{"id":6889,"date":"2022-09-07T19:24:52","date_gmt":"2022-09-07T17:24:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?p=6889"},"modified":"2023-09-03T14:55:43","modified_gmt":"2023-09-03T12:55:43","slug":"macht-diversity-die-sprache-unverstaendlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/macht-diversity-die-sprache-unverstaendlich\/","title":{"rendered":"Macht Diversity die Sprache unverst\u00e4ndlich?"},"content":{"rendered":"<p><script class=\"podigee-podcast-player\" src=\"https:\/\/player.podigee-cdn.net\/podcast-player\/javascripts\/podigee-podcast-player.js\" data-configuration=\"https:\/\/digitale-barrierefreiheit.podigee.io\/34-divers\/embed?context=external\"><\/script>Es gibt zwei gegenl\u00e4ufige Tendenzen: Einerseits w\u00e4chst das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Kommunikation verst\u00e4ndlicher werden muss. Niemand freut sich \u00fcber komplexe Sprache, komplexe Sprache ist selten ansprechend und reizt ganz sicher nicht dazu, etwas freiwillig zu lesen. Das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr ist in den letzten Jahren gewachsen, immerhin gibt es mehrere DIN-Aussch\u00fcsse, die sich damit besch\u00e4ftigen. Wenn in einigen Jahren eine DIN-Norm f\u00fcr einfache Sprache vorliegt, k\u00f6nnte das dem Thema den entscheidenden Schub verleihen, der bisher fehlt.<br \/>\nDer gegenl\u00e4ufige Trend ist das, was man plakativ Diversity Speak nennen kann: Immer komplexere Formen daf\u00fcr, Personen oder Personengruppen zu bezeichnen. Ein Beispiel: Fr\u00fcher galt &#8222;Behinderte&#8220; als Bezeichnung als angemessen, &#8222;Kr\u00fcppel&#8220; und \u00e4hnlich galt und gilt als abwertend oder beleidigend. Irgendwann kam die Bezeichnung &#8222;behinderte Menschen&#8220; auf, das soll Personen nicht auf ihre Behinderung reduzieren. Heute sagt man &#8222;Menschen mit Behinderung&#8220;. Das soll aus Gr\u00fcnden besser als &#8222;behinderte Menschen&#8220; sein, die Erkl\u00e4rung habe ich leider nicht verstanden.<br \/>\nNach dieser Logik sollte ich eigentlich &#8222;Mensch mit Sehbehinderung&#8220;, &#8222;Mensch mit H\u00f6rbehinderung&#8220; und so weiter sagen. Neulich habe ich mir aber von einer Autistin erkl\u00e4ren lassen, dass sie als &#8222;Autistin&#8220; und nicht &#8222;Mensch mit Autismus&#8220; bezeichnet werden m\u00f6chte. Die Erkl\u00e4rung habe ich wiederum nicht verstanden. Ein Geh\u00f6rloser meldete mir zur\u00fcck, man sage &#8222;taub&#8220; statt &#8222;geh\u00f6rlos&#8220;, die Erkl\u00e4rung&#8230; Sie wissen schon.<br \/>\nNun bin ich nicht in den verschiedenen Communities unterwegs und kenne die internen Diskurse nicht. Ich bin mir aber recht sicher, dass das den meisten Betroffenen so wichtig ist wie das Wetter vorletztes Jahr, au\u00dferhalb der Selbsthilfe-Bubble interessiert das nach meiner Erfahrung keinen Menschen. Der Diskurs wird von einer \u00fcberwiegend akademischen, in Publikationen und Social Media sehr lauten Minderheit aus der Minderheit gef\u00fchrt.<br \/>\nWer sich daf\u00fcr interessiert: Diese Sprach-Theorien basieren vor allem auf den franz\u00f6sischen Strukturalisten wie Derrida und Foucault, die ihrerseits kaum lesbar sind. Es kommen Mode-Trends wie der Framing-Ansatz dazu. Ja, Sprache spielt eine Rolle f\u00fcr die Wahrnehmung, aber meines Erachtens wird die Relevanz von Zeichen und Begriffen stark \u00fcbersch\u00e4tzt, wenn man die eindeutig beleidigenden Termini aus der Sprache entfernt hat.<br \/>\nDas Problem ist, dass diese Begriffs-Verwirrung babelschen Ausma\u00dfes den Diskurs unheimlich erschwert. Es macht das Schreiben und Sprechen sehr kompliziert, weil man immer dar\u00fcber nachdenken muss, wer sich von den Zuh\u00f6renden oder Mitlesenden beleidigt f\u00fchlen k\u00f6nnte. Oft genug sind es ja gar keine selbst Betroffenen, die sich da zu Wort melden, sondern andere Personen, die meinen, sie h\u00e4tten die komplizierten Codes exakt verstanden und m\u00fcssten jetzt einen Behinderten belehren. Die Shitstorm-Kultur im Web f\u00fchrt dazu, dass Lapalien ebenso aufgeblasen werden wie echte Beleidigungen &#8211; das Internet kennt da keinen Unterschied. Und die meisten Nicht-Betroffenen machen nur mit, um ihrer Blase zu zeigen, wie weltoffen sie sind.<br \/>\nUnd noch wichtiger: Es st\u00f6rt das Verstehen extrem. &#8222;Behinderte&#8220; ist ein Wort, &#8222;Mensch mit Behinderung&#8220; sind drei Worte. Ein Leseprofi geht dar\u00fcber schnell hinweg, ein Wenigleser findet das schwieriger. Nun w\u00e4re das Problem \u00fcberschaubar, wenn solche Formulierungen selten w\u00e4ren, aber solche und \u00e4hnliche Formulierungen kommen in Texten mehrfach vor und k\u00f6nnen den Text durchaus um mehrere Prozente verl\u00e4ngern. Wenn dazu noch gegendert und migriert wird, kann das den Text schnell unlesbar machen. Last not least ist das ja nicht der einzige Grund, warum Texte kompliziert und schlecht zu lesen sind. Hinzu kommen Fach-Jargon, Bandwurms\u00e4tze, Komposita und eine nicht-leserfreundliche Gestaltung.<br \/>\nDer Trend ist nicht zu Ende, mein Eindruck ist vielmehr, dass die Zunahme komplexer Diversity-Formeln kein Ende mehr kennt. &#8222;Funktionale Analphabeten&#8220; sollen jetzt &#8222;gering literalisiert&#8220; genannt werden. Damit ist meines Erachtens gar nichts erreicht au\u00dfer Stirnrunzeln bei den Leuten, denen letzterer Begriff noch nicht untergekommen ist. Heute schreiben viele neben kryptischen Abk\u00fcrzungen in ihr Profil, wie sie angesprochen werden wollen &#8222;He\/him&#8220;, &#8222;She\/her&#8220;, sch\u00f6n, wenn man sein Geschlecht so rausstellt, bis dahin war mir das relativ egal. Jetzt vermehrt es nur die Menge an Zeichen, die der Screenreader vorliest.<br \/>\nSie sagen, das sei selbstverst\u00e4ndlich, ich sage, dass es kein Naturgesetz gibt. Ich zumindest bin nicht gefragt worden, ob ich &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; besser finde als &#8222;Mensch mit Migrationshintergrund&#8220;. Es erinnert mich an Mode-Trends, die ich ebensowenig verstehe. Letztes Jahr waren es gr\u00fcne Streifen, dieses Jahr blaue Punkte &#8211; who cares? Und welche Autorit\u00e4t legt das eigentlich fest?<br \/>\nLassen Sie mich das plakativ sagen: Wenn diversit\u00e4ts-sensible Sprache hei\u00dft, dass die Sprache immer komplexer wird, dann schlie\u00dft sie Wenigleser und Fremdsprachige aus. Das ist sicher nicht inklusiv oder diversit\u00e4ts-freundlich. Es erstaunt und \u00e4rgert mich, dass dieser Widerspruch von den Verantwortlichen nicht angesprochen oder sogar geleugnet wird.<br \/>\nIch habe keine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem. Ganz sicher wollen wir nicht in die Zeit zur\u00fcck, in der man Dunkelh\u00e4utige oder andere Personen mit abwertenden Bezeichnungen bedacht hat. Wir bauen uns aber selbst eine Falle, indem wir die Codes immer komplizierter machen. Das widerspricht dem Prinzip verst\u00e4ndlicher Kommunikation.<br \/>\nOder: Wir gestehen uns ein, dass uns diese Codes wichtiger sind als verst\u00e4ndliche Sprache. Dann schlie\u00dfen wir Leute aus, die ohnehin benachteiligt sind, aber vielleicht ist das unvermeidbar. Meines Erachtens verlieren wie damit die Leute zum Einen f\u00fcr das eigentliche Anliegen, Diskriminierung in Sprache und Bild zu reduzieren. Aber wir verlieren sie auch f\u00fcr alle anderen Themen, die uns und ihnen wichtig sein k\u00f6nnten. Verstehen von Inhalten und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr einander &#8211; h\u00e4ngt das nicht irgendwie zusammen?<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/gender-gerechte-sprache-und-barrierefreiheit\/\">Warum Gendern nicht barrierefrei ist<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/einfachesprachebonn.de\/grundregeln_einfache_sprache.html\">Regeln f\u00fcr einfache Sprache<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/netz-barrierefrei.de\/en\/diverse-speak.html\">Does diversity Speak make the Language incomprehensible?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt zwei gegenl\u00e4ufige Tendenzen: Einerseits w\u00e4chst das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Kommunikation verst\u00e4ndlicher werden muss. 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