{"id":755,"date":"2018-03-26T18:20:04","date_gmt":"2018-03-26T16:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?page_id=755"},"modified":"2023-09-02T13:47:59","modified_gmt":"2023-09-02T11:47:59","slug":"barrierefreier-shared-space","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wirtschaft-gesellschaft\/barrierefreier-shared-space\/","title":{"rendered":"Barrierefreier Shared Space"},"content":{"rendered":"<p>Behinderte sind schnell dabei zu sagen, was alles nicht geht. Ich bin da immer misstrauisch, denn meistens geht es doch. Die Frage ist, was muss getan werden, damit es geht.<br \/>\nDer Shared Space ist so ein Beispiel, dabei handelt es sich um ein nicht mehr ganz neues Verkehrskonzept aus den Niederlanden. Ziel ist es, den Verkehrsraum miteinander zu teilen. An die Stelle fester Verkehrsregeln treten informelle Regeln und die Ad-hoc-Absprache der Verkehrsteilnehmer per Augenkontakt, B\u00fcrgersteigkanten und andere Beschr\u00e4nkungen werden abgeschafft. <\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_82_2 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wirtschaft-gesellschaft\/barrierefreier-shared-space\/#Keine_Freunde_des_Shared_Space\" >Keine Freunde des Shared Space<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wirtschaft-gesellschaft\/barrierefreier-shared-space\/#Barrierefreiheit_schaffen\" >Barrierefreiheit schaffen<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wirtschaft-gesellschaft\/barrierefreier-shared-space\/#Fazit\" >Fazit<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-4\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wirtschaft-gesellschaft\/barrierefreier-shared-space\/#Zum_Weiterlesen\" >Zum Weiterlesen<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Keine_Freunde_des_Shared_Space\"><\/span>Keine Freunde des Shared Space<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Die Kritik von Blinden beruht vor allem darauf, dass sie zum einen keinen Blickkontakt mit anderen Verkehrsteilnehmern herstellen k\u00f6nnen und zum anderen keine Orientierungspunkte haben. Rollstuhlfahrer bef\u00fcrchten, dass sie in einem toten Winkel sind, wo sie von KFZ-Fahrern nicht gesehen werden. In fast allen Situationen sitzt ein Rollstuhlfahrer tiefer als ein Autofahrer.<br \/>\nDie Sorge mag berechtigt sein, suggeriert aber, dass es aktuell wesentlich besser steht. Das ist meines Erachtens nicht der Fall. Hier in Bonn gibt es zahlreiche Stellen, die Blinde und Rollstuhlfahrer nicht gefahrlos \u00fcberqueren k\u00f6nnen. Zum Beispiel ist irgendein Genie auf die Idee gekommen, eine Zugstrecke mitten durch die Stadt zu legen \u2013 oder die Stadt um die Zugstrecke herum aufzubauen. An vielen Stellen gibt es keine blindengerechte M\u00f6glichkeit, diese Strecke zu \u00fcberqueren. Ein anderer Witzbold ist auf die glorreiche Idee gekommen, eine U-Bahn teilweise oberirdisch zu verlegen, die an einigen Stellen den Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberweg kreuzt. An einer Stelle gibt es nicht einmal eine Schranke, die runtergeht, wenn die Bahn durchf\u00e4hrt, so dass Blinde da in eine lebensgef\u00e4hrliche Falle geraten k\u00f6nnen. An einigen Stellen der B9 ist die Verkehrsf\u00fchrung derma\u00dfen verworren, dass ich selbst mit einer ordentlichen Einweisung da nicht dr\u00fcber gehen w\u00fcrde. Viele akustische Ampeln sind so gestaltet, dass man nie genau verorten kann, ob jetzt die eigene Ampel gr\u00fcn ist oder die Ampel der Parallelstra\u00dfe. Und Bonn ist bekannterma\u00dfen ein Dorf, in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten d\u00fcrfte es noch schlimmer zugehen.<br \/>\nMarburg wirkt da auf den ersten Blick wie das verlorene Paradies f\u00fcr Blinde. Akustische Ampeln an allen ecken, lauter blindenfreundliche Menschen und kaum gef\u00e4hrliche Ecken, zumindest bis die Ampeln an der vollkommen ungef\u00e4hrlichen Schnellsta\u00dfe am Hauptbahnhof um 22 Uhr abgeschaltet werden. Diese Stra\u00dfe ist auch vollkommen unwichtig, sie muss nur \u00fcberquert werden, um vom Bahnhof in die Innenstadt zu kommen und wer will das schon.<br \/>\nIn gewisser Weise schadet dieses System den Blinden mehr, als es ihnen nutzt. Wenn sie Marburg verlassen w\u00f6llten h\u00e4tten sie im schlimmsten Fall nie mit einem Verkehrssystem zu tun gehabt, in dem es diese Ampeln nur sporadisch gibt. Sie h\u00e4tten gro\u00dfe Probleme, in anderen St\u00e4dten zu Recht zu kommen. Das d\u00fcrfte der Grund sein, warum viele Blinde im mittleren oder reiferen Alter in Marburg bleiben, auch wenn sie dort keinen Job finden. Um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, ich w\u00fcrde mich freuen, wenn es diese Ampeln fl\u00e4chendeckend g\u00e4be, sie w\u00fcrden auch \u00e4lteren Menschen mit Sehproblemen zugute kommen. Aber ich sehe diesbez\u00fcglich keine Entwicklung in eine bestimmte Richtung. Am einen Ort werden sie aufgebaut, an anderem Ort abgebaut. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Barrierefreiheit_schaffen\"><\/span> Barrierefreiheit schaffen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Der Shared Space k\u00f6nnte eine L\u00f6sung f\u00fcr einige Mobilit\u00e4tsprobleme sein. In vielen F\u00e4llen w\u00e4re er sogar eine Verbesserung, Rollstuhlfahrer zum Beispiel k\u00f6nnen nie wissen, ob nicht irgendeine Baustelle ihren Stammweg blockiert und sie k\u00f6nnen nicht ohne Weiteres auf die Stra\u00dfe ausweichen. In den meisten Punkten sind die B\u00fcrgersteigkanten zu hoch, sie k\u00e4men vielleicht noch unfallfrei runter, aber nur schwer wieder hoch.<br \/>\nWer schon mal in einem Entwicklungsland gewesen ist wei\u00df, wie chaotisch es da zugehen kann. In Indien zum Beispiel gibt es Verkehrsregeln \u2013 an die sich niemand h\u00e4lt. Wir fahren links wie die Engl\u00e4nder, alles andere ist Flow. Dennoch haben sich informelle Regeln herausgebildet, es gilt das Recht des St\u00e4rkeren. Mopeds dissen die Fu\u00dfg\u00e4nger, Autos die Mopeds, Lkws und Busse die Autos. Wer \u00fcberholen will hupt zwei Mal. Das Ganze ist weder vorbildhaft noch konfliktfrei, aber es funktioniert erstaunlich gut. Die Schwachen wissen, dass die Starken keine R\u00fccksicht nehmen und passen daher auf sich selber auf. So viel anders als in Deutschland ist es auch nicht, wo es keine Ampeln oder Zebrastreifen gibt sind die Schwachen immer diejenigen, die den Autos weichen m\u00fcssen.<br \/>\nNat\u00fcrlich kann der Shared Space nicht ganz ohne Prinzipien auskommen. Eines unserer Prinzipien muss also hei\u00dfen: Der Starke muss auf den Schwachen R\u00fccksicht nehmen.<br \/>\nDas zweite Prinzip hei\u00dft: Der Schwache muss auf sich selbst aufpassen. Eine Ausnahme gilt nur f\u00fcr kleine Kinder, die das bekannterma\u00dfen nicht k\u00f6nnen. Alle anderen sollten das beherrschen, wenn sie am Verkehrsraum teilnehmen m\u00f6chten, ansonsten macht es auch keinen Unterschied, ob Shared Space oder etwas anderes.<br \/>\nDas Problem mit den Orientierungspunkten f\u00fcr Blinde l\u00e4sst sich l\u00f6sen. Da H\u00e4user voraussichtlich nicht planiert werden sind H\u00e4userw\u00e4nde der beste Orientierungspunkt. In ausreichenden Abst\u00e4nden k\u00f6nnen taktile Streifen geschaffen werden, die eine \u00dcberquerung des Fahrweges erlauben.<br \/>\nDas \u00dcberqueren eines Fahrwegs d\u00fcrfte die schwierigste Herausforderung f\u00fcr Blinde sein. Hier m\u00fcsste das Prinzip greifen, dass ich oben genannt habe, der St\u00e4rkere ist f\u00fcr den Schw\u00e4cheren verantwortlich. Wenn ein Blinder die Stra\u00dfe queren will hat ein Auto, ein Fahrrad und auch der LKW stehen zu bleiben, Blickkontakt hin oder her. Der Blinde seinerseits muss die Verantwortung f\u00fcr sich selbst \u00fcbernehmen, das hei\u00dft, er darf die Stra\u00dfe nicht \u00fcberqueren, bis er sich sicher sein kann, dass das Auto stehen geblieben ist bzw. keine Gefahr droht. Ich will nur einmal kurz daran erinnern, dass die St\u00e4dte nicht den Autofahrern geh\u00f6ren, auch wenn der Blick auf eine Karte etwas anderes suggeriert. Nirgendwo steht geschrieben, dass Autos ein Vorrecht vor Fu\u00dfg\u00e4ngern haben m\u00fcssen.<br \/>\nEin weiteres entscheidendes Prinzip ist die generelle Entschleunigung: Vor allem Autofahrer, aber auch Fahrradfahrer m\u00fcssen deutlich gebremst werden. Es gibt keinen Grund f\u00fcr Autofahrer, in der Innenstadt deutlich mehr als Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Durch die Entschleunigung w\u00fcrden sich ein Gro\u00dfteil der Verkehrsprobleme mit dem Shared Space erledigen. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Fazit\"><\/span>Fazit<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Ich m\u00f6chte nicht behaupten, alle m\u00f6glichen Probleme des Shared Space gel\u00f6st zu haben, ich liefere nur einige Anregungen. Ich finde das Konzept spannend und es w\u00e4re schade, wenn es von den Blindenverb\u00e4nden kassiert werden w\u00fcrde, weil diese nicht flexibel genug sind. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Zum_Weiterlesen\"><\/span>Zum Weiterlesen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<ul>\n<li <span class=\"removed_link\" title=\"https:\/\/www.oliveira-online.net\/wordpress\/index.php\/2012\/10\/12\/uber-stock-und-stein-wie-sich-blinde-orientieren\/\">Wie sich Blinde orientieren<\/span><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/barrierefreiheit-mit-strukturierten-offenen-daten\/\">Auf dem Weg zur barrierefreien Mobilit\u00e4t<\/span><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.oliveira-online.net\/wordpress\/2019\/09\/07\/verkehrswende-bitte-barrierefrei-was-behinderung-und-klimaschutz-miteinander-zu-tun-haben\/\">Verkehrswende und Barrierefreiheit<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/netz-barrierefrei.de\/en\/shared-space.html\">Can shared spaces be accessible?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behinderte sind schnell dabei zu sagen, was alles nicht geht. 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