{"id":4979,"date":"2026-03-31T12:54:28","date_gmt":"2026-03-31T10:54:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?p=4979"},"modified":"2026-04-06T16:05:26","modified_gmt":"2026-04-06T14:05:26","slug":"der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/","title":{"rendered":"Die WebAIM-Million &#8211; sind 96 Prozent der Webseiten nicht barrierefrei?"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/webaim-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"572\" class=\"alignleft size-full wp-image-10713\" srcset=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/webaim-1.jpg 1024w, https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/webaim-1-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/webaim-1-768x429.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/digitale-barrierefreiheit.podigee.io\/133-96-der-websites-nicht-barrierefrei-kritik-an-der-webaim-studie\/embed?context=external&#038;theme=default\" style=\"border: 0\" frameBorder=\"0\" height=\"100\" width=\"100%\"><\/iframe><\/p>\n<p>Repost aus gegebenem Anlass: WebAim hat eine neue Analyse im M\u00e4rz 2026 ver\u00f6ffentlicht. Mit hohen Zahlen wie 50 Millionen gefundenen Fehlern auf eine Millionen Startseiten ist Aufmerksamkeit sicher. Meine Kritikpunkte bleiben aber bestehen. <\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_86 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/#Kommunikation_von_WebAIM_auf_Effekt_ausgelegt\" >Kommunikation von WebAIM auf Effekt ausgelegt<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/#Methodik\" >Methodik<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/#Automatisierte_Tools_sind_begrenzt_bis_gar_nicht_hilfreich\" >Automatisierte Tools sind begrenzt bis gar nicht hilfreich<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-4\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/#Keine_Seite_ist_ohne_Fehler\" >Keine Seite ist ohne Fehler<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-5\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/#Motivieren_oder_demotivieren\" >Motivieren oder demotivieren<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-6\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/#Was_soll_diese_Erhebung\" >Was soll diese Erhebung<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-7\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/#Zum_Weiterlesen\" >Zum Weiterlesen<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Kommunikation_von_WebAIM_auf_Effekt_ausgelegt\"><\/span>Kommunikation von WebAIM auf Effekt ausgelegt<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>96 Prozent der meist genutzten Webseiten nicht barrierefrei &#8211; die Nachricht macht aktuell wieder die Runde auf Accessibility-Kan\u00e4len. Tolle Sache, vor allem, wenn man nur \u00dcberschriften liest. Pers\u00f6nlich finde ich die <a href=\"https:\/\/webaim.org\/projects\/million\/\">WebAIM-Erhebung<\/a> aus zahlreichen Gr\u00fcnden nicht aussagekr\u00e4ftig bzw. werden falsche Schl\u00fcsse gezogen. Die Gr\u00fcnde m\u00f6chte ich in diesem Beitrag darlegen. <\/p>\n<p>Kurz zur Erkl\u00e4rung: In Fachkreisen sprechen wir nicht von Barrierefreiheit, sondern von Konformit\u00e4t. Konformit\u00e4t hei\u00dft, dass ein bestimmter Standard erf\u00fcllt wurde, zum Beispiel WCAG 2.1 auf Stufe AA. Da der Begriff &#8222;barrierefrei&#8220; f\u00fcr Webseiten nicht fest definiert ist, ist dieser Behelf stets notwendig. <\/p>\n<p>Die WebAIM Million ist eine Datenerhebung, bei die eine Millionen meist besuchten Websites automatisch mit WebAIM Wave gepr\u00fcft und datenm\u00e4\u00dfig analysiert werden. Da die Zahlen \u00fcber die Jahre vergleichbar sein sollen, findet keine \u00c4nderung der Methodik und des Tools statt. Jede Ver\u00e4nderung eines Parameters k\u00f6nnte dazu f\u00fchren, dass die Ergebnisse nicht mehr vergleichbar sind.<\/p>\n<p>Generell handelt es sich aus meiner Sicht weder um eine Analyse noch um eine Studie, der Begriff Daten-Erhebung passt am ehesten. WebAIM selbst gibt nur Zahlen heraus und interpretiert relativ wenig, es fehlt also an analytischer Tiefe. F\u00fcr eine Studie w\u00e4re ein Hauch von empirischer Methodik notwendig, der ebenfalls nicht zu finden ist. Die &#8211; zumeist falschen &#8211; Interpretationen kommen von anderen Personen. Das WebAIM die Zahlen nur kommuniziert und nicht interpretiert, finde ich allerdings sinnvoll.<\/p>\n<p>Da der Artikel recht lang geworden ist, m\u00f6chte ich die Haupt-Kritik am Anfang zusammenfassen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die gefundenen Fehler d\u00fcrften h\u00e4ufig nicht zu einer eingeschr\u00e4nkten Nutzbarkeit der Websites durch behinderte Menschen f\u00fchren. Jede Teilmenge von Websites ist durch eine Teilmenge der behinderten Menschen schlecht oder gar nicht nutzbar, aber WebAims Erhebung bringt uns diesbez\u00fcglich keine neuen Erkentnisse. Nutzbarkeit durch behinderte Menschen und Konformit\u00e4t mit Barrierefreiheits-Regeln sind nicht immer deckungsgleich. Wenn einige Expert:Innen auf Grund der WebAIM-Analyse behaupten, 96 Prozent der Websites seien durch behinderte Menschen \u00fcberhaupt nicht nutzbar, kann man das nur als Unsinn bezeichnen. Dass eine komplette Website \u00fcberhaupt nicht nutzbar ist, kommt \u00e4u\u00dferst selten vor, h\u00e4ufig sind aber einzelne Teile wie der Login, die Cookie-Meldung und \u00e4hnliche Dinge nicht nutzbar. Das sind aber v\u00f6llig verschiedene Dinge und man sollte sich schon an die Fakten halten.<\/li>\n<li>Der Test ist so oder so eine Moment-Aufnahme: Zum Zeitpunkt X wurden so und so viele Fehler gefunden. Sie k\u00f6nnen eine Minute nach dem Test behoben oder es k\u00f6nnen andere Fehler hinzugekommen sein. W\u00fcrde man das Test-Sample vergr\u00f6\u00dfern, sich also nicht nur die Startseiten anschauen, w\u00fcrden vermutlich alle Websites mindestens einen (eher deutlich mehr) Fehler aufweisen. Was ist mit dieser Erkenntnis gewonnen?<\/li>\n<li>WebAIM nimmt keine Gewichtung vor, wie schwerwiegend die Fehler sind. 1 oder 1000 Fehler, nach WebAIM ist das gleicherma\u00dfen relevant. Die Kommunikation ist nicht auf Information, sondern auf maximalen Effekt ausgelegt. Nicht jeder WCAG-Fehler ist gleicherma\u00dfen relevant, WebAIM suggeriert, das sei der Fall.<\/li>\n<li> Wenn ich eine Studie lese, die behauptet, fast 100 Prozent der Anbieter w\u00fcrden gegen Regeln versto\u00dfen, dann w\u00fcrde ich den Schluss daraus ziehen, dass die Regeln nicht erf\u00fcllbar sind. Ist es das, was WebAIM sagen m\u00f6chte, dass es nicht m\u00f6glich ist, mit den WCAG-Regeln konform zu sein? Wenn nein, worin liegt der Erkenntnis-Gewinn? Jede Expertin wird Ihnen heute sagen, dass absolute Konformit\u00e4t mit den Regeln f\u00fcr ein komplexes Angebot kaum mit vern\u00fcnftigem Aufwand erreichbar und auch nicht notwendig ist.<\/li>\n<li>Automatisierte Tools sind begrenzt aussagekr\u00e4ftig. Sie k\u00f6nnen Aussagen \u00fcber eine gro\u00dfe Menge von Daten treffen, die aber auf das einzelne Objekt betrachtet eventuell nicht relevant sind. Ich kann z.B. behaupten, dass Personen in Deutschland im Schnitt 1,80314 Meter gro\u00df sind und 71,235124 kg wiegen, was im Durchschnitt zutreffen mag, aber auf kein Indiduum. Die Websites weisen also wahrscheinlich Fehler auf, aber wie viele das sind und ob sie f\u00fcr die Nutzung relevant sind, kann die WebAIM-Studie nicht belegen. Schwerwiegender finde ich, dass wichtige Kriterien wie Benutzbarkeit per Tastatur oder das Abschalten von Animationen und Bewegungen gar nicht automatisch gepr\u00fcft werden k\u00f6nnen, zumindest nicht mit Wave. Selbst die Homepages mit den meisten von WebAIM gefundenen Fehlern k\u00f6nnten weit besser sein als jene, auf denen WebAIM kaum Fehler gefunden hat: Sie k\u00f6nnten massenhaft Fehler enthalten, die nicht automatisch aufsp\u00fcrbar sind.<\/li>\n<li>Auch der Umkehr-Schluss ist falsch: Weil WebAIM auf 4 Prozent der gepr\u00fcften Websites keine Probleme gefunden haben will, m\u00fcssen diese Seiten nicht barrierefrei oder f\u00fcr behinderte Menschen gut nutzbar sein, wie etwa Knowbility auf Twitter behauptet. Als Faustregel gilt, dass ca. 35 Prozent der Probleme automatisiert gefunden werden k\u00f6nnen. WebAIMs Studie belegt also h\u00f6chstens, dass diese 4 Prozent automatisch (wahrscheinlich mit WebAIMs Wave) getestet und diese Fehler ausgeb\u00fcgelt haben. Sie k\u00f6nnten aber trotzdem massenhaft nicht automatisch aufsp\u00fcrbare Fehler enthalten. Das zeigt deutlich, wie wenig aussagekr\u00e4ftig der WebAIM-Score ist.<\/li>\n<li>WebAIM suggeriert, dass es eine klare Relation zwischen der Zahl der gefundenen Fehler und der Barrierefreiheit gibt. Das ist nach aller Erfahrung nicht der Fall. Ein einzelner Fehler wie eine Tastaturfalle kann dazu f\u00fchren, dass eine Anwendung nicht nutzbar ist. 10 Kontrast-Fehler etwa bei Werbebannern sind zwar nicht optimal, aber d\u00fcrften in aller Regel keinen gro\u00dfen Impact haben, niemand ruft eine Nachrichtenseite auf, um sich die Werbung anzuschauen.<\/li>\n<li>WebAIM animiert dazu, die Website mit dem eigenen Tool Wave zu optimieren. Das mag ein paar relevante Fehler beheben, hat aber nicht unbedingt relevanten Impact auf die Nutzbarkeit durch behinderte Menschen.<\/li>\n<li>Die Erkenntnis, dass die Zahl der Fehler mit der Zahl der Elemente zunimmt ist zwar korrekt, aber banal. Wenn eine Website kaum ARIA einsetzt, ist klar, dass es kaum ARIA-Fehler gibt. Das problem ist an dieser Stelle, dass mehr Wert auf Optik und korrektes Verhalten in Mainstream-Browsern statt auf korrekten Code gelegt wird. WebAIM zeigt also eigentlich, dass viele Devs nicht mehr korrekt coden k\u00f6nnen oder wollen.<\/li>\n<\/ul>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Methodik\"><\/span>Methodik<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Die eine Millionen Websites wurden mit dem WAVE-Tool von WebAIM automatisiert gepr\u00fcft. Vielmehr ist zur Methodik auch nicht zu sagen. Es ist schlicht nicht m\u00f6glich, eine solche Menge an Websites in angemessener Zeit qualitativ zu analysieren. <\/p>\n<p>Hier beginnt aber auch schon das erste Problem: Das Tool untersucht sowohl WCAG-Kriterien nach A und AA. Doch selbst in den USA sind die meisten Betreiber nicht zur Barrierefreiheit verpflichtet und streben in der Regel wenn \u00fcberhaupt nur A an. Es macht keinen Sinn, Organisationen auf AA zu pr\u00fcfen, die das nicht anstreben, weil sie sich zum Beispiel an die Kontrast-Anforderungen nicht gebunden f\u00fchlen. <\/p>\n<p>WebAIM macht au\u00dferdem nicht transparent, wie sie mit dem Kriterium 4.1.1 Parsing umgegangen sind, das mit der WCAG 2.2 abgeschafft wurde. Unter den dargestellten Fehlern ist kein WCAG-2.2-Kriterium zu finden, obwohl sie nach WCAG 2.2 gepr\u00fcft haben wollen. Ich vermisse eine Tabelle \u00fcber alle gefundenen Fehler verteilt auf die einzelnen Homepages. WebAIM ist hier leider alles Andere als transparent. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Automatisierte_Tools_sind_begrenzt_bis_gar_nicht_hilfreich\"><\/span>Automatisierte Tools sind begrenzt bis gar nicht hilfreich<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Auch wenn WebAim Wave noch zu den besseren Tools z\u00e4hlen mag, ist man sich einig, dass diese Tools vielleicht 30 bis 40 Prozent der Barrierefreiheitsfehler finden k\u00f6nnen. Meines Erachtens sind die Tools nach wie vor eher mangelhaft, ich habe Zugang zu Siteimprove und Silktide und beide geben viele Fehler aus, die keine Relevanz haben. Es gibt viele falsch-positive Ergebnisse, d.h. es werden Fehler behauptet, die einer manuellen Pr\u00fcfung nicht Stand halten. Andererseits gibt es viele falsch-negative Ergebnisse, also Fehler, die nicht erfasst werden. <\/p>\n<p>Es gibt Dinge, die man automatisch messen kann wie das Vorhandensein bestimmter HTML-Elemente, ARIA-Attribute, Labels, Alternativtexte und einige Kontraste. Doch ist die Liste der Dinge l\u00e4nger, die sie nicht auswerten k\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6rt die Sinnhaftigkeit von Alternativtexten, der sinnvolle Einsatz von ARIA, die korrekte Auszeichnung von Texten oder Formular-Elementen. <\/p>\n<p>Kurz: Ob Wave Fehler anzeigt oder nicht, ist vollkommen irrelevant. Ein fauler, aber schlauer Entwickler l\u00e4sst das Tool dr\u00fcberlaufen, b\u00fcgelt die Fehler aus und bekommt seine Seite konform, ohne ein Quentchen an der Barrierefreiheit verbessert zu haben. <\/p>\n<p>Im Gegenteil setzt das Tool Fehl-Anreize, n\u00e4mlich die Optimierung f\u00fcr automatisierte Pr\u00fcftools. Warum aufwendige manuelle Tests, wenn WebAIM mit einem Klick gr\u00fcnes Licht gibt?<\/p>\n<p>Wie WebAIM selber anmerkt, werden Webseiten immer komplexer. Ich gehe allerdings davon aus, dass viele Webseiten insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum das Thema Barrierefreiheit auf dem Schirm haben. Das hei\u00dft, sie k\u00fcmmern sich um Alternativtexte oder sinnvolle Link-Beschreibungen. Allerdings ist es f\u00fcr extern eingebundene Inhalte teils nicht m\u00f6glich, diese Faktoren zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Fehler d\u00fcrfte auf solche eingebundenen Inhalte zur\u00fcckzuf\u00fchren sein: Das sind etwa Social-Media-Inhalte oder Werbung. Wenn man nach WebAIM geht, sollte man solche Inhalte wahrscheinlich weglassen, da man sie nicht barrierefrei machen kann. Damit d\u00fcrfte man die Leute eher von Barrierefreiheit abschrecken. Etwas Anderes gilt f\u00fcr eingebundene Bibliotheken wie etwa Generatoren f\u00fcr Infografiken, hier sollte nat\u00fcrlich auf Barrierefreiheit geachtet werden. So was \u00fcberpr\u00fcft WebAIM Wave aber nicht separat. Sinnvoll w\u00e4re die Trennung von realem Website-Content und Content aus externen Quellen wie Werbe-Netzwerken, das w\u00fcrde eine realistischere Bewertung erlauben. Ob das technisch immer m\u00f6glich ist, wei\u00df ich nicht, aber so sind die Ergebnisse einfach nicht aussagekr\u00e4ftig, weil man nicht wei\u00df, ob die Betreiberin der Website verantwortlich ist oder das Werbe-Netzwerk.<\/p>\n<p>Schauen wir uns die Fehler einmal genauer an (die Zahlen beziehen sich auf eine \u00e4ltere WebAIM-Studie):<\/p>\n<ul>\n<li>86 Prozent mit Fehlern beim Kontrast: Wie oben angemerkt kein AA-Kriterium<\/li>\n<li>66 Prozent Bilder mit fehlenden Alternativtexten: Hier gehts wahrscheinlich um extern eingebundene Inhalte, auf die man keinen gro\u00dfen Einfluss hat, gleiches gilt f\u00fcr Links ohne Text.<\/li>\n<li>53 Prozent mit fehlenden Formular-Beschriftungen: In der Tat \u00e4rggerlich, aber das kann man nur im Zusammenhang beurteilen. Geht es etwa um das Suchfeld und ist nur ein Feld vorhanden, ist dieser Fehler nicht so schlimm. <\/li>\n<li>28 Prozent fehlende Dokumentsprache &#8211; v\u00f6llig irrelevant, da die meisten NutzerInnen der Webseiten MuttersprachlerrInnen sein d\u00fcrften. Das Language-Attribut ist so ziemlich der gr\u00f6\u00dfte Bl\u00f6dsinn, den sich die Accessibility Expert:Innen \u00fcberhaupt ausgedacht haben.<\/li>\n<\/ul>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Keine_Seite_ist_ohne_Fehler\"><\/span>Keine Seite ist ohne Fehler<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Die eine Millionen am meisten besuchten Webseiten werden wohl jeweils von gr\u00f6\u00dferen Teams betreut. Da kann es immer wieder passieren, dass einzelne Redakteure Fehler machen: Sei es die fehlerhafte Einbindung eines Widgets, die falsche Verschachtelung von \u00dcberschriften oder das Vergessen des Alternativtextes. Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein auf WebAIM. <\/p>\n<p>Das hei\u00dft, schon ein einzelner Fehler eines Redakteurs kann dazu f\u00fchren, dass die Website durch die WCAG durchf\u00e4llt. Kann man sinnvoll finden, praxisrelevant ist es nicht. <\/p>\n<p>96 Prozent aller Webseiten weisen also Fehler auf, es d\u00fcrften eher 100 Prozent sein. Wer schon mal Webseiten evaluiert hat wei\u00df, dass man Fehler findet, wenn man gezielt nach ihnen sucht. <\/p>\n<p>Am Ende geht es aber nicht um technische Perfektion, sondern darum, dass Menschen mit Behinderung die Website nutzen k\u00f6nnen. Dar\u00fcber sagt die WebAIM-Studie tats\u00e4chlich gar nichts aus. <\/p>\n<p>Niemand behauptet, dass alle Webseiten perfekt barrierefrei seien. Aber die Behauptung, 98 Prozent der Webseiten k\u00f6nnten von behinderten Menschen nicht genutzt werden ist einfach Quatsch. WebAIM sagt das nicht ausdr\u00fccklich, suggeriert es aber durch die gesamte Aufmachung der Kommunikation. Sheri BYRNE-Haber schreibt &#8222;98% of websites are completely inaccessible.&#8220; auf Seite 33 in ihrem eBook &#8222;Giving a damn about accessibility. <\/p>\n<p>Um es klar zu sagen: Es ist gut, diese Menge an Daten zu haben. Noch besser w\u00e4re es, die Rohdaten f\u00fcr die Forschung zur Verf\u00fcgung zu stellen. Der Unsinn besteht in den Schlussfolgerungen, wie WebAIM damit suggeriert und Andere daraus ziehen. <\/p>\n<p>Das Problem ist, dass eine Website bereits dann nicht konform ist, wenn ein einziger Fehler gefunden wird. Eine Gewichtung der Fehler findet nicht statt. Es ist also kein Unterschied zwischen es fehlt irgendwo eine Bildbeschreibung und der Kontrast der kompletten Seite ist verfehlt, beides ist ein Fehler, nur dass der eine in der Regel keine Rolle spielt und der andere riesigen Impact hat. In diesem Sinne hat ein winziger Fehler im Code die gleiche Bedeutung wie eine Cookie-Meldung, die sich nicht per Tastatur ausblenden l\u00e4sst. Ersteres spielt in der Praxis keine Rolle, Letzteres verhindert die Nutzung der Seite durch eine Reihe von Personen. Das kann kein sinnvoller Ma\u00dfstab sein. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Motivieren_oder_demotivieren\"><\/span>Motivieren oder demotivieren<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Ein Kunde wollte mich \u00fcberreden, die Studie in einer der Schulungen zu erw\u00e4hnen. Ich habe mich geweigert, aus den oben genannten Gr\u00fcnden. Aber auch, weil ich das Signal f\u00fcr fatal halte. Die Studie kann zeigen, dass auch Andere es nicht besser machen als man selbst und dann dazu motivieren, mehr zu tun.<\/p>\n<p>Meines Erachtens hat sie aber einen demotivierenden Effekt. Sagt sie nicht aus, dass die WCAG 2.1 AA im Grunde nicht umsetzbar ist? Und das bei Websites, die teilweise ein sechsstelliges Budget haben d\u00fcrften? Wenn es Riesen wie Amazon oder die New York Times nicht schaffen, ihre Websites barrierefrei zu machen, wie soll es dann dem lokalen Selbsthilfe-Verein gelingen. Solche Studien f\u00f6rdern meines Erachtens den Fatalismus, weil sie suggerieren, dass es kaum vorangeht. <\/p>\n<p>Der einzige Nutzen, den ich sehe ist tats\u00e4chlich, dass hier eine gro\u00dfe Menge an daten generiert wird. Dadurch kann man Vergleiche anstellen und Entwicklungen im zeitlichen Verlauf erkennen. <\/p>\n<p>Die Websites untereinander zu vergleichen macht aus meiner Sicht keinen Sinn, Websites sind komplex oder weniger komplex, es w\u00e4re nicht sinnvoll, eine einfache Medien-Seite mit einem Onlineshop zu vergleichen.<\/p>\n<p>Unter Site Categories kann man unterschiedliche Branchen, deren durchschnittliche Fehlerquote und Entwicklung verfolgen. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind die anderen Statistiken deutlich interessanter: Wie ist das Verh\u00e4ltnis von genutztem System\/Framework zur Fehlerrate? Haben Websites mit Werbung mehr Fehler als solche ohne Anzeigen?<\/p>\n<p>F\u00fcr Forschende w\u00e4ren die Rohdaten der Analyse interessant, aber WebAim scheint diese nicht zug\u00e4nglich machen zu wollen.<\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Was_soll_diese_Erhebung\"><\/span>Was soll diese Erhebung<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Im Grunde sch\u00e4tze ich die Kollegen von WebAIM. Umso mehr wundere ich mich dar\u00fcber, dass sie so eine Erhebung ver\u00f6ffentlichen. Was ich hier schreibe ist sozusagen das kleine 1 mal 1 der Barrierefreiheit und nat\u00fcrlich auch den Verantwortlichen bekannt. <\/p>\n<p>Ich habe im Grunde nur zwei Erkl\u00e4rungen: Entweder glauben sie tats\u00e4chlich so an die Qualit\u00e4t ihres Tools, dass sie die oben genannten Punkte einfach ausblenden. Oder &#8211; das vermute ich &#8211; die Studie ist ein reiner PR-Gag. F\u00fcr eine schnelle Meldung ist das sch\u00f6n griffig: &#8222;96 Prozent aller Webseiten schlie\u00dfen Behinderte aus&#8220;. Kann man wunderbar in eine Schlagzeile packen. Dass diese Studie von WebAIM ver\u00f6ffentlicht wurde sagt wenig \u00fcber die Haltung der WebAIM-Specialists dazu aus: Es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass das Marketing etwas anderes tut als die Fach-Abteilung. Auch digitale Barrierefreiheit ist keine Wohlfahrt, sondern ein Business wie jedes Andere.<\/p>\n<p>Mit der Realit\u00e4t hat das wenig zu tun. Zumindest die meisten textlastigen Angebote lassen sich gut nutzen, auch wenn sie kleinere Mankos in der Barrierefreiheit haben. Jede beliebige Website d\u00fcrfte von einer Teilmenge der behinderten Menschen nicht benutzbar sein, aber das hat relativ wenig mit dem WCAG-Score zu tun. <\/p>\n<p>Und ich bin mir auch nicht sicher, ob man der Barrierefreiheit damit einen Dienst erwiesen hat. Es wundert mich schon, dass WebAIM glaubt, diese Art von PR n\u00f6tig zu haben. Auch namhafte Accessibility Specialists verbreiten die Studie unkritisch &#8211; was nicht hei\u00dft, dass sie deshalb sinnvoll ist. Ich kann nur vermuten, dass es da um Eigenmarketing geht oder sie nicht in der Lage sind, die Qualit\u00e4t von solchen Studien zu bewerten. Oder &#8211; das meine Vermutung &#8211; sie haben die Studie gar nicht gelesen. Oft ist das Problem bei solchen Analysen, dass nur \u00dcberschriften oder Zusammenfassungen gelesen werden. Die Barrierefreiheits-Profis teilen die Ergebnisse, weil sie dadurch ihre Existenz-Berechtigung belegen k\u00f6nnen oder weil das zu ihrer Erz\u00e4hlung passt. Die Nicht-Profis haben nicht die Zeit oder das Hintergrund-Wissen, die Aussagen zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Es ist ein wenig ironisch, wenn Personen, die ansonsten alles manuell oder durch behinderte Menschen gepr\u00fcft haben wollen auf einmal einer automatischen Pr\u00fcfung soviel Aussagekraft zubilligen. Nach dieser Logik darf sich niemand mehr \u00fcber eine Website beschweren, die einen Score von 100 % bei WAVE hat. Es sind auch \u00fcberwiegend die gleichen Leute, die der KI in der Barrierefreiheit sehr kritisch gegen\u00fcber stehen. Algorithmen scheinen nur gut zu sein, wenn sie die eigene Story best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Wir lernen daraus, dass man nicht alle Aussagen ernst nehmen darf, sondern deren Basis hinterfragen sollte. Oft genug sieht man Zahlen ohne Quellen-Angaben oder schlecht gemachte Studien als Basis f\u00fcr Aussagen. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Zum_Weiterlesen\"><\/span>Zum Weiterlesen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/junk-studien-in-der-barrierefreiheit\/\">Junk-Studien in der Barrierefreiheit<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/en\/webaim.html\">The WebAIM Study &#8211; are 96 per cent of the websites are not accessible<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/netz-barrierefrei.de\/en\/study.html\">Junk studies in digital Accessibility<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/netz-barrierefrei.de\/en\/datadriven.html\">Why digital Accessibility should be based on data<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Repost aus gegebenem Anlass: WebAim hat eine neue Analyse im M\u00e4rz 2026 ver\u00f6ffentlicht. Mit hohen Zahlen wie 50 Millionen gefundenen Fehlern auf eine Millionen Startseiten&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/der-webaim-survey-sind-98-prozent-der-webseiten-nicht-barrierefrei\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Die WebAIM-Million &#8211; sind 96 Prozent der Webseiten nicht barrierefrei?<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,17],"tags":[],"class_list":["post-4979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-barrierefreiheit","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4979"}],"version-history":[{"count":43,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4979\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10714,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4979\/revisions\/10714"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}