{"id":10654,"date":"2026-03-08T13:15:45","date_gmt":"2026-03-08T11:15:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?p=10654"},"modified":"2026-03-14T16:33:57","modified_gmt":"2026-03-14T14:33:57","slug":"ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/","title":{"rendered":"Wie Barrierefreiheit an falschen Vorannahmen scheitert"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/unnamed-2.jpg\" alt=\"Text Wie Barrierefreiheit an Vorannahmen scheitern kann\" width=\"1024\" height=\"572\" class=\"alignleft size-full wp-image-10673\" srcset=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/unnamed-2.jpg 1024w, https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/unnamed-2-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/unnamed-2-768x429.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/digitale-barrierefreiheit.podigee.io\/349-ungeprufte-vorrannahmen-und-wie-sie-die-barrierefreiheit-behindern\/embed?context=external&#038;theme=default\" style=\"border: 0\" frameBorder=\"0\" height=\"100\" width=\"100%\"><\/iframe><br \/>\nHeute geht es um ungepr\u00fcfte Vorannahmen \u2013 und darum, wie sie zu Barrieren f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_82_2 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/#TLDR_%E2%80%93_Zusammenfassung\" >TLDR &#8211; Zusammenfassung<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/#Was_sind_Vorannahmen\" >Was sind Vorannahmen<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/#Vorannahmen_in_der_Barrierefreiheit\" >Vorannahmen in der Barrierefreiheit<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-4\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/#Auswirkungen_ungepruefter_Vorannahmen\" >Auswirkungen ungepr\u00fcfter Vorannahmen<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-5\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/#Auch_BF-Profis_liegen_manchmal_falsch\" >Auch BF-Profis liegen manchmal falsch<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-6\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/#Was_kann_man_tun\" >Was kann man tun?<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-7\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/ungepruefte-voranahmen-und-ihre-auswirkungen\/#Fazit\" >Fazit<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"TLDR_%E2%80%93_Zusammenfassung\"><\/span>TLDR &#8211; Zusammenfassung<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Vorannahmen sind Denkabk\u00fcrzungen<\/p>\n<p> Menschen treffen Annahmen, um den Alltag effizient zu bew\u00e4ltigen.<br \/>\n Sie sind zun\u00e4chst n\u00fctzlich, werden aber problematisch, wenn sie nicht hinterfragt werden.<\/p>\n<p>Ungepr\u00fcfte Vorannahmen f\u00fchren zu Barrieren<\/p>\n<p> Sie beeinflussen Entscheidungen bei Gestaltung, Funktionen und Texten.<br \/>\n Auch Profis in der Barrierefreiheit k\u00f6nnen in Denkfallen geraten, besonders wenn Wissen aus \u00e4lteren Richtlinien \u00fcbernommen wird.<\/p>\n<p>Typische Beispiele f\u00fcr falsche Annahmen<\/p>\n<p>&#8211; Blinde Menschen k\u00f6nnen keine Computer oder Smartphones bedienen.<br \/>\n&#8211; Funktionale Analphabet:innen k\u00f6nnen gar nicht lesen.<br \/>\n&#8211; Menschen mit Lernbehinderungen oder Autist:innen nutzen bestimmte digitale Angebote nicht.<br \/>\n&#8211; \u00c4ltere Menschen wollen keine moderne Technik nutzen<\/p>\n<p>Konkrete Auswirkungen<\/p>\n<p>&#8211; Inhalte werden nicht barrierefrei gestaltet, weil man teils unbewusst davon ausgeht, dass sie ohnehin nicht genutzt werden.<br \/>\n&#8211; Barrierefreiheit wird herunterpriorisiert, weil sie als verzichtbar wahrgenommen wird.<br \/>\n&#8211; Funktionen, die Betroffene unterst\u00fctzen w\u00fcrden, werden weggelassen.<br \/>\n&#8211; Interfaces werden nicht f\u00fcr bestimmte Zielgruppen optimiert. <\/p>\n<p>Spezifische Herausforderungen in der Praxis<\/p>\n<p>&#8211; Fehlannahmen k\u00f6nnen sich \u00fcber Jahre verst\u00e4rken und unbewusst weitergegeben werden.<br \/>\n&#8211; Alte Denkweisen und historische Strukturen (paternalistische Haltung, fehlende Diversit\u00e4t) beeinflussen Entscheidungen.<\/p>\n<p>6. Wie man Vorannahmen hinterfragt<\/p>\n<p>&#8211; Regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcfen: Stimmen meine Annahmen noch? Sind sie empirisch belegt?<br \/>\n&#8211; Richtlinien kritisch pr\u00fcfen, ob bestimmte Ma\u00dfnahmen noch aktuell oder \u00fcberholt sind.<br \/>\n&#8211; Austausch mit Menschen mit Behinderungen suchen, beobachten, zuh\u00f6ren.<br \/>\n&#8211; Personas mit Behinderung in Konzeptions- und Entwicklungsprozesse einbeziehen.<br \/>\n&#8211; Neugier und kritisches Denken pflegen \u2013 nicht an Vorannahmen \u201efestwachsen\u201c.<br \/>\n&#8211; Teams divers besetzen<\/p>\n<p>Zentrale Botschaft<\/p>\n<p>&#8211; Vorannahmen sind normal, aber sie m\u00fcssen regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberpr\u00fcft werden, um unbewusste Ausgrenzung zu vermeiden.<br \/>\n&#8211; Wer neugierig bleibt, kritisch hinterfragt und den Austausch mit Betroffenen sucht, trifft bessere Entscheidungen f\u00fcr inklusive und barrierefreie digitale Angebote.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Was_sind_Vorannahmen\"><\/span>Was sind Vorannahmen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Ungepr\u00fcfte Vorannahmen sind Annahmen \u00fcber Sachverhalte, die wir treffen, ohne sie wirklich zu \u00fcberpr\u00fcfen. Sie funktionieren gewisserma\u00dfen als Abk\u00fcrzungen im Denken. Wir nehmen etwas an, halten ein bestimmtes Konzept f\u00fcr plausibel und gehen davon aus, dass es schon stimmen wird. In der Realit\u00e4t zeigt sich jedoch oft, dass diese Annahmen gar nicht zutreffen. Das eigentliche Problem entsteht dann, wenn wir sie nicht hinterfragen.<br \/>\nDas kann sowohl bei Menschen passieren, die sich professionell mit Barrierefreiheit besch\u00e4ftigen, als auch bei denen, die nur am Rande mit dem Thema zu tun haben. In beiden F\u00e4llen k\u00f6nnen solche Annahmen dazu f\u00fchren, dass Produkte oder Inhalte falsch oder unvollst\u00e4ndig gestaltet werden. Genau deshalb m\u00f6chte ich heute ein paar Beispiele anschauen und dar\u00fcber sprechen, wie sich solche Denkfallen vielleicht vermeiden lassen.<br \/>\nZun\u00e4chst stellt sich die Frage: Warum haben wir \u00fcberhaupt Vorannahmen?<br \/>\nDie Antwort ist eigentlich ganz simpel. Sie helfen uns dabei, unseren Alltag zu bew\u00e4ltigen. Unser Gehirn nutzt sie als eine Art Denkabk\u00fcrzung, weil wir gar nicht die Kapazit\u00e4t h\u00e4tten, jede einzelne Entscheidung und jede Beobachtung komplett von Grund auf zu analysieren.<br \/>\nWenn wir jeden Schritt unseres Alltags bis ins Detail durchdenken m\u00fcssten, w\u00fcrden wir wahrscheinlich morgens schon beim Aufstehen stecken bleiben. Wir w\u00fcrden immer weiter analysieren und abw\u00e4gen \u2013 und am Ende kaum ins Handeln kommen. In diesem Sinne sind Vorannahmen also zun\u00e4chst einmal n\u00fctzlich und notwendig.<br \/>\nDas eigentliche Problem ist nicht, dass wir sie haben, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Menschen, die reflektierter arbeiten, \u00fcberpr\u00fcfen ihre Annahmen regelm\u00e4\u00dfig. Sie fragen sich: Stimmt das eigentlich wirklich? Gibt es vielleicht Situationen, in denen meine Annahme nicht gilt?<br \/>\nAndere tun das seltener. Dann bleiben Fehlannahmen bestehen \u2013 und k\u00f6nnen sich sogar verst\u00e4rken. Mit der Zeit wirken sie sich dann auf Entscheidungen und Gestaltungen aus, oft ohne dass wir es \u00fcberhaupt merken.<br \/>\nEin weiterer wichtiger Faktor ist Zeitdruck. In den meisten Jobs m\u00fcssen wir heute viele Aufgaben gleichzeitig bew\u00e4ltigen. Unter solchen Bedingungen greifen wir nat\u00fcrlich besonders gern zu diesen mentalen Abk\u00fcrzungen.<br \/>\nEin typisches Beispiel w\u00e4re die Annahme: \u201eEs wird sowieso keine behinderte Person meine Anwendung nutzen.\u201c<br \/>\nWenn man so denkt, neigt man schnell dazu, Barrierefreiheit nur minimal zu ber\u00fccksichtigen \u2013 gerade so viel, dass es formal irgendwie passt. Andere Aufgaben erscheinen dringender oder wichtiger, und Barrierefreiheit rutscht in der Priorit\u00e4tenliste nach unten.<br \/>\nGenau hier beginnt aber das Problem. Denn diese scheinbar kleine Vorannahme kann am Ende dazu f\u00fchren, dass Menschen tats\u00e4chlich ausgeschlossen werden, obwohl das vielleicht gar nicht beabsichtigt war.<br \/>\nH\u00e4ufig nehmen wir auch unsere eigene Nutzungserfahrung als Ma\u00dfstab. Wir gehen ganz selbstverst\u00e4ndlich davon aus: Ich sehe normal, ich h\u00f6re normal, ich habe keine Probleme mit der Bewegung meiner H\u00e4nde und kann eine Maus problemlos bedienen. Wenn f\u00fcr mich alles funktioniert, liegt die Annahme nahe, dass das f\u00fcr andere ebenfalls gilt.<br \/>\nDadurch kommen wir oft gar nicht auf die Idee, dass es Menschen gibt, f\u00fcr die genau diese Dinge schwierig oder unm\u00f6glich sind. Oder wir untersch\u00e4tzen schlicht die Gr\u00f6\u00dfe dieser Gruppe. Man denkt dann: Das sind bestimmt nur sehr wenige Menschen. Und wenn die Gruppe so klein ist, scheint es aus praktischer Sicht nicht besonders wichtig zu sein, ihre Bed\u00fcrfnisse zu ber\u00fccksichtigen.<br \/>\nEin weiterer Faktor ist die mangelnde Diversit\u00e4t in vielen Teams. H\u00e4ufig arbeiten dort Menschen zusammen, die sich in vielen Punkten \u00e4hneln \u2013 man k\u00f6nnte sagen: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Gerade im IT-Bereich sind Teams oft relativ jung, technisch versiert und sehr vertraut mit digitalen Werkzeugen. Die meisten sind technikaffin und bewegen sich ganz selbstverst\u00e4ndlich in digitalen Umgebungen.<br \/>\nWenn alle im Team \u00e4hnliche Erfahrungen und F\u00e4higkeiten haben, wird es nat\u00fcrlich schwieriger, sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen. Es ger\u00e4t leicht aus dem Blick, dass es viele Menschen gibt, die nicht technikaffin sind, die mit bestimmten Ger\u00e4ten oder Bedienkonzepten Schwierigkeiten haben oder die eben nicht jung und k\u00f6rperlich fit sind.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Vorannahmen_in_der_Barrierefreiheit\"><\/span>Vorannahmen in der Barrierefreiheit<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Schauen wir uns einmal ein paar typische Vorannahmen an, die in diesem Zusammenhang h\u00e4ufig vorkommen.<br \/>\nEine klassische Annahme ist zum Beispiel: Blinde Menschen k\u00f6nnen keinen Computer oder kein Smartphone benutzen.<br \/>\nIhr als Leserinnen eines Blogs zur Barrierefreiheit wisst nat\u00fcrlich, dass das nicht stimmt. Aber stellen wir uns einmal vor, man h\u00e4tte sich mit dem Thema Barrierefreiheit noch nie besch\u00e4ftigt und h\u00e4tte auch noch keinen Kontakt zu blinden Menschen gehabt. Dann wirkt diese Annahme zun\u00e4chst durchaus plausibel.<br \/>\nWenn jemand blind ist, kann diese Person keine grafische Benutzeroberfl\u00e4che sehen. Sie kann keine Mausbewegungen visuell verfolgen, nicht einfach auf sichtbare Elemente klicken und auch keinen Text lesen, der nur visuell dargestellt wird. All das ist zun\u00e4chst einmal korrekt.<br \/>\nDas Problem entsteht aber, wenn wir an dieser Stelle aufh\u00f6ren zu denken und diese Annahme nicht weiter hinterfragen. Dann kommen wir gar nicht auf die Idee, dass blinde Menschen unsere Anwendungen m\u00f6glicherweise trotzdem nutzen wollen \u2013 und dabei auf Barrieren sto\u00dfen.<br \/>\nDabei gibt es eigentlich Hinweise im Alltag. Man begegnet durchaus blinden Menschen, die ein Smartphone benutzen. Sie halten es ja nicht einfach nur in der Hand oder verwenden es als Briefbeschwerer \u2013 sie nutzen es ganz offensichtlich. Und allein diese Beobachtung m\u00fcsste eigentlich die n\u00e4chste Frage ausl\u00f6sen: Wie funktioniert das eigentlich?<br \/>\nDie Antwort ist nat\u00fcrlich, dass es Technologien gibt \u2013 zum Beispiel Screenreader \u2013, die blinden Menschen den Zugang zu digitalen Ger\u00e4ten erm\u00f6glichen. Aber auf diese L\u00f6sungen kommt man nur, wenn man bereit ist, die eigene Vorannahme einmal kurz anzuhalten und genauer hinzuschauen.<br \/>\nGenau das meine ich mit dem Festhalten an ungepr\u00fcften Vorannahmen \u2013 und dieses Ph\u00e4nomen begegnet uns erstaunlich h\u00e4ufig.<br \/>\nNehmen wir zum Beispiel funktionalen Analphabetismus. Eine Person, die funktionale Analphabetin oder funktionaler Analphabet ist, kann durchaus lesen. Der Begriff bedeutet n\u00e4mlich nicht, dass jemand gar nicht lesen kann. Er bedeutet lediglich, dass die Lesef\u00e4higkeiten unter einem bestimmten Niveau liegen. Vielleicht kann eine Person W\u00f6rter oder kurze S\u00e4tze lesen, hat aber Schwierigkeiten mit l\u00e4ngeren oder komplexeren Texten. Oder sie nutzt unterst\u00fctzende Technologien, zum Beispiel Tools, die Texte vorlesen.<br \/>\nDie Annahme, funktionale Analphabetinnen und Analphabeten k\u00f6nnten grunds\u00e4tzlich nicht lesen, ist also schlicht falsch. Und solche Missverst\u00e4ndnisse gibt es bei vielen Gruppen.<br \/>\n\u00c4hnliches gilt etwa f\u00fcr Menschen im Autismus-Spektrum, aber auch f\u00fcr viele andere Personengruppen. Wichtig ist dabei immer wieder zu betonen: Es ist v\u00f6llig normal, dass wir solche Vorannahmen haben. Problematisch wird es erst dann, wenn wir sie nicht hinterfragen.<br \/>\nDas gilt auch bei Themen wie Lernbehinderungen. Denken wir zum Beispiel an Menschen mit Down-Syndrom. Wenn man jemanden mit Down-Syndrom sieht, k\u00f6nnte man vorschnell annehmen, dass diese Person wahrscheinlich kein Smartphone nutzt oder nicht mit Plattformen wie TikTok oder Instagram umgehen kann.<br \/>\nDie Realit\u00e4t ist aber viel vielf\u00e4ltiger. Viele Menschen mit Down-Syndrom nutzen selbstverst\u00e4ndlich Smartphones, soziale Medien und Apps. Ob und wie gut jemand ein bestimmtes Tool nutzen kann, h\u00e4ngt immer von der einzelnen Person ab \u2013 nicht allein von einer Diagnose.<br \/>\nDie entscheidende Aufgabe besteht also darin, die eigene Annahme kurz anzuhalten und zu pr\u00fcfen: Stimmt das wirklich? Oder basiert meine Einsch\u00e4tzung nur auf einem Bild im Kopf?<br \/>\nEin interessantes Detail ist au\u00dferdem, dass solche Vorannahmen nicht nur bei Menschen ohne Erfahrung mit Barrierefreiheit vorkommen. Auch Personen, die sich professionell mit dem Thema besch\u00e4ftigen, k\u00f6nnen in solche Denkfallen geraten. Mir begegnen immer wieder erstaunliche Ideen oder Konzepte, die offenbar nie wirklich hinterfragt wurden.<br \/>\nEin Beispiel daf\u00fcr ist das Thema Sprachwechsel auf Webseiten. Darauf m\u00f6chte ich hier nicht zu ausf\u00fchrlich eingehen, weil ich dazu bereits einen eigenen Beitrag gemacht habe, aber das Grundprinzip l\u00e4sst sich kurz erkl\u00e4ren.<br \/>\nBei Webseiten kann man im Code angeben, in welcher Sprache der Inhalt verfasst ist. Diese Information wird unter anderem von Screenreadern genutzt, also von Programmen, die Texte f\u00fcr blinde Menschen vorlesen. Wenn eine Seite als Englisch markiert ist, wird sie mit englischer Aussprache vorgelesen. Wenn sie als Deutsch markiert ist, mit deutscher.<br \/>\nSo weit, so sinnvoll. In der Praxis wird die Bedeutung dieser Einstellung allerdings h\u00e4ufig \u00fcbersch\u00e4tzt, besonders von sehenden Entwicklerinnen und Entwicklern. Der Grund ist eigentlich recht einfach: Menschen stellen ihren Screenreader normalerweise auf die Sprache ein, die sie haupts\u00e4chlich verwenden.<br \/>\nEine Person, die \u00fcberwiegend deutsche Webseiten nutzt, wird ihren Screenreader also in der Regel auf Deutsch eingestellt haben. Und jemand, der vor allem englischsprachige Inhalte nutzt, wird ihn entsprechend auf Englisch eingestellt haben.<br \/>\nDeshalb spielt die Spracheinstellung des Dokuments in vielen Alltagssituationen eine deutlich geringere Rolle, als oft angenommen wird. Trotzdem wird dar\u00fcber in manchen Diskussionen sehr intensiv gestritten \u2013 vermutlich auch deshalb, weil viele sehende Personen sich nur schwer vorstellen k\u00f6nnen, wie Screenreader im Alltag tats\u00e4chlich genutzt werden.<br \/>\nEin besonders interessantes Beispiel f\u00fcr solche ungepr\u00fcften Vorannahmen ist der sogenannte Sprachwechsel innerhalb einer Webseite.<br \/>\nTechnisch kann man in einer Webseite festlegen, dass einzelne Abs\u00e4tze oder sogar einzelne W\u00f6rter in einer anderen Sprache sind. Nehmen wir zum Beispiel eine deutschsprachige Seite, auf der ein englisches Zitat vorkommt. Dann kann man diesen Zitatblock im Code als Englisch markieren. Ein Screenreader w\u00fcrde diesen Abschnitt dann automatisch mit englischer Aussprache vorlesen. Das funktioniert sogar auf Wortebene \u2013 also theoretisch k\u00f6nnte ein einzelnes englisches Wort mitten in einem deutschen Satz anders ausgesprochen werden.<br \/>\nF\u00fcr diese Funktion gibt es tats\u00e4chlich auch ein eigenes WCAG-Erfolgskriterium. Die genaue Nummer habe ich gerade nicht im Kopf, aber es existiert. Und aus meiner Sicht ist das ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie etwas zwar technisch sinnvoll erscheint, in der Praxis aber v\u00f6llig am Bedarf vorbeigehen kann.<br \/>\nDenn was passiert in der Realit\u00e4t? Der Screenreader wird gezwungen, mitten im Satz die Sprache zu wechseln. Ein Wort wird pl\u00f6tzlich mit englischer Aussprache vorgelesen, dann geht es wieder auf Deutsch weiter. F\u00fcr viele blinde Nutzerinnen und Nutzer ist das nicht hilfreich, sondern eher st\u00f6rend.<br \/>\nGerade Menschen, die ihren Screenreader mit h\u00f6herer Geschwindigkeit verwenden \u2013 was viele erfahrene Nutzer tun \u2013 empfinden solche automatischen Sprachwechsel oft als kognitiv belastend. Man h\u00f6rt einen deutschen Text, ist mental auf diese Sprache eingestellt, und pl\u00f6tzlich wird ein einzelnes Wort oder eine kurze Phrase anders ausgesprochen. Das rei\u00dft einen aus dem Lesefluss heraus.<br \/>\nTrotzdem investieren viele Entwicklerinnen und Entwickler erstaunlich viel Zeit darin, diese Sprachwechsel korrekt zu markieren. Sie markieren einzelne W\u00f6rter, stellen die Sprache um, wiederholen das an mehreren Stellen im Text \u2013 alles mit dem Ziel, das Kriterium m\u00f6glichst sauber umzusetzen.<br \/>\nWenn man dann erkl\u00e4rt, dass viele erfahrene Screenreader-Nutzer diese automatische Sprachumschaltung in ihren Einstellungen deaktivieren, sorgt das manchmal f\u00fcr \u00dcberraschung. Der Grund ist simpel: Es ist schlicht nervig. Au\u00dferdem kommt es h\u00e4ufig vor, dass Sprachen falsch ausgezeichnet sind.<br \/>\nEin Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Vor vielen Jahren war die Webseite der taz \u2013 der Tageszeitung aus irgendeinem Grund als englischsprachig markiert. Das f\u00fchrte dazu, dass mein Screenreader deutsche Texte mit englischer Betonung vorgelesen hat. Und ein deutscher Text mit englischer Aussprache ist erstaunlich schwer zu verstehen.<br \/>\nDamals wusste ich noch nicht, dass man solche Dinge in den Screenreader-Einstellungen selbst \u00e4ndern kann. Screenreader sind komplexe Programme mit sehr vielen Optionen. F\u00fcr mich bedeutete das damals ganz praktisch: Ich konnte diese Seite kaum lesen.<br \/>\nHeute wei\u00df ich, wo man diese Einstellung findet. Und das Erste, was ich in einem neuen Screenreader einstelle, ist tats\u00e4chlich: automatische Sprachwechsel deaktivieren.<br \/>\nAber l\u00e4ngst nicht alle Nutzerinnen und Nutzer wissen das. F\u00fcr sie kann eine falsch gesetzte Sprachmarkierung dazu f\u00fchren, dass ein Text schwer verst\u00e4ndlich oder sogar praktisch unlesbar wird.<br \/>\nGenau deshalb ist dieses Beispiel so interessant. Hier haben Menschen mit guten Absichten eine Regel geschaffen \u2013 vermutlich aus der Perspektive sehender Entwicklerinnen und Entwickler heraus. Aber sie haben nicht vollst\u00e4ndig durchdacht, wie sich diese Funktion im tats\u00e4chlichen Nutzungskontext anf\u00fchlt.<br \/>\nDas Problem ist nur: Weil es ein offizielles WCAG-Kriterium ist, verschwindet es nicht so einfach wieder. Einzelne Personen k\u00f6nnen das nicht abschaffen. Und so investieren weiterhin viele Teams Zeit und Energie in eine Funktion, deren praktischer Nutzen zumindest sehr diskutabel ist.<br \/>\nAuch das ist letztlich wieder ein Beispiel f\u00fcr das zentrale Thema dieser Folge: Vorannahmen, die nie wirklich hinterfragt wurden.<br \/>\nEine andere Diskussion, die ich hier nur kurz anrei\u00dfen m\u00f6chte, weil ich selbst nicht tief genug im Thema stecke, finde ich ebenfalls sehr spannend: die Debatte um Leichte Sprache und einfache Sprache.<br \/>\nZur kurzen Einordnung: Einfache Sprache richtet sich grunds\u00e4tzlich an eine breite Bev\u00f6lkerung \u2013 also an Menschen, die Schwierigkeiten haben, komplexe Alltagstexte zu verstehen. Leichte Sprache dagegen ist ein spezielles Konzept mit sehr stark vereinfachten Regeln und richtet sich vor allem an Menschen mit Lernbehinderungen.<br \/>\nSo lautet zumindest die g\u00e4ngige Einordnung.<br \/>\nInzwischen wird jedoch h\u00e4ufiger argumentiert, dass diese Einteilung m\u00f6glicherweise zu stark vereinfacht. Menschen mit Lernbehinderungen werden dabei oft \u00fcber einen Kamm geschoren, obwohl ihre F\u00e4higkeiten, Sprache zu verstehen, sehr unterschiedlich sein k\u00f6nnen.<br \/>\nDas bedeutet: Es gibt sicherlich Personen, die tats\u00e4chlich auf Leichte Sprache angewiesen sind. Gleichzeitig k\u00f6nnte es aber auch viele Menschen geben, die mit gut umgesetzter einfacher Sprache besser zurechtkommen w\u00fcrden \u2013 wobei das \u201egut umgesetzt\u201c hier entscheidend ist.<br \/>\nEin Argument in dieser Diskussion ist auch der Aspekt der Stigmatisierung. Leichte Sprache hat ein sehr spezifisches Erscheinungsbild: kurze S\u00e4tze, viele Abs\u00e4tze, besondere Formatierungen. Manche Menschen empfinden diese Form daher als auff\u00e4llig oder sogar stigmatisierend. Ein Text in einfacher Sprache k\u00f6nnte f\u00fcr sie angenehmer sein, weil er weniger speziell wirkt und n\u00e4her an gew\u00f6hnlichen Texten bleibt.<br \/>\nEin weiterer Punkt ist, dass Leichte Sprache oft dazu gezwungen ist, Informationen stark zu reduzieren. Dadurch kann zwar die Verst\u00e4ndlichkeit steigen, gleichzeitig gehen aber auch Inhalte verloren. Manche Menschen k\u00f6nnten deshalb mit einer verst\u00e4ndlich formulierten einfachen Sprache sogar mehr anfangen.<br \/>\nIch finde diese Diskussion deshalb spannend, weil sie eine wichtige Frage aufwirft:<br \/>\nSind diese Annahmen eigentlich empirisch \u00fcberpr\u00fcft worden?<br \/>\nHat man systematisch untersucht, welche Formen der sprachlichen Vereinfachung f\u00fcr welche Gruppen tats\u00e4chlich am besten funktionieren? Und k\u00f6nnte es vielleicht sein, dass einfache Sprache in vielen F\u00e4llen bereits ausreichen w\u00fcrde \u2013 oder dass sich beide Ans\u00e4tze sinnvoll miteinander verbinden lassen?<br \/>\nDenn in der Praxis sto\u00dfen wir schnell auf ein ganz anderes Problem: Ressourcen. Kaum eine Organisation hat die Kapazit\u00e4t, Inhalte konsequent sowohl in einfacher Sprache als auch in Leichter Sprache bereitzustellen. Dieses doppelte System ist aufwendig und wird deshalb oft gar nicht umgesetzt.<br \/>\nMeine Vermutung ist allerdings, dass sich diese Frage in einigen Jahren teilweise von selbst l\u00f6sen k\u00f6nnte. Wenn k\u00fcnstliche Intelligenz zunehmend in der Lage ist, Texte automatisch zu vereinfachen, k\u00f6nnten Inhalte dynamisch an unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse angepasst werden \u2013 zum Beispiel durch verschiedene Grade der Vereinfachung oder durch personalisierte Darstellung.<br \/>\nBis dahin haben wir jedoch ein sehr praktisches Problem: Es fehlt an beidem. Es gibt weder ausreichend Texte in einfacher Sprache noch gen\u00fcgend Inhalte in Leichter Sprache \u2013 und vor allem fehlen sie genau dort, wo sie f\u00fcr die jeweiligen Zielgruppen besonders wichtig w\u00e4ren.<br \/>\nDeshalb w\u00e4re es aus meiner Sicht sehr sinnvoll, st\u00e4rker zu untersuchen, was Menschen tats\u00e4chlich ben\u00f6tigen. Also nicht nur theoretisch dar\u00fcber zu sprechen, welche Konzepte es gibt, sondern empirisch zu kl\u00e4ren, welche Formen der sprachlichen Aufbereitung f\u00fcr welche Gruppen wirklich hilfreich sind.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Auswirkungen_ungepruefter_Vorannahmen\"><\/span>Auswirkungen ungepr\u00fcfter Vorannahmen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Einige habe ich schon indirekt erw\u00e4hnt: Implizite \u2013 also oft unbewusste \u2013 Annahmen f\u00fchren sehr leicht dazu, dass bestimmte Themen gar nicht erst ernsthaft betrachtet werden.<br \/>\nWenn ich zum Beispiel denke: \u201eDiese Gruppe braucht keine Leichte Sprache oder keine besonders verst\u00e4ndlichen Texte, weil sie das ohnehin nicht verstehen wird\u201c, dann werde ich auch keine oder wenig Energie investieren, solche Texte zu erstellen. Die Konsequenz ist einfach: Man l\u00e4sst es bleiben.<br \/>\n\u00c4hnlich ist es bei anderen Gruppen.<br \/>\nWenn ich davon ausgehe, dass blinde Menschen keine Computer nutzen, dann halte ich Alternativtexte vielleicht f\u00fcr verzichtbar. Dann denkt man: \u201eDas kann man sp\u00e4ter irgendwie automatisch l\u00f6sen, vielleicht mit KI \u2013 so genau m\u00fcssen wir das nicht machen.\u201c<br \/>\nWenn ich annehme, dass funktionale Analphabetinnen und Analphabeten Inhalte sowieso nicht verstehen k\u00f6nnen, dann komme ich vielleicht gar nicht auf die Idee, Funktionen einzubauen, mit denen sich Texte vorlesen lassen oder mit denen sich die Darstellung anpassen l\u00e4sst.<br \/>\nOder wenn ich glaube, dass Autistinnen und Autisten meine Webseite ohnehin nicht besuchen werden, dann habe ich aus meiner Sicht keinen Grund, auf Reiz\u00fcberflutung zu achten. Dann baue ich vielleicht ohne gro\u00dfes Nachdenken Animationen, Effekte und visuelle Spielereien ein \u2013 schlie\u00dflich \u201ebetrifft das ja niemanden\u201c.<br \/>\nMan kann diese Beispiele im Grunde endlos fortsetzen. Das Ergebnis ist immer \u00e4hnlich: Es werden Entscheidungen getroffen, die auf falschen Annahmen beruhen, oft ohne dass man sich dessen bewusst ist.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Auch_BF-Profis_liegen_manchmal_falsch\"><\/span>Auch BF-Profis liegen manchmal falsch<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Interessanterweise sehen wir ein \u00e4hnliches Problem auch bei Barrierefreiheitsprofis. Auch dort werden manchmal Annahmen als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet, obwohl sie l\u00e4ngst \u00fcberholt sind.<br \/>\nEin typisches Ph\u00e4nomen ist: Je l\u00e4nger jemand im Feld arbeitet, desto mehr Wissen sammelt sich an \u2013 aber nicht alles davon wird regelm\u00e4\u00dfig hinterfragt. Gerade Menschen, die schon sehr lange im Bereich Barrierefreiheit t\u00e4tig sind, haben ihr Wissen oft noch aus der Zeit fr\u00fcherer Richtlinien, zum Beispiel aus der alten BITV oder sehr fr\u00fchen Versionen der WCAG.<br \/>\nDann werden bestimmte Vorstellungen einfach \u00fcber Jahre hinweg mitgeschleppt, ohne noch einmal zu pr\u00fcfen, ob sie heute \u00fcberhaupt noch zutreffen.<br \/>\nDas kann zwei Folgen haben. Einerseits werden Ma\u00dfnahmen umgesetzt, die viel Aufwand verursachen, f\u00fcr die betroffenen Nutzerinnen und Nutzer aber nur begrenzten Nutzen haben. Andererseits bleiben vielleicht Dinge liegen, die tats\u00e4chlich wichtig w\u00e4ren.<br \/>\nIch habe vorhin schon das Beispiel mit den Sprachwechseln genannt. Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Abk\u00fcrzungen im Code. Fr\u00fcher war es \u00fcblich, Abk\u00fcrzungen \u00fcber bestimmte Attribute ausf\u00fchrlich zu erkl\u00e4ren. Inzwischen ist das in den neueren WCAG-Versionen weitgehend \u00fcberholt \u2013 trotzdem taucht diese Praxis immer wieder auf, weil sie fr\u00fcher einmal gelernt wurde.<br \/>\nSolche Dinge entstehen oft aus Annahmen dar\u00fcber, wie Menschen mit Behinderung das Web nutzen oder wie assistive Technologien funktionieren. Diese Annahmen waren vielleicht einmal richtig, gelten heute aber nicht mehr unbedingt.<br \/>\nUnd ja \u2013 solche Situationen erlebe ich durchaus auch pers\u00f6nlich. Es kommt vor, dass Menschen mit sehr viel Erfahrung im Bereich Barrierefreiheit sehr \u00fcberzeugt erkl\u00e4ren, wie etwas angeblich funktionieren m\u00fcsse, obwohl Betroffene selbst eine ganz andere Perspektive einbringen.<br \/>\nNat\u00fcrlich kann sich jede und jeder einmal irren. Das ist v\u00f6llig normal. Problematisch wird es erst dann, wenn man an solchen Annahmen trotz gegenteiliger Hinweise festh\u00e4lt und nicht bereit ist, sie zu korrigieren.<br \/>\nZum Gl\u00fcck ist das nicht die Regel. Es gibt viele sehr reflektierte Fachleute, die offen f\u00fcr Feedback sind und aktiv den Austausch mit Betroffenen suchen. Aber die beschriebenen Situationen kommen eben doch immer wieder vor.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Was_kann_man_tun\"><\/span>Was kann man tun?<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Die entscheidende Frage ist also: Was kann man konkret tun, um solche Vorannahmen zu hinterfragen?<br \/>\nIch glaube, der erste wichtige Schritt ist tats\u00e4chlich, die eigenen Annahmen immer wieder zu \u00fcberpr\u00fcfen. Also sich regelm\u00e4\u00dfig zu fragen: Stimmt das eigentlich noch, was ich da denke? War das jemals korrekt \u2013 oder habe ich das vielleicht nur irgendwann einmal so gelernt?<br \/>\nGerade im Bereich der Richtlinien passiert es schnell, dass man sich im Dschungel der Vorgaben ein wenig verirrt. Man ist sich dann ganz sicher: Diese Anforderung habe ich doch irgendwo in den WCAG gelesen. Wenn man dann noch einmal genau nachschaut, stellt man pl\u00f6tzlich fest: Steht da gar nicht.<br \/>\nDeshalb lohnt es sich, solche Dinge gelegentlich wirklich noch einmal nachzupr\u00fcfen. Und man darf auch durchaus hinterfragen, was in den Richtlinien selbst steht. Ich habe ja schon ein paar Beispiele genannt.<br \/>\nEs gibt Anforderungen oder Techniken, die heute technisch eigentlich \u00fcberholt sind \u2013 etwa bestimmte Hinweise zum autocomplete-Attribut, das moderne Browser mittlerweile ohnehin ziemlich gut handhaben. Solche Dinge werden teilweise einfach seit vielen Jahren mitgeschleppt. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr alte Workarounds aus Zeiten, in denen bestimmte Screenreader oder Browser ganz eigene Probleme hatten \u2013 zum Beispiel spezielle Anpassungen f\u00fcr Kombinationen wie JAWS im Internet Explorer.<br \/>\nDas sind L\u00f6sungen f\u00fcr technische Situationen, die es heute oft gar nicht mehr gibt. Da kann man sich durchaus fragen: Ist das noch sinnvoll \u2013 oder machen wir hier Aufwand f\u00fcr ein Problem, das l\u00e4ngst verschwunden ist?<br \/>\nEin zweiter wichtiger Punkt ist der direkte Austausch mit Menschen mit Behinderung. Das sollte eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein, wird aber trotzdem nicht immer konsequent umgesetzt. Es hilft enorm, einfach zu fragen: Wie nutzt du diese Anwendung eigentlich? Was funktioniert gut? Was nervt? Oder auch einfach einmal zuzuschauen, wie jemand mit assistiver Technologie arbeitet.<br \/>\nDas w\u00fcrde ich \u00fcbrigens auch ausdr\u00fccklich erfahrenen Barrierefreiheitsprofis empfehlen. Gerade wenn man schon lange in dem Bereich t\u00e4tig ist, kann der Blick von au\u00dfen sehr wertvoll sein. Am besten spricht man dabei mit Menschen, die selbst assistive Technologien nutzen und gleichzeitig ein gutes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Barrierefreiheit haben \u2013 also Personen, die beides zusammenbringen: Erfahrung aus der Praxis und technisches Know-how.<br \/>\nWas mich pers\u00f6nlich manchmal irritiert, ist, dass Betroffene in manchen Expertendiskussionen nicht immer ernst genommen werden \u2013 besonders in \u00e4lteren Strukturen. Das hat sicher auch historische Gr\u00fcnde. Viele der heutigen Expertinnen haben in einer Zeit angefangen, in der es zum Beispiel die UN-Behindertenrechtskonvention noch gar nicht gab. Damals war die Haltung oft eher paternalistisch: Man wollte \u201eden armen Behinderten helfen\u201c, damit sie irgendwie besser zurechtkommen. Die heutige Perspektive der Selbstbestimmung und Teilhabe hat sich erst sp\u00e4ter st\u00e4rker durchgesetzt.<br \/>\nNat\u00fcrlich gilt das l\u00e4ngst nicht f\u00fcr alle. Es gibt viele sehr reflektierte Fachleute, die diese Entwicklung aktiv unterst\u00fctzen. Aber bei manchen ist diese alte Denkweise noch sp\u00fcrbar \u2013 und auch das kann dazu f\u00fchren, dass bestimmte Annahmen nicht mehr hinterfragt werden.<br \/>\nEin praktisches Werkzeug kann au\u00dferdem sein, Personas mit Behinderung in Entwicklungs- oder Konzeptionsprozesse einzubeziehen. Das Persona-Konzept ist zwar in der UX-Community inzwischen teilweise umstritten, aber es kann dennoch helfen, sich systematisch in unterschiedliche Nutzungssituationen hineinzuversetzen.<br \/>\nNehmen wir zum Beispiel \u00e4ltere Menschen. Man k\u00f6nnte vorschnell behaupten: \u00c4ltere Menschen nutzen das Internet oder moderne Technik sowieso nicht. Nat\u00fcrlich stimmt das so nicht \u2013 es gibt sehr viele \u00e4ltere Menschen, die digitale Angebote ganz selbstverst\u00e4ndlich nutzen.<br \/>\nWenn ich diese Vorannahme habe, dann kann es passieren, dass ich diese Gruppe unbewusst ausschlie\u00dfe. Stattdessen k\u00f6nnte man sich eine andere Frage stellen: Warum nutzen manche \u00e4ltere Menschen bestimmte Angebote vielleicht weniger?<br \/>\nUnd dann k\u00f6nnte man zu einer ziemlich interessanten Erkenntnis kommen: Vielleicht liegt es gar nicht daran, dass sie nicht wollen oder nicht k\u00f6nnen. Vielleicht liegt es schlicht daran, wie wir unsere Interfaces gestalten.<br \/>\nDas w\u00e4re zumindest eine Hypothese, \u00fcber die man nachdenken k\u00f6nnte. Und der einfachste Weg, das herauszufinden, ist wieder der gleiche wie zuvor: miteinander sprechen. Die meisten von uns haben \u00e4ltere Menschen im Umfeld \u2013 Eltern, Gro\u00dfeltern, Nachbarn oder Bekannte. Man kann sie einfach fragen oder ihnen einmal beim Nutzen digitaler Angebote zuschauen.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Fazit\"><\/span>Fazit<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Am Ende l\u00e4uft vieles auf einen zentralen Punkt hinaus: Neugier.<br \/>\nDie Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen und nicht einfach als gegeben hinzunehmen.<br \/>\nManchmal habe ich den Eindruck, dass diese Neugier bei einigen Verantwortlichen etwas verloren gegangen ist. Wir richten uns bequem in unseren Vorannahmen ein \u2013 und pflegen sie fast wie eine kleine Pflanze.Dabei w\u00e4re es eigentlich sinnvoll, sie gelegentlich zu pr\u00fcfen: Stimmt das noch? Habe ich daf\u00fcr wirklich gute Gr\u00fcnde? Oder handelt es sich vielleicht um ein Vorurteil, das ich nie richtig hinterfragt habe? Und wen k\u00f6nnte ich mit dieser Annahme m\u00f6glicherweise ausschlie\u00dfen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute geht es um ungepr\u00fcfte Vorannahmen \u2013 und darum, wie sie zu Barrieren f\u00fchren k\u00f6nnen. 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