{"id":787,"date":"2018-03-27T16:15:17","date_gmt":"2018-03-27T14:15:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?page_id=787"},"modified":"2023-07-21T15:08:56","modified_gmt":"2023-07-21T13:08:56","slug":"ablehnung-von-hilfsmitteln","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/hilfstechnik-und-mensch-maschine-interaktion\/ablehnung-von-hilfsmitteln\/","title":{"rendered":"Warum Behinderte Hilfsmittel ablehnen"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" style=\"border: 0;\" src=\"https:\/\/digitale-barrierefreiheit.podigee.io\/60-hilfsmittel-verweigern\/embed?context=external&amp;theme=default\" width=\"100%\" height=\"100\" frameborder=\"0\"><\/iframe><br \/>\nSichtbare Behinderungen sind weitgehend stigmatisiert. Das ist sicher kein Geheimnis. Der Soziologe Erving Goffman hat mit seinem Buch &#8222;Stigma&#8220; eine Dokumentation des Themas vorgelegt, Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jeden, der sich ein wenig mit Behinderung besch\u00e4ftigen m\u00f6chte. Aus anderer Perspektive hat es der Psychologe Oliver Sacks beschrieben.<br \/>\nWenn man mit Behinderten zusammen sitzt kann man n\u00e4chtelange Diskussionen mit der Frage ausl\u00f6sen, ob es besser ist, eine sichtbare oder eine unsichtbare Behinderung zu haben. Diese Diskussion m\u00f6chte ich hier nicht er\u00f6ffnen, es ist aber klar, dass man eine sichtbare Behinderung in vielen F\u00e4llen nicht verbergen kann, die unsichtbar Behinderten k\u00f6nnen es sich hingegen aussuchen, ob sie sich outen oder nicht. F\u00fcr die sichtbar Behinderten gibt es kein Inkognito.<\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_82_2 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/hilfstechnik-und-mensch-maschine-interaktion\/ablehnung-von-hilfsmitteln\/#Die_Abneigung_gegen_Hilfsmittel\" >Die Abneigung gegen Hilfsmittel<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/hilfstechnik-und-mensch-maschine-interaktion\/ablehnung-von-hilfsmitteln\/#Die_Rolle_der_Hilfsmittel\" >Die Rolle der Hilfsmittel<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/hilfstechnik-und-mensch-maschine-interaktion\/ablehnung-von-hilfsmitteln\/#Eine_Aenderung_der_Kultur\" >Eine \u00c4nderung der Kultur<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-4\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/hilfstechnik-und-mensch-maschine-interaktion\/ablehnung-von-hilfsmitteln\/#Zum_Weiterlesen\" >Zum Weiterlesen<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Die_Abneigung_gegen_Hilfsmittel\"><\/span>Die Abneigung gegen Hilfsmittel<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Viele &#8222;Frisch&#8220; Behinderte weigern sich zun\u00e4chst, behindertentypische Hilfsmittel in Anspruch zu nehmen. Ich selber habe den Blindenstock lange abgelehnt, bis ich merkte, dass es den Leuten piepegal war, ob ich einen Stock hatte oder nicht. Literarischer als ich hat es Sabriye Tenberken in ihrem Buch &#8222;Sieben Jahre in Tibet&#8220; abgefasst. Sabriye hat einen Blindenschule in Tibet und ein Trainingszentrum in Indien aufgebaut und ist im Jugendalter erblindet. Ein \u00e4hnliches Beispiel bietet <span class=\"removed_link\" title=\"http:\/\/www.touchthetop.com\/\">Eric Weihenmeyer<\/span>, ein amerikanischer blinder Bergsteiger, auch er hat sich lange Zeit geweigert, die Blindenhilfsmittel zu akzeptieren. Im Magazin der S\u00fcddeutschen gab es vor einigen Jahren <span class=\"removed_link\" title=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/29885\">einen Bericht \u00fcber eine Person<\/span>, die fast blind war und es dennoch geschafft hat, vor den Kollegen ihre Sehschw\u00e4che zu verbergen. Ein \u00e4hnilches Ph\u00e4nomen finden wir bei Schwerh\u00f6rigen. Vor allem J\u00fcngere weigern sich, deutlich sichtbare H\u00f6rger\u00e4te zu tragen.<br \/>\nIch erkenne zwei unterschiedliche psychische Motive darin: Zum einen m\u00f6chte man sich nicht outen und als Blinder, Schwerh\u00f6riger oder sonst was dastehen. Das h\u00e4ngt mit der Einstellung der Gesellschaft gegen\u00fcber Behinderten zusammen. Sagen wir es offen, Behinderung wird als Defizit gesehen. Entweder erregt man Mitleid oder Abneigung oder beides. Das ist oft unangenehmer als die Behinderung selbst und ich kann gut verstehen, wenn man dem nach M\u00f6glichkeit ausweicht.<br \/>\nZum anderen scheint man sich mit der Nutzung dieser Hilfsmittel aber auch einzugestehen, dass eigentlich nichts mehr zu retten ist. Solange man keinen Blindenstock verwendet erscheint es noch m\u00f6glich, dass man eines Tages ohnehin keinen mehr brauchen wird. Wenn man ihn verwendet akzeptiert man die Blindheit und gibt jede Chance auf, je wieder normal zu sehen. Das ist nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn, aber Menschen sind nun mal nicht immer logisch. Diese etwas verquere Form von Eitelkeit findet man zum Beispiel bei hochgradig Sehbehinderte, die ihre Augen mit monstr\u00f6sen Vergr\u00f6\u00dferungsgraden am Bildschirm \u00fcberstrapazieren, statt einen Screenreader zu verwenden, der ihnen das Leben wesentlich erleichtern w\u00fcrde. Daf\u00fcr gibt es keinen rationalen Grund.<br \/>\nDie n\u00e4chste Frage w\u00e4re nat\u00fcrlich, ob so ein Verhalten klug sein kann. Eigentlich nicht, denn man richtet im Zweifelsfall mehr Schaden an \u2013 psychisch wie k\u00f6rperlich \u2013 als man durch das Eingest\u00e4ndnis der Behinderung h\u00e4tte. Man schadet sich nat\u00fcrlich nicht nur selbst, sondern auch anderen. So ziemlich jedes deutsche Gericht wird dem Blinden oder Schwerh\u00f6rigen eine Mitschuld an einem Unfall geben, auch wenn er das eigentliche Opfer ist. Man kann nicht mit den Kollegen essen gehen, weil man sich nicht selbst bedienen kann oder f\u00fcrchten muss, sich vollzukleckern ohne es zu merken. Man kann nicht die Verk\u00e4ufer im Supermarkt nac einem bestimmten Produkt fragen, weil ihre Beschreibungen nat\u00fcrlich nur Sehenden helfen. Ein typisches Verhalten ist es deshalb, schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Die_Rolle_der_Hilfsmittel\"><\/span>Die Rolle der Hilfsmittel<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Das Problem w\u00e4re sehr einfach zu l\u00f6sen, wir m\u00fcssen einfach die Stigmatisierung von Behinderten abschaffen.<br \/>\nAber Scherz beiseite: Das wird in absehbarer Zeit nicht passieren, von dem her m\u00fcssen wir andere Baustellen bearbeiten. Eine dieser Baustellen ist die Gestaltung von Hilfsmitteln. Das ist nat\u00fcrlich nur ein Aspekt und vermutlich nicht einmal der wichtigste, aber davon verstehe ich mehr als von der Psyche der Menschen oder dem kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft.<br \/>\nDie typischen Hilfsmittel sehen meistens wie medizinisches Equipment aus. Das sind sie nat\u00fcrlich auch, aber das sie so aussehen m\u00fcssen hat noch niemand behauptet. Blindenst\u00f6cke m\u00fcssen nicht wie ausrangierte Besenstiele aussehen, sprechende Armbanduhren m\u00fcssen nicht so furchtbare Ger\u00e4usche von sich geben und der typische Blinde muss nicht mit Sonnenbrille und gelben Binden mit schwarzen Punkten ausstaffiert werden.<br \/>\nWir m\u00fcssen den gesamten Komplex der Hilfsmittel Richtung Universal Design oder Design for All schubsen. Es istt weder zeitgem\u00e4\u00df, Seniorenhandys herzustellen noch die Hilfsmittel im speziellen Shops zu kaufen. Apple hat vorgemacht, wie es geht. Wenn die klassischen Hilfsmittelhersteller ein Smartphone bauen w\u00fcrden s\u00e4he es vermutlich aus wie ein Toaster, w\u00fcrde zwei Kilo wiegen und 2000 Euro kosten.<br \/>\nDie Akzeptanz des iPhones ist auch bei frisch Erblindeten deutlich h\u00f6her als bei anderen Hilfsmitteln. Es ist schick aus und die meisten Kollegen haben auch eines, dass es permanent spricht muss ja niemandem auffallen. Beim Blindenstock ist das nat\u00fcrlich nicht so einfach. Schicker werden k\u00f6nnen sie auf jeden Fall.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Eine_Aenderung_der_Kultur\"><\/span>Eine \u00c4nderung der Kultur<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Mein Motto lautet ja, es ist leichter, sich selbst zu \u00e4ndern als die Anderen. Wie ich <span class=\"removed_link\" title=\"http:\/\/www.oliveira-online.net\/wordpress\/index.php\/2013\/01\/04\/gibt-es-ein-survival-der-braille-schrift\/\">an anderer Stelle schrieb<\/span> haben die Blinden aus meiner Sicht keine besonders ausgepr\u00e4gte Kultur. Brauchen wir nicht unbedingt, aber schaden w\u00fcrde sie auch nicht. Was wir aber unbedingt brauchen ist eine Kultur des IBBNU: Ich bin blind na und? Die deutsche Blinden fallen vor allem dadurch auf, dass sie Mitleid erregen &#8211; ob sie es wollen oder nicht. Selbstbewusste Blinde wie Joana Zimmer oder Verena Bentele kriegt man hingegen selten zu Gesicht. Aber sie zeigen eindr\u00fccklich, dass man es trotz &#8211; oder wegen &#8211; der Blindheit weit bringen kann. Die amerikanischen Blinden scheinen diese Einstellung eher zu verk\u00f6rpern. Ich meine auch, dass j\u00fcngere Blinde cooler mit der Situation umgehen als fr\u00fchere Generationen, aber warten wir es mal ab.Ich bin kein Freund der Pride-Bewegungen, weil man f\u00fcr die Blindheit nichts kann und deswegen auch nicht stolz darauf sein kann. Aber man kann nur gewinnen, wenn man selbstbewusst mit der Blindheit umgeht und das wird durch die Schaffung einer Blindenkulturerleichtert.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Zum_Weiterlesen\"><\/span>Zum Weiterlesen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<ul>\n<li>Erving Goffman. Stigma. Suhrkamp 2010<\/li>\n<li>Sabriye Tenberken. Das siebte Jahr. KiWi 2006<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/hilfstechnik-und-mensch-maschine-interaktion\/bessere-hilfsmittel-gefragt\/\">Wir brauchen eine Revolution in der Hilfstechnik<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/netz-barrierefrei.de\/en\/avoid-at.html\">Why some disabled avoid assistive Technology<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sichtbare Behinderungen sind weitgehend stigmatisiert. Das ist sicher kein Geheimnis. Der Soziologe Erving Goffman hat mit seinem Buch &#8222;Stigma&#8220; eine Dokumentation des Themas vorgelegt, Pflichtlekt\u00fcre&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/hilfstechnik-und-mensch-maschine-interaktion\/ablehnung-von-hilfsmitteln\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Warum Behinderte Hilfsmittel ablehnen<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":700,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-787","page","type-page","status-publish","hentry","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/787","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=787"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/787\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8099,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/787\/revisions\/8099"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/700"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=787"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}