{"id":7842,"date":"2016-06-11T15:21:14","date_gmt":"2016-06-11T13:21:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?p=7842"},"modified":"2023-06-11T15:21:56","modified_gmt":"2023-06-11T13:21:56","slug":"was-die-wissenschaft-aus-der-inklusion-lernen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-die-wissenschaft-aus-der-inklusion-lernen-kann\/","title":{"rendered":"Was die Wissenschaft aus der Inklusion lernen kann"},"content":{"rendered":"<p>In diesem leicht \u00fcberarbeiteten Beitrag aus meinem Buch &#8222;Was ist Blindheit&#8220; m\u00f6chte ich zeigen, welchen Beitrag Behinderung bei der medizinischen und kognitiven Forschung leistet.<br \/>\nDa ich mich nur mit Blindheit ausreichend auskenne, werde ich nicht auf andere Erkrankungen eingehen. Allerdings d\u00fcrften auch f\u00fcr Geh\u00f6rlosigkeit, Bewegungs-Unf\u00e4higkeit oder psychische Erkrankungen \u00e4hnliche Annahmen gelten. Wer es im Detail von Fachleuten wissen will, dem seien die B\u00fccher von Oliver Sacks und V.S. Ramachandran empfohlen. <\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_82_2 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-die-wissenschaft-aus-der-inklusion-lernen-kann\/#Blindheit_als_Studienobjekt\" >Blindheit als Studienobjekt<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-die-wissenschaft-aus-der-inklusion-lernen-kann\/#Gehirn_und_Sinne\" >Gehirn und Sinne<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-die-wissenschaft-aus-der-inklusion-lernen-kann\/#Geburts-_und_Spaet-Erblindete\" >Geburts- und Sp\u00e4t-Erblindete<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-4\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-die-wissenschaft-aus-der-inklusion-lernen-kann\/#Mit_den_Ohren_Sehen\" >Mit den Ohren Sehen<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Blindheit_als_Studienobjekt\"><\/span>Blindheit als Studienobjekt<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Blindheit wird schon seit langem wissenschaftlich untersucht. Es geht vielfach darum, die Ursachen von Augenerkrankungen herauszufinden und eine Erblindung zu verhindern. Es soll aber auch untersucht werden, wie sich Gehirn und Verhalten \u00e4ndern, wenn ein Mensch nicht sehen kann. Orientierungsweisen  von Blinden sind zum Beispiel f\u00fcr das Milit\u00e4r interessant. Soldaten im Einsatz m\u00fcssen sich gelegentlich durch unbekanntes Gel\u00e4nde bewegen. Die Sichtweiten k\u00f6nnen dabei sehr gering sein. Ein Vorbild f\u00fcr die Brailleschrift war die von einem Milit\u00e4r entwickelte Nachtschrift.<br \/>\nSehen ist der f\u00fcr den Menschen wichtigste Sinn. Ein Gro\u00dfteil der Gehirnkapazit\u00e4t ist darauf ausgelegt, visuelle Eindr\u00fccke zu verarbeiten. Das Sehen ist nicht nur f\u00fcr die Orientierung oder f\u00fcr allt\u00e4gliche Aufgaben wichtig. Es spielt auch eine gro\u00dfe Rolle in der sozialen Interaktion und Kommunikation. An den Unterschieden zwischen Geburts-Blinden und Sehenden l\u00e4sst sich hervorragend studieren, welcher Teil der K\u00f6rpersprache erlernt oder angeboren ist.<br \/>\nNeuronale und soziale Aspekte werden vor allem von Kognitionspsychologen erforscht, deren Ergebnisse wollen wir uns hier n\u00e4her anschauen. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Gehirn_und_Sinne\"><\/span>Gehirn und Sinne<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Das Gehirn ist au\u00dferordentlich anpassungsf\u00e4hig. Viele Blinde erbringen gro\u00dfe Leistungen, wenn es um die Interpretation von H\u00f6r-, Geruchs- und Tastsignalen geht.<br \/>\nEs f\u00e4llt Geburts-Blinden Kindern wesentlich leichter, sich auf die blinde Welt einzustellen. Je \u00e4lter ein Mensch bei seiner Erblindung ist, umso schwerer wird es ihm fallen, sich an die Blindheit anzupassen. Das h\u00e4ngt damit zusammen, dass Kinder sich generell schneller anpassen k\u00f6nnen, f\u00fcr sie ist das Leben an sich ein stetiger Lernprozess. Geburts-blinde Kinder m\u00fcssen sich gar nicht umstellen, aber auch \u00e4ltere Kinder k\u00f6nnen sich schnell anpassen.<br \/>\nNeben der kognitiven Flexibilit\u00e4t, also der Anpassung von Gehirn- und Sinnesleistungen gibt es weitere Herausforderungen f\u00fcr \u00e4ltere Menschen. Der richtige Umgang mit dem Blindenstock erfordert ein gewisses Ma\u00df an Feinmotorik, f\u00fcr die Blindenschrift braucht man ein Mindestma\u00df an Feinf\u00fchligkeit in den Fingern. \u00c4lteren Menschen f\u00e4llt es wesentlich schwerer, diese Techniken zu erlernen, weil sie die physiologischen Voraussetzungen oft gar nicht mehr mitbringen.<br \/>\nEs kommt aber noch ein individueller Faktor dazu: Je aktiver ein Mensch ist, desto anpassungsf\u00e4higer ist er auch. Leider neigen viele \u00e4ltere Blinde dazu, vor allem zuhause zu bleiben oder nur in Begleitung Ausfl\u00fcge zu machen. Muskeln, die nicht trainiert werden bauen ab. Gleiches gilt f\u00fcr Sinnesreize, die nicht ausreichend stimuliert werden.<br \/>\nEs gibt keinen speziellen Platz im Gehirn, in dem Sinnesinformationen verarbeitet werden. Stattdessen zerlegt das Gehirn die eingehenden Signale, um sie in unterschiedlichen Arealen weiterzuverarbeiten. Nehmen wir an, ein roter Ball rollt auf uns zu: Dann werden die Informationen rot, rund und Rollen von unterschiedlichen Teilen des Gehirns verarbeitet. Vor allem beim Sehen ist das auch nicht weiter erstaunlich. Wir verwenden unser Sehverm\u00f6gen, um uns zu orientieren, Fu\u00dfball zu spielen oder zu lesen. Diese zahlreichen Aufgaben k\u00f6nnen nur bew\u00e4ltigt werden, wenn unterschiedliche Teile des Gehirns ins Spiel kommen. Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass das Gehirn Blinder nicht wesentlich anders funktioniert als das Sehender. Unterschiede gibt es nat\u00fcrlich: Der Schwerpunkt Sehender liegt eben auf der Verarbeitung visueller Informationen, w\u00e4hrend Blinde diese Ressourcen zur Verarbeitung der Informationen anderer Sinne verwenden, vor allem Haptik und Akustik.<br \/>\nAnscheinend wird das visuelle Zentrum nicht nur genutzt, um Sehreize zu verarbeiten. Es kommt auch bei der Erzeugung visueller Vorstellungen und in Tr\u00e4umen zum Einsatz, also in F\u00e4llen, in denen man eigentlich nichts aktiv sieht. Dieser Gedanke liegt zumindest nahe, wenn man sich die verschiedenen Erfahrungen Blinder anschaut. John Hull berichtet, dass er einige Zeit nach seiner Erblindung alle visuellen Vorstellungen einb\u00fc\u00dfte. Er verga\u00df sogar, dass Gegenst\u00e4nde so etwas wie eine visuelle Erscheinungsform haben mussten. Andere berichten hingegen von gutem Vorstellungsverm\u00f6gen. Der blinde Psychologe Zolt\u00e1n T\u00f6rey konnte vor seinem inneren Auge eine visuelle Repr\u00e4sentation erzeugen, die es ihm zum Beispiel erm\u00f6glichte, sein Dach neu zu decken. Viele blinde Frauen haben eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Frisur, welche Kleidung oder welches Make-up ihnen steht. Liegt es daran, dass sie gut beraten werden oder gibt es da doch doch mehr?<br \/>\nEine weitere spannende Frage ist, ob Blinde sich den Aufbau komplexer Objekte \u00e4hnlich gut einpr\u00e4gen k\u00f6nnen wie Sehende. Wir wissen, dass Sehende ein hervorragendes Ged\u00e4chtnis f\u00fcr Gesichter haben. Das geht so weit, dass man Menschen wieder erkennt, die man nur kurz gesehen hat und die man vielleicht nach Jahren wieder trifft, wobei sich Statur, Frisur oder Kleidung ge\u00e4ndert haben k\u00f6nnen.<br \/>\nBlinde d\u00fcrften eine Art taktiles Ged\u00e4chtnis haben, dass es ihnen erlaubt, sich komplexe Formen besser zu merken als Sehende. So konnte der blinde Biologe Geerat Vermeij neue Molluskenarten anhand winziger Abweichungen identifizieren. Blinde setzen stark auf taktile Orientierungspunkte, um sich besser zurechtzufinden. Dazu geh\u00f6ren auch geringe Unterschiede im Asphalt, Ver\u00e4nderungen der Bodenbeschaffenheit oder Kanten mit unterschiedlichen H\u00f6hen. Blinde k\u00f6nnen sich auch ausgezeichnet die Position von Gegenst\u00e4nden zum Beispiel auf dem Fr\u00fchst\u00fcckstisch merken. So k\u00f6nnen sie zielsicher nach der Kaffeetasse greifen oder sie auf die Untertasse zur\u00fcckstellen.<br \/>\nDas erscheint zun\u00e4chst nicht besonders bemerkenswert, allerdings werden viele dieser Unterschiede nur indirekt wahrgenommen, zum Beispiel durch die Schuhe oder \u00fcber den Blindenstock.<br \/>\nEine weniger erfreuliche Erkenntnis der Neuro-Psychologen ist, dass die multisensorische Wahrnehmung besser funktioniert als die Wahrnehmung \u00fcber einen einzelnen Sinn. Das hei\u00dft zum Beispiel, dass wir einen Menschen besser verstehen, wenn wir seine Worte h\u00f6ren und seine Lippenbewegungen sehen. Tats\u00e4chlich k\u00f6nnen ge\u00fcbte Lippenleser bis zu 30 Prozent von den Lippen ablesen. Bei Sehenden ohne diese F\u00e4higkeit ist es nat\u00fcrlich deutlich weniger, dennoch tr\u00e4gt das Lippenlesen passiv zum Verstehen bei. Die Bemerkung \u00abSprich bitte lauter, es ist dunkel\u00bb ist also gar nicht so abstrus. Das Lippenlesen tr\u00e4gt dazu bei, dass man Menschen auch in lauten Umgebungen wie in Diskotheken verstehen kann. Abgesehen davon, dass man an solchen Orten wohl keine tiefsch\u00fcrfenden Diskussionen f\u00fchren wird.<br \/>\nEs zeigt aber auch, wie komplex die Verarbeitung von Sinnesinformationen ist. Das Gehirn f\u00fchrt nicht nur die Sinnesreize zusammen, sondern reichert sie mit Erinnerungen und Emotionen an. Das Spannende an diesen Erkenntnissen ist, dass das Gehirn eben nicht wie ein Computer funktioniert. Wir k\u00f6nnen uns das Gehirn als ein Netzwerk verschiedener Einheiten vorstellen. Einheiten, die h\u00e4ufiger verwendet werden verbinden sich st\u00e4rker, w\u00e4hrend wenig genutzte Verbindungen schw\u00e4cher werden.<br \/>\nAllen Sp\u00e4t-Erblindeten f\u00e4llt es mehr oder weniger schwer, sich an die neue Situation anzupassen. Die Botschaft f\u00fcr sie \u2013 und alle anderen, die vor \u00e4hnlichen Problemen stehen \u2013 \u00dcben, \u00dcben, \u00dcben. Das Schlimmste, was sie tun k\u00f6nnen ist, zu versuchen, der Herausforderung aus dem Weg zu gehen. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Geburts-_und_Spaet-Erblindete\"><\/span>Geburts- und Sp\u00e4t-Erblindete<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Auch der Unterschied zwischen Geburts- und Sp\u00e4t-Erblindeten besch\u00e4ftigt die Forschung. Die meisten Forscher suchen gezielt nach Geburts-Blinden, weil bei ihnen die Unterschiede zu Sehenden am st\u00e4rksten hervortreten bzw. am einfachsten festzustellen sind. Das Gehirn Geburts-Blinder hat nie gelernt, visuelle Reize zu verarbeiten. Das macht es mithilfe bildgebender Verfahren einfacher, zu untersuchen, welche Teile des Gehirns f\u00fcr das Sehen tats\u00e4chlich wichtig sind. Man sollte eigentlich annehmen, dass es sagen wir nach ein paar Jahren, gar keinen Unterschied bei der kognitiven Informationsverarbeitung zwischen Geburts- und Sp\u00e4t-Erblindeten mehr gibt. Das ist aber nicht der Fall.<br \/>\nViele Fragen sind noch nicht eindeutig gekl\u00e4rt. Wie gut ist das Gehirn Sp\u00e4t-Erblindeter zum Beispiel in der Lage, den visuellen Cortex f\u00fcr andere Aufgaben zu verwenden? K\u00f6nnen Sp\u00e4t-Erblindete \u00e4hnlich gute r\u00e4umliche Vorstellungen entwickeln wie Geburts-Blinde? Wenn wir bedenken, dass Erblindungen vor allem im reifen Alter auftreten, werden solche Fragen immer wichtiger.<br \/>\nDas Gehirn Geburts-Blinder verarbeitet taktile Informationen anders als das Sp\u00e4t-Erblindeter. Geburts-Blinde k\u00f6nnen den visuellen Cortex, der die Seh-Informationen verarbeitet f\u00fcr die taktile Wahrnehmung nutzen. Bei Sp\u00e4t-Erblindeten wird zwar der Bereich vergr\u00f6\u00dfert, der f\u00fcr die Verarbeitung taktiler Reize zust\u00e4ndig ist, allerdings verarbeiten sie diese Reize anders als Geburts-Blinde. Wissenschaftler k\u00f6nnen heute die Sehrinde teilweise abschalten. Bei einem solchen Versuch waren Geburts-Blinde nicht mehr in der Lage, Braille zu lesen, w\u00e4hrend Sp\u00e4t-Erblindete weniger Probleme hatten.<br \/>\nDie spannende Frage ist, ob Sp\u00e4t-Erblindete bei gen\u00fcgend \u00dcbung ebenso fit beim Orientieren oder Braille-Lesen werden k\u00f6nnen wie Geburts-Blinde. Die n\u00e4chste Frage w\u00e4re, welche Faktoren daf\u00fcr entscheidend sind, dass Sp\u00e4t-Erblindete solche Leistungen erreichen: H\u00e4ngt es nur von Training und Erfahrung ab oder gibt es weitere Faktoren, die bei der Erlangung und Verbesserung dieser F\u00e4higkeiten hilfreich sein k\u00f6nnen? <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Mit_den_Ohren_Sehen\"><\/span>Mit den Ohren Sehen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Es gibt Menschen, die Ger\u00fcche oder Musik als Farben erleben oder umgekehrt. Diese Wahrnehmung nennt man Syn\u00e4sthesie. Auch Blinde Menschen k\u00f6nnen Syn\u00e4sthetiker sein. Forscher \u00fcberlegen seit l\u00e4ngerem, wie sinnliche Erfahrungen durch einen anderen Sinn ersetzt werden k\u00f6nnen, man nennt das Sinnes-Substitution.<br \/>\nDie Hebrew University of Jerusalem erforscht zum Beispiel, wie sich visuelle Eindr\u00fccke in T\u00f6ne \u00fcbersetzen lassen. Das Ziel ist es, \u00fcber verschiedene Kl\u00e4nge und Klangkonstellationen quasi visuelle Eindr\u00fccke zu vermitteln.<br \/>\nEin Beispiel: Blinde nehmen nur den Teil des Raumes wahr, den sie mit ihrem K\u00f6rper oder dem Blindenstock erreichen k\u00f6nnen. \u00dcber Ger\u00e4usche, Luftzug oder Echo k\u00f6nnen sie vielleicht noch sagen, wie gro\u00df ein Raum ist oder wo das n\u00e4chste Hindernis ist. Aber sie haben kein dreidimensionales Abbild der Umgebung, wie es ein Sehender problemlos erzeugen kann. Das soll sich mit Sinnesersatzger\u00e4ten \u00e4ndern. Da sie einen Sinn, in diesem Fall das H\u00f6ren verwenden, um einen anderen Sinn \u2013 das Sehen \u2013 zu ersetzen, nennt man solche Ger\u00e4te Sinnes-Ersatz-Ger\u00e4te, Englisch Sensual substitute Device. Statt einem Blinden zu erkl\u00e4ren, wie eine Landschaft aussieht oder was Farben sind werden ihm akustische Analogien in Form von Kl\u00e4ngen oder Klanglandschaften offeriert.<br \/>\nUntersuchungen der Hebbrew University zeigen, dass Blinde mit ein wenig Training schnell lernen, ein mentales Abbild der Umgebung oder von Objekten zu entwickeln. Die Forscher haben zum Beispiel eine Klangfolge generiert, die die blinde Versuchsperson als Gesicht identifizieren konnte. Es scheint tats\u00e4chlich so zu sein, dass der Teil des Gehirns f\u00fcr diese Aufgabe eingesetzt wird, der eigentlich f\u00fcr die Verarbeitung visueller Eindr\u00fccke zust\u00e4ndig ist.<br \/>\nMan mag fragen, ob eine verbale Beschreibung in diesem Fall nicht sinnvoller w\u00e4re. Das ist sie nicht. Stell dir vor, du w\u00fcrdest einen Film mit einer Audiobeschreibung f\u00fcr Blinde schauen. Schalte das Bild weg und h\u00f6re dir nur die Audiodeskription an. Du wirst schnell feststellen, dass zwar wesentliche Aspekte des Films beschrieben werden, die Audiodeskription aber viele visuelle Eindr\u00fccke gar nicht vermittelt. Auch wenn die Audiodeskription zeitlich beliebig ausbaubar w\u00e4re, k\u00f6nnte sie dennoch keinen ad\u00e4quaten Ersatz f\u00fcr die visuelle Darstellung bieten. Ebenso w\u00e4re es bei textlichen Beschreibungen. Dies liegt einfach daran, dass eine sinnliche Erfahrung am besten durch eine andere sinnliche Erfahrung ersetzt werden kann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem leicht \u00fcberarbeiteten Beitrag aus meinem Buch &#8222;Was ist Blindheit&#8220; m\u00f6chte ich zeigen, welchen Beitrag Behinderung bei der medizinischen und kognitiven Forschung leistet. 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