{"id":9571,"date":"2024-11-02T15:30:31","date_gmt":"2024-11-02T13:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?page_id=9571"},"modified":"2024-11-08T19:56:24","modified_gmt":"2024-11-08T17:56:24","slug":"interview-mit-stefan-wilke-ueber-barrierefreiheit-in-der-digitalen-arbeitswelt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-stefan-wilke-ueber-barrierefreiheit-in-der-digitalen-arbeitswelt\/","title":{"rendered":"Interview mit Stefan Wilke \u00fcber Barrierefreiheit in der digitalen Arbeitswelt"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/digitale-barrierefreiheit.podigee.io\/115-interview-mit-stefan-wilke-von-quikstep\/embed?context=external&#038;theme=default\" style=\"border: 0\" frameBorder=\"0\" height=\"100\" width=\"100%\"><\/iframe><\/p>\n<p>Das ist das Transkript des oben eingebetteten Podcasts. Es wurde mit ChatGPT optimiert. Alle Ungenauigkeiten und Rechtschreibfehler gehen auf mein Konto.<\/p>\n<p>Domingos:  Herzlich Willkommen zu einem neuen Podcast \u00fcber digitale Barrierefreiheit. Heute habe ich einen spannenden Gast bei mir, Stefan Wilke. Zun\u00e4chst einmal vielen Dank, Stefan, dass du dir die Zeit nimmst, um mit mir \u00fcber dieses Thema zu sprechen.<\/p>\n<p>Stefan: Sehr gerne, ich danke dir f\u00fcr die Einladung.<\/p>\n<p>Domingos:  F\u00fcr unsere Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer w\u00e4re es interessant zu erfahren, wer du bist. K\u00f6nntest du dich bitte kurz vorstellen?<\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_82_2 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-stefan-wilke-ueber-barrierefreiheit-in-der-digitalen-arbeitswelt\/#Ueber_Stefan\" >\u00dcber Stefan<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-stefan-wilke-ueber-barrierefreiheit-in-der-digitalen-arbeitswelt\/#Was_sollten_Arbeitgeber_fuer_behinderte_Menschen_beachten\" >Was sollten Arbeitgeber f\u00fcr behinderte Menschen beachten?<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/newsletter-digitale-barrierefreiheit\/podcast-videocast-digitale-barrierefreiheit\/interview-mit-stefan-wilke-ueber-barrierefreiheit-in-der-digitalen-arbeitswelt\/#Was_kann_Quickstep_tun\" >Was kann Quickstep tun<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Ueber_Stefan\"><\/span>\u00dcber Stefan<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Stefan: Ich bin Stefan Wilke, im Juli 60 Jahre alt, verheiratet und habe drei erwachsene Kinder. Ich bin gesetzlich anerkannt blind und sehe nur noch etwa 2%. Da ich schon immer schlecht gesehen habe und aus den einst 9% schlie\u00dflich nur 2% wurden, ist es zwar herausfordernd, aber ich kann nicht sagen, wie es ist, alles zu sehen. Seit 2012 bin ich Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Quickstep GmbH und seit 2020 zus\u00e4tzlich Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der MindTags  Group GmbH. Ich wohne im sonnigen S\u00fcdbaden, in der N\u00e4he von Karlsruhe.<\/p>\n<p>Domingos:  Vielen Dank, dass du das angesprochen hast. K\u00f6nntest du vielleicht auch kurz erkl\u00e4ren, was die Firmen, die du gegr\u00fcndet hast und als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer leitest, genau machen?<\/p>\n<p>Stefan: Ja, sehr gerne. Die Quickstep GmbH ist eine mobile Berufsf\u00f6rderung, die 2012 gegr\u00fcndet wurde. Sie entstand aus einer pers\u00f6nlichen Erfahrung, da ich aufgrund meiner ver\u00e4nderten Sehf\u00e4higkeit meine Arbeitsweise anpassen musste. In einem station\u00e4ren Berufsf\u00f6rderungswerk habe ich eine Ma\u00dfnahme f\u00fcr vier Monate absolviert und festgestellt, dass es auch anders gehen muss. In der Gruppe, in der ich war, gab es zu viele Leistungsunterschiede. Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach: Wir kommen zu den Menschen nach Hause, sodass niemand mehr wegfahren muss. Dadurch beziehen wir alle relevanten Elemente wie Arbeitswelt, Beruf, Schule, Familie, Freizeitverhalten und den Umgang mit Behinderungen mit ein. Wir schulen genau das, was die Menschen ben\u00f6tigen, und zwar in ihrem Tempo und an dem Punkt, an dem sie gerade stehen. Der Vorteil ist, dass wir wesentlich schneller fertig werden, da wir nur Einzeltrainings durchf\u00fchren und das in den Sprachen Deutsch, Englisch, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Arabisch und Russisch. Zudem haben wir 16 Mitarbeiter, von denen einige selbst eine Behinderung haben. Wenn wir zu den Menschen gehen, haben wir praktisch nur mobile Arbeitspl\u00e4tze, weil wir sonst einfach zu weit fahren m\u00fcssten. Quickstep zeichnet sich dadurch aus, dass alles digital barrierefrei ist. Alles, was \u00fcber die Post kommt, wird gescannt, und unsere CRM-Software, Webcloud und Webseiten k\u00f6nnen von den Mitarbeitenden selbst eingegeben und bearbeitet werden. So arbeiten wir nun seit 10 oder 11 Jahren.<\/p>\n<p>Domingos:  Was macht die Mindtags Group?<\/p>\n<p>Stefan:  Die Mindtags Group GmbH entwickelt eine Indoor-Navigation, die ohne Internet funktioniert. Diese L\u00f6sung basiert auf einer App und einem Bluetooth-System, das einfach im Geb\u00e4ude aufgeh\u00e4ngt oder aufgestellt wird. Immer wenn man daran vorbeikommt, erh\u00e4lt man Wegbeschreibungen oder Informationen, die man ben\u00f6tigt. Das funktioniert ohne Internet, und die Nutzer k\u00f6nnen die Inhalte selbst pflegen. Damit haben wir eine L\u00fccke geschlossen f\u00fcr blinde Menschen, die sich gem\u00e4\u00df der DIN-Norm 18040 in Geb\u00e4uden selbst\u00e4ndig bewegen k\u00f6nnen sollen. Zudem haben wir festgestellt, dass das, was f\u00fcr Blinde funktioniert, auch f\u00fcr Geh\u00f6rlose, in leichter Sprache und f\u00fcr Taubblinde anwendbar ist, da die Inhalte auch \u00fcber eine Braillezeile ausgelesen werden k\u00f6nnen. Somit haben wir eine L\u00f6sung entwickelt, die f\u00fcr alle Zielgruppen geeignet ist. Die Inhalte k\u00f6nnen in jeder Sprache angezeigt werden, visuell und speziell f\u00fcr Blinde. Es ist ein offenes Schnittstellensystem, das auch Fahrpl\u00e4ne und andere Informationen anzeigen kann, die ebenfalls selbst gepflegt werden k\u00f6nnen. Damit statten wir Bahnh\u00f6fe, Rath\u00e4user, Seniorenheime, Museen und Rehakliniken aus.<\/p>\n<p>h2>Herausforderungen bei der Technik<\/h2>\n<p>Domingos: Wahrscheinlich kommen viele Menschen zu euch, die eine Behinderung haben oder deren Sehverm\u00f6gen sich verschlechtert hat. Mich w\u00fcrde speziell interessieren: Welche allgemeinen Herausforderungen haben diese Menschen bei der Nutzung digitaler Technologien, an denen wir heute kaum noch vorbeikommen?<\/p>\n<p>Stefan: Das ist ein \u00e4u\u00dferst spannendes Thema. In der Au\u00dfenwirkung mag es so aussehen, als w\u00e4re die Bundesrepublik f\u00fchrend in der Digitalit\u00e4t, aber in der Realit\u00e4t haben wir eines der schlechtesten Internetsysteme in Europa oder sogar weltweit. Ich war in der Mongolei, und dort funktioniert es besser. <\/p>\n<p>Wir haben viele Insell\u00f6sungen und zahlreiche digitale Produkte, die nicht wirklich funktionieren \u2013 das sind alles Bananenprodukte, die beim Kunden reifen. Au\u00dferdem sind diese L\u00f6sungen \u00fcberwiegend auf die sehende Welt ausgelegt. Es gibt zwar \u00fcberall Normen und es ist alles beschrieben, wie es gehen sollte, doch es ist nicht schwierig umzusetzen. Man ben\u00f6tigt auch keine Insell\u00f6sungen, und es ist nicht teurer.<\/p>\n<p>Die Kunden, die zu uns kommen, stehen oft schon vor der Herausforderung, wie sie einen Antrag stellen oder was sie tun sollen, wenn sie eine bestimmte Unterst\u00fctzung ben\u00f6tigen. Diese Fragen sind h\u00e4ufig. Man kann viel bewirken, insbesondere mit Schulungen f\u00fcr mobile Ger\u00e4te. Wenn man den Menschen zeigt, wie sie einen Scanner nutzen und die Informationen in ein lesbares Word-Dokument umwandeln k\u00f6nnen, er\u00f6ffnet sich eine Menge. Aber sobald man seine Komfortzone verl\u00e4sst, ist man oft \u00fcberfordert. <\/p>\n<p>Das ist auch bei anderen Menschen so: Wenn wir in die Au\u00dfenwelt m\u00fcssen, fehlt es an barrierefreier Digitalit\u00e4t. Man ben\u00f6tigt immer Assistenz, die es f\u00fcr frisch erblindete Menschen oft nicht gibt, weil zun\u00e4chst das gesamte Antragsverfahren durchlaufen werden muss. In dieser Situation stehen sie dann oft richtig auf dem Schlauch.<\/p>\n<p>Domingos: Welche Probleme gibt es also in der Arbeitswelt? Wahrscheinlich kehren viele Menschen nach einer Umschulung nicht jeden Tag in die Arbeitswelt zur\u00fcck. Kommen sie gut mit den Programmen zurecht, die dort verwendet werden, oder eher nicht? Was w\u00fcrdest du aus deiner Perspektive dazu sagen?<\/p>\n<p>Stefan: Da gibt es zwei Perspektiven. Die erste Perspektive ist, dass, wenn du gut beraten wirst und eine solide Planung hast, vieles aufgefangen werden kann. Es ist wichtig, vorher zu fragen, mit welchen Programmen die Leute am Arbeitsplatz arbeiten. Haben sie einen Citrix-Server oder nutzen sie alles auf lokalen Rechnern? Mit diesen Informationen kannst du viel ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Allerdings bleiben immer noch einige Programme problematisch, insbesondere wenn man im Bereich der sozialen Gesetzgebung und Verwaltung t\u00e4tig ist. Diese Programme sind oft extrem komplex und lassen sich nicht anpassen \u2013 das ist einfach nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Und das macht die Situation schwierig. Selbst wenn der Kunde hervorragend geschult ist, k\u00f6nnen diese starren Systeme nicht angepasst werden, sodass man h\u00e4ufig auf einen Mischarbeitsplatz oder viel Assistenz angewiesen ist. Wenn du jedoch aus der Verwaltung herausgehst und Arbeitgeber findest, die Open-Source-L\u00f6sungen bevorzugen \u2013 das habe ich in letzter Zeit \u00f6fter erlebt \u2013 oder wenn du selbstst\u00e4ndig bist und nichts siehst, kannst du Dokumentationssysteme wie CRM-Systeme, die auf Open Source basieren, total barrierefrei gestalten. Der sehbehinderte oder blinde Nutzer kann damit gut arbeiten. In starren Systemen, wie beispielsweise bei der Agentur f\u00fcr Arbeit, die alles in N\u00fcrnberg entwickelt, wird es hingegen problematisch, da diese Systeme zu 90% nicht barrierefrei sind.<\/p>\n<p>Ja, bei der Agentur arbeiten viele Leute, und das ist einfach schwierig. In solchen Situationen f\u00fchlt man sich machtlos. Die Mitarbeiter sind oft frustriert, nicht weil es an ihrer Kompetenz mangelt, sondern wegen der Unbeweglichkeit des Systems.<\/p>\n<p>Domingos: Ich kann das aus meiner Erfahrung best\u00e4tigen. Ich glaube, SAP hat mittlerweile ein wenig dazugelernt, was die Barrierefreiheit angeht, zumindest bei den modernen Webanwendungen. Im Endeffekt ist es jedoch sowohl aus der Perspektive der Barrierefreiheit als auch aus der Usability eine Katastrophe. Ich kenne niemanden, der damit gut klarkommt. Es scheint, als w\u00fcrden 100 verschiedene Firmen innerhalb von SAP unterschiedlichste L\u00f6sungen anbieten. Es gibt keinen Nutzer, der wirklich gl\u00fccklich damit ist, das ist alles sehr kryptisch.<\/p>\n<p>Stefan: Die spannende Frage, die ich mir immer stelle, ist: Wenn es doch diese Normen gibt und Ausschreibungen erfolgen, wer pr\u00fcft das eigentlich? Warum kommt es dann zu solchen L\u00f6sungen? Warum sind viele mittelst\u00e4ndische Unternehmer in dieser Hinsicht weiter als die Beh\u00f6rden? Es wird richtig problematisch, wenn man beispielsweise Kunden bei Ernst &#038; Young hat, und die Muttergesellschaft ist ein amerikanisches Unternehmen. Da bist du v\u00f6llig aufgeschmissen. Der Programmierer \u00e4ndert jede Woche die Farben der Buttons, und das f\u00fchrt nat\u00fcrlich zu Verzweiflung. Oder ein weiteres Beispiel: Wenn sie von uns die Daten erhalten, die f\u00fcr die technische Ausstattung notwendig sind \u2013 also wie schnell der Arbeitsspeicher sein muss und was f\u00fcr einen Prozessor man ben\u00f6tigt, damit der Screenreader oder die Vergr\u00f6\u00dferung richtig funktioniert \u2013 und ich dann mit einer Assistenz vor Ort bin und sehe, dass der Rechner schon f\u00fcnf Jahre alt ist, dann braucht man sich nicht wundern, dass der Mitarbeiter frustr<\/p>\n<p>iert ist. Er kann sich die Fu\u00dfn\u00e4gel schneiden, aber nicht arbeiten.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Was_sollten_Arbeitgeber_fuer_behinderte_Menschen_beachten\"><\/span>Was sollten Arbeitgeber f\u00fcr behinderte Menschen beachten?<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Domingos: Das kann ich best\u00e4tigen. Die n\u00e4chste Frage hast du, glaube ich, teilweise schon beantwortet, aber wir k\u00f6nnen sie noch einmal detaillierter behandeln. Was sollten die Verantwortlichen, in der Regel die Arbeitgeber, beachten, wenn sie Programme selbst entwickeln oder entwickeln lassen oder Webanwendungen bereitstellen? Worauf sollten sie achten, wenn sie Menschen mit Behinderungen oder Sehbehinderte besch\u00e4ftigen m\u00f6chten?<\/p>\n<p>Stefan: Das Erste, was wichtig ist, ist ein gutes Pflichtenheft. Der Unternehmer, der etwas ben\u00f6tigt, sollte sich genau \u00fcberlegen, was das Programm k\u00f6nnen soll. Gibt es eine Mengenbegrenzung? Was genau soll das Programm leisten? Dann schaut man, wie es bei uns war, ob es Programme gibt, die diese Anforderungen erf\u00fcllen. Wir w\u00e4ren nie auf die Idee gekommen, dass wir auf dem europ\u00e4ischen Markt etwas finden k\u00f6nnten, das als barrierefreies CRM oder Dokumentationssystem taugt. Wir haben schlie\u00dflich in der Open-Source-Anwendung des englischen Gesundheitswesens ein passendes Tool gefunden, das \u201eSweet CRM\u201c hei\u00dft.<\/p>\n<p>Das bedeutet, dass man immer eine gute Planung ben\u00f6tigt. Man sollte es bitte so handhaben wie in der Automobilindustrie, die auch 20 Jahre gebraucht hat, um zu verstehen, dass nicht nur Ingenieure, sondern auch Handwerker in den Prozess einbezogen werden m\u00fcssen. Ein Automechaniker kann den Ingenieuren sagen: \u201eEure Idee ist gro\u00dfartig, aber das Auto f\u00e4hrt nicht.\u201c So ist es auch bei IT-Projekten. Nimm jemanden aus der Praxis dazu, zum Beispiel einen Programmierer, der direkt neben einem blinden Nutzer sitzt, der das Programm testet. Und dann setze dich mit den Nutzern zusammen. Hole dir fr\u00fchzeitig Anwenderfeedback und nicht nur die Entwickler. Die Nutzer k\u00f6nnen dir sagen, was du wirklich brauchst.<\/p>\n<p>Wenn du die Anwender vernachl\u00e4ssigst, kommst du selten zu guten Ergebnissen. Alles andere ist politische Phrasendrescherei und klingt oft besser, als es ist. Die gute Planung ist das Kernst\u00fcck. Das Spannende ist, dass alles, was du brauchst, bereits auf dem Markt vorhanden ist. Man muss nur ein wenig Ruhe haben und jemanden finden, der gut planen kann. Vor allem solltest du jemanden einbeziehen, der dir hilft, aus deiner eigenen Denkweise auszubrechen und komische Fragen zu stellen. Das mache ich oft, und dadurch bringe ich die Programmierer manchmal zur Verzweiflung. Aber beim zweiten Nachdenken stellen sie fest: \u201eAch, schau mal an, so geht es auch.\u201c<\/p>\n<p>Wenn du die Fachkompetenz der Experten hinterfragst und offen daf\u00fcr bist, wird es, glaube ich, besser.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Was_kann_Quickstep_tun\"><\/span>Was kann Quickstep tun<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Domingos: Genau. Meine Frage w\u00e4re dann, wie sieht es aus? Kann Quickstep generell helfen? Ihr richtet euch in erster Linie an blinde Menschen, also Einzelpersonen. K\u00f6nnt ihr auch Arbeitgeber oder andere Organisationen unterst\u00fctzen, die ihre Arbeitsumgebung barrierefreier gestalten m\u00f6chten?<\/p>\n<p>Stefan: Ja, auf jeden Fall! Wir haben verschiedene Ans\u00e4tze. Zum einen bieten wir Beratung an, wenn noch nichts vorhanden ist. Dann kommen wir wieder zum Thema Pflichtenheft: Was m\u00f6chtest du umsetzen? Was gibt es bereits auf dem Markt, oder was k\u00f6nnen wir gemeinsam entwickeln? Das kommt ja aus der eigenen Betroffenheit \u2013 wir brauchen eine Cloud-L\u00f6sung, die webbasiert, barrierefrei und mengenunabh\u00e4ngig ist. <\/p>\n<p>Was wir anbieten k\u00f6nnen, sind CRM-Systeme, Datenbanken und ERP-Systeme, die f\u00fcr die Sehenden wunderbar nutzbar sind und gleichzeitig f\u00fcr blinde Nutzer barrierefrei gestaltet werden k\u00f6nnen. Alle unsere Mitarbeiter ben\u00f6tigen f\u00fcr die interne Dokumentation keine Assistenz mehr. Das ist der erste Punkt, und das l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Freiberufler umsetzen. <\/p>\n<p>Vor kurzem hatten wir einen erblindeten Berufsbetreuer, und die auf dem Markt verf\u00fcgbaren Programme waren f\u00fcr ihn nicht nutzbar. Deshalb haben wir mit ihm ein Pflichtenheft erstellt und ein System entwickelt, das er verwenden kann. Diese Open-Source-Produkte haben mehr Programmierer als SAP, und sie werden auch nicht vom Markt verschwinden. Au\u00dferdem sind sie vor allem offen f\u00fcr Schnittstellen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt ist, dass viele glauben, wir m\u00fcssten den bestehenden Markt f\u00fcr Blinde barrierefrei gestalten. Das funktioniert aber nicht, weil es so viele verschiedene Tools gibt, dass man das kaum hinbekommen kann. Die einfachste L\u00f6sung ist, etwas Eigenes zu schaffen. Das haben wir auch gemacht. Das bedeutet, dass wir basierend auf dem Pflichtenheft eine Webseitenstruktur und das gesamte Backend \u2013 also das Dashboard dahinter \u2013 erstellen k\u00f6nnen, das komplett barrierefrei ist. Alle Nutzer k\u00f6nnen dann eigenst\u00e4ndig Texte, Termine, Kalenderverkn\u00fcpfungen, Bilder und Bildbeschreibungen eingeben, ohne daf\u00fcr Assistenz zu ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>Wenn du es ganz einfach machst, dann hast du den Punkt erreicht. OK, wie ist meine eigene Ordnerstruktur? Also, wie habe ich meine pers\u00f6nlichen Dokumente eingescannt? Und wenn ich sie per E-Mail verschicken m\u00f6chte, wie mache ich das schnell? Das ist sozusagen der erste Schritt. Bei uns ist immer das Motto: Wir suchen nach L\u00f6sungen. Uns interessiert, wie es funktioniert, nicht ob es funktioniert, denn Probleme gibt es schon genug. Lasst uns also gemeinsam L\u00f6sungen finden. Wir laden gerne viele Menschen ein, weil wir immer den \u201eKaffee aufhaben\u201c, um Umfragen zu erstellen oder um zu erfahren, dass etwas nicht funktioniert. Aber lasst uns trotzdem suchen, wo es m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Ich kann dir auch nicht sagen, wo das endet. Bei den Webseiten hat es erst vor zwei Jahren begonnen. Das mit dem CRM war zuf\u00e4llig, denn wir haben es bereits bei vier Arbeitgebern umgesetzt. Diese haben sich darauf eingelassen und gesagt: \u201eWir schmei\u00dfen den alten Kram weg und nehmen das.\u201c Es hat sich also entwickelt \u2013 das war nicht geplant, aber es hat sich ergeben.<\/p>\n<p>Domingos: Ich finde den Gedanken an Open Source wirklich ansprechend. Nat\u00fcrlich gibt es Anwendungen wie LibreOffice, die aus meiner Perspektive nicht wirklich gut nutzbar sind. Aber es gibt auch andere Systeme wie CMS, die ich fr\u00fcher verwendet habe, etwa Drupal oder WordPress. Auch Linux ist f\u00fcr einige Menschen gut nutzbar, f\u00fcr mich hingegen nicht. Ich sage mal, jede Beh\u00f6rde, jede Kommune und jedes Landesministerium entwickelt irgendwie seine eigene Software mit Internet Explorer und irgendwelchen veralteten Skripten. Das kann nicht die Zukunft sein. So kann die Softwareentwicklung im Bereich Barrierefreiheit nicht weitergehen.<\/p>\n<p>Stefan: Ja, und das h\u00e4ufige Totschlagargument, das immer kommt, ist: \u201eOpen Source ist offen und nicht gesch\u00fctzt.\u201c Das stimmt so nicht. Wenn wir dieses CRM wollen, bieten wir dem Kunden an, dass er entweder bei uns auf dem Server bleibt oder es selbst verwaltet. Dann ist die Sache dicht, es sei denn, man \u00f6ffnet sie wieder.<\/p>\n<p>Ja, also der Punkt, dass der Quellcode offensichtlich einsehbar ist und das deshalb nicht sicher w\u00e4re, ist v\u00f6lliger Bl\u00f6dsinn. Ich habe irgendwo gelesen, dass die Bundesregierung eigentlich auf Open-Source-L\u00f6sungen steht. Aber jedes Mal, wenn das Thema aufkommt, kommt die Antwort: \u201eOh nein, das machen wir noch nicht.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt ist, dass je mehr Zug\u00e4nglichkeit f\u00fcr alle gegeben ist, desto weniger Assistenz ben\u00f6tigt wird. Das bedeutet, dass die Kostenersparnis in einem anderen Bereich der sozialen Gesetzgebung erheblich sein wird.<\/p>\n<p>Diese Diskussion findet jedoch oft nicht statt. Wir reden entweder \u00fcber die fehlende Barrierefreiheit oder \u00fcber die Kosten, aber nicht \u00fcber die Einsparungen. Das sollte man immer zusammenbringen. Es ist erfreulich, wenn ein Auftraggeber, wie bei einem Berufsbetreuer im Integrationsamt, pl\u00f6tzlich versteht: \u201eWenn wir hier einmalig investieren, sparen wir dauerhaft bei den Assistenzkosten.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Gesamtblick ist wichtig, und das ist auch ein Bereich, in dem Quickstep gut ist. Wir \u00fcbernehmen die Prozessverantwortung. Wir haben die Weisheit nicht mit L\u00f6ffeln gefressen; wir sind eher so ein Forschungsteam, das gut schult, gut entwickelt und vor allem versteht, was die Leute wollen. Manchmal k\u00f6nnen wir das bieten, manchmal nicht.<\/p>\n<p>Domingos: Auf jeden Fall. Ich meine, die alten Modelle haben ausgedient, und jetzt m\u00fcssen wir neue L\u00f6sungen f\u00fcr die bestehenden Probleme finden. Wichtig ist, dass es L\u00f6sungen gibt und dass wir nicht nur \u00fcber Probleme sprechen, sondern sie auch aktiv angehen.<\/p>\n<p>Stefan: Ja, ich kann zum Schluss noch ein Beispiel anf\u00fchren. Als die Pandemie begann, kamen pl\u00f6tzlich all diese Online-Tools wie Jitsi, Microsoft Teams, Zoom und viele andere ins Spiel. Die meisten nutzten Microsoft Teams. Es gibt jedoch zwei deutsche Anbieter, die datenschutztechnisch gut funktionieren, einer davon ist Nextcloud. Da die meisten jedoch auf Microsoft Teams sind, haben wir gesagt: Okay, wenn wir Kunden haben, die wir darauf schulen, dann brauchen die keine zwei Handb\u00fccher. Wir k\u00f6nnen die Befehle direkt ins Handbuch integrieren.<\/p>\n<p>Wir haben auch beide Rollen gekl\u00e4rt. Wir haben gesagt, du kannst hier als Teilnehmer oder als Admin teilnehmen. Gleichzeitig haben wir klar gemacht, dass, egal wie schnell du bist, du f\u00fcr den Chatverlauf immer eine sehende Assistenz ben\u00f6tigst. Das schafft man nicht alleine. Einige wollten das nicht glauben. Aber so k\u00f6nnen L\u00f6sungen entstehen, indem wir die Kompetenzen b\u00fcndeln: das, was Microsoft bereits bietet, und den Screenreader mit schnelleren Shortcuts kombinieren. <\/p>\n<p>Das ist die Art von Zusammenarbeit, die ich bevorzugen w\u00fcrde und mir von vielen anderen w\u00fcnschen w\u00fcrde. Wenn man \u00fcberlegt, welche Kompetenzen in unserer Szene vorhanden sind und wenn diese Kompetenzen richtig geb\u00fcndelt werden, k\u00f6nnte man tats\u00e4chlich viel erreichen. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir eine Art IT-Schmiede aufbauen, wo wir sagen: \u201eJetzt packen wir es an! Wenn ihr es nicht schafft, machen wir es selbst.\u201c<\/p>\n<p>Domingos: Das ist auf jeden Fall ein sehr guter Wunsch. Damit w\u00fcrde ich auch den Podcast abschlie\u00dfen. Vielen Dank, dass du dir die Zeit f\u00fcr diesen Podcast genommen hast. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.quikstep.eu\/\">Quickstep GmbH<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist das Transkript des oben eingebetteten Podcasts. Es wurde mit ChatGPT optimiert. Alle Ungenauigkeiten und Rechtschreibfehler gehen auf mein Konto. 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