verhalten der Verlage ist, dass es kaum eifrigere Leser als Blinde gibt. Mag sein, dass der durchschnittliche Deutsche zwölf Bücher im Jahr kauft, der durchschnittliche Blinde dürfte meiner Erfahrung nach ein Buch pro Woche lesen – je nachdem, wie viel Freizeit er hat kann es durchaus auch mehr sein. Die meisten von ihnen würden auch das Geld für diese Bücher zahlen, wenn sie ebenso wie Sehende an die Bücher rankämen. Ich kenne einige Blinde, die sich den aktuellen Dan Brown sofort kaufen würden und die gekürzte Audiofassung, die es vermutlich gibt links liegen lassen würden. Sie haben aber keine Wahl, denn das DRM verhindert, dass sie vernünftig an die digitale Fassung rankommen.
Nun mögen Blinde keine besonders große Zielgruppe sein, ich kann mir allerdings vorstellen, dass es bei anderen Behinderten nicht anders aussieht. Ihr Lesekonsum dürfte weit über dem Durchschnitt liegen, sofern sie zugängliche Bücher erhalten. Wenn wir noch die Gruppe der funktionalen Analphabeten dazu nehmen haben wir eine sehr große Gruppe von Menschen, die Bücher kaufen würden, wenn sie in einer für sie zugänglichen Form angeboten würden.
Um so ärgerlicher finde ich aber auch das Verhalten der deutschen und der anderen Blindenverbände. Blinde sind – vor allem im Westen – keine besonders große Gruppe. Mag sein, dass der amerikanische Blindenverband schlagkräftig ist, der deutsche ist es sicher nicht. Wenn sich die Behindertenverbände zusammenschließen und außerdem die funktionalen Analphabeten und Leseschwachen einschließen würden, könnten sie sehr viel mehr Schlagkraft entwickeln. Stattdessen versuchen sie mit wie ich fürchte wenig Erfolg, sich allein durchzuschlagen.

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