Verständlichkeit von Informations-Grafiken

Vor einiger Zeit hatte ich eine kleine Artikelserie zum barrierefreien Einsatz von Bildern geschrieben, dort ging es vor allem um technische Fragen. IN diesem Beitrag möchte ich die Faktoren für verständliche Grafiken darstellen.
Der Einfachheit halber unterscheide ich zwischen Grafiken und Bildern. Ein Bild ist nach meiner Definition immer dekorativ, das heißt, man kann den textlichen Inhalt verstehen, auch wenn man das Bild nicht sehen kann, das Bild selbst enthält keine Information, die das Verständnis des Inhalts befördert. Auch dekorative Bilder erfüllen einen Zweck, in unserem Zusammenhang geht es allerdings um die Verständlichkeit von Grafiken, bei dekorativen Bildern muss das Verständnis nicht erlernt werden. Es ist eine Person, ein Gegenstand oder ein Tier abgebildet, da muss man nicht großartig interpretieren. Eine Ausnahme sind Fotoreportagen, wo die Bilder die eigentliche Geschichte sind.
Das Konzept der Visual Literacy geht davon aus, dass das Verständnis von Grafiken erlernt werden muss wie das Lesen von Texten. Anders als beim Text-Lesen wird die visuelle Lesefähigkeit nicht bewusst erlernt, sondern ist ein kultureller Prozess. Wir werden von Kindesbeinen an mit Millionen von Symbolen konfrontiert, die uns oft nicht erklärt werden müssen. Wir lernen aus dem Kontext, was sie bedeuten. Oder wir bekommen eins aufs Dach, wenn wir einen Schluck aus der Flasche mit dem schwarzen Totenschädel trinken wollen.

Piktogramme und Symbole

Piktogramme sind am einfachsten zu verstehen. Sie spielen in Form von Straßenschildern, Hinweisen auf Verpackungen oder als Teil von Orientierungssystemen eine große Rolle. Sie sollen idealerweise interkulturell verständlich sein. Ihre Bedeutungen werden tatsächlich im Wesentlichen intuitiv ohne weitere Anleitung erlernt,
Die meisten Piktogramme sind stilisierte Abbilder realer Objekte, so wird aus ein paar Strichen und Bögen ein Rollstuhl zur Kennzeichnung von Behindertenparkplätzen, Messer und Gabel stehen für den Essensbereich und beim durchgestrichenen Hund müssen die geliebten Vierbeiner draußenbleiben. Niemand weiß, welche Hunderasse da abgebildet sein soll.
Andere Symbole vor allem zur Softwarebedienung werden aus einfachen geometrischen Grundformen und weiteren Objekten zusammen gesetzt. Ähnlich wie die Schilder im Straßenverkehr müssen sie tatsächlich bewusst erlernt werden. Sie sollen die Programmbedienung intuitiver gestalten als die klassischen Menüs.

Komplexe Grafiken

Anders sieht es bei komplexen Grafiken aus. Das fängt an mit einfachen Kreisdiagrammen und geht hin zur komplexen interaktiven Infografik oder zum UML-Prozessdiagramm. Sie bestehen aus zahlreichen Formen, Linien, Pfeilen und anderen Objekten, die einzeln erfasst werden müssen, die aber erst in ihrem Zusammenspiel verständlich werden. Hier wird das Konzept der Visual Literacy auch sehr deutlich: ein Experte sagen wir für Logistik-Systeme kann relativ schnell die wesentlichen Fakten einer Logistik-Kette erfassen. Der Laie sieht nur einen Wust aus Formen und Linien.
Damit haben wir auch die wesentlichen Kriterien der visual Literacy erfasst:

  1. Der Nutzer muss verstehen, was abgebildet ist, dass ist das inhaltliche Verstehen.
  2. Dann muss er verstehen, warum es abgebildet wird, das ist das indikatorische Verstehen.

Text-Grafik-Kombinationen

Für komplexere Aufgaben ist eine Text-Grafik-Komposition am sinnvollsten. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, Text-Grafik-Informationen zu kombinieren:

  1. Redundanz
  2. Komplementarität

Bei Redundanz haben Text und Grafik genau die gleiche Aussage. Wenn wir das klassische Stopschild als Text-Symbol-Komposition interpretieren, haben Farbe und Form des Schildes sowie der Text exakt die gleiche Aussage. Sehr kurze und häufig vorkommende Texte wie „WC“ oder „OK“ können wir ähnlich schnell erfassen wie ein entsprechend bekanntes Symbol.
Komplementarität hingegen bedeutet, dass Text und Grafik sich gegenseitig in Ihrer Aussage ergänzen, also jeweils unterschiedliche Aussagen haben, die zusammen ein geschlossenes Ganzes ergeben. Das klassische Beispiel dafür ist natürlich der Comic.
In der Praxis ist das nicht so trennscharf, ein Zustand lässt sich leichter grafisch abbilden als ein Prozess. Ihr kennt sicher auch diese schönen Anleitungen zum Zusammenbau von Möbeln oder anderen komplexen Gegenständen. Diese Anleitungen sind meistens ein Zusammenspiel aus Abbildung und textlicher Anleitung, wenn eines von beidem fehlt, wird es zwar schwieriger, generell könnte man das aber auch nur mit grafischer Anleitung oder auch nur mit textlicher Beschreibung hinbekommen. Ist das Redundanz oder Komplementarität? Eine rein akademische Frage, die uns hier nicht weiter interessieren muss. Eine prozessuale Darstellung würde oft viele Einzelbilder erfordern, das wäre dann so ähnlich wie ein Daumenkino. Das scheint wenig praktikabel zu sein, ich kann mir eher vorstellen, dass künftige Anleitungen eher als Video angeboten werden, dabei bleiben aber blinde und sehbehinderte Nutzer oft auf der Strecke.
Ein Sonderfall sind Texte in Leichter Sprache. Ich habe überrascht festgestellt, dass in den Richtlinien zur Leichten Sprache Wert darauf gelegt wird, dass die Texte auch mit Grafiken ergänzt werden. In diesem Fall haben wir im Idealfall Redundanz: wer den Text nicht ganz versteht begreift ihn eventuell mit Hilfe der Grafik und umgekehrt.
Ideal ist daher eine Text-Bild-Kombination etwa bei der Bedienung von Programmen, Automaten oder anderer programmierter Oberflächen. Damit ist das Multikanal-Prinzip erfüllt und die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass entweder Bild, Text oder beides zusammen dazu führen, dass die Funktion verstanden wird.

Verständnis-Probleme

Eine klassische Regel der Barrierefreiheit ist natürlich, dass keine Information ausschließlich über Farbe oder Farbänderung vermittelt werden darf. Ein hoher Kontrast sollte selbstverständlich sein, schließlich wissen wir heute weniger denn je, ob ein Nutzer mit seinem 3,5-Zoll-Smartphone oder mit dem 42-Zoll-Superflachbild-Fernseher auf unsere Seite kommt. Das gilt natürlich auch für nicht-digitale Grafiken. Ein Symbol muss auf den ersten Blick, bei großer Entfernung und unklaren Lichtverhältnissen erkennbar sein. Das ist aber eher ein Kriterium der Erkennbarkeit und hat nur mittelbar mit Verständlichkeit zu tun.
Interaktive Grafiken erfreuen sich großer Beliebtheit, neben Katzenvideos werden sie besonders gerne auf Twitter oder Facebook geteilt. Die eigentlich interessante Frage ist, ob sie verstanden werden. Vieles deutet darauf hin, dass Informationsgrafiken insbesondere für Informationsprofis interessant sind. Leute, die sich ohnehin für Social Media interessieren finden solche Infografiken über Social Media verständlicher als die Nicht-Profis. Vielleicht werden die Grafiken nur geteilt, weil man sie ästhetisch ansprechend oder wichtig findet. Die Programme verleiten oftmals dazu, den Schwerpunkt auf Ästhetik statt auf Verständlichkeit zu legen, deshalb werden oft zu viele Farben oder überflüssige 3D-Effekte eingesetzt.
Bei Info-Grafiken spielt es meist keine große Rolle, ob sie verstanden werden oder nicht. Anders sieht das bei der Orientierung in Gebäuden aus. Besonders wichtig ist dabei der konkrete Kontext. Ein größerer Bahnhof besteht aus Gleisen und Bahnhofsgebäude, eventuell gibt es noch Toiletten, Schließfächer und Aufzüge. Die Zahl der Symbole ist also relativ begrenzt, es gibt keine Symbole für Eincheck-Schalter oder für Sicherheitsschleuesen. Dadurch erhöht sich die Möglichkeit, dass ein Symbol erkannt oder zumindest erraten werden kann. Mir ist es öfter passiert, dass ich Arbeitskollegen auf der Straße nicht an der Stimme erkannt habe – ich vermute zumindest, dass es Kollegen waren – am Arbeitsplatz wäre mir das nicht passiert.
Wir stoßen bei der Verständlichkeit von Grafiken auf unterschiedliche Probleme, die wir jeweils nach Nutzergruppen einteilen können.

Blinde und hochgradig Sehbehinderte

Menschen, die von Geburt an schlecht oder gar nicht sehen beherrschen die Visual Literacy schlichtweg nicht. Ich habe schon an anderer Stelle ausgeführt, zu welchen Schwierigkeiten das führen kann.
Deswegen brauchen Blinde keine Beschreibung von Piktogrammen, es spielt für sie einfach keine Rolle, ob das Symbol ein Drucker oder ein Briefsymbol ist. Auch bei einer komplexen Grafik halte ich eine Beschreibung nicht für sinnvoll. Als Blinder bräuchte man schon viel Phantasie, um sich die Darstellung visueller Elemente anhand einer textlichen Beschreibung vorstellen zu können. Eine großflächige taktile Grafik ist zwar einfacher zu erschließen als eine textliche Beschreibung, aber auch hier haben wir das Problem, dass der Blinde das Diagramm nur Stück für Stück und nie als Ganzes erfassen kann. Hilfreicher ist hier eine barrierefreie Tabelle.
Ich halte es für sinnvoller, einen Text zur Grafik zu schreiben, in dem erläutert wird, worum es in der Grafik geht und welche Zusammenhänge zwischen den Elementen besteht. Diese Beschreibung muss nicht erschöpfend sein, sondern sie muss dem Blinden die Möglichkeit geben, den Sachverhalt zu einem gewissen Maße zu erfassen und ihn in die Lage versetzen, gegebenenfalls weitere Informationen selbst zu recherchieren. Eine Beschreibung des graphischen Aufbaus würde ihm normalerweise nicht helfen. Ein hervoragendes Beispiel für gute Grafikbeschreibungen liefert der Statistikdienst Statista.
Weil blind geborene Menschen die visuelle Symbolik nicht erlernt haben erscheint es mir auch nicht sinnvoll, diese Symbole in haptischer Form anzubieten. Blinde lernen zwar, wie gedruckte Buchstaben aussehen, das sind schließlich auch nur abstrakte Symbole, und sie wissen vielleicht, welche Form ein Auto hat, dennoch ist es unwahrscheinlich, dass sie ein stilisiertes Auto haptisch erkennen können. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Daher dürften einfache Symbole wie Pfeile, geometrische Grundformen oder Text in Braille für Blinde sinnvoller sein als erfühlbare Piktogramme. Die Sache würde anders aussehen, wenn Blinde ständig mit haptischen Grafiken zu tun hätten.

Sehbehinderte

Bei Menschen, die noch gut mit ihrem Sehrest arbeiten können sieht die Sache ein wenig anders aus. Sie werden einen Großteil der visuellen Codes erlernt haben und wenn sie diese Codes einmal erlernt haben reicht oft auch ein unscharfer Blick, um die Funktion einer Grafik erraten zu können. Für diese Gruppe sind einfache Grundformen am sinnvollsten, je komplexer die Grafik bzw. die Zahl ihrer Unterelemente ist, desto schwieriger ist das Erkennen.
Für Menschen mit Ausfällen im Gesichtsfeld ist es schwierig, großflächige Grafiken als Ganzes zu erfassen. Ein gutes Beispiel dafür sind Landkarten, die fast per Definition komplex sind. Sie sind zusammengesetzt aus mehreren Teilgrafiken wie den eingezeichneten Straßen und Wegen, diversen Detailinformationen wie Haltestellen, Geschäften oder Bodenschätzen.
Für Sehbehinderte ist es daher hilfreich, wenn eine Grafik auch schrittweise erschlossen werden kann. Am besten wird eine Leserichtung vorgeschlagen, die ähnlich wie bei Text links oben beginnt.
Bei Karten ist es hilfreich, einige große Orientierungspunkte und Leitlinien zu haben. Bei einer Karte von NRW könnten etwa die großen Städte sowie die Autobahnen diese Funktion erfüllen. Bei einer digitalen Karte wäre es ideal, wenn Detailinformationen zu- und abgeschaltet werden könnten, so dass die Karte nicht mit im konkreten Kontext irrelevanten Informationen überfrachtet ist. Ein Beispiel dafür ist die Karte der Aktion Mensch.

Kognitive Behinderung

Bei einer kognitiven Behinderung haben Menschen Probleme dabei, Inhalte zu verstehen oder zu behalten. Für diese Gruppe sind Grafiken am nützlichsten, weil es für sie leichter ist, visuell zu arbeiten.
Eine Studie des BKB zeigt, dass geistig Behinderte einfache Piktogramme mit stilisierten Objekten gut erkennen konnten. Schwieriger war es für sie, die Kombination mehrerer Objekte zu erkennen, zum Beispiel das Symbol für Rolltreppe, eine Person auf einer Treppe.
Von vielen Menschen wurde hingegen das Mann-Frau-Symbol nicht als Toilette erkannt. In der Tat weist ja auch nichts darauf hin, dass dieses Symbol für Toilette stehen soll, es gehört zu den erlernten Symbolen
Wie oben erwähnt sollen bei Texten für geistig Behinderte ergänzend Grafiken angeboten werden, die das Verständnis des Textes erleichtern oder sogar die Information doppelt kodieren, einmal als Text und einmal als Grafik. Das dürfte in der Praxis nicht immer möglich sein. Grafiken lassen sich eher dort einsetzen, wo es starke Konventionen wie in der Prozessmodellierung gibt. Das wiederum würde ein Wissen voraussetzen, dass bei den meisten Menschen nicht vorhanden sein dürfte. Eine interessante Frage, die meines Wissens nach bisher nicht untersucht wurde ist, ob geistig Behinderte von einfachen interaktiven Grafiken profitieren würden. Denkbar wäre zum Beispiel eine Grafik, die zu Beginn sehr einfach ist und Stück für Stück aufgebaut wird ähnlich wie viele Profis ihre Ideen stufenweise am Flipchart aufmalen.

Verständlichkeit prüfen

Man kann es als Vor- oder Nachteil sehen, aber visuelle Verständlichkeit lässt sich ebenso wie Textverständlichkeit nicht automatisch prüfen. Wir können sehr leicht prüfen, ob eine Grafik bei Graustufen-Darstellung noch gut zu erkennen ist, aber das war es auch schon mit den hilfreichen Tools. Am Ende – da dürfen sich die Grafiker freuen – braucht man Expertenwissen oder Praxistests, um die Verständlichkeit einer Grafik zu beurteilen.
Bei komplexen Grafiken, die ein allgemeines Publikum erreichen sollen erscheint es am sinnvollsten, meherere Ebenen anzubieten. Wer nicht zu tief in ein Thema eintauchen möchte sollte relativ schnell erkennen können, worum es in der Grafik geht und was ihre Kernaussage ist. Wer hingegen tiefer eintauchen möchte findet auf einer tieferen Ebene die für ihn interessanten Informationen.
Obwohl ich selbst weder mit Grafiken noch mit Bildern etwas anfangen kann glaube ich, dass wir erst am Anfang stehen. Viele Redakteure unterschätzen das Medium Grafik, böse Zungen behaupten, wir würden unsere Texte nicht illustrieren, sondern dekorieren und das dürfte in den meisten Fällen auch zutreffen. Die neuen Standards HTML5, CSS3 und vor allem Canvas werden viele neue Möglichkeiten eröffnen, die wir als Informationsvermittler richtig zu nutzen lernen müssen.
Um die Analogie der Visual Literacy aufzugreifen, wir können zwar in Grafiken lesen, aber wir können nicht in Grafiken schreiben.

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