{"id":1008,"date":"2018-04-27T13:05:01","date_gmt":"2018-04-27T11:05:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?page_id=1008"},"modified":"2023-08-12T13:30:06","modified_gmt":"2023-08-12T11:30:06","slug":"warum-auch-sonder-loesungen-barrierefrei-fuer-alle-sein-sollten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/warum-auch-sonder-loesungen-barrierefrei-fuer-alle-sein-sollten\/","title":{"rendered":"Warum auch spezielle L\u00f6sungen barrierefrei f\u00fcr alle sein sollten"},"content":{"rendered":"<p>Die Frage wird schon so lange diskutiert, wie \u00fcber Barrierefreiheit diskutiert wird. M\u00fcssen Sonder- und Insell\u00f6sungen eigentlich barrierefrei sein?Wir dachten eigentlich, dass diese Frage mittlerweile gekl\u00e4rt sei, sie opppt aber im Zuge des mobilen Webs und insbesondere der Apps wieder auf und stellt sich sogar im versch\u00e4rftem Ma\u00dfe, warum erkl\u00e4re ich im Verlauf des Artikels.<br \/>\nWas sind Sonderl\u00f6sungen<br \/>\nBei Sonderl\u00f6sungen handelt es sich um Projekte, die von Haus aus an spezielle Zielgruppen gerichtet sind. Einige Beispiele dazu gibt es bei <span class=\"removed_link\" title=\"http:\/\/www.einfach-fuer-alle.de\/artikel\/best-practice-beispiele\/\">Einfach f\u00fcr alle<\/span>. Als Insell\u00f6sungen w\u00fcrde ich spezielle Versionen von Anwendungen oder Websites f\u00fcr besondere Zielgruppen bezeichnen. Die sind mit ein paar Ausnahmen unerw\u00fcnscht. Ich stelle mir gerade die Textversion einer Facebook-App f\u00fcr Blinde vor, das ist nat\u00fcrlich Unsinn, aber man kann nie sagen, was sich die Leute so ausdenken.<br \/>\nDie Antwort ist allerdings eindeutig, auch Sonderl\u00f6sungen sollten barrierefrei sein. Daf\u00fcr gibt es verschiedene Gr\u00fcnde. Der sicherlich wichtigste Grund ist, dass eine Behinderung selten allein kommt. Beispielsweise gehen eine geistige und eine k\u00f6rperliche Behinderung wie eine Seh- oder Bewegungseinschr\u00e4nkung sehr h\u00e4ufig miteinander eineher.<br \/>\nDas zweite Argument ist ein wenig komplizierter. Ich h\u00f6re nach wie vor das Argument, irgendwelche Shops w\u00fcrden ihren Webauftritt nicht barrierefrei machen, weil sie sowieso keine blinden Kunden haben. Ich muss sagen, dass ist das d\u00fcmmste, was jemand von sich geben kann. Zum einen wei\u00df ein Online-Shop nat\u00fcrlich nicht &#8211; geht ihn auch nichts an &#8211; ob seine Kunden blind, gehbehindert oder sonst was sind. Zum anderen k\u00f6nnen Blinde bei ihm nat\u00fcrlich nicht einkaufen, wenn sein Shop nicht barrierefrei ist.<br \/>\nDas gleiche Argument h\u00f6rt man aber in abgewandelter Form von den Anbietern von Sonderl\u00f6sungen. Unsere Apps richten sich nur an Rollstuhlfahrer, Autisten oder Geh\u00f6rlose, um die anderen k\u00f6nnen wir uns leider nicht k\u00fcmmern. Genau genommen ist das die gleiche Aussage wie die Shopbetreiber es anbringen: &#8222;Wir verkaufen nichts f\u00fcr Blinde, deshalb m\u00fcssen wir nicht zug\u00e4nglich sein&#8220;.<br \/>\nDas dritte Argument ist nat\u00fcrlich der Aufwand, f\u00fcr uns am unwichtigsten, f\u00fcr die Entwickler das Wichtigste: Es ist zu aufwendig, das Teil f\u00fcr alle barrierefrei zu machen. Das stimmt streng genommen, denn barrierefreie L\u00f6sungen, die f\u00fcr alle funktionieren gibt es kaum. Es gibt kaum Inhalte in Geb\u00e4rdensprache oder Leichter Sprache und selbst wenn es sie gibt wird es immer noch jemanden geben, der damit nicht zurecht kommt. Zugleich ist das Argument vorgeschoben, denn es geht ja erst einmal darum, eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Gruppe von Behinderten zu erreichen und das l\u00e4sst sich mit relativ wenig Aufwand erreichen. Zumindest wenn Barrierefreiheit schon konzeptionell mitgedacht wird. Wenn man es erst hinterher aufpropft, wird es nat\u00fcrlich wesentlich teurer. So wie alles andere teurer wird, wenn man es erst im Nachhinein einbaut.<br \/>\nDas zweitbl\u00f6deste Argument ist eine Abwandlung des ersten hier vorgebrachten: Behinderte nutzen unsere Anwendung nicht. Blinde gucken keine Filme, Geh\u00f6rlose h\u00f6ren keine Musik, Rollstuhlfahrer gehen nicht tanzen&#8230; Klar, und Leute, die keine Z\u00e4hne haben essen auch nichts. Das ist nun wirklich ein vorgeschobenes Argument, denn wer so etwas sagt hat sich offenbar nicht damit besch\u00e4ftigt und sollte vielleicht \u00fcber Dinge sprechen, von denen er etwas versteht.<br \/>\nKeine Sonderl\u00f6sung im eigentlichen Sinne sind Speziall\u00f6sungen durch die Hintert\u00fcr. So gelten die meisten Social-Media-Anwendungen im Web wie Facebook, Twitter und Google+ als nicht barrierefrei. Die Apps, die von den Anwendern selbst kommen solllten hingegen ganz gut nutzbar sein. Die Anbieter scheinen zu meinen, wenn ihre Apps barrierefrei sind m\u00fcssten die Webanwendungen es nicht sein oder so. Es gibt zwar sicher unheimlich viele behinderte Nutzer, die das Zeug mobil nutzen, aber wirklich \u00fcberzeugen kann mich das Argument nicht. <\/p>\n<h2>Apps lassen sich nicht anpassen<\/h2>\n<p>Bei Websites und den meisten Dokumenten haben Blinde die M\u00f6glichkeit, sie durch bestimmte Strategien auch dann zug\u00e4nglich zu machen, wenn sie eigentlich unzug\u00e4nglich sind. Es ist kompliziert, nervt\u00f6tend und \u00fcberfl\u00fcssig aber machbar. Bei Apps ist das wesentlich schwieriger. Man kann zum Beispiel unbenannte Grafiken oder Bedienelemente nachtr\u00e4glich beschriften, aber das verschwindet oft nach einem Update. Man kann das Trial-and-Error-Prinzip verwenden, das hat meistens keine schwerwiegenden Folgen, aber manchmal eben doch. Man kann als letztes mittel gucken, ob es eine barrierefreie Alternative gibt, aber oft genug gibt es sie nicht. Das Ganze ist umso bedauerlicher, weil die entsprechenden Ger\u00e4te sogar mehr M\u00f6glichkeiten zur barrierefreien Bedienung bieten als Webseiten auf dem Desktop-Rechner.<br \/>\nWir sollten daher nicht zulassen, dass die mangelnde Zug\u00e4nglichkeit von Sonderl\u00f6sungen wieder zum standard wird. Das gilt auch dann, wenn solche Argumente von Behinderten selbst kommen, die es eigentlich besser wissen sollten.<br \/>\nAm Ende wei\u00df der Appentwickler auch gar nicht, wie die Menschen seine App einsetzen werden. Solange sie nichts illegales machen kann ihm das auch egal sein. Die Praxis zeigt aber, dass Behinderte sehr kreativ sein k\u00f6nnen, wenn es um den Einsatz von Technologien geht, um sich das Leben zu erleichtern. Wenn ich heiser bin k\u00f6nnte ich eine dieser Kommunikations-Apps zur Unterst\u00fctzten Kommunikation verwenden, um dringende Sachen zu erledigen, f\u00fcr die ich sprechen muss. Eine App, um den Medikamentenkonsum oder bestimmte K\u00f6rperdaten zu dokumentieren kann f\u00fcr ganz andere Sachen gut sein.<br \/>\nAm Ende w\u00e4re es doch fatal, wenn gerade die Behindertenverb\u00e4nde oder Interessensgruppen die Idee des Universal Design auffweichen w\u00fcrden.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/netz-barrierefrei.de\/en\/special-solutions.html\">Why even special Solutions should be accessible to everyone<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage wird schon so lange diskutiert, wie \u00fcber Barrierefreiheit diskutiert wird. 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