{"id":10613,"date":"2026-02-20T19:41:06","date_gmt":"2026-02-20T17:41:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?page_id=10613"},"modified":"2026-02-21T12:01:13","modified_gmt":"2026-02-21T10:01:13","slug":"interview-mit-clara-henning-zu-user-tests-mit-menschen-mit-behinderung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-clara-henning-zu-user-tests-mit-menschen-mit-behinderung\/","title":{"rendered":"Interview mit clara Henning zu User Tests mit Menschen mit Behinderung"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/blinde-person-vor-rechner.jpg\" alt=\"Blinde Person vor Rechner\" width=\"1024\" height=\"1024\" class=\"alignleft size-full wp-image-10617\" srcset=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/blinde-person-vor-rechner.jpg 1024w, https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/blinde-person-vor-rechner-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/blinde-person-vor-rechner-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/blinde-person-vor-rechner-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/digitale-barrierefreiheit.podigee.io\/339-user-tests-mit-menschen-mit-behinderung-ein-interview-mit-clara-henning\/embed?context=external&#038;theme=default\" style=\"border: 0\" frameBorder=\"0\" height=\"100\" width=\"100%\"><\/iframe><br \/>\nDies ist das Transkript des Interviews mit Clara Henning zum Thema User-Tests mit Menschen mit Behinderung. F\u00fcr die bessere Lesbarkeit wurde es sprachlich gegl\u00e4ttet. alle Fehler und Ungenauigkeiten gehen auf mein Konto.<br \/>\nDomingos: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts zur digitalen Barrierefreiheit. Heute freue ich mich besonders, Clara Henning als Gespr\u00e4chspartnerin begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen. Sie wird uns Einblicke in User-Tests mit Menschen mit Behinderungen geben. Vielen Dank, Clara, dass du dir die Zeit nimmst.<br \/>\nClara: Sehr gerne, ich freue mich auf das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_82_2 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-clara-henning-zu-user-tests-mit-menschen-mit-behinderung\/#Ueber_clara_und_ihren_Weg_zur_Barrierefreiheit\" >\u00dcber clara und ihren Weg zur Barrierefreiheit<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-clara-henning-zu-user-tests-mit-menschen-mit-behinderung\/#Spezielle_Test-Bedingungen_bei_Menschen_mit_Behinderung\" >Spezielle Test-Bedingungen bei Menschen mit Behinderung<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-clara-henning-zu-user-tests-mit-menschen-mit-behinderung\/#Sensibilisierung_des_Kunden\" >Sensibilisierung des Kunden<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Ueber_clara_und_ihren_Weg_zur_Barrierefreiheit\"><\/span>\u00dcber clara und ihren Weg zur Barrierefreiheit<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Domingos: Wie \u00fcblich beginnen wir mit einer kurzen Vorstellung: Erz\u00e4hl uns doch bitte etwas \u00fcber deinen fachlichen Hintergrund und deine aktuelle berufliche T\u00e4tigkeit.<br \/>\nClara: Gerne. Ich bin Clara und arbeite als User Researcherin bei Leefs in K\u00f6ln. Urspr\u00fcnglich komme ich jedoch aus einem ganz anderen Bereich: Ich habe zun\u00e4chst Physiotherapie studiert und diesen Beruf auch einige Zeit ausge\u00fcbt. Im Anschluss habe ich mich jedoch f\u00fcr ein weiteres Studium entschieden und bin in das Feld der Informationstechnologie gewechselt \u2013 genauer gesagt in den Bereich der nutzerzentrierten Entwicklung digitaler Produkte.<br \/>\nHeute besch\u00e4ftige ich mich damit, digitale Anwendungen aus einer menschenzentrierten Perspektive zu verbessern. Bei Leaves arbeiten wir als kleines Team daran, Unternehmen dabei zu unterst\u00fctzen, ihre Nutzerinnen  beziehungsweise Endanwenderinnen besser zu verstehen. Konkret bedeutet das, dass ich Bed\u00fcrfnisse, Erwartungen und Problemstellungen identifiziere, die durch digitale Produkte adressiert werden sollen. Ziel ist es, den Nutzungskontext transparenter zu machen, sodass Entwicklungsteams fundierte Entscheidungen treffen k\u00f6nnen und relevante Anforderungen nicht aus dem Blick verlieren.<br \/>\nDomingos: Ihr habt euch in eurer Arbeit unter anderem intensiv mit digitaler Barrierefreiheit und User Research besch\u00e4ftigt. Kannst du erl\u00e4utern, wie ihr zu diesem Thema gekommen seid?<br \/>\nClara: Sehr gerne. Der Weg in dieses Themenfeld war f\u00fcr uns als Team tats\u00e4chlich ausgesprochen spannend. Das liegt inzwischen etwa zwei Jahre zur\u00fcck. Damals haben wir erstmals intensiver wahrgenommen, dass sich im regulatorischen Umfeld etwas ver\u00e4ndert \u2013 insbesondere im Zusammenhang mit dem Barrierefreiheitsst\u00e4rkungsgesetz. In diesem Kontext stellten wir uns zun\u00e4chst ganz grundlegend die Frage, welche konkreten Anforderungen und Implikationen sich daraus ergeben.<br \/>\nWir haben daraufhin bewusst einen gemeinsamen Termin im Team angesetzt, um unseren Wissensstand zu erfassen: Welche Vorerfahrungen gibt es bereits? Wer hatte bislang Ber\u00fchrungspunkte mit digitaler Barrierefreiheit? Die ehrliche Bestandsaufnahme fiel eher ern\u00fcchternd aus \u2013 unser Wissen war noch fragmentarisch. Gleichzeitig wurde uns sehr deutlich, dass das Thema inhaltlich hervorragend zu unserem Selbstverst\u00e4ndnis passt. Unsere Arbeit ist konsequent nutzerzentriert ausgerichtet, h\u00e4ufig beschrieben mit dem Ansatz des Human-Centered Design und der User Research. Wenn der Mensch im Mittelpunkt steht, darf Barrierefreiheit folglich kein Randthema sein.<br \/>\nVor diesem Hintergrund haben wir entschieden, uns systematisch einzuarbeiten. Wir sind bewusst kleinschrittig vorgegangen: Zun\u00e4chst haben wir unser Netzwerk aktiviert, um bestehende Expertise zu identifizieren. Ich habe beispielsweise \u00fcber LinkedIn gezielt nach Erfahrungen im Bereich barrierefreie User Research gefragt. Durch Gespr\u00e4che mit Praktikerinnen und Praktikern konnten wir ein besseres Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr entwickeln, wie ein sinnvoller Einstieg aussieht und welche methodischen sowie organisatorischen Aspekte zu ber\u00fccksichtigen sind.<br \/>\nAuf dieser Basis haben wir uns als Team schrittweise vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt und gepr\u00fcft, wie wir Barrierefreiheit konkret in unsere Forschungsprozesse und in die Zusammenarbeit mit unseren Kundinnen und Kunden integrieren k\u00f6nnen. Dabei ging es nicht nur um regulatorische Anforderungen, sondern vor allem um die qualitative Verbesserung unserer Arbeit.<br \/>\nBesonders pr\u00e4gend war f\u00fcr mich pers\u00f6nlich der Aufbau eines Panels mit Menschen mit Behinderungen. In den ersten telefonischen Gespr\u00e4chen entstand ein unmittelbarer Austausch, der mir sehr deutlich vor Augen gef\u00fchrt hat, welche spezifischen Herausforderungen im digitalen Alltag bestehen. Diese direkten Einblicke haben mein Verst\u00e4ndnis erheblich erweitert. Teilweise dauerten die Gespr\u00e4che eine Stunde oder l\u00e4nger, weil es mir wichtig war, die individuellen Perspektiven wirklich nachzuvollziehen.<br \/>\nAus diesen Kontakten konnten wir sehr konkret ableiten, an welchen Stellen wir unsere Forschungsdesigns, unsere Test-Setups und unsere Kommunikation anpassen m\u00fcssen. Diese pers\u00f6nliche Auseinandersetzung war au\u00dferordentlich wertvoll \u2013 fachlich wie auch menschlich. Nach vielen dieser Gespr\u00e4che war ich nachhaltig beeindruckt von der Offenheit und der Expertise, die uns entgegengebracht wurde.<br \/>\nDomingos: Du hast bereits das Panel erw\u00e4hnt. Viele Zuh\u00f6rerinnen k\u00f6nnen sich vermutlich noch nicht genau vorstellen, wie User Research konkret funktioniert. K\u00f6nntest du daher erl\u00e4utern, was unter einem Panel zu verstehen ist \u2013 und wie euer Panel im Kontext digitaler Barrierefreiheit aufgebaut ist?<br \/>\nClara: Gerne. Ein Panel ist, stark vereinfacht gesagt, eine strukturierte Kontaktbasis \u2013 also eine kuratierte Liste von Personen, die bestimmte definierte Kriterien erf\u00fcllen und grunds\u00e4tzlich bereit sind, an Forschungsformaten teilzunehmen. Panels lassen sich f\u00fcr unterschiedlichste Zielgruppen aufbauen. Wir verf\u00fcgen beispielsweise auch \u00fcber ein Landwirtschaftspanel, das aus Landwirtinnen und Landwirten besteht, die wir f\u00fcr Interviews oder Nutzertests rekrutieren k\u00f6nnen.<br \/>\nIm Fall unseres Barrierefreiheitspanels handelt es sich um Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Der inhaltliche Schwerpunkt lag zu Beginn auf Personen mit visuellen Einschr\u00e4nkungen, da wir hier unsere ersten Aktivit\u00e4ten gestartet haben. Inzwischen umfasst das Panel jedoch auch Menschen mit kognitiven, auditiven und motorischen Beeintr\u00e4chtigungen. Es gibt also keine bewusste thematische Ausgrenzung, wenngleich der Fokus initial st\u00e4rker auf dem Bereich Sehen lag.<br \/>\nMethodisch ist es wichtig zu verstehen, dass User Research nicht prim\u00e4r aus Umfragen besteht \u2013 auch wenn das h\u00e4ufig angenommen wird. Deutlich h\u00e4ufiger f\u00fchren wir qualitative Interviews oder Usability-Tests durch. Bei Letzteren testen Personen konkrete digitale Produkte: beispielsweise Websites, Apps oder Softwarel\u00f6sungen. Diese k\u00f6nnen entweder bereits live sein oder sich noch im Prototypenstadium befinden. Gerade die Testung von Konzepten oder Prototypen vor der eigentlichen Entwicklung ist besonders wertvoll, da Optimierungspotenziale fr\u00fchzeitig identifiziert werden k\u00f6nnen. Ziel ist es, Produkte so anzupassen, dass sie beim Launch m\u00f6glichst gut den tats\u00e4chlichen Bed\u00fcrfnissen der Nutzerinnen und Nutzer entsprechen.<br \/>\nEine zentrale Herausforderung im gesamten Forschungsprozess besteht regelm\u00e4\u00dfig in der Rekrutierung geeigneter Testpersonen. Zwischen der initialen Fragestellung (\u201eWas m\u00f6chten wir herausfinden?\u201c) und belastbaren Ergebnissen liegt der operative Schritt, die passenden Personen zu identifizieren. Diese m\u00fcssen der jeweiligen Zielgruppe eines Unternehmens entsprechen \u2013 was je nach Projekt sehr spezifische Kriterien beinhalten kann. Dieser Rekrutierungsprozess ist h\u00e4ufig zeitintensiv und stellt eine der gr\u00f6\u00dften H\u00fcrden in der User Research dar.<br \/>\nVor diesem Hintergrund haben wir entschieden, f\u00fcr das Thema digitale Barrierefreiheit proaktiv vorzugehen. Unser Anspruch ist es, Unternehmen diese H\u00fcrde zu erleichtern, indem wir bereits auf ein bestehendes Netzwerk von Personen mit Behinderungen zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen, die grunds\u00e4tzlich zur Teilnahme bereit sind. Die Panelmitglieder wissen, was sie in Interviews oder Tests erwartet, und bringen ein echtes Interesse an der Mitgestaltung digitaler Produkte mit.<br \/>\nDabei achten wir bewusst auf eine heterogene Zusammensetzung. Es finden sich sowohl sehr technikaffine Personen mit hoher digitaler Expertise als auch Menschen, die eher typische Alltagsnutzerinnen und -nutzer repr\u00e4sentieren. Diese Bandbreite ist essenziell, um unterschiedliche Nutzungsmuster und Kompetenzniveaus abzubilden.<br \/>\nF\u00fcr jedes Projekt pr\u00fcfen wir dann gezielt, welche Profile f\u00fcr die jeweilige Fragestellung geeignet sind. Auf diese Weise k\u00f6nnen wir schnell und passgenau rekrutieren, ohne jedes Mal bei null beginnen zu m\u00fcssen. Gerade im Bereich digitaler Barrierefreiheit ist diese strukturierte Vorbereitung ein entscheidender Erfolgsfaktor.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Spezielle_Test-Bedingungen_bei_Menschen_mit_Behinderung\"><\/span>Spezielle Test-Bedingungen bei Menschen mit Behinderung<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Domingos: Wie gestaltet sich ein solcher Test konkret? Bei der Einbindung von Menschen mit Behinderungen sind vermutlich spezifische Rahmenbedingungen zu ber\u00fccksichtigen. Beispielsweise kann die Nutzung assistiver Technologien zus\u00e4tzliche Zeit erfordern. F\u00fchrt ihr die Tests eher remote durch, etwa per Videokonferenz, oder arbeitet ihr mit einem station\u00e4ren Testlabor und besonderen Vorkehrungen?<br \/>\nClara: Aktuell f\u00fchren wir diese Tests \u00fcberwiegend remote durch. Dabei legen wir gro\u00dfen Wert darauf, uns an die Bed\u00fcrfnisse und Gewohnheiten der jeweiligen Testperson anzupassen. Ein zentraler Aspekt ist die Wahl des Videokonferenz-Tools. H\u00e4ufig nutzen wir beispielsweise Zoom, teilweise auch Microsoft Teams oder andere g\u00e4ngige L\u00f6sungen. Entscheidend ist jedoch nicht unsere Pr\u00e4ferenz, sondern welches Tool der betreffenden Person bereits vertraut ist. Dadurch vermeiden wir zus\u00e4tzliche Einstiegsh\u00fcrden und stellen sicher, dass sich die Teilnehmenden in einer m\u00f6glichst vertrauten digitalen Umgebung bewegen.<br \/>\nDer Ablauf einer Studie beginnt in der Regel mit einer engen Abstimmung mit dem Auftraggeber \u2013 h\u00e4ufig Designerinnen, Entwickler oder Product Owner. Gemeinsam definieren wir die Forschungsziele: Welche Fragestellungen sollen beantwortet werden? Welche Materialien oder Prototypen liegen vor? Handelt es sich um eine bereits live geschaltete Website, eine App oder um ein Konzept im Prototypenstadium?<br \/>\nAnschlie\u00dfend pr\u00fcfen wir, welche Profile aus unserem Panel f\u00fcr die jeweilige Fragestellung geeignet sind. Wir versenden eine strukturierte Einladung per E-Mail an passende Panelmitglieder. Darin sind Thema, Zielsetzung, zeitlicher Umfang sowie organisatorische Details transparent beschrieben.<br \/>\nZeitlich planen wir bei Tests mit Menschen mit Behinderungen in der Regel gro\u00dfz\u00fcgiger \u2013 meist zwischen 60 und 90 Minuten pro Einzeltermin. Die Sessions finden grunds\u00e4tzlich one-on-one statt. Im Vergleich zu klassischen Usability-Tests kalkulieren wir bewusst mehr Zeit ein. Das hat mehrere Gr\u00fcnde:<br \/>\n\u2022  Die technische Einrichtung, insbesondere im Zusammenspiel mit assistiven Technologien wie Screenreadern oder Vergr\u00f6\u00dferungssoftware, ben\u00f6tigt teilweise zus\u00e4tzlichen Abstimmungsaufwand.<br \/>\n\u2022  Bestimmte Interaktionen dauern naturgem\u00e4\u00df l\u00e4nger.<br \/>\n\u2022  Zudem ist die kognitive Belastung bei intensiven Testsituationen nicht zu untersch\u00e4tzen.<br \/>\nWir ber\u00fccksichtigen daher auch mentale Erm\u00fcdung und strukturieren die Sessions entsprechend mit klaren Phasen und ausreichend Raum f\u00fcr Pausen, falls erforderlich.<br \/>\nTechnisch bereiten wir die Sitzung so vor, dass ein reibungsloser Ablauf m\u00f6glich ist. \u00dcblicherweise planen wir einen zeitlichen Puffer ein, sodass sich die Testperson etwa zehn Minuten vor Beginn zuschalten kann. In vielen F\u00e4llen bitten wir die Teilnehmenden, ihren Bildschirm zu teilen. Wenn beispielsweise eine Live-Website getestet wird, \u00f6ffnet die Person diese in ihrem eigenen Browser und wir beobachten in Echtzeit, wie sie navigiert, wo sie sich befindet und welche Interaktionen stattfinden. So erhalten wir authentische Einblicke in tats\u00e4chliche Nutzungsszenarien \u2013 inklusive der Verwendung assistiver Technologien im gewohnten individuellen Setup.<br \/>\nDiese Herangehensweise hat sich f\u00fcr uns als sehr praktikabel erwiesen, da sie sowohl Flexibilit\u00e4t als auch Realit\u00e4tsn\u00e4he gew\u00e4hrleistet.<br \/>\nEin besonders relevanter Punkt ist beispielsweise die Testung mit Screenreadern oder Sprachassistenzsystemen. Wenn jemand den Screenreader einsetzt, m\u00fcssen wir zu Beginn des Termins sicherstellen, dass die Sprachausgabe korrekt \u00fcbertragen wird, damit wir und gegebenenfalls auch die Teams unserer Kunden den Ton mitverfolgen k\u00f6nnen. Das ist nicht nur f\u00fcr uns interessant, sondern besonders lehrreich f\u00fcr die Beteiligten aus den Unternehmen: Sie bekommen unmittelbar mit, wie die Person mit dem Screenreader arbeitet, wie schnell die Ausgabe erfolgt und welche Herausforderungen dabei auftreten k\u00f6nnen. Gerade dieser technische Setup ist zu Beginn einer Session oft eine kleine Herausforderung, die wir jedoch aktiv begleiten.<br \/>\nW\u00e4hrend der Tests ist es zentral, flexibel auf unvorhergesehene H\u00fcrden zu reagieren. Als Moderatorin achte ich darauf, dass die Testperson jederzeit den Eindruck hat, nicht selbst \u201egetestet\u201c zu werden. Im Gegenteil: Sie ist die Expertin oder der Experte f\u00fcr ihre bzw. seine Alltagssituation. Dieses Rollenverst\u00e4ndnis sorgt daf\u00fcr, dass sich die Teilnehmenden sicher f\u00fchlen und authentisches Feedback geben k\u00f6nnen.<br \/>\nNach der Durchf\u00fchrung erhalten die Panelmitglieder eine angemessene Aufwandsentsch\u00e4digung \u2013 ein Aspekt, den wir in unseren telefonischen Vorgespr\u00e4chen oft als wichtig identifiziert haben, da dies in anderen Kontexten, wie etwa universit\u00e4ren Studien, nicht immer selbstverst\u00e4ndlich ist. Dar\u00fcber hinaus pflegen wir eine R\u00fcckkopplung: Nach Abschluss eines Projekts teilen wir die zentralen Erkenntnisse mit den Panelmitgliedern. So erfahren sie, was konkret aus den Tests abgeleitet wurde.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus ist es uns wichtig, den Kreis zu schlie\u00dfen: Nach einigen Wochen oder Monaten informieren wir die Panelmitglieder \u00fcber die Umsetzung der Ergebnisse bei unseren Kunden. So wird transparent, dass ihre Zeit und ihr Input einen echten Einfluss hatten und dass die Teilnahme an den Tests tats\u00e4chlich zu Verbesserungen gef\u00fchrt hat. Dieses Vorgehen basiert auf unseren Erfahrungen aus den ersten Telefonaten mit Menschen mit Behinderungen und ist seitdem ein fester Bestandteil unseres Prozesses \u2013 sowohl aus Respekt gegen\u00fcber den Teilnehmenden als auch, um die Wirkung der Forschung greifbar zu machen.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Sensibilisierung_des_Kunden\"><\/span>Sensibilisierung des Kunden<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Domingos: Das ist tats\u00e4chlich ein Klassiker: Kunden d\u00fcrfen bei Usability-Tests h\u00e4ufig zuschauen. Wie relevant ist das speziell im Kontext digitaler Barrierefreiheit?<br \/>\nClara: Das ist enorm wertvoll. Ein Beispiel aus unserer letzten Studie: Wir haben gepr\u00fcft, wie barrierefrei PDF-Dokumente sind, wenn sie beispielsweise per E-Mail verschickt werden. Bei diesem Projekt hatten zwei Mitarbeitende unseres Kunden vorab schon Anpassungen an den Dokumenten vorgenommen, entsprechend der geltenden Richtlinien. Diese beiden Personen haben wir dann als stille Zuschauer in die Test-Session eingeladen.<br \/>\n\u201eStille Zuschauer\u201c bedeutet, dass sie zwar mitverfolgen, was passiert, aber keine Fragen w\u00e4hrend des Tests stellen. Das ist wichtig, weil zu viele Stimmen w\u00e4hrend der Testung verwirrend sein k\u00f6nnen \u2013 sowohl f\u00fcr die getestete Person als auch f\u00fcr das Forschungsteam. Die Beobachtenden k\u00f6nnen so direkt erleben, wie Nutzerinnen und Nutzer tats\u00e4chlich mit dem Produkt interagieren, welche Schwierigkeiten auftreten und welche Erwartungen sie haben.<br \/>\nGerade f\u00fcr die Mitarbeitenden unseres Kunden war das ein echter Aha-Moment. Oft waren sie \u00fcberrascht von bestimmten Verhaltensweisen oder Problemen, die sie vorher nicht erwartet hatten. Dieses direkte Erleben hat den Lerneffekt enorm verst\u00e4rkt: Sie konnten sich sp\u00e4ter viel besser an konkrete Situationen erinnern, an die Reaktionen der Testpersonen, und die gewonnenen Erkenntnisse im Team diskutieren.<br \/>\nWenn ich anschlie\u00dfend die Hauptergebnisse zusammenfasse, Zitate aus den Tests einbringe und Empfehlungen ableite, ist der Effekt f\u00fcr die Beobachtenden viel gr\u00f6\u00dfer, weil sie die Situationen selbst miterlebt haben. Der Mehrwert ist also deutlich h\u00f6her, als wenn sie nur eine schriftliche Zusammenfassung erhalten w\u00fcrden.<br \/>\nDabei gilt aber: Wir laden nicht 50 Personen gleichzeitig ein, sondern nur eine kleine, ausgew\u00e4hlte Gruppe, damit die Testperson sich wohlf\u00fchlt und der Ablauf angenehm bleibt. Vorab informieren wir die Zuschauer nat\u00fcrlich \u00fcber ihre Rolle, und am Ende des Tests haben sie die M\u00f6glichkeit, noch Fragen zu stellen oder Feedback zu geben. Gerade in unserem Bereich der digitalen Barrierefreiheit liefert das Einbeziehen der Beobachtenden einen echten, praxisnahen Mehrwert f\u00fcr alle Beteiligten.<br \/>\nDomingos: Gab es Erkenntnisse, die dich pers\u00f6nlich \u00fcberrascht haben? Zum Beispiel Funktionen, die f\u00fcr uns total sinnvoll erscheinen, aber f\u00fcr Menschen mit Behinderungen gar nicht oder nur sehr umst\u00e4ndlich nutzbar sind?<br \/>\nClara: Ja, da gab es definitiv einige Aha-Momente. Besonders bei den PDF-Dokumenten ist mir etwas aufgefallen: F\u00fcr uns ist es oft ganz einfach, ein Dokument schnell zu \u00fcberfliegen, Informationen zu erfassen und Zusammenh\u00e4nge zu erkennen. F\u00fcr Nutzerinnen mit Screenreadern sah das jedoch ganz anders aus. Manche Bereiche des Dokuments waren schlicht nicht zug\u00e4nglich, und man merkt erst beim Test, dass diese Inhalte \u00fcberhaupt nicht vorgelesen werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDas bedeutet, dass man deutlich mehr kognitiv mitdenken muss: \u201eFehlt gerade etwas? Habe ich die Information korrekt erfasst?\u201c In manchen F\u00e4llen mussten die Testpersonen das Dokument noch einmal auf einem anderen Weg \u00f6ffnen, um fehlende Inhalte zu erfassen. Mir wurde dabei bewusst, wie hoch die zus\u00e4tzliche kognitive Belastung ist \u2013 man denkt w\u00e4hrenddessen permanent mit und pr\u00fcft, ob die Informationen vollst\u00e4ndig sind. Das war f\u00fcr mich vorher nicht so greifbar und hat mich wirklich \u00fcberrascht.<br \/>\nEin weiteres Beispiel betrifft klassische Webseitenaufbauten: Wenn sich Inhalte schrittweise \u00f6ffnen, etwa modale Fenster oder dynamische Auswahlfelder, mag das f\u00fcr ge\u00fcbte Nutzerinnen \u00fcbersichtlich wirken. F\u00fcr Menschen, die auf bestimmte Fokussteuerungen angewiesen sind, kann das jedoch sehr verwirrend sein, selbst wenn die Technik formal korrekt umgesetzt ist.<br \/>\nSolche Beobachtungen zeigen, wie unterschiedlich Nutzungsrealit\u00e4ten sein k\u00f6nnen, je nach assistiven Technologien und individuellen Bed\u00fcrfnissen. Genau das macht User Research in diesem Bereich so spannend: Man sieht Funktionen aus einer ganz neuen Perspektive und erkennt Optimierungspotenziale, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte.<br \/>\nDomingos: Wie herausfordernd ist es f\u00fcr euch, wenn jemand assistive Technologien wie Screenreader oder Bildschirmzoom nutzt? Manchmal arbeiten die Systeme ja sehr schnell oder mit starken Vergr\u00f6\u00dferungen \u2013 da ist es f\u00fcr Sehende oft schwer nachzuvollziehen, was genau passiert.<br \/>\nClara: Ja, das stimmt, das ist tats\u00e4chlich eine besondere Herausforderung. Ich muss mich in solchen F\u00e4llen deutlich st\u00e4rker konzentrieren. Mir f\u00e4llt es nicht unm\u00f6glich, den Vorg\u00e4ngen zu folgen, aber es erfordert, dass ich sehr aufmerksam bin. Als Moderatorin muss ich genau beobachten, was passiert: Ich achte auf die Bildschirmaktivit\u00e4ten, auf die verbalen Hinweise der Testperson und oft auch auf Gesichtsausdr\u00fccke, wenn die Kamera an ist. Ein kleines Stirnrunzeln oder eine Geste kann schon einen Hinweis geben, wo es gerade hakt, und ich notiere mir, sp\u00e4ter gezielt nachzufragen.<br \/>\nEs ist also mental sehr fordernd \u2013 es passiert permanent viel im Kopf, w\u00e4hrend ich gleichzeitig die Interaktion verfolge. Gleichzeitig finde ich es unglaublich spannend und lehrreich. Es geh\u00f6rt ja zu meiner Rolle, im Zweifel nachzuhaken: \u201eKannst du mir das noch einmal zeigen?\u201c oder \u201eIch bin gerade nicht mitgekommen, wie hast du das genau gemacht?\u201c \u2013 das ist vollkommen in Ordnung. Manche Teilnehmenden bieten auch an, die Sprachausgabe des Screenreaders langsamer zu stellen, aber meist lasse ich sie ihre Technologie so nutzen, wie sie es im Alltag gewohnt sind.<br \/>\nWenn ich etwas wirklich nicht verstehe, frage ich nach: \u201eWas hat der Screenreader gerade gesagt?\u201c \u2013 und so kann ich die Nutzung trotzdem nachvollziehen. Nach solchen Terminen bin ich oft etwas ersch\u00f6pft, weil die Konzentration sehr hoch ist, aber das geh\u00f6rt dazu.<br \/>\nF\u00fcr manche Teilnehmenden kann es noch herausfordernder sein, insbesondere wenn der Screenreader mit hoher Geschwindigkeit liest oder der Bildschirm stark vergr\u00f6\u00dfert wird. F\u00fcr mich funktioniert das gut, weil ich in meiner Rolle als Moderatorin aktiv nachfrage und beobachte. Mit zunehmender Erfahrung und mehreren Tests gew\u00f6hnt man sich aber daran \u2013 und gerade die intensive Beobachtung macht die Arbeit auch sehr interessant und aufschlussreich.<br \/>\nDomingos: Ja, vielen Dank f\u00fcr den Einblick. Wo kann man Dir bzw. euch am besten folgen?<\/p>\n<p>Clara: Mich kann man \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/clara-henning-88eg64\/\">LinkedIn oder per Mail erreichen. Die Firma hei\u00dft <a href=\"https:\/\/leefs.cx\/de\/services\/accessibility-user-testing\">leefs CX GmbH<\/a>.<\/p>\n<p>Domingos: Dann vielen Dank f\u00fcr diesen Einblick und sch\u00f6n, dass ihr euch mit dem Thema Barrierefreiheit und UX besch\u00e4fttigt, aktuell ist das zu selten. weiterhin viel Erfolg. <\/p>\n<p>Clara: vielen Dank. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies ist das Transkript des Interviews mit Clara Henning zum Thema User-Tests mit Menschen mit Behinderung. 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