Einführung in die Leichte Sprache

Hand macht NotizDie Leichte Sprache ist eine stark vereinfachte Form der Alltagssprache. International wird auch von Easy Reading gesprochen. Von der Leichten Sprache ist die einfache Sprache oder plain language zu unterscheiden.

Geschichte der Leichten Sprache

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden Emanzipationsbewegungen unter anderem auch unter behinderten Menschen. Ein Ergebnis daraus war auch der Wunsch, sich selbständig informieren zu können. Daraus entstand die Leichte Sprache.
Federführend war dabei die Bewegung People First, in Deutschland als Mensch zuerst bekannt. People First ist eine der Selbstvertretungs-Organisationen für Menschen mit Lernbehinderung. Lernbehinderung oder Lernschwierigkeiten ist der heute gängige Begriff für geistige Behinderung, im Folgenden sprechen wir von Lernbehinderung.
Einige der Organisationen für Leichte Sprache haben sich im Netzwerk Leichte Sprache zusammengeschlossen, das Netzwerk zählt zu den Instanzen für Leichte Sprache in Deutschland.
Bis zum Jahr 2010 war die Leichte Sprache eher ein Nischenprodukt. Es gab relativ wenige Texte. Seitdem ist die Leichte Sprache stark expandiert.
Auch wenn die Leichte Sprache schon einige Jahrzehnte existiert, steckt sie wie auch die einfache Sprache noch in den Kinderschuhen. Die Diskussion ist erst in den letzten Jahren verstärkt in Gang gekommen. Dabei lassen sich zwei Groß-Richtungen ausmachen, die eher durch Sozialarbeiter geprägte Richtung, repräsentiert etwa im Netzwerk Leichte Sprache und die eher sprachwissenschaftlich geprägte Richtung, vor allem repräsentiert durch die Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim. , Folgende Punkte werden aktuell unter anderem diskutiert:

  • Sollten Regelwerke eher auf Erfahrung (Netzwerk Leichte Sprache) oder auf wissenschaftlicher Evidenz (Universität Hildesheim) basieren?
  • Diskutiert wird auch, ob Texte in Leichter Sprache immer gleich aussehen sollen oder ob sie wie Texte in Alltagssprache je nach Inhalt anders aussehen sollen. Die eine Seite argumentiert mit hoher Wiedererkennbarkeit und besserer Lesbarkeit, die Andere meint hingegen, dass die unterschiedliche Gestaltung zum Verständnis beitragen kann.
  • Auch die Qualität und Aussagekraft der Illustrationen werden infrage gestellt.
  • Last not least wird auch diskutiert, ob die Texte tatsächlich von Personen aus der Zielgruppe geprüft werden sollen. Einerseits wird gesagt, dass die Prüfung durch lernbehinderte Menschen auch der Partizipation dient. Andererseits gelten die Einschätzungen der Prüfer als subjektiv, es gäbe objektive und überprüfbare Regeln für Verständlichkeit.

Die Diskussion hat gerade erst begonnen und wird sich nach und nach auf die Regelwerke auswirken.

Unterschiede zwischen Leichter und einfacher Sprache

Leider wird auch in Barrierefreiheits-Kreisen nicht sauber zwischen Leichter und einfacher Sprache unterschieden. Das geschieht teils absichtlich: Wenn etwa die Regeln der Leichten Sprache befolgt wurden, aber nicht von Leichter Sprache gesprochen werden soll, weil die Texte nicht von Personen aus der Zielgruppe geprüft wurden oder keine Illustrationen verwendet wurden.
Überwiegend passiert das aber unabsichtlich. Prüfen Sie daher stets, ob es sich tatsächlich um Leichte Sprache handelt. Auch wenn es unterschiedliche Regelwerke gibt, gibt es doch einen Kanon an Regeln, den alle Regelwerke gemein haben.
Beauftragen Sie selbst Texte in Leichter Sprache, legen Sie auch am besten selbst fest, welches Regelwerk befolgt werden soll. Sie können aber auch beim Auftragnehmer nachfragen, welches Regelwerk er befolgt.
Wird von verständlicher Sprache gesprochen, ist kein eindeutiges Konzept gemeint. Es gibt vereinzelt Versuche, die Leichte und einfache Sprache zusammenzuführen, das wird etwa „leicht verständliche Sprache“ genannt. Sie steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und es ist nicht absehbar, ob sich ein Mittelweg zwischen Leichter und einfacher Sprache finden wird.
Ausführliche Darstellung der Unterschiede zwischen einfacher und Leichter Sprache

Zielgruppe der Leichten Sprache

Als Zielgruppe für Leichte Sprache gelten vor allem Menschen mit einer Lernbehinderung. Die Leichte Sprache wurde aus ihrer Perspektive entwickelt und soll es ihnen ermöglichen, sich selbständig zu informieren und am gesellschaftlichen Leben und der Diskussion teilzunehmen.
Sekundär wird sie auch in der Migration sowie für funktionale Analphabeten eingesetzt. Ob sie dafür geeignet ist, wird teils heftig diskutiert. Klar scheint aber zu sein, dass sie nur für rudimentäre Zwecke geeignet ist. Hat ein Migrant ein höheres Sprachniveau erreicht bzw. ein Analphabet ein gewisses Lese-Niveau erreicht, unterschreitet die Leichte Sprache schnell seine Fähigkeiten.

Anforderungen und Regelwerke

Allgemeine Anforderungen sind in der BITV 2.0 Anlage 2 Teil 2 festgelegt. Daneben gibt es zumindest zwei parallele Regelwerke in Deutschland:

  • Die Regeln des Netzwerks Leichte Sprache.
  • Die Regeln der Universität Hildesheim.

Die Regeln entstanden aus unterschiedlichen Hintergründen und sind entsprechend auch sehr unterschiedlich formuliert.
Die Regeln des Netzwerks Leichte Sprache und von Inclusion Europe entstanden aus einer eher sozialen Perspektive. Die Redakteure/Übersetzer stammen zumeist aus dem Umfeld von Einrichtungen für Menschen mit Lernbehinderung wie etwa Behinderten-Werkstätten, Förderstätten oder Förderschulen. Auch deshalb werden Texte von der Zielgruppe überprüft, wenn man diesem Regelwerk folgt. Die Regeln sind entsprechend auch ohne sprachwissenschaftlichen Hintergrund gut verständlich.
Die Regeln der Uni Hildesheim stammen aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive. In diesem Regelwerk ist keine Prüfung durch Personen aus der Zielgruppe vorgesehen. Es wird argumentiert, dass es eindeutige Regeln der Verständlichkeit gibt. Wenn diese Regeln erfüllt seien, sei keine weitere Überprüfung erforderlich. Dabei bietet die Uni Hildesheim aber selbst Prüfungen an. Die Regeln der Uni Hildesheim sind aus einer sprachwissenschaftlichen Perspektive formuliert und für Menschen, die mit dem Fachvokabular nicht vertraut sind nicht ohne weiteres verständlich.
Das häufig zu findende Logo mit dem weißen Buch auf blauem Grund stammt von Inclusion Europe und soll nur verwendet werden, wenn dessen Regeln befolgt wurden. Heute wird es aber häufig synonym mit Leichter Sprache eingesetzt, unabhängig davon, welches konkrete Regelwerk verwendet wurde.
Die eigentlichen Übersetzer sind häufig keine versierten Schreiber, Text-Verfasser oder Redakteure. Das hat Vor- und Nachteile: Häufig haben die Übersetzer direkten Kontakt mit Menschen mit Lernbehinderung und haben so einen direkten Austausch. Andererseits fehlen den Verfassern häufig die Werkzeuge erfahrener Schreiber: Die Text-Qualität ist häufig durchwachsen und oft sind Informationen enthalten, die nicht notwendig sind.
In der Leichten Sprache werden nur sehr einfache Sätze verwendet, sie dürfen nicht zu lang oder verschachtelt sein. Verboten sind Fremdwörter, abstrakte Ausdrücke oder Abkürzungen. Außerdem sollen die Zeilen so umgebrochen werden, dass jede Zeile nur eine Information enthält.
Um die Verständlichkeit zu fördern werden wichtige Aussagen mit einfachen Illustrationen ergänzt. Diese Grafiken knüpfen an das Vorwissen der Zielgruppe an und sollten nicht zu abstrakt sein. Rein dekorative Bilder, wie sie in den meisten Informationstexten verwendet werden lockern zwar den Text auf, tragen aber wenig zur Verständlichkeit bei.
Wichtig ist zum Beispiel, dass die Illustration nur eine Information oder Aussage enthält. Bei Fotografien trifft das häufig nicht zu.
Die Illustrationen sind redundant zum Text-Absatz, das heißt, die Grafik sollte die Aussage des Absatzes unterstützen.

Prozess der Texterstellung

Texte in Leichter Sprache sollen nach einem bestimmten Prozess erstellt werden. Normalerweise wird ein Text von einem geschulten Redakteur aus der Alltagssprache übersetzt. Der Text wird dann von Personen aus der Zielgruppe auf Verständlichkeit geprüft. Erst wenn die Testleser zufrieden sind wird der Text veröffentlicht.
Das Hildesheimer Modell verzichtet auf Testleser. Es wird argumentiert, dass es feststehende Regeln der Verständlichkeit gibt. Die Hildesheimer selbst bieten eine Prüfung und ein Prüfsiegel an.

Vor- und Nachteile der Leichten Sprache

Die Leichte Sprache hat Vor- und Nachteile. Sie ermöglicht es auch Menschen mit geringeren Lese- und Verständnis-Möglichkeiten selbständig an Informationen zu kommen.
Ein Nachteil der Leichten Sprache besteht darin, dass kaum komplexe Informationen vermittelt werden können. Juristische Sachverhalte zum Beispiel lassen sich nicht vollständig vermitteln, weil die Leichte Sprache in gewissem Maße Komplexität und Textmenge reduzieren muss.
Wenn Informationen im allgemeinsprachlichen Text geändert werden, muss der Text in Leichter Sprache ebenfalls überarbeitet werden. Das mag auf den ersten Blick nicht so aufwendig sein, geht aber im allgemeinen Redaktionsalltag oft unter. Es sollten aber auf keinen Fall falsche oder veraltete Informationen im Text stehen bleiben.

Beauftragung und Qualitätssicherung

In diesem Abschnitt wollen wir uns das Thema Beauftragung und Qualitätssicherung bzw. Prüfung anschauen.

Beauftragung

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Büros für Leichte Sprache. Dabei handelt es sich um Einzelpersonen und kleine Agenturen, die Übersetzungen in Leichte Sprache anbieten. Der Begriff „Büro“ ist nicht geschützt und kann daher von jedem verwendet werden. Auch der Begriff „Leichte Sprache“ ist nicht geschützt und unterliegt keinen gesetzlichen Regelungen, außer den in der BITV 2.0 genannten. Die BITV gilt allerdings nur auf Bundesebene, sie ist also für Kommunen, Landeseinrichtungen oder nicht-staatliche Organisationen nicht verbindlich.
Wie in vielen Bereichen gibt es auch in der Leichten Sprache Dienstleister, die es sich sehr einfach machen: Sie sehen eine Möglichkeit, mit wenig Arbeit viel Geld zu verdienen. Umso wichtiger ist eine klare Auftragserteilung und Steuerung.
Gehen Sie also vor, wie Sie bei allen externen Aufträgen vorgehen würden: Fragen Sie etwa Kontakte aus anderen Einrichtungen, ob sie gute Erfahrungen mit bestimmten Agenturen gemacht haben. Prüfen Sie bei der Recherche, ob es Referenzen gibt. Da die meisten Texte der Leichten Sprache öffentlich zugänglich sind, sind Referenzen leicht überprüfbar.
Gehen Sie auch bei der Formulierung von Aufträgen und Ausschreibungen sorgfältig vor. Übersenden Sie die vollständigen zu übersetzenden Texte an potentielle Auftragnehmer. Holen Sie mindestens zwei Angebote ein. Legen Sie fest, welche Regelwerke befolgt werden sollen. In der Regel werden Sie die Regeln des Netzwerks Leichte Sprache beauftragen.
Legen Sie außerdem fest, ob Sie eine Prüfung durch lernbehinderte Menschen wünschen oder nicht.
Sollten Sie eine Übersetzung in Leichte Sprache planen, sollten Sie dafür ausreichend Vorlaufzeit einplanen. Viele von den renommierten Leichte-Sprache-Büros sind gut ausgelastet und benötigen ausreichend Vorlaufzeit. Planen Sie am besten schon vor der Ausschreibung diese Zeit mit ein und klären Sie sobald wie möglich mit dem Auftragnehmer ab, wann die Texte zur Übersetzung vorgelegt werden.

Prüfung von Texten in Leichter Sprache

Obwohl es Regelwerke gibt, schwankt die Qualität der Texte teils stark. Deswegen ist eine kritische Prüfung wichtig.
Werden schwierige, nicht geläufige Wörter im Text vermieden oder erklärt? Dazu gehören meines Erachtens auch Begriffe wie „Projekt“, „Kampagne“ oder „Management“.
Sind die Illustrationen aussagekräftig und passen sie zum jeweiligen Inhalt? Sind sie handwerklich sauber erstellt worden?
Sind falsche Aussagen enthalten? Gerade bei spezielleren Texten passiert es schnell, dass Aussagen verkürzt und damit manchmal falsch werden. Keine Information ist in einigen Bereichen wie Gesundheit oder Finanzen besser als falsche Informationen.
Auch wenn die Leichte Sprache nicht unbedingt den allgemeinen orthografischen Regeln folgt, sollten natürlich auch hier keine Rechtschreibfehler auftauchen.

Qualitätssicherung in der Online-Redaktion

Halten Sie Texte in Leichter Sprache auf Ihrer Website bereit, sind Besonderheiten zu beachten.
Enthalten Texte rechtliche oder zeitlich variierende Informationen, müssen Alltags- und Leichte-Sprache informations-synchron gehalten werden. Auf keinen Fall sollten Texte in Leichter Sprache falsche oder veraltete Informationen enthalten, wenn sie im Alltags-Sprache-Text aktualisiert worden sind. Damit machen Sie sich angreifbar. Kleine Änderungen können Sie ruhig selbst vornehmen, dafür müssen Sie keine neue Übersetzung beauftragen.
Ist es nicht möglich, den Leichte-Sprache-Text zu aktualisieren, sollte er lieber offlein genommen werden.
Gleiches gilt, wenn auch nicht so stark für Informationen in PDF-Dateien. Hier sollten Sie auf jeden Fall sicherstellen, dass ein Datum der Veröffentlichung oder letzten Aktualisierung enthalten ist.
Können Sie, warum auch immer nicht sicherstellen, dass Informationen in Alltagssprache und Leichter Sprache synchron sind, sollten Sie vielleicht auf die Version in Leichter Sprache eher verzichten.

Weiterführende Informationen und Links

Regeln des Netzwerks Leichte Sprache
https://www.leichte-sprache.org/wp-content/uploads/2017/11/Regeln_Leichte_Sprache.pdf
Regelbuch Leichte Sprache der Universität Hildesheim
https://www.uni-hildesheim.de/media/fb3/uebersetzungswissenschaft/Leichte_Sprache_Seite/Publikationen/Regelbuch_komplett.pdf
Hurraki ist ein Wörterbuch für Leichte Sprache
https://hurraki.de/wiki/Hauptseite
HWelt ist eine Sammlung von Online-Texten zur Leichten Sprache
https://hwelt.de/

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Wenn Du es nicht machst, macht es keiner