{"id":8016,"date":"2015-07-05T17:27:47","date_gmt":"2015-07-05T15:27:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/?p=8016"},"modified":"2023-07-05T17:28:21","modified_gmt":"2023-07-05T15:28:21","slug":"was-lernen-wir-aus-der-inklusion-behinderter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-lernen-wir-aus-der-inklusion-behinderter\/","title":{"rendered":"Was lernen wir aus der Inklusion Behinderter"},"content":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich der Blogparade zum Wissenstransfer in der Zivilgesellschaft steuere ich einen Beitrag dazu bei, was soziale Projekte aus dem Inklusionsprozess lernen k\u00f6nnen.<br \/>\nWenn man etwas aus der Inklusion lernen kann, dann dass ein Projekt nicht ohne die Menschen gestaltet werden sollte, denen es zugute kommen soll.<\/p>\n<p>Die Bundesregierungen zum Beispiel vers\u00e4umen es regelm\u00e4\u00dfig, Menschen mit Behinderung ausreichend zu beteiligen. Die \u00dcbersetzung der UN-Konvention \u00fcber die Rechte von Menschen mit Behinderung war fehlerhaft, Inclusion wurde mit Integration \u00fcbersetzt, ob Fehler oder Absicht lasse ich mal dahin gestellt sein. Das Motto f\u00fcr die Inklusion wurde ohne gro\u00dfartige Beteiligung von Behinderten entwickelt &#8211; die Regierung scheint das mit der Inklusion nicht so richtig verstanden zu haben. <\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_85 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-white ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhalt<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-lernen-wir-aus-der-inklusion-behinderter\/#Lessons_learned\" >Lessons learned<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-lernen-wir-aus-der-inklusion-behinderter\/#Warum_also\" >Warum also?<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-lernen-wir-aus-der-inklusion-behinderter\/#Auf_die_Staerken_achten\" >Auf die St\u00e4rken achten<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-2'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-4\" href=\"https:\/\/www.netz-barrierefrei.de\/wordpress\/was-lernen-wir-aus-der-inklusion-behinderter\/#Auch_die_Behinderten_muessen_dazu_lernen\" >Auch die Behinderten m\u00fcssen dazu lernen<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Lessons_learned\"><\/span>Lessons learned<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Es gibt mindestens zwei Lektionen, die man aus dem Inklusionsprozess lernen kann. Das eine ist, dass schon die Anwesenheit von Behinderten das Verhalten ver\u00e4ndert. Man kann viel \u00fcber Sehbehinderung reden, ohne die praktischen Auswirkungen zu verstehen, bis man einem Sehbehinderten gegen\u00fcber sitzt. Man h\u00f6rt einiges an Mythen oder Unsinn, der nicht so verbreitet w\u00e4re, wenn der Kontakt zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re. <\/p>\n<p>Die zweite Lektion ist, dass die Teilnahme von Behinderten erforderlich ist, um die Projektqualit\u00e4t zu verbessern. Seien wir mal realistisch, wenn lauter nicht-behinderte Abteilungsleiter und Techniker sich dar\u00fcber austauschen, wie sie etwas barrierefrei machen k\u00f6nnen kommt im besten Falle eine dieser 70er Jahre Bauten heraus. Klar, es gibt hinter dem Geb\u00e4ude einen rollstuhlgerechten Zugang mit elektrischer T\u00fcr, aber die Kn\u00f6pfe f\u00fcr die Aufz\u00fcge sind so hoch, dass sie von Rollstuhlnutzern nicht erreicht werden k\u00f6nnen. Das war selbst in den 70ern nicht barrierefrei und ist es heute noch weniger. Aber das ist etwas, was sich Leute ausdenken, die keinen Rollstuhl nutzen. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Warum_also\"><\/span>Warum also?<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Es geht nicht darum, Behinderte aus Mitleid oder Pro Forma an einem Prozess zu beteiligen. Daf\u00fcr ist die Zeit zu schade und daf\u00fcr wird sich auch kaum jemand hergeben. Es geht darum, ein praktikables Projekt auf die Beine zu stellen, und das geht nicht ohne die Beteiligung der Zielgruppe. <\/p>\n<p>Es gab und gibt zahlreiche Projekte, bei denen diejenigen, die davon profitieren sollen an der Projektentwicklung nicht beteiligt waren. Die Entwicklungshilfe basierte in weiten Teilen darauf. Es war fr\u00fcher ein aktiv gelebter Paternalismus, der teilweise bis heute \u00fcberlebt hat. Es gibt da einige abenteuerliche Beispiele aus j\u00fcngster Zeit. <\/p>\n<p>Das hei\u00dft nat\u00fcrlich auch, dass man nicht irgendwen von der Stra\u00dfe holen sollte. Ich darf ketzerisch behaupten, nur weil man behindert ist versteht man nicht unbedingt etwas von Barrierefreiheit. Man kann die eigenen Probleme bei dieser oder jener Aufgabe beschreiben, aber es geh\u00f6rt nat\u00fcrlich mehr dazu. Man muss die Probleme der gesamten Peer Group oder besser noch dar\u00fcber hinaus im jeweiligen Thema antizipieren k\u00f6nnen und das k\u00f6nnen die meisten nicht. M\u00fcssen sie auch nicht. Das hei\u00dft aber auch, dass man sich entsprechende Experten suchen muss. Das ist nicht immer ganz einfach, sollte aber machbar sein. <\/p>\n<p>Und hat man diese Experten gefunden und eingebunden kann man sich sehr sicher sein, hinterher ein besseres und brauchbares Projekt auf die Beine gestellt zu haben.<br \/>\nHalten wir also fest: Statt \u00fcber &#8222;sie&#8220; zu reden holen wir sie m\u00f6glichst fr\u00fch in unser Projekt hinein, lassen sie ihre Meinung sagen und setzen ihre Ideen auch um. Mir scheint, egal um welche Projektform oder Zielgruppe es sich handelt: Behinderte, Migranten, Analphabeten, &#8222;Bildungsferne&#8220;, alle Beteiligten scheinen jedes Mal aufs Neue lernen zu m\u00fcssen, dass es ohne diejenigen, denen es zugute kommen soll nicht geht. Versteht mich nicht falsch: die Beteiligung dieser Menschen ist kein Erfolgsgarant, aber ihre Nichtbeteiligung erh\u00f6ht die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns drastisch. <\/p>\n<p>Die typischen Gegenargumente sind, dass das zu m\u00fchsam ist, man muss etwa einen Geb\u00e4rdendometscher organisieren, eine barrierefreie Location finden oder Unterlagen in Braille \u00fcbersetzen. Nun, wenn euch das zu m\u00fchsam ist solltet ihr vielleicht kein Projekt f\u00fcr Geh\u00f6rlose, Rollstuhlfahrer oder Blinde machen. <\/p>\n<p>Das zweite Gegenargument ist, dass man keine passenden Gespr\u00e4chspartner findet. Das mag sogar sein, anders als viele glauben m\u00f6gen h\u00e4ngen Behinderte nicht den ganzen Tag herum, bis es die Gelegenheit gibt \u00fcber Behinderung zu sprechen. Meiner Erfahrung nach sind die Projektbetreiber aber auch phantasielos, wenn es um das Suchen geht. Ich habe allzuoft erlebt, dass Leute mit ihren nur halb angedachten Ideen um die Ecke kommen. Erfahrungsgem\u00e4\u00df landen 99,99 Prozent dieser Ideen im kognitiven Papierkorb, wo sie oft auch gut aufgehoben sind. Aber auch wir haben keine Lust, unsere Energien auf unausgegorene Ideen zu verschwenden. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Auf_die_Staerken_achten\"><\/span>Auf die St\u00e4rken achten<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Ein fester Grundatz schon seit der Aufkl\u00e4rung ist, dass man auf die F\u00e4higkeiten des Menschen achten sollte, nicht auf seine Defizite. Wenn ein Blinder sich um einen Job bewirbt f\u00e4llt den Personalern erst einmal alles auf, was er nicht kann &#8211; wobei sie von den F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten Blinder nur beschr\u00e4nkte Kenntnisse haben. Dann stellt sich aber die Frage gar nicht mehr, mit welcher seiner F\u00e4higkeiten er die Firma bereichern k\u00f6nnte. &#8222;Er kann ja nicht mal alleine aufs Klo gehen, den brauchen wir nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist zugleich die Schwachstelle vieler Beschreibungen von Personengruppen, in der Regel deuten sie auf etwas, was als Defizit wahrgenommen wird. Der Analphabet kann nicht richtig lesen, der Migrant spricht nicht richtig Deutsch, der Behinderte ist eben behindert. Was sie k\u00f6nnen scheint dann keine Rolle mehr zu spielen. Ein Grundsatz der Inklusion ist aber, dass wir uns angucken, was jemand kann und wie das zur Bereicherung der Gesellschaft beitragen kann. So manche Personalmanager w\u00e4ren gut beraten, diesen Grundsatz allgemein anzuwenden. Selbst bei vielen Behinderten dominiert noch der Defizitansatz. Und das ist leider auch im Denken vieler sozial Verantwortlicher fest verankert. <\/p>\n<h2><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Auch_die_Behinderten_muessen_dazu_lernen\"><\/span>Auch die Behinderten m\u00fcssen dazu lernen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h2>\n<p>Leider wird Inklusion auch von Behinderten oft falsch verstanden. Demnach hei\u00dft Inklusion, dass die Gesellschaft so umgestaltet wird, dass sie den Behinderten in den Kram passt. Das wird zum einen nie passieren und w\u00e4re zum anderen nicht w\u00fcnschenswert. Inklusion bedeutet einen beiderseitigen Prozess, wobbei wir aktuell noch das (Un)-Gl\u00fcck haben, dass die Voraussetzungen f\u00fcr uns zur Teilhabe noch nicht optimal sind. Aber ohne das Engagement von Behinderten und ihren Organisationen im kleinen wie im Gro\u00dfen werden ebenso unbrauchbare L\u00f6sungen wie in der Pr\u00e4-Inklusionszeit herauskommen. Wenn wir allerdings die Einladung zur konstruktiven Unterst\u00fctzung dieser Projekte ausschlagen, m\u00fcssen wir auch unseren Teil der Verantwortung daf\u00fcr tragen. <\/p>\n<p>Leider scheint es aktuell recht schwierig zu sein, Projekttr\u00e4ger und Projektinteressierte zusammen zu bringen. Bei vielen Themen ist Expertise rar ges\u00e4t, so dass man mit lokalen Ansprechpartnern oder dem Gie\u00dfkannenprinzip nicht weit kommt. Rein technisch ist so eine Plattform keine gro\u00dfe Herausforderung, allerdings m\u00fcsste sie erst einmal unter den passenden Leuten bekannt gemacht werden und das d\u00fcrfte wirklich schwierig sein. Aber irgendwer sollte damit anfangen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich der Blogparade zum Wissenstransfer in der Zivilgesellschaft steuere ich einen Beitrag dazu bei, was soziale Projekte aus dem Inklusionsprozess lernen k\u00f6nnen. 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