Wie findet man einen kompetenten Dienstleister für digitale Barrierefreiheit

Stilisierter Sherlock Holmes mit LupeDa mir die Frage häufig gestellt wird, möchte ich heute gerne darauf eingehen, wie Sie einen kompetenten Dienstleister in Sachen barrierefreie Webseiten und barrierefreie PDF finden.

Barrierefreiheit ist ein Thema wie jedes Andere

Zunächst einmal sollten Sie genau so vorgehen wie in jedem anderen Bereich auch. Das heißt: Marketing-Bla-Bla ignorieren, Referenzen prüfen und vor allem auf konkrete Informationen achten. Je wager die Informationen zur Barrierefreiheit sind und je tiefer das Thema auf der Webseite vergraben ist, desto weniger wichtig scheint es dem Dienstleister zu sein. Außerdem sollten Sie einmal bei anderen Einrichtungen aus Ihrer Branche fragen, ob dort bereits gute Erfahrungen mit einem bestimmten Dienstleister gemacht wurden.
Es macht auch Sinn, ein automatisches Prüftool über die Website des Anbieters oder seine PDF-Dokumente laufen zu lassen. Oder alternativ eine behinderte Person die Inhalte prüfen zu lassen. Fehler können immer gemacht werden. Häufen sich diese aber, ist das kein gutes Zeichen. Bekommt man die eigenen Inhalte nicht barrierefrei, wie soll man das dann mit den Inhalten Anderer machen?
Hinweis: Automatische Testtools sind nur eingeschränkt für die Messung der Barrierefreiheit geeignet. Hier sind sie lediglich ein Anhaltspunkt für die Professionalität eines Dienstleistenden.

Anbieter-Struktur in der DACH-Region

Unabhängig vom konkreten Portfolio lassen sich vier Arten von Dienstleistern bzw. Unternehmens-Strukturen in der DACH-Region unterscheiden:

  • Einzel- bzw. Kleinst-Unternehmen, bestehend aus einer Person bzw. aus einzelnen Freiberufler:Innen
  • kleine Agenturen, die sich auf Barrierefreiheit spezialisiert haben, das sind in Deutschland Agenturen mit vielleicht 10 bis 15 Mitarbeiter:Innen
  • mittelgroße oder große Full-Service-Agenturen, die insbesondere für den öffentlichen Dienst tätig sind und Barrierefreiheit mit im Angebot haben
  • Non-Profit-Organisationen

In der DACH-Region gibt es meines Wissens keine mittelgroßen oder großen Agenturen, die sich ausschließlich mit Barrierefreiheit beschäftigen. Auch kommt es selten vor, dass ein kleinerer Dienstleister sowohl barrierefreie Webseiten als auch barrierefreie PDF abdecken kann. So etwas machen eher große Full-Service-Agenturen mit Schwerpunkt auf den öffentlichen Sektor.
Daneben gibt es natürlich unzählige Freiberuflerinnen, kleinere und größere Unternehmen, die Barrierefreiheit als eines von vielen Themen im Portfolio haben. Hier kann man nicht generell sagen oder prüfen, inwieweit sie das Thema beherrschen.
Vereinzelt findet man auch nicht-profit-orientierte Organisationen, die Dienstleistungen zur Barrierefreiheit anbieten.

Expertise erkennen

Es gibt viele „hidden heroes“, also Personen, die ein wenig unter dem Radar der Öffentlichkeit bleiben. Die findet man eher in den Arbeitskreisen und weniger auf Konferenzen. Dadurch sind sie auch recht schwer über eine Web-Suchmaschine zu finden. Ich stolpere immer wieder einmal über Personen, die jahrelang in dem Bereich arbeiten, sich hervorragend auskennen und von denen ich vorher nie bewusst gehört habe.
Abraten möchten wir von Dienstleister-Verzeichnissen. Da kann sich in der Regel jeder eintragen, ohne das eine Qualitätskontrolle stattfindet. Wie oben beschrieben sollte man sich immer deren Web-Auftritt und Referenzen anschauen.
Interessant ist die Frage, ob der Dienstleister auf Fach-Konferenzen präsent war oder ob er publiziert hat – egal ob in öffentlichen Publikationen oder auf der eigenen Website. Fachliche Publikationen kann man in der Regel auch erkennen, ohne tief in der Materie zu sein.
Daneben gibt es eine Reihe von Fragen, die Sie an Dienstleister bezüglich Barrierefreiheit stellen können. Dazu gehören:

  • Wie viele Projekte wurden bisher umgesetzt?
  • Wie viele Mitarbeiter:Innen sind auf Barrierefreiheit spezialisiert, wie bilden sie sich fort bzw. bleiben auf dem Laufenden?
  • Wie findet eine Qualitätssicherung der Ergebnisse eines Projekts statt? (Testverfahren, Nutzertests, automatische Prüfung etc.
  • sind behinderte Menschen etwa bei Tests eingebunden

Bleiben die Antworten wage, muss man von einer mangelnden Erfahrung des dienstleisters ausgehen und sollte ihn aus der näheren Auswahl nehmen.
Es gibt aktuell vor allem die Zertifikate der IAAP zur Barrierefreiheit als formalen Nachweis für Expertise. Diese sind in Deutschland aber wenig verbreitet und werden ohnehin nur an Einzelpersonen und nicht an Organisationen vergeben. Meines Erachtens taugen diese Zertifikate nicht als Qualifikationsnachweis für Barrierefreiheit.

Warum ich manche Kunden ablehne

Natürlich steht es jeder Dienstleisterin auch frei, sich ihre Kunden selbst auszusuchen bzw. auch Kunden abzulehnen. Aktuell ist die Nachfrage nach Barrierefreiheits-Expertise recht groß, auch wenn ich davon ausgehe, dass das ab dem nächsten Jahr wieder nachlassen wird.
Ich habe in der Vergangenheit mehrfach Kunden abgelehnt. Wenn ich für den Job generell geeignet war, der Kunde realistische Preis-Erwartungen und ich Ressourcen hatte, waren es vor allem folgende Gründe in absteigender Wichtigkeit:

  • Unzuverlässigkeit, das heißt, zu spät abgelieferte Inhalte, nicht eingehaltene Absprachen oder Termine
  • unhöfliches oder unangemessenes Verhalten, dazu zählen auch Anrufe jenseits der üblichen Büro-Zeiten, unfreundliche Mails, mangelnde Transparenz etc.
  • der Job war für mich nicht interessant
  • wenn es persönlich nicht gepasst hat

Der erste Grund ist recht häufig. Angestellte verstehen oft nicht, dass man als Freiberufler seine Ressourcen oft auf Wochen hinaus verplant hat. Wenn dann Absprachen nicht eingehalten werden, hat man eine Woche nichts zu tun und die nächste Woche ist voll. Man merkt häufig schon bei der Kontakt-Aufnahme, dass jemand unzuverlässig ist, etwa wenn er abgesprochene Termine nicht einhält oder sich sehr spät zurückmeldet.
Ruppiges Verhalten oder unrealistische Erwartungen muss man sich ein Stück weit gefallen lassen. Es gibt hier aber auch Grenzen, die der Kunde gezeigt haben muss. Mangelnde Transparenz beginnt für mich schon damit, wenn man in einer Anfrage nicht kommuniziert, dass man mehrere Dienstleister anfragt. Oder wenn man sich einen bestimmten Termin freihalten soll und dieser Termin dann nicht abgesagt wird, obwohl man ihn als Dienstleister fest verplant hat und der Kunde sich doch anderweitig entschieden hat.
Uninteressante Jobs sind Tätigkeiten, die mich für den Moment nicht interessieren oder viel unbezahlte Einarbeitung erfordern.
Der letzte Grund ist selten. Auf professioneller Ebene muss man auch zusammenarbeiten können, wenn man sich nicht zu 100 % sympathisch ist. Andererseits hat man manchmal als Dienstleisterin den Luxus, sich die Kunden aussuchen zu können. Da wählt man im Zweifelsfall eher diejenigen, die man sympathisch findet oder mit denen man gut zusammenarbeiten kann.
Ich persönlich lehne tatsächlich Kunden ab, wenn sie eine Anfrage stellen und einmal ein Angebot von mir abgelehnt haben. Kunden ist häufig nicht bewusst, dass auch das Erstellen von Angeboten Arbeit bedeutet. Viele Kunden lehnen auch ein Angebot ab, nachdem sie sich unbezahlte Beratung geholt haben.
Natürlich kann es viele Gründe geben, warum ein Angebot abgelehnt wurde. Häufig ist es aber der Preis oder Zweifel an der Kompetenz. Das heißt, dass man so oder so keine Chance hätte und die Anfrage rein formaler Natur ist. Häufig hat sich der Kunde schon für einen Anbieter entschieden und muss nur für die Akte weitere Angebote abfragen.

Entscheidend ist eine gute Zusammenarbeit

Last not least zählt natürlich der persönliche Eindruck. Meines Erachtens sollte man das nicht überbewerten. Wenn jemand aber eine konkrete Frage nicht angemessen beantworten oder eine verständliche Erklärung geben kann, wird die Zusammenarbeit schwierig.
Dabei ist auch wichtig, dass man miteinander gut klarkommt, ansonsten wird die Zusammenarbeit schwierig.

Zum Weiterlesen