Ablehnung von Hilfsmitteln

In diesem Beitrag möchte ich mich einem heiklen Thema widmen, nämlich der Verweigerung Behinderter zum Einsatz von Hilsmitteln, wir schlagen nachher den Bogen zur Barrierefreiheit, wenn ihr solange durchhalten wollt.
Körperliche Behinderungen sind weitgehend stigmatisiert. Das ist sicher kein Geheimnis. Der Soziologe Erving Goffman hat mit seinem Buch „Stigma“ eine Dokumentation des Themas vorgelegt, Pflichtlektüre für jeden, der sich ein wenig mit Behinderung beschäftigen möchte. Aus anderer Perspektive hat es der Psychologe Oliver Sacks beschrieben.
Wenn man mit Behinderten zusammen sitzt kann man nächtelange Diskussionen mit der Frage auslösen, ob es besser ist, eine sichtbare oder eine unsichtbare Behinderung zu haben. Diese Diskussion möchte ich hier nicht eröffnen, es ist aber klar, dass man eine sichtbare Behinderung in vielen Fällen nicht verbergen kann, die unsichtbar Behinderten können es sich hingegen aussuchen, ob sie sich outen oder nicht. Für die sichtbar Behinderten gibt es kein Inkognito.

Die Abneigung gegen Hilfsmittel

Viele „Frisch“ Behinderte weigern sich zunächst, behindertentypische Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen. Ich selber habe den Blindenstock lange abgelehnt, bis ich merkte, dass es den Leuten piepegal war, ob ich einen Stock hatte oder nicht. Literarischer als ich hat es Sabriye Tenberken in ihrem Buch „Sieben Jahre in Tibet“ abgefasst. Sabriye hat einen Blindenschule in Tibet und ein Trainingszentrum in Indien aufgebaut und ist im Jugendalter erblindet. Ein ähnliches Beispiel bietet Eric Weihenmeyer, ein amerikanischer blinder Bergsteiger, auch er hat sich lange Zeit geweigert, die Blindenhilfsmittel zu akzeptieren. Im Magazin der Süddeutschen gab es vor einigen Jahren einen Bericht über eine Person, die fast blind war und es dennoch geschafft hat, vor den Kollegen ihre Sehschwäche zu verbergen. Ein ähnilches Phänomen finden wir bei Schwerhörigen. Vor allem Jüngere weigern sich, deutlich sichtbare Hörgeräte zu tragen.
Ich erkenne zwei unterschiedliche psychische Motive darin: Zum einen möchte man sich nicht outen und als Blinder, Schwerhöriger oder sonst was dastehen. Das hängt mit der Einstellung der Gesellschaft gegenüber Behinderten zusammen. Sagen wir es offen, Behinderung wird als Defizit gesehen. Entweder erregt man Mitleid oder Abneigung oder beides. Das ist oft unangenehmer als die Behinderung selbst und ich kann gut verstehen, wenn man dem nach Möglichkeit ausweicht.
Zum anderen scheint man sich mit der Nutzung dieser Hilfsmittel aber auch einzugestehen, dass eigentlich nichts mehr zu retten ist. Solange man keinen Blindenstock verwendet erscheint es noch möglich, dass man eines Tages ohnehin keinen mehr brauchen wird. Wenn man ihn verwendet akzeptiert man die Blindheit und gibt jede Chance auf, je wieder normal zu sehen. Das ist natürlich Blödsinn, aber Menschen sind nun mal nicht immer logisch. Diese etwas verquere Form von Eitelkeit findet man zum Beispiel bei hochgradig Sehbehinderte, die ihre Augen mit monströsen Vergrößerungsgraden am Bildschirm überstrapazieren, statt einen Screenreader zu verwenden, der ihnen das Leben wesentlich erleichtern würde. Dafür gibt es keinen rationalen Grund.
Die nächste Frage wäre natürlich, ob so ein Verhalten klug sein kann. Eigentlich nicht, denn man richtet im Zweifelsfall mehr Schaden an – psychisch wie körperlich – als man durch das Eingeständnis der Behinderung hätte. Man schadet sich natürlich nicht nur selbst, sondern auch anderen. So ziemlich jedes deutsche Gericht wird dem Blinden oder Schwerhörigen eine Mitschuld an einem Unfall geben, auch wenn er das eigentliche Opfer ist. Man kann nicht mit den Kollegen essen gehen, weil man sich nicht selbst bedienen kann oder fürchten muss, sich vollzukleckern ohne es zu merken. Man kann nicht die Verkäufer im Supermarkt nac einem bestimmten Produkt fragen, weil ihre Beschreibungen natürlich nur Sehenden helfen. Ein typisches Verhalten ist es deshalb, schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen.

Die Rolle der Hilfsmittel

Das Problem wäre sehr einfach zu lösen, wir müssen einfach die Stigmatisierung von Behinderten abschaffen.
Aber Scherz beiseite: Das wird in absehbarer Zeit nicht passieren, von dem her müssen wir andere Baustellen bearbeiten. Eine dieser Baustellen ist die Gestaltung von Hilfsmitteln. Das ist natürlich nur ein Aspekt und vermutlich nicht einmal der wichtigste, aber davon verstehe ich mehr als von der Psyche der Menschen oder dem kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft.
Die typischen Hilfsmittel sehen meistens wie medizinisches Equipment aus. Das sind sie natürlich auch, aber das sie so aussehen müssen hat noch niemand behauptet. Blindenstöcke müssen nicht wie ausrangierte Besenstiele aussehen, sprechende Armbanduhren müssen nicht so furchtbare Geräusche von sich geben und der typische Blinde muss nicht mit Sonnenbrille und gelben Binden mit schwarzen Punkten ausstaffiert werden.
Wir müssen den gesamten Komplex der Hilfsmittel Richtung Universal Design oder Design for All schubsen. Es istt weder zeitgemäß, Seniorenhandys herzustellen noch die Hilfsmittel im speziellen Shops zu kaufen. Apple hat vorgemacht, wie es geht. Wenn die klassischen Hilfsmittelhersteller ein Smartphone bauen würden sähe es vermutlich aus wie ein Toaster, würde zwei Kilo wiegen und 2000 Euro kosten.
Die Akzeptanz des iPhones ist auch bei frisch Erblindeten deutlich höher als bei anderen Hilfsmitteln. Es ist schick aus und die meisten Kollegen haben auch eines, dass es permanent spricht muss ja niemandem auffallen. Beim Blindenstock ist das natürlich nicht so einfach. Schicker werden können sie auf jeden Fall.

Eine Änderung der Kultur

Mein Motto lautet ja, es ist leichter, sich selbst zu ändern als die Anderen. Wie ich an anderer Stelle schrieb haben die Blinden aus meiner Sicht keine besonders ausgeprägte Kultur. Brauchen wir nicht unbedingt, aber schaden würde sie auch nicht. Was wir aber unbedingt brauchen ist eine Kultur des IBBNU: Ich bin blind na und? Die deutsche Blinden fallen vor allem dadurch auf, dass sie Mitleid erregen – ob sie es wollen oder nicht. Selbstbewusste Blinde wie Joana Zimmer oder Verena Bentele kriegt man hingegen selten zu Gesicht. Aber sie zeigen eindrücklich, dass man es trotz – oder wegen – der Blindheit weit bringen kann. Die amerikanischen Blinden scheinen diese Einstellung eher zu verkörpern. Ich meine auch, dass jüngere Blinde cooler mit der Situation umgehen als frühere Generationen, aber warten wir es mal ab.Ich bin kein Freund der Pride-Bewegungen, weil man für die Blindheit nichts kann und deswegen auch nicht stolz darauf sein kann. Aber man kann nur gewinnen, wenn man selbstbewusst mit der Blindheit umgeht und das wird durch die Schaffung einer Blindenkulturerleichtert.

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