{"id":6796,"date":"2022-07-27T12:27:27","date_gmt":"2022-07-27T10:27:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?p=6796"},"modified":"2024-04-17T18:31:17","modified_gmt":"2024-04-17T16:31:17","slug":"muss-barrierefreiheit-verstaendlich-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/muss-barrierefreiheit-verstaendlich-sein\/","title":{"rendered":"Muss alles f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich sein &#8211; Grenzen einfacher und leichter Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion um Verst\u00e4ndlichkeit nimmt manchmal seltsame Z\u00fcge an. In letzter Zeit habe ich h\u00e4ufiger die Kritik gesehen, dass bestimmte Fachtexte nicht allgemein-verst\u00e4ndlich seien. Da ging es vor allem um Leichte und Einfache Sprache, aber auch um digitale Barrierefreiheit.<br \/>\nVorneweg gebe ich gerne zu, dass ich viele Texte aus meiner ehemaligen Disziplin auch nicht mehr verstehe. Ich habe Politikwissenschaft im Hauptfach studiert und Soziologie als Nebenfach. Aus Interesse hatte ich mir B\u00fccher von zwei aktuell bekannten Soziologen &#8211; Hartmut Rosa und Andreas R\u00e4gwitz &#8211; angelesen. Nun ja, ich habe die Lekt\u00fcre relativ schnell abgebrochen. Das sind keine popul\u00e4rwissenschaftlichen Abhandlungen, sondern wissenschaftliche Texte, die nur mit dem entsprechenden Vokabular verstanden werden bzw. viel Konzentration erfordern, was ich f\u00fcr so ein Thema beides nicht aufbringen kann. Ich bezweifle, dass viele der K\u00e4uferinnen dieser B\u00fccher ohne entsprechenden Hintergrund oder Zeit die B\u00fccher zu Ende gelesen haben.<br \/>\nDas ist aber der Unterschied zwischen popul\u00e4rwissenschaftlichen und Fachb\u00fcchern. Letztere erheben gar nicht den Anspruch, f\u00fcr alle verst\u00e4ndlich zu sein. Man m\u00fcsste den Spagat schaffen, den Einsteigenden zu informieren, ohne den Profi zu langweilen. Das ist kaum zu schaffen, das ist das erste Argument. Im Endeffekt ist das ein Fachdiskurs, an dem Laien einfach nicht teilnehmen k\u00f6nnen. Das klingt arrogant, ist es aber nicht. Ich w\u00fcrde mir auch nicht anma\u00dfen, einem KFZ-Elektroniker oder Klempner in sein Thema reinzureden. Vielleicht ist das ein Grundfehler unserer Zeit, dass jeder glaubt, \u00fcberall mitreden zu k\u00f6nnen. Wir haben 80 Millionen Fussball-Profis, Klima-Experten, Virulogen und jetzt nat\u00fcrlich auch Experten f\u00fcr den Russland-Ukraine-Komplex.<br \/>\nDas zweite Argument ist, dass es sich vor allem in der Leichten und Einfachen Sprache um Meta-Kommunikation handelt, also um Kommunikation \u00fcber Kommunikation. Warum sollte jemand, der Probleme mit der Alltagssprache hat, sich ausgerechnet Texte \u00fcber verst\u00e4ndliche Sprache anschauen? Wei\u00df er nichts Sinnvolles mit seiner Zeit anzufangen? Analoges gilt f\u00fcr die digitale Barrierefreiheit. Hier gibt es ja zahlreiche Abstufungen. Es gibt Artikel von Entwicklern, die sich an Entwicler richten und es gibt Artikel etwa bei The Verge oder Forbes, die sich an eine Allgemeinheit richten.<br \/>\nEs gibt nat\u00fcrlich Luft nach oben, was die Verst\u00e4ndlichkeit und die Gestaltung von Texten angeht. Bandwurms\u00e4tze sind kein Schicksal. Aber im Endeffekt sind das Inhalte f\u00fcr Fachleute, die Fach-Diskurse f\u00fchren. Man kann nur zu einem gewissen Grad vereinfachen, ohne dass es entweder banal oder falsch wird. Muss man zum Beispiel alle Begriffe und Konzepte erkl\u00e4ren, werden die Texte aufgebl\u00e4ht. Ich kenne das von aufgebl\u00e4hten Leichte-Sprache-Texten, die praktisch nur aus Begriffs-Erkl\u00e4rungen bestehen.<br \/>\nIm Endeffekt &#8211; und das ist das dritte Argument &#8211; ist Verst\u00e4ndlichkeit auch ein Fach-Handwerk. Zu der Erkenntnis bin ich nach langer Zeit gekommen. Jede arbeitende Person ist Experte in ihrer Arbeit. Zugleich erwarten wir aber im heutigen Arbeits-Alltag, dass sie eine Menge Dinge noch nebenbei tut. Der Sachbearbeiteende soll nicht nur die aktuellen Paragraphen und Ausf\u00fchrungs-Vorschriften kennen &#8211; er soll auch noch verst\u00e4ndliche Briefe schreiben k\u00f6nnen. Die Wissenschaftlerin soll nicht nur fachlich exzellent sein, sondern auch noch allgemein-verst\u00e4ndlich kommunizieren. Es gibt Leute, die das schaffen. Aber das k\u00f6nnen die Meisten nicht und es banalisiert auch die Arbeit der Verst\u00e4ndlichkeits-Profis. Alle professionellen Autorinnen haben Leute, die ihre B\u00fccher lektorieren, also Profis f\u00fcr Verst\u00e4ndlichkeit.<br \/>\nFachtexte k\u00f6nnen sich schlichtweg weder an die breite Allgemeinheit noch an Profis aus anderen Fachgebieten wenden &#8211; Argument Nr. 4 &#8211; weil sie ein gewisses Ma\u00df an Fachwissen genau in diesem Fachgebiet voraussetzen. Bei den Naturwissenschaften wird das selbstverst\u00e4ndlich genommen, aber bei den Geistes- und Sozialwissenschaften ist das nicht anders. Immerhin gibt es heute aber zahlreiche Profis, die Artikel in der Presse, Radio-Interviews oder Podcasts nutzen, um ihre Thesen verst\u00e4ndlicher zu erkl\u00e4ren. In der Regel neigt man bei der m\u00fcndlichen Kommunikation zu weniger komplexen Ausdrucksweisen.<br \/>\nDa die Ressourcen auf beiden Seiten begrenzt sind, werden wir auf absehbare Zeit nicht dazu kommen, dass alles oder auch nur ein Bruchteil verst\u00e4ndlicher wird. Vielleicht wird es in absehbarer Zeit Tools geben, die uns im Alltag dabei unterst\u00fctzen, aber bis auf Weiteres m\u00fcssen wir uns mit der aktuellen Situation abfinden.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/netz-barrierefrei.de\/en\/understand.html\">Must everything be understandable for everyone?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion um Verst\u00e4ndlichkeit nimmt manchmal seltsame Z\u00fcge an. In letzter Zeit habe ich h\u00e4ufiger die Kritik gesehen, dass bestimmte Fachtexte nicht allgemein-verst\u00e4ndlich seien. 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