Barrierefreiheit – wir brauchen weniger Experten und mehr Basis-Wissen

Stilisierter Sherlock Holmes mit LupeEs ist kein Geheimnis, dass die Barrierefreiheit in vielen Fällen seit Jahren keine Fortschritte und noch öfter Rückschritte macht. Während sich die wenigen Experten in Fachdiskursen fingerhakeln, bleibt die Barrierefreiheit auf der Strecke.

Jeder muss, keiner weiß wie

Im Grunde wird jeden Tag gegen die Barrierefreiheits-Richtlinien verstoßen. Jedes Mal, wenn ein nicht-barrierefreies PDF online gestellt wird, sterben mindestens drei Einhörner. Schuld daran sind nicht nur die Ersteller, denn sie wissen es oft nicht besser. Schuld sind Adobe und Co. die das Thema seit Jahrzehnten nicht auf die Reihe bekommen. Aus Blei Gold herzustellen ist einfacher als aus einer Broschüre ein barrierefreies PDF herzustellen. Bei barrierefreien PDFs muss man sich die Anführungszeichen bei „barrierefrei“ immer dazu denken, denn 99 Prozent der so betitelten Dokumente weisen trotzdem sie von angeblichen Experten hergestellt wurden kleine bis größere Fehler auf.
Da es das Recht auf barrierefreie Dokumente gibt, müsste im Grunde jeder Verwaltungsmitarbeiter wissen, wie er Dokumente barrierefrei macht, sofern er interne oder externe Kommunikationsaufgaben übernimmt. Defacto weiß aber keiner, wie es geht. Die logische Konsequenz wäre, es in die Verwaltungsausbildung bzw. die entsprechenden Studiengänge mit aufzunehmen. Meines Wissens ist das bisher nicht der Fall. Bei mir rufen nicht selten Personen an, die Hunderte von Leuten schulen wollen, vorzugsweise in Buxtehude tätig sind und das natürlich möglichst umsonst haben wollen.
Das gleiche Trauerspiel finden wir bei den Web-Entwicklern, die man besser als Kästen-Hin-und-Herschieber bezeichnen sollte. Wenn sie HTML und CSS ihrem Sinn gemäß einsetzen würden, wäre 80 Prozent der Arbeit schon gemacht. Aber entweder können oder wollen sie das nicht, beides ist ein Armutszeugnis für diesen Berufsstand.

Wir kümmern uns um die Symptome, nicht um die Ursachen

Zynisch gesagt haben wir kein großes Interesse, die Situation zu verbessern. Wir verdienen prächtig an dieser Situation, nämlich daran, dass das Fachwissen bei den Auftraggebern und den Web-Agenturen fehlt. Je mehr die Leute rummurksen, je später sie uns dazu holen, desto mehr Stunden können wir anschließend abrechnen. Etwas Kaputtes zu reparieren kostet halt mehr als es von Anfang an richtig zu machen.
Daneben gibt es die Testverfahren, Zertifizierungen, schlecht konzipierte Kurse und weitere Angebote, mit denen die Experten ordentlich Geld verdienen, die der Barrierefreiheit aber nicht immer zugute kommen.

Halbwissen ist manchmal schlimmer als keines

Es gibt unzählige „Experten“, die Unsinn verzapfen: Der eine setzt CAPTCHAs auf seiner eigenen Webseite ein. Der Andere glaubt ernsthaft, ReadSpeaker wäre eine assistive Technologie.
Da lobe ich mir die Leute, die gar keine Ahnung haben und recherchieren. Leider scheint es in der Szene nach wie vor nicht üblich zu sein, sich mit Betroffenen auszutauschen oder über den Tellerrand der geschriebenen Richtlinien hinaus zu schauen.

Mehr Basis-Wissen, weniger Experten

Die Lösung ist denkbar einfach: Wir brauchen weniger Experten-Wissen und mehr Basis-Wissen bei allen Verantwortlichen. Es rächt sich jetzt, dass Barrierefreiheit jenseits spezieller Zirkel nicht stattfindet. Wir haben Fach-Konferenzen zur Barrierefreiheit, aber auf Normalo-Konferenzen ist es ein Nischen-Thema und wird auch so wahrgenommen, wenn es überhaupt vorkommt. In den einschlägigen Studien- und Ausbildungsgängen kommt es wenn überhaupt als Rand-Thema vor.
Es gibt kein einziges deutsch-sprachiges Programm, um Personen umfassend zur digitaler Barrierefreiheit zu qualifizieren. Die HDM Stuttgart und die Hildesheim decken nur Teilgebiete ab, die entweder zu speziell oder zu allgemein sind.
Es sind also keine substantiellen Fortschritte zu erwarten. Und das leider auch, wenn die Regierung noch strengere Gesetze erlassen würde, das hat sie aber ohnehin nicht vor.

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