Warum auch Sonder-Lösungen barrierefrei für alle sein sollten

Die Frage wird schon so lange diskutiert, wie über Barrierefreiheit diskutiert wird. Müssen Sonder- und Insellösungen eigentlich barrierefrei sein?Wir dachten eigentlich, dass diese Frage mittlerweile geklärt sei, sie opppt aber im Zuge des mobilen Webs und insbesondere der Apps wieder auf und stellt sich sogar im verschärftem Maße, warum erkläre ich im Verlauf des Artikels.
Was sind Sonderlösungen
Bei Sonderlösungen handelt es sich um Projekte, die von Haus aus an spezielle Zielgruppen gerichtet sind. Einige Beispiele dazu gibt es bei Einfach für alle. Als Insellösungen würde ich spezielle Versionen von Anwendungen oder Websites für besondere Zielgruppen bezeichnen. Die sind mit ein paar Ausnahmen unerwünscht. Ich stelle mir gerade die Textversion einer Facebook-App für Blinde vor, das ist natürlich Unsinn, aber man kann nie sagen, was sich die Leute so ausdenken.
Die Antwort ist allerdings eindeutig, auch Sonderlösungen sollten barrierefrei sein. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Der sicherlich wichtigste Grund ist, dass eine Behinderung selten allein kommt. Beispielsweise gehen eine geistige und eine körperliche Behinderung wie eine Seh- oder Bewegungseinschränkung sehr häufig miteinander eineher.
Das zweite Argument ist ein wenig komplizierter. Ich höre nach wie vor das Argument, irgendwelche Shops würden ihren Webauftritt nicht barrierefrei machen, weil sie sowieso keine blinden Kunden haben. Ich muss sagen, dass ist das dümmste, was jemand von sich geben kann. Zum einen weiß ein Online-Shop natürlich nicht – geht ihn auch nichts an – ob seine Kunden blind, gehbehindert oder sonst was sind. Zum anderen können Blinde bei ihm natürlich nicht einkaufen, wenn sein Shop nicht barrierefrei ist.
Das gleiche Argument hört man aber in abgewandelter Form von den Anbietern von Sonderlösungen. Unsere Apps richten sich nur an Rollstuhlfahrer, Autisten oder Gehörlose, um die anderen können wir uns leider nicht kümmern. Genau genommen ist das die gleiche Aussage wie die Shopbetreiber es anbringen: „Wir verkaufen nichts für Blinde, deshalb müssen wir nicht zugänglich sein“.
Das dritte Argument ist natürlich der Aufwand, für uns am unwichtigsten, für die Entwickler das Wichtigste: Es ist zu aufwendig, das Teil für alle barrierefrei zu machen. Das stimmt streng genommen, denn barrierefreie Lösungen, die für alle funktionieren gibt es kaum. Es gibt kaum Inhalte in Gebärdensprache oder Leichter Sprache und selbst wenn es sie gibt wird es immer noch jemanden geben, der damit nicht zurecht kommt. Zugleich ist das Argument vorgeschoben, denn es geht ja erst einmal darum, eine möglichst große Gruppe von Behinderten zu erreichen und das lässt sich mit relativ wenig Aufwand erreichen. Zumindest wenn Barrierefreiheit schon konzeptionell mitgedacht wird. Wenn man es erst hinterher aufpropft, wird es natürlich wesentlich teurer. So wie alles andere teurer wird, wenn man es erst im Nachhinein einbaut.
Das zweitblödeste Argument ist eine Abwandlung des ersten hier vorgebrachten: Behinderte nutzen unsere Anwendung nicht. Blinde gucken keine Filme, Gehörlose hören keine Musik, Rollstuhlfahrer gehen nicht tanzen… Klar, und Leute, die keine Zähne haben essen auch nichts. Das ist nun wirklich ein vorgeschobenes Argument, denn wer so etwas sagt hat sich offenbar nicht damit beschäftigt und sollte vielleicht über Dinge sprechen, von denen er etwas versteht.
Keine Sonderlösung im eigentlichen Sinne sind Speziallösungen durch die Hintertür. So gelten die meisten Social-Media-Anwendungen im Web wie Facebook, Twitter und Google+ als nicht barrierefrei. Die Apps, die von den Anwendern selbst kommen solllten hingegen ganz gut nutzbar sein. Die Anbieter scheinen zu meinen, wenn ihre Apps barrierefrei sind müssten die Webanwendungen es nicht sein oder so. Es gibt zwar sicher unheimlich viele behinderte Nutzer, die das Zeug mobil nutzen, aber wirklich überzeugen kann mich das Argument nicht.

Apps lassen sich nicht anpassen

Bei Websites und den meisten Dokumenten haben Blinde die Möglichkeit, sie durch bestimmte Strategien auch dann zugänglich zu machen, wenn sie eigentlich unzugänglich sind. Es ist kompliziert, nervtötend und überflüssig aber machbar. Bei Apps ist das wesentlich schwieriger. Man kann zum Beispiel unbenannte Grafiken oder Bedienelemente nachträglich beschriften, aber das verschwindet oft nach einem Update. Man kann das Trial-and-Error-Prinzip verwenden, das hat meistens keine schwerwiegenden Folgen, aber manchmal eben doch. Man kann als letztes mittel gucken, ob es eine barrierefreie Alternative gibt, aber oft genug gibt es sie nicht. Das Ganze ist umso bedauerlicher, weil die entsprechenden Geräte sogar mehr Möglichkeiten zur barrierefreien Bedienung bieten als Webseiten auf dem Desktop-Rechner.
Wir sollten daher nicht zulassen, dass die mangelnde Zugänglichkeit von Sonderlösungen wieder zum standard wird. Das gilt auch dann, wenn solche Argumente von Behinderten selbst kommen, die es eigentlich besser wissen sollten.
Am Ende weiß der Appentwickler auch gar nicht, wie die Menschen seine App einsetzen werden. Solange sie nichts illegales machen kann ihm das auch egal sein. Die Praxis zeigt aber, dass Behinderte sehr kreativ sein können, wenn es um den Einsatz von Technologien geht, um sich das Leben zu erleichtern. Wenn ich heiser bin könnte ich eine dieser Kommunikations-Apps zur Unterstützten Kommunikation verwenden, um dringende Sachen zu erledigen, für die ich sprechen muss. Eine App, um den Medikamentenkonsum oder bestimmte Körperdaten zu dokumentieren kann für ganz andere Sachen gut sein.
Am Ende wäre es doch fatal, wenn gerade die Behindertenverbände oder Interessensgruppen die Idee des Universal Design auffweichen würden.

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