Barrieren beim Katastrophenschutz – Neues zur Barrierefreiheit 8-2021

Stilisierte SireneDie Flutkatastrophe beschäftigt auch uns: Zum Einen, weil sie nur ein paar Kilometer von uns entfernt stattgefunden hat. Zum Anderen natürlich auch aus der Perspektive der Barrierefreiheit. Unser Mitgefühl gilt allen, die von der Katastrophe betroffen sind. Wir werden das Thema Katastrophenschutz und Barrierefreiheit im letzten Abschnitt des Newsletters aufgreifen.
Saison-bedingt passiert im Sommer in der Barrierefreiheit relativ wenig. Deshalb gehen wir gleich über zu den interessanten Beiträgen.

Interessante Beiträge

Als Barrierefreiheits-Mensch trifft man immer wieder auf Leute, die meinen, man dürfe es nicht zu einfach machen. Die Personen lehnen etwa verständliche Sprache ab, weil komplexe Dinge eine komplexe Sprache brauchen. Typisch für Computer-Games ist, dass es unterschiedlilche Levels an Schwierigkeitgraden gibt. Unter Gamer:Innen läuft eine Debatte darüber, ob Barrierefreiheit den Spielspaß nehmen würde, wie bei Game Pro zu lesen ist.
Microsoft tritt Accessibility-Debatte los und Entwickler versprechen Unbesiegbarkeits-Schalter
Die Mehrheit der Deutschen hat noch nie mit einem behinderten Menschen zusammengearbeitet. Das ist auch schwer möglich, weil die meisten Arbeitsplätze weder räumlich noch digital barrierefrei sind. Zu diesem Schluss kommt eine Umfrage der Sozialhelden und der Jobbörse Monster.
Weiter zu den Umfrage-Ergebnissen beim Presseportal
Der Blindenverband DBSV hat sich mit der Frage beschäftigt, wie gute Bildbeschreibungen in Social Media aussehen sollten.
Ergebnisse der Umfrage des DBSV zu Alternativtexten in Sozialen Medien
eveosblog hat die Anforderungen an barrierefreie Online-Veranstaltungen zusammengefasst.
Barrierefreie Online-Veranstaltungen und Event-Kommunikation
Im Blog haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie man einen kompetenten Dienstleister für Barrierefreiheit findet.
Weiter gehts auf Englisch: Die behinderten Menschen unter Ihnen werden nicht überrascht sein: Das Baymard Institute hat die Barrierefreiheit der größten eCommerce-Anbieter untersucht. 94 Prozent der Anbieter haben Probleme mit der Barrierefreiheit. Domingos meint, es sind eher 100 Prozent.
94% of the Largest E-Commerce Sites Are Not Accessibility Compliant
Nicht jede Person hat Zeit, sich mit den Untiefen der digitalen Barrierefreiheit zu beschäftigen. Hier können allgemeine Regeln wie die 7 Regeln des universellen Designs helfen.
Universal design: A tool for every digital project
Für die PDF-Profis unter ihnen: Nach gefühlt 50 Jahren gibt es eine neue Version des PDF Accessibility Checker. Aktuell ist es noch eine Public Beta. Neu ist, dass nicht nur auf die Einhaltung von PDF UA, sondern auch auf die WCAG geprüft wird, soweit das automatisch möglich ist.
Zur Public Beta des PAC

Veranstaltungen und Schulungen

Ab September nehmen wir unsere offenen Online-Schulungen zur Barrierefreiheit wieder auf. Außerdem starten wir einen Versuchs-Ballon mit einer Präsenz-Veranstaltung in Bonn.
Schulungen zur Barrierefreiheit
Auch die Liste mit den Veranstaltungen mit Bezug zur Barrierefreiheit wurde aktualisiert.

Katastrophenschutz – große Defizite bei Barrierefreiheit

Ältere und behinderte Menschen sind überdurchschnittlich stark von Katastrophen betroffen. Sie werden weniger gut von Informationen erreicht, können sich schlechter in Sicherheit bringen und haben weniger Hilfe zur Verfügung, obwohl sie auf mehr Hilfe angewiesen wären als Nicht-Betroffene. Gehörlose, Blinde, Rollstuhlfahrer, aber auch lernbehinderte Personen haben weniger Chancen, solchen Katastrophen zu entgehen.

  • Menschen mit Sinnesbehinderungen haben größere Schwierigkeiten, sich in Gefahrensituationen zu orientieren.
  • Bewegungs-eingeschränkte Personen sind langsamer, können nicht alle sicheren Orte erreichen und sind oft auf eine Stromversorgung für Rollsttühle bzw. Aufzüge angewiesen.
  • Personen mit einer Lernbehinderung sind ebenfalls häufig auf fremde hilfe angewiesen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Epidemien, große Waldbrände und Überschwemmungen fanden normalerweise in den ärmeren Ländern statt, ohne das sie den Westen groß interessiert haben. Doch häufen sie sich jetzt auch im Westen. Hitzewellen in Nord-Europa und Nord-Amerika, große Brände in Australien und in Südeuropa und Überschwemmungen in Mitteleuropa. Ganz zu schweigen von einer Pandemie. Weitere Ereignisse, bei denen eine Bevölkerung schnell informiert werden muss sind etwa die Verunreinigung von Leitungswasser oder Chemie-Unfälle wie jüngst in Leverkusen. Warn-Ereignisse sind bei weitem nicht so selten, wie man denken würde.
Deutschland ist schlecht darauf vorbereitet. Für behinderte Menschen gibt es kaum geeignete Frühwarn-angebote. Deutschland hat das einfache Warn-System mit lokalen SMS blockiert und auf Katwarn und Nina gesetzt. Die Apps haben sicher ihre Berechtigung, doch ist das Mobilfunk-Netz stabiler als das mobile Internet, mal abgesehen davon, dass die meisten Smartphone-Besitzer wohl nie von Katwarn oder Nina gehört haben dürften. Zudem haben nach wie vor mehr Menschen ein Feature-Phone, werden also von SMS eher erreicht als von Apps. Rational ist nicht nachvollziehbar, warum man ein einfaches System durch ein kompliziertes ersetzen wollte.
Fest steht, dass die Zahl, Häufigkeit und Schwere der Katastrophen in Mitteleuropa in den letzten Jahren zugenommen hat. Und das wir darauf ebenso wenig vorbereitet waren wie auf die Pandemie. Vielleicht hofft jede Politiker:Innen-Generation aufs Neue, dass sie nicht betroffen sein wird und sich die jeweils nächste Generation darum kümmert. Es ist kaum zwei Wochen her, aber die Flut-Katastrophe wandert schon wieder auf die hinteren Seiten der Nachrichten.
Eine Konsequenz sollte sein, dass die Warnsysteme deutlich verbessert werden, Informationen für benachteiligte Gruppen bereit gestellt werden und die Helfer:Innen speziell darauf vorbereitet werden, besonders unterstützungs-bedürftigen Personen zu helfen.
Behinderte und ältere Menschen in gefährdeten Wohnlagen müssen gezeigt bekommen, wie sie sich in solchen Situationen verhalten und wie sich sich in Sicherheit bringen oder Hilfe organisieren können.
Last not least müssen Informationen in Leichter Sprache und Gebärdensprache bereit gestellt werden.
Barrierefreiheit und Katastrophenschutz
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