Wie Jede/r zur Barrierefreiheit beitragen kann

Es gibt in Deutschland eine lange Tradition, Barrierefreiheit sozusagen von oben nach unten durchzusetzen, in den Gesellschaftswissenschaften nennen wir das Top Down. In Deutschland steht dafür im öffentlichen Sektor die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV). Für private Einrichtungen gilt die BITV hingegen nicht. Im Endeffekt gibt es reichlich öffentliche wie private Einrichtungen, die nicht einmal im Ansatz die Grundlagen der Barrierefreiheit erfüllen. Das bezieht sich nicht nur auf Webseiten bzw. auf digitale Informationstechnik – das Thema dieses Blogs – sondern auch die Zugänglichkeit von Gebäuden oder Infrastruktur.
Faktisch läuft irgendwas falsch, wenn nach wie vor Busse eingekauft werden, die nicht rollstuhlgerecht sind oder neue Gebäude errichtet werden, wo der Rollifahrer durch den Hintereingang muss, weil vorne eine Treppe ohne Rampe ist. Leider gibt es dafür nur eine Lösung: wir brauchen ein Äquivalent zum Americans with Disabilities Act, ein Gesetz, dass Barrierefreiheit für alle öffentlich zugänglichen Einrichtungen und öffentlichen Verkehrsmittel festschreibt. Ich finde es beeindruckend, dass es viele Leute vor Ort gibt, die sich für Barrierefreiheit einsetzen. Das ist schon Graswurzel-Barrierefreiheit. Nur ist es absolut nicht einzusehen, warum man das im Jahr 2012 noch tun muss, wo den Verantwortlichen alle Probleme bekannt sind, wo alle Richtlinien für Barrierefreiheit bekant sind und wo kaum eine Körperschaft ohne das Bekenntnis zur Inklusion und Gleichstellung von Behinderten auskommt.

Was ist Graswurzel-Barrierefreiheit?

Ich bin bekanntermaßen ein Freund von Initiativen, die aus der Bevölkerung kommen und nicht vom Staat diktiert oder von einer großen Organisation vorangetrieben werden. Graswurzel-Barrierefreiheit ist der Versuch, Barrierefreiheit quasi von unten – also von der Basis – in die Gesellschaft reinzutragen, wir Hobby-Soziologen nennen das Bottum Up. Dazu gehört alles:

  1. was über die Barrierefreiheit, ihre Bedeutung und Umsetzung aufklärt
  2. was zur Verbesserung der Barrierefreiheit beiträgt

Ohne die Leistung der bisherigen zahlreichen Initiativen schmälern zu wollen, das meiste davon richtet sich an Experten oder den bereits Bekehrten und erreicht den Normalsterblichen nicht. Selbst der durchschnittliche Behinderte kennt sich kaum mit Barrierefreiheit aus oder versucht mal, jemandem ein Statement zu semantischem Markup zu entlocken.
Ich möchte an dieser Stelle meine – nicht ganz ausgereiften – Gedanken dazu vorstellen. Verschiedene Ansätze habe ich hier und anderswo schon aufgegriffen.
Beim Crowdsourcing geht es zum Beispiel darum, eine große Zahl von Menschen für relativ einfache Aufgaben zu gewinnen. Das kann z.B. die Bewertung eines Ortes auf Wheelmap sein oder auch der Massentest einer Anwendung durch Behinderte. Der Vorteil liegt auf der Hand: viele Menschen werden an das sperrige Thema Barrierefreiheit niederschwellig herangeführt und viele Aufgaben lassen sich durch eine große Zahl von Menschen einfacher und schneller erledigen.
In eine etwas andere Richtung gehen Ansätze der Crowdfinanzierung, die ich hier näher ausgeführt habe. Dabei finanzieren Menschen die Entwicklung oder Weiterentwicklung eines Konzeptes oder einer Anwendung, welche die Zugänglichkeit im weitesten Sinne erhöht. Aufgaben in diesem Bereich können die Entwicklung einer Hilfstechnologie wie einer günstigen Braillezeile, des Screenreaders NVDA oder des hilfreichen Firefox-Addons WebVisum sein. Vorstellbar wäre aber auch, dass eine bisher nicht barrierefreie Anwendung oder ein Framework barrierefrei gemacht wird, was über die Crowd finanziert wird. Natürlich geht das nur bei nichtkommerziellen Produkten.
Last not least kann die Behindertencommunity selbst über den OpenSource-Ansatz ihre eigenen Hilfstechnologien pimpen. Denkbar ist etwa, ein geschlossenes System wie ein Hörgerät praxistauglicher zu gestalten. Ich kenne mich zwar mit Hörgeräten nicht aus, aber denkbar wäre zum Beispiel, dass sich die Lautstärkesteuerung dynamisch an den Umgebungslärm anpasst. Die Lautstärke wird erhöhtt, wenn es lauter wird und verringert, wenn es leise ist. Mag sein, dass die Geräte das schon können, es soll nur ein Beispiel sein. Solche Weiterentwicklungen sind nur möglich, wenn die Technologien generell für Modifikationen offen sind. In der Regel sind sie das nicht, sie sind außerdem meistens nicht miteinander kompatibel und damit oft unkomfortabel zu nutzen. Schon eine Bluetooth-Schnittstelle würde die Steuerung des Gerätes via Smartphone erleichtern.
Oder nehmen wir das Beispiel Sehen: Es gibt eine Handvoll Sehhilfen, die sich im großen und ganzen sehr ähnlich sind. Gleichzeitig unterscheiden sich die Sehbehinderungen ganz erheblich. Der eine sieht 60 Prozent auf einem Gesichtsfeld von 30 Grad, der andere sieht fünf Prozent in der Nähe und 1 Prozent in der Ferne. Ich habe vor allem im Segment der schlecht Sehenden noch keinen Menschen getroffen, der das selbe sehen kann wie ein anderer Sehbehinderter, auch wenn er die gleichen Werte im Sehtest erreicht. Dennoch haben wir nur eine Handvoll Sehhilfen zur Verfügung, die wir kaum an unsere Bedürfnisse anpassen können. Außerdem habe ich noch keinen Sehbehinderten getroffen, der die für ihn perfekte Sehhilfe gefunden hat, es ist immer ein Kompromiss, bei dem man das für sich beste Produkt raussucht, was die Krankenkasse finanziert. Ein offener Ansatz würde uns zum einen erlauben, die Sehhilfen an die jeweiligen Bedürfnisse genau anzupassen. Und es würde auch Modifikationen erlauben, die etwa bei einer Änderung des Sehvermögens nötig würden. Utopisch? Vielleicht, aber die Alternative ist, ewig auf dem Status Quo weiter zu machen. Bei softwarebasierten Produkten haben wir damit auch die Möglichkeit, an die sozial aktive Hacker-Community anzudocken und diese Menschen an die Barrierefreiheit heranzuführen.
Last not least müssen wir neue Wege der Informationsvermittlung finden. Als Blinder bin ich zwar ein Freund von Text, aber die meisten Sehenden brauchen etwas Visuelles, um das abstrakte Thema Barrierefreiheit verstehen zu können. Dazu können Werkzeuge wie Storify, Animationen oder Info-Grafiken beitragen. Die Devise heißt, nicht erzählen sondern zeigen. Es ist sicher kein Geheimnis, dass die meisten Texte ohnehin die Leute erreichen, die schon bekehrt sind. Der Rest steigt aus, wenn ihm Abkürzungen wie BITV, WCAG und WAI an den Kopf geworfen werden. Das kann man doof finden oder man kann sich dem anpassen.

Fazit

Wie oben gesagt werden wir für Barrierefreiheit jenseits öffentlicher Einrichtungen sicher ein Gesetz benötigen, dass auch privaten Einrichtungen Richtlinien zur Zugänglichkeit vorgibt. Allerdings glaubt keiner, dass es ein solches Gesetz in absehbarer Zeit geben wird.
Andererseits glaube ich, dass die Behindertencommunity und ihre Verbände die heutigen Möglichkeiten nicht ausreichend nutzt. Wie viele deutsche Behindertenverbände gibt es auf Twitter und Facebook? Wie viele nutzen moderne Kommunikationsinstrumente oder Abstimmungswerkzeuge, um die Öffentlichkeit für ihre Anliegen zu gewinnen? Es gibt natürlich Leute wie Heiko Kunert, den ich hier nicht unterschlagen möchte. Dann gibt es sicherlich noch einige Personen oder Organisationen, die in meinem digitalen Datenrauschen untergehen. Aber es sind sicher nicht so viele, wie es sein könnten. Die Mehrheit der Personen und Organisationen beschränkt sich darauf, Probleme aufzuzeigen und dann auf jemanden zu zeigen, der sich darum kümmern soll. Das mag man für legitim halten, es zeigt aber auch, dass sich die Absender nicht zutrauen, selsbst Änderungen herbeizuführen.
Wir haben es uns sehr bequem gemacht, weil wir auf den Staat und irgendwelche Interessensverbände warten, damit sie sich darum kümmern. Ich meine aber, wir sollten alle tun, was in unserer Macht steht und was uns möglich ist, um unseren eigenen Beitrag zur barrierefreien Gesellschaft zu leisten.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner