Sehbehinderte

Richtlinien wie die WCAG sind ein wichtiges und hilfreiches Hilfsmittel für die barrierefreie Gestaltung. Sie bleiben aber oft eher abstrakt. Um das Ganze ein wenig anschaulicher zu machen möchte ich modellhaft beschreiben, wie Sehbehinderte im Internet unterwegs sind. Diese Beschreibung stellt exemplarisch einen bestimmten Ausschnitt aus dem Surfverhalten dar und ist überhaupt nicht vollständig oder erschöpfend. Normalerweise duze ich meine Leser, der Text ist ein Teil eines kleinen Projekts von mir, wo ich das anders gehandhabt habe und mir fehlt im Augenblick die Zeit, den Text entsprechend anzupassen, also nicht wundern.
Sehbehinderte stehen vor besonderen Problemen, die völlig anders sind als die Probleme von Blinden. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer bestimmten Webseite unterwegs und müssen etwas anklicken. Kein Problem, Sie klicken es einfach an, das machen Sie sicher 1000 Mal am Tag.
Als stark Sehbehinderter tun Sie nun folgendes: Sie suchen den Mauscursor, diesen kleinen weißen Pfeil, der hinter dem hellen Hintergrund des Bildschirms kaum zu erkennen ist. Wenn Sie den Cursor gefunden haben, suchen Sie erneut die Stelle, auf die Sie klicken wollten, denn anders als ein Sehender können Sie nicht beides gleichzeitig im Blick behalten. Wenn Sie Glück haben, wissen sie noch, wo der Cursor steht und führen ihn auf die zu klickende Fläche. Ist die Klickfläche sehr klein, ist es oft mühsam, sie genau anzuklicken.
Erschwert wird das Ganze, wenn die Betroffenen Vergrößerungssoftware einsetzen. Je stärker die Vergrößerung ist, desto schlechter können die Betroffenen erkennen, an welcher Stelle der Website sie sich befinden. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Landkarte mit allen Ortschaften von NRW und müssten etwa den Ort Rheinbach finden, ohne genau zu wissen, wo der eigentlich genau liegt. Ich sage Ihnen jetzt, er liegt in der Nähe von Bonn. Sie suchen jetzt nach Köln, weil Sie ungefähr wissen, wo das liebt und Köln größer als Bonn ist. Dann suchen Sie nach Bonn und dann nach Rheinbach. So müssen Sehbehinderte verfahren, wenn sie sehr kleine Elemente auf Websites suchen, sie orientieren sich an größeren Elementen. Surfen auf unbekannten Seiten kann so zum anstrengenden und nervtötenden Geduldspiel werden.
Wir machen uns selten bewusst, was Vergrößern eigentlich bedeutet. Gehen wir davon aus, dass eine Website genau so groß ist wie der Bildschirm, sagen wir 17 Zoll, dann verdoppelt sich die Fläche bei einem Vergrößerungsgrad von 2 auf 34 Zoll. Bei zehnfacher Vergrößerung hat unsere Website eine Diagonale von170 Zoll.
Zusammen mit dem Cursor der Maus bewegen sie auch den vergrößerten Bildauschnitt, das heißt, sobald die Maus bewegt wird, etwa um ein Element anzuklicken verschiebt sich auch das anzuklickende Element. Sehbehinderte müssen das Kunststück fertig bringen, sich die Position zweier Elemente zu merken, die sie fast nie gleichzeitig sehen können. Eine wirkliche Katastrophe sind die Ausklappmenüs, hier wird das Ganze zur Mausakrobatik.
Meiner Erfahrung nach können sich die meisten Sehbehinderten nicht mit der Tastatursteuerung anfreunden, weil sie mit der Maus sozialisiert wurden. Bei der Tastatur gibt es aber auch ein ähnliches Problem. Nehmen wir an, wir wollen einen Link aus dem Inhaltsbereich anklicken, dann müssen wir mit der Tastatur alle möglichen Elemente überspringen und darauf achten, wo sich der Tastaturfokus gerade befindet. Gleichzeitig müssen wir uns die Position des Links im Text merken, den wir anklicken wollten. Das klingt anstrengend und ist es auch.
Nun mag man meinen, das Problem habe sich mit den Touchscreens erledigt. Das ist aber nicht der Fall. Der Vorteil der Touchscreens besteht darin, dass nicht mehr zwei Elemente, nämlich das zu aktivierende Element und der Cursor bzw. der Tastatur-Tab zusammengeführt werden müssen. Es gibt ein Problem dabei und das ist die Hand. Auch wenn Sehbehinderte die Nasenspitze nicht auf dem Gerät aufliegen haben – das kommt durchaus vor – verdecken Finger und Hand immer einen Teil des Screens und natürlich zwangsläufig das Element, das angepatscht werden soll. Ich weiß ehrlich nicht, wie Sehende das hinbekommen, aber gerade auf kleinen Screens muss der Fingertipp sehr exakt erfolgen. Bei einem großen Touchscreen wie etwa bei Automaten ist das noch möglich, weil die Elemente links, rechts und oben noch erkennbar sind, aber wie soll man z.B. einen Text mit einer Bildschirmtastatur eingeben, wenn man sehbehindert ist? Insofern waren die alten Handys noch besser für Sehbehinderte geeignet, die Positionen der Buchstaben auf dem Zehnerblock hat man schnell auswendig gelernt, so das man blind tippen und gleichzeitig auf den Screen schauen konnte.
Sehbehinderte lassen sich auch nicht davon überzeugen, dass sie mit einem Screenreader besser dran wären. In einigen Bereichen waren die Blinden schon fast immer besser dran, sie konnten sich Texte schneller vorlesen lassen. Da heute viele Seiten zumindest die grundsätzlichen Anforderungen von Barrierefreiheit erfüllen, ich meine Überschriftenebenen oder Navigationen als Listen und zahlloser hilfreicher Funktionen der Screenreader sind Blinde heute in vielen Fällen mit weniger Barrieren konfrontiert als Sehbehinderte. Aber die meisten Sehbehinderten möchten das nicht hören. Das scheint die gleiche Krankheit zu sein, die dafür sorgt, dass Sehbehinderte lieber gegen Hindernisse laufen als sich einen Blindenstock zu beschaffen und damit als Blinde geoutet zu werden.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner