
Domingos: Herzlich willkommen zu einem neuen Podcast zur digitalen Barrierefreiheit. Heute geht es um das Thema Leichte Sprache und den sogenannten KI-Kodex. Was das genau ist, das werden wir gleich hören.
Ich habe mir dafür zwei Expert*innen eingeladen, die deutlich kompetenter darüber sprechen können als ich: Frauke Jessen-Narr und Ruben Rhensius. Erstmal vielen Dank, dass ihr euch Zeit für den Podcast nehmt.
Frauke: Sehr gern.
Ruben: Ja, gerne.
Über Frauke und Ruben
Domingos: Wir starten wie immer mit einer kleinen Vorstellungsrunde. Frauke, ich würde vorschlagen, du fängst an und erzählst ein bisschen darüber, was du generell machst und was deine Verbindung zum Thema Leichte Sprache ist.
Frauke: Gerne. Ich bin Frauke Jessen-Narr. Ich bin ursprünglich Ergotherapeutin, so habe ich mein Berufsleben begonnen. Inzwischen bin ich Kommunikationspädagogin.
Ich arbeite im Fachdienst Unterstützte Kommunikation und Leichte Sprache in der Diakonie Stetten. Die Diakonie Stetten ist ein großer sozialer Dienstleister in der Nähe von Stuttgart, man kann sagen im Großraum Stuttgart. Dort werden Kinder, Jugendliche und Erwachsene in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Schule und Freizeit betreut und begleitet.
Wir sprechen hier von ungefähr 8.000 Menschen, die von der Diakonie Stetten unterstützt werden. Ich selbst bin ein ganz kleiner Teil davon. Ich bin zuständig für Unterstützte Kommunikation, also für die Versorgung von Menschen, die nicht lautsprachlich kommunizieren können, und für Leichte Sprache. Das betrifft sowohl interne Übersetzungen als auch Aufträge für externe Auftraggebende.
Domingos: Vielen Dank. Ruben, möchtest du direkt weitermachen?
Ruben: Ja, sehr gerne. Ich bin Ruben Rhensius und arbeite beim Diözesan-Caritasverband. Der Diözesanverband ist sozusagen der Caritasverband auf Landesebene – wobei das nicht ganz korrekt ist, weil er sich am jeweiligen Bistum orientiert.
Ich arbeite dort in einem von der Aktion Mensch geförderten Projekt. Das Projekt ist auf fünf Jahre angelegt und hat das Ziel, Menschen im Bistum Limburg für das Thema Leichte Sprache zu sensibilisieren und zu qualifizieren. Das Gebiet erstreckt sich von Frankfurt bis in den oberen Westerwald, also von Wetzlar rüber nach Wiesbaden.
Zum Thema Leichte Sprache gibt es in ganz vielen Bereichen großen Bedarf. Mein Einstieg in das Thema war tatsächlich über KI: Wie gehen wir damit um, wie setzen wir sie ein? Darüber bin ich dann auch zum KI-Kodex gekommen, weil es eben darum geht, wie wir zukünftig verantwortungsvoll damit arbeiten wollen. Ich denke, das werden wir im weiteren Verlauf des Podcasts noch genauer beleuchten.
Was ist Leichte Sprache
Domingos: Ja, vielen Dank. Das Thema Leichte Sprache ist jetzt schon mehrfach gefallen. Ich denke, die meisten Zuhörer*innen wissen grundsätzlich, was Leichte Sprache ist. Trotzdem noch mal kurz zur Einordnung: Was ist eigentlich Leichte Sprache?
Frauke: Dann übernehme ich das mal. Leichte Sprache ist eine besondere Form der deutschen Sprache. Sie soll Teilhabemöglichkeiten für Menschen mit Lernschwierigkeiten ermöglichen beziehungsweise verbessern.
Dazu gibt es unterschiedliche Regelwerke, die ziemlich genau definieren, was Leichte Sprache ist und worauf man achten muss, damit Texte von der Zielgruppe wirklich gut verstanden werden.
Ein Problem war lange Zeit, dass es sehr viele verschiedene Regelwerke gab und immer noch gibt, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die widersprechen sich nicht grundsätzlich, bei den meisten Punkten gibt es einen Konsens. Aber in Details gibt es schon unterschiedliche Ausformulierungen.
Seit einiger Zeit gibt es jetzt die DIN-SPEC Leichte Sprache. Ich müsste noch mal genau nachschauen, seit wann genau, aber sie ist jetzt ungefähr seit einem knappen Jahr verfügbar.
Ruben: Ja, ungefähr seit einem Jahr.
Frauke:Genau, das hätte ich auch so geschätzt. Seitdem gibt es die DIN-SPEC Leichte Sprache mit Empfehlungen für die deutsche Leichte Sprache. Diese versucht, allgemeine Regeln aus den bisherigen Regelwerken zusammenzufassen und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Deswegen war ich sehr froh, als sie nach einer sehr langen Zeit endlich verabschiedet wurde. Das hat sich wirklich ziemlich lange hingezogen.
Wenn man sich anschaut, was Leichte Sprache ausmacht, also die wichtigen Regeln oder Dinge, die man sich gut merken kann, dann fällt einem als Erstes oft das Schriftbild auf. Leichte-Sprache-Texte haben in der Regel eine sehr große Schrift, meist mindestens 14 Punkt. Die Zeilenabstände sind größer als üblich, und die Sätze sind kurz.
Das ist wahrscheinlich das, was man auf den ersten Blick bemerkt, neben den Illustrationen. In der Regel gibt es bei Leichte-Sprache-Texten auch immer Bilder, die den Text unterstützen. Daran kann man Leichte Sprache meist gut erkennen, egal ob auf dem Bildschirm oder auf Papier. Und tatsächlich sind das schon ganz zentrale Merkmale, die einem sofort ins Auge fallen.
Kurze Sätze, ein Gedankengang pro Satz. Keine Sätze, die sich über mehrere Zeilen ziehen. Dazu eine sehr klare Struktur im Text.
Wichtig ist außerdem, immer das kürzeste und geläufigste Wort zu wählen, das es für einen Sachverhalt gibt. Das heißt aber nicht, dass man zwangsläufig Abkürzungen vermeiden muss, wenn sie bekannt sind. Niemand sagt im Alltag „Lastkraftwagen“, da ist „LKW“ auf jeden Fall die geläufigere Variante.
Das ist vielleicht auch ein ganz guter Hinweis darauf, was Leichte Sprache grundsätzlich ausmacht: Man orientiert sich am tatsächlichen Sprachgebrauch. Inhalte werden stark vereinfacht und klar dargestellt, aber man bleibt bei dem, was Menschen im Alltag kennen und benutzen. Also keine gehobene Sprache und keine Fachsprache.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass man möglichst wenig mit Verneinungen arbeiten sollte. Wenn Verneinungen verwendet werden, werden sie in Leichte-Sprache-Texten fett gedruckt, weil sie sonst oft überlesen oder übersehen werden.
Ich finde dafür immer das Beispiel mit „kein“ und „ein“ ganz anschaulich. Da entscheidet ein einzelner Buchstabe darüber, ob ich kein Geld bekomme oder ob mir eine bestimmte Summe zur Verfügung steht.
Außerdem gilt: kein Konjunktiv, kein Genitiv. Es gibt wirklich eine ganze Reihe von Regeln, die sich auf Wörter, auf Sätze, auf den gesamten Text und auf die Textstruktur beziehen. All das zusammen macht am Ende die Qualität eines guten Leichte-Sprache-Textes aus.
Domingos: Eine Besonderheit ist ja auch, dass Leichte-Sprache-Texte von Personen aus der Zielgruppe geprüft werden. Die Texte werden dann überarbeitet, wenn einzelne Stellen nicht verständlich sind. Das unterscheidet Leichte Sprache ja auch von Einfacher Sprache zum Beispiel.
Frauke: Ja, das ist ein super wichtiger Hinweis. Den hatte ich tatsächlich weiter unten auf meinem kleinen Spickzettel stehen. Aber du hast vollkommen recht: Das ist eine der wichtigsten Regeln überhaupt. Nämlich, dass Menschen aus der Zielgruppe die Leichte-Sprache-Texte prüfen.
Ich finde das aus verschiedenen Gründen extrem wichtig. Zum einen, weil ich durch die Reaktionen der Menschen in der Prüfgruppe, oder durch die Gespräche über die Texte, noch mal ganz konkret sehen kann: War das jetzt wirklich gut verständlich? Oder bestätigt sich meine eigene Annahme über die Verständlichkeit vielleicht gar nicht?
Und zum anderen gibt es dafür auch einen politischen Grund. Leichte Sprache ist aus der Selbstbewegung von Menschen mit Behinderungen entstanden. Ich finde es deshalb unglaublich wichtig, dass diese Kompetenz und diese Selbstermächtigung nicht wieder aus der Gruppe herausgenommen werden.
Das ist, finde ich, tatsächlich auch ein politisches Thema. Ich weiß nicht, ob du zustimmst, Ruben, aber ich halte das für super wichtig.
Ruben: Total. Und da sind wir eigentlich auch schon bei einem ganz zentralen Punkt für den KI-Kodex. KI bietet natürlich viele Möglichkeiten, Texte und Textstrukturen zu verändern. Und da entsteht schnell die Annahme: Na ja, dann brauchen wir die Zielgruppe vielleicht gar nicht mehr.
Diese Annahme ist aber schlicht falsch. Denn für geprüfte Leichte Sprache braucht es die Zielgruppe weiterhin zwingend. Genau das war auch einer der entscheidenden Gründe, warum wir gesagt haben: Wir brauchen einen KI-Kodex. Damit die Zielgruppe weiterhin einbezogen wird und sichtbar bleibt.
KI-Codex für Leichte Sprache
Domingos: Ja, danke für die Überleitung. Dann lass uns generell einsteigen: Kannst du beschreiben, was der KI-Kodex eigentlich macht und was er regelt? Vielleicht kannst du das noch ein bisschen weiter ausführen.
Ruben: Ja, gerne. Ich würde tatsächlich noch mal ein Stück weiter vorne anfangen: Wie ist es überhaupt dazu gekommen?
Die Idee kam nämlich gar nicht ursprünglich von Frauke oder mir. Es war so, dass Bettina Mikhail das Thema in die Diskussion gebracht hat. In der Szene der Übersetzer:innen und der Prüfenden für Leichte Sprache war das Thema schon präsent, als die ersten KI-Tools aufgekommen sind. Da stellte sich ganz schnell die Frage: Wie gehen wir eigentlich damit um?
Bettina hat dann einen Post veröffentlicht und sinngemäß gesagt: Eigentlich bräuchten wir so etwas wie einen Kodex, also eine gemeinsame Orientierung dafür, wie wir mit KI umgehen wollen. Daraus hat sich dann nach und nach etwas entwickelt.
Es traf sich dann, dass ich Annika Lange-Knieb kennengelernt habe. Gemeinsam haben wir auf einem Barcamp der Lebenshilfe in Hessen die Entscheidung getroffen, diesen Weg wirklich zu gehen. Dort haben sich dann viele Menschen angeschlossen, die gesagt haben: Ja, wir wollen daran mitarbeiten.
Frauke war dann auch eine der Personen, die gemeinsam mit uns das Dokument weiterentwickelt hat. In den KI-Kodex sind ganz viele Eindrücke eingeflossen, die wir über einen längeren Zeitraum gesammelt haben. Das, was heute als Produkt vorliegt, ist also das Ergebnis von sehr viel Vorarbeit.
Wir haben zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten interviewt und sie gefragt: Wie steht ihr eigentlich zu KI? Wie steht ihr zu KI-generierten Texten? Außerdem haben wir digitale Fragerunden gemacht – mit Übersetzer*innen, mit Menschen aus der Wissenschaft, mit Auftraggebenden für Leichte-Sprache-Texte und auch mit Menschen, die KI-Tools entwickeln oder zur Verfügung stellen.
All diese Perspektiven, Bedürfnisse und Fragestellungen sind in den Kodex eingeflossen. Das war ein sehr arbeitsintensiver Prozess, der sich über gut ein Jahr erstreckt hat. Aber ich glaube, nur weil so viele unterschiedliche Menschen beteiligt waren, konnte am Ende auch so ein gutes Ergebnis entstehen.
Genau, das war also der Prozess: Wie sind wir dahin gekommen? Und daraus ergibt sich dann auch die Frage: Was will der KI-Kodex eigentlich?
Der KI-Kodex soll Menschen, die Leichte Sprache zur Verfügung stellen wollen, dabei unterstützen, wirklich gute Leichte Sprache anzubieten. Es geht ausdrücklich nicht darum zu sagen: „Okay, die KI macht das schon.“ Denn diese Vorstellung, dass KI Texte einfach zuverlässig von schwer zu leicht überträgt, funktioniert so leider noch nicht.
Damit KI sinnvoll eingesetzt werden kann, braucht es weiterhin eine gute Vorbereitung der Texte, eine sorgfältige Nachbereitung und vor allem den Einbezug der Zielgruppe. Bei ganz vielen Punkten, die Frauke eben auch schon beschrieben hat, ist KI aktuell noch nicht verlässlich genug.
Genau deshalb wollen wir mit dem Kodex etwas an die Hand geben, das hilft, Qualität sicherzustellen. Frauke, vielleicht möchtest du das noch ergänzen.
Frauke: Ich finde den Eindruck, den du beschreibst, sehr treffend. Wenn ich einfach ein KI-Tool nehme, meinen Text eingebe und hinten kommt etwas raus, das auf den ersten Blick wie Leichte Sprache aussieht, dann kann das für ein ungeübtes Auge sehr überzeugend wirken. Manchmal sogar für ein geübteres Auge.
Denn diese Wort- und Satzvereinfachung funktioniert bei vielen Tools tatsächlich schon ziemlich gut. Man hat dann kurze Wörter, kurze Sätze, Verneinungen sind fett gedruckt und solche formalen Dinge sehen erstmal richtig aus.
Was mir bei der Arbeit am KI-Kodex aber besonders aufgefallen ist: Die eigentlichen Herausforderungen liegen oft tiefer. Es geht um Textstrukturen. Also um Fragen wie: Was ist aus diesem Text wirklich wichtig? Was muss zusätzlich erklärt werden? Wie strukturiere ich einen Text sinnvoll? Muss ich vielleicht sogar die Reihenfolge ändern, die der Ausgangstext ursprünglich hatte?
All diese Dinge kann KI aktuell noch nicht wirklich gut leisten. Und deshalb braucht es weiterhin Menschen, die sich damit auskennen. Auch wenn es natürlich sehr verlockend ist: Es gibt inzwischen viele Anbieter und Tools, auch innerhalb von ChatGPT, diese speziellen … wie heißen sie noch?
Ruben: GPTs.
Frauke: Danke, genau. Also diese GPTs, die suggerieren: Gib mir einfach deinen Text, und ich mache daraus Leichte Sprache. Aber die Prüfgruppe wird dabei nicht einbezogen. Und da hast du vollkommen recht: Das ist oft auch ein Wissensproblem. Viele Menschen wissen gar nicht, wie wichtig es ist, die Zielgruppe wirklich mit einzubeziehen.
Domingos: Was genau empfiehlt der KI-Kodex denn im Umgang mit solchen Tools? Welche Regeln gibt er vor?
Ruben: Letztendlich geht es darum, KI-Tools informiert und bewusst zu nutzen. In Beratungsgesprächen stellt sich ganz häufig zuerst die Frage: Welche Sprachform ist überhaupt die richtige? Leichte Sprache oder Einfache Sprache? Und wer ist eigentlich meine Zielgruppe, die ich erreichen möchte?
Diese grundlegende Entscheidung kann keine KI treffen. Die muss immer der Mensch treffen, der das Tool nutzt. Und damit fängt es im Grunde schon an.
Danach geht es darum, zu prüfen, ob die Regeln tatsächlich korrekt eingehalten wurden. Wenn man KI nutzt, sollte man sie also mit klaren Informationen füttern: zu den Regeln, zur Zielgruppe und auch zur Lebensrealität der Zielgruppe.
Und am Ende geht es natürlich darum, in der Prüfung zu schauen: Ist der Text wirklich richtig? Sind die Regeln korrekt umgesetzt? Genau da setzt der KI-Kodex an
Bei der Nutzung von KI geht es auch darum zu prüfen: Ist die Qualität des Textes wirklich gut? Gibt der Text nur den schweren Text in leichter Form wieder, oder wird er auch sinnvoll zusammengefasst? Denn man kann nicht davon ausgehen, dass jemand, selbst wenn es ein leichter Text ist, 25 Seiten durcharbeitet.
Deshalb ist es extrem wichtig, zu entscheiden: Welche Inhalte sind wirklich die wichtigsten, und welche können weggelassen werden? Genau darum geht es auch beim Aufklären: Es reicht leider noch nicht, einfach nur das Tool zu füttern und zu sagen: „Passt schon, das ist gute, geprüfte Leichte Sprache.“ Das funktioniert einfach noch nicht.
Man kann aber beobachten, dass die Tools immer besser werden. Die Sprachmodelle verbessern sich stetig.
Domingos: Ja, spannend. Vielleicht zum Hintergrund: Seit ChatGPT gab es vorher schon andere Tools, aber der Boom deutscher Übersetzungstools für Einfache und Leichte Sprache hat in letzter Zeit deutlich zugenommen.
Abschließend würde mich trotzdem eure persönliche Meinung interessieren: Seht ihr diese Tools eher als Hilfe für eure Arbeit, oder arbeitet ihr wie vorher komplett selbst und nutzt sie gar nicht? Frauke, magst du mal anfangen und deine Einschätzung geben?
KI Hilfe für Expert:Innen??
Frauke: Ja, sehr gerne. Also ich nutze KI-Tools bei Übersetzungen, aber nur in einzelnen Schritten. Ich mache immer noch sehr viel selbst und schaue mir jeden Text genau an.
Ich strukturiere den Text, entscheide, welche Informationen wirklich für die Zielgruppe wichtig sind und welche zusätzlichen Informationen noch benötigt werden. Dabei kläre ich vorher immer mit dem Auftraggebenden: Wer soll diesen Text eigentlich erreichen? Für wen wird er geschrieben? Und wie soll er veröffentlicht werden – auf einer Webseite oder gedruckt?
All diese Vorarbeiten erledigen wir nach wie vor selbst. Erst danach fange ich an zu übersetzen. Ich arbeite meist absatz- oder satzweise. Dann nutze ich KI-Tools, um mir Textvorschläge zu geben.
Am Anfang habe ich ganze Texte in KI-Tools eingespeist und die Übersetzungen dann nachbearbeitet. Das funktioniert aber nicht, weil zu viele Fehler drin waren. Ich musste immer wieder den Ausgangstext mit der KI-Übersetzung vergleichen und prüfen: Ist das fachlich korrekt? Steht wirklich das drin, was im Originaltext steht?
Deshalb arbeite ich jetzt eher abschnittsweise. KI-Tools liefern Vorschläge, alles andere erledige ich selbst – mit meinem eigenen Wissen, mit der kritischen Rückmeldung meiner Kollegin und schließlich mit der Prüfgruppe.
Der Übersetzungsprozess hat also viele Schritte: Ich übersetze, der Auftraggebende gibt fachliches Feedback, dann schaut meine Kollegin noch einmal kritisch auf Regeln und Umsetzung, und zuletzt prüft die Zielgruppe. KI übernimmt dabei nur einen kleinen Teil.Frauke:
Aber da finde ich KI-Tools tatsächlich ziemlich hilfreich. Manchmal ist man blockiert, kommt einfach nicht weiter, und dann ist es wirklich super, wenn man den Text kurz eingeben kann. Man bekommt einen Vorschlag, den man vielleicht gar nicht eins zu eins übernimmt, der aber wenigstens meinen „Hirnknoten“ löst, den ich gerade hatte.
Domingos: Ruben, wie siehst du das?
Ruben: Ja, ich musste da gerade an einen Buchtitel aus meinem Studium denken: „Die Angst vor dem leeren Blatt“. Frauke beschreibt es als „Hirnknoten“, ich nenne es vielleicht das „leere Blatt“. Manchmal hilft es einfach, etwas zu haben, an dem man sich abarbeiten kann.
Man kann KI-Tools momentan sehr gut als Werkzeug nutzen, aber man sollte sie nicht allein dafür einsetzen. Ich finde es spannend zu beobachten, wie sich die Tools entwickeln. Im Moment richten sie sich ja noch an Übersetzer*innen und nicht an die Zielgruppe selbst. Es wird interessant sein zu sehen, wie wir die Zielgruppe später dazu befähigen können, die Tools sinnvoll zu nutzen. Ähnlich wie bei der Digitalisierung stehen wir da also noch vor einer Lernkurve.
Wir haben uns deshalb aus dem Netzwerk „LeichteRuben:
Wir schauen uns auch immer wieder an, was sich auf dem Markt tut. Teilweise laden wir dazu Anbieter ein und beobachten genau, wie die Tools arbeiten. Aber bisher habe ich noch kein Tool gefunden, bei dem ich sagen würde: „Das kann man 1 zu 1 nutzen.“ Es ist bisher wirklich nur ein Werkzeug, das den Prozess an unterschiedlichen Stellen unterstützen kann. Die Zielgruppe wäre dabei außerdem noch nicht in der Prüfung eingebunden.
Domingos: Ja gut, danke für die Einordnung.
Frauke: Was ich beim KI-Kodex total gut finde, ist, dass er sehr technikoffen ist. Das war mir ganz wichtig. Man hätte auch schreiben können: „Alles funktioniert nicht, macht es lieber selbst oder beauftragt Fachleute.“ Aber genau das steht nicht drin.
Im Kodex steht vielmehr: Ihr könnt die Tools nutzen, aber prüft immer genau nach, informiert euch über die Regeln und macht euch selbst zu Fachleuten. Nur so könnt ihr entscheiden, ob die Übersetzung oder die Art, wie die KI den Text bearbeitet hat, wirklich gut ist und der Zielgruppe hilft.
Ruben: Ja, genau, das ist ein guter Hinweis. Es geht nicht darum, KI als schlecht darzustellen. Im Gegenteil: KI kann dazu beitragen, dass mehr Texte schneller übersetzt werden und interessensgeleitet – also nicht mehr nur, weil ein Auftraggeber sagt: „Diesen Text möchte ich übersetzt haben“, sondern dass die Zielgruppe selbst bestimmen kann: „So möchte ich den Text haben, so brauche ich ihn in meiner Verständlichkeit.“
Domingos: Ja, dann vielen Dank für diese Einschätzung. Zum Abschluss noch eine Frage: Wo kann man euch am besten folgen, wenn man mehr über das Thema erfahren möchte?
Ruben: Genau, also der KI-Kodex ist auf der Webseite des Diözesan-Caritasverbandes Limburg zu finden: dicv-limburg.de/leichte-sprache. Dort ist der Kodex direkt verlinkt.
Sonst bin ich auf LinkedIn ganz aktiv, und man kann mich auch über meine Webseite kontaktieren. Die Koordination rund um den Kodex läuft ebenfalls über mich und die Projektstelle.
Domingos: Super, vielen Dank für das Interview. Das war sehr aufschlussreich, ich habe auch einige neue Dinge gelernt.
Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg beim Thema Leichte Sprache und bei euren Projekten.