{"id":7990,"date":"2015-07-02T18:40:51","date_gmt":"2015-07-02T16:40:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?p=7990"},"modified":"2023-07-02T18:41:24","modified_gmt":"2023-07-02T16:41:24","slug":"behinderung-und-barrierefreiheit-im-wissenschafts-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/behinderung-und-barrierefreiheit-im-wissenschafts-journalismus\/","title":{"rendered":"Behinderung und Barrierefreiheit im Wissenschafts-Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>Krebs ist geheilt, Blinde k\u00f6nnen wieder sehen und Querschnittsgel\u00e4hmte werden gehen k\u00f6nnen. Nein, der Messias ist bisher nicht zur\u00fcckgekehrt und der mentaltrainer von RTL hat auch nicht zugeschlagen. Diese Aussagen k\u00f6nnte man glauben, wenn man regelm\u00e4\u00dfiger Leser der bunten Seiten in Zeitungen und Magazinen w\u00e4re. Ich nenne es der Einfachheit halber Wissenschafts-Journalismus, auch wenn man es treffender als Boulevard bezeichnen sollte.<br \/>\nEin Schlaglicht darauf wirft die gerade zu Ende gegangene Fu\u00dfball-WM. Urspr\u00fcnglich als gro\u00dfes Event geplant war der Ansto\u00df des Balls durch einen Querschnitts-Gel\u00e4hmten mittels eines so genannten Exo-Skeletts. Das Skelett kann man sich als eine Art Anzug vorstellen, wobei das Gef\u00e4hrt \u00fcber das Gehirn gesteuert wird. Offenbar ist das, was tats\u00e4chlich zu sehen war nicht spektakul\u00e4r genug, weshalb die Verantwortlichen es <a href\"http:\/\/dasgehirn.info\/aktuell\/hirnforschung\/gelbe-karte-fuer-den-journalismus-2263\/\">kurzerhand zum Randereignis machten<\/a>, nicht ohne die Aufmerksamkeit zu genie\u00dfen, die sie durch ihre vollm\u00fcndigen Ank\u00fcndigungen ausgel\u00f6st haben.<br \/>\nNun kann man \u00fcber Sinn und Unsinn der Exo-Skelette streiten, das m\u00f6chte ich hier nicht tun. Ich sehe das nicht so kritisch wie Andere, aus meiner Sicht ist es durchaus positiv, dass \u00fcberhaupt \u00fcber solche Technologien berichtet wird, die ansonsten auch in wissenschaftlichen Kreisen kaum Aufmerksamkeit genie\u00dfen. Auch wenn die meisten Querschnittsgel\u00e4hmten nie solche Anz\u00fcge tragen werden, k\u00f6nnen sie &#8211; und andere &#8211; von der Erforschung von Gehirn-Maschinen-Schnittstellen nur profitieren.<br \/>\nEin generelles Problem besteht eher darin, wie der Wissenschafts-Journalismus mit solchen Meldungen umgeht. Offenbar werden viele Pressemitteilungen von wissenschaftlichen Einrichtungen mehr oder weniger unver\u00e4ndert abgedruckt. Das nun ist wirklich unerfreulich.<br \/>\nMan sollte meinen, staatliche Einrichtungen wie Hochschulen und all die Fraunhofer- oder Max-Planck-Institute w\u00fcrden verantwortungsvoll mit ihrer \u00d6ffentlichkeitsarbeit umgehen, zumindest verantwortungsbewusster als Unternehmen. Es scheint aber eher umgekehrt zu sein, Unternehmen sind nicht zuletzt vorsichtiger geworden, weil Journalisten und eine kritische \u00d6ffentlichkeit sie st\u00e4ndig beobachten und jeden Fauxpas gen\u00fcsslich ausschlachten. \u00d6ffentliche Einrichtungen hingegen scheinen Narrenfreiheit zu haben. Das Problem besteht darin, dass bei Betroffenen, Angeh\u00f6rigen und Freunden falsche Hoffnungen und Erwartungen geweckt werden.<br \/>\nNun kann man selbst von gestandenen Natur- und Technik-Journalisten nicht erwarten, dass sie sich gut in allen auch abseitigen Themengebieten auskennen. Was man aber durchaus erwarten kann ist eine kritische Einsch\u00e4tzung von Pressemitteilungen und wissenschaftlichen Artikeln. Deren erster Zweck ist nicht mehr der Austausch oder die Information, sondern das Renommee des Forschers und die Dritt-Mittel-Akquise. Man kann akzeptieren, dass das einer der vielen Webfehler des Systems ist. Allerdings muss man diesen Unsinn nicht noch unterst\u00fctzen, indem man ihn unkritisch verbreitet.<br \/>\nAber auch die Wirtschaftsunternehmen haben aufger\u00fcstet. So liest man viel \u00fcber einen Chip, der Blinde sehen macht. Dahinter stehen zumeist gestandene Hilfsmittel-Unternehmen mit recht ansehnlichem Umsatz. Man mag es f\u00fcr legitim halten, dass diese Unternehmen Geld verdienen wollen. Es ist jedoch nicht legitim, falsche Hoffnungen bei Betroffenen zu wecken und sich als Wohlt\u00e4tigkeits-Institut zu inszenieren.<br \/>\nLeider haben Twitter und Facebook alles eher schlimmer als besser gemacht. W\u00e4hrend man fr\u00fcher nur auf den Wissenschafts-Seiten von Zeitungen das Zeug zu sehen bekam, grassieren solche Mitteilungen auch auf Twitter und Facebook und zwar auch von Betroffenen selbst, die es eigentlich besser wissen sollten. Nehmen wir zum Beispiel die OrCam, eigentlich nicht mehr als ein besseres Smartphone oder Smart Glass, dass eine Zeitlang als Wunderwaffe gegen Blindheit galt. Oder Hyperbraille, ein gro\u00dffl\u00e4chiges Braille-Display, welches so teuer ist, dass es keine Privatperson jemals besitzen wird. Die Kette l\u00e4sst sich endlos fortsetzen. Ich muss zugeben, dass auch ich solche Meldungen verbreitet habe. Allerdings dachte ich, dass die Leute aus der Zielgruppe schon einsch\u00e4tzen k\u00f6nnten, wie sinnvoll solche Entwicklungen sind, mittlerweile bin ich mir da nicht so sicher und wenn ich heute Zweifel an der Seriosit\u00e4t einer Meldung habe, fliegt sie in den virtuellen Papierkorb.<br \/>\nEin weiterer Abnehmer f\u00fcr solche Informationen sind nat\u00fcrlich die Online-Publikationen. Es sind diese typischen Meldungen, die viel geteilt und kaum gelesen werden &#8211; was in diesem Fall besser ist. Gro\u00dfe Blogs wie TechCrunch, aber auch Spiegel Online brauchen st\u00e4ndig Nachschub an solchen Informations-Popcorn, Zeug, das leicht verdaulich ist und niemanden aufregt. Au\u00dfer den Betroffenen selber, denn die gehen davon aus, dass SpOn und Co. solche Meldungen schon \u00fcberpr\u00fcfen, bevor sie sie publizieren. SpOn wiederum scheint so viel Vertrauen in die Einrichtungen zu haben, dass sie die Meldungen mehr oder weniger unver\u00e4ndert \u00fcbernehmen. Noch eine knallige \u00dcberschrift wie &#8222;Blinde lernen wieder sehen&#8220; und schon kommt die n\u00e4chste Meldung. <\/p>\n<h2>Was tun?<\/h2>\n<p>Wir haben gesehen, dass es drei Parteien in diesem Spiel gibt: Die Absender, die Multiplikatoren und das Publikum.<br \/>\nDie Absender sollten \u00fcberdenken, ob ihre Strategie langfristig gut f\u00fcr sie ist. Ihr kennt die Geschichte von dem Jungen, der immer rief, dass der Wolf k\u00e4me und als der Wolf tats\u00e4chlich kam, glaubte ihm keiner mehr. Die &#8222;b\u00f6sen Buben&#8220; ruinieren den Ruf der ganzen Branche. Ich f\u00fcr meinen Teil bin es leid, solche Meldungen zu lesen und heute glaube ich automatisch eher, dass sie falsch als das sie richtig sind.<br \/>\nDie Multiplikatoren sollten schlicht ihr Handwerk korrekt anwenden. Wenn ich nicht einsch\u00e4tzen kann, ob eine Meldung zutrifft oder nicht oder sie offensichtlich nur verkappte Werbung ist, sollte sie in den M\u00fcll fliegen, egal, wie viele Klicks sie bringt. Falsche Meldungen schaden ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit ebenso wie den Absendern.<br \/>\nLast not least gilt das kritische Pr\u00fcfen auch als Aufgabe f\u00fcr das Publikum. Wenn eine Meldung offensichtlich M\u00fcll ist, sollte man sie nicht verbreiten. Ich empfehle eine Beschwerde an den zust\u00e4ndigen Redakteur zu schicken, aber den Zeit-Luxus haben die Wenigsten von uns. Wenn man sich dem Share-Like-Ged\u00f6ns nicht entziehen will, sollte man zumindest eine kritische Bemerkung beigeben, denn die meisten Leute k\u00f6nnen schon aus Zeitgr\u00fcnden den Wahrheitsgehalt einer Meldung nicht einsch\u00e4tzen.<br \/>\nAuch Angeh\u00f6rige von Behinderten sollten eine gesunde Skepsis lernen. Das Meiste, was in den Meldungen steht ist wenn nicht unwahr dann zumindest Zukunftsmusik. Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein ist es vermutlich nicht wahr, so k\u00f6nnte Murphys neues Gesetz lauten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krebs ist geheilt, Blinde k\u00f6nnen wieder sehen und Querschnittsgel\u00e4hmte werden gehen k\u00f6nnen. 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