Was sollte eine Expertin für digitale Barrierefreiheit können?

Farbige Blasen enthalten Fragen wie Wer, Was und WoIn angloamerikanischen Ländern gehören sie vielerorts dazu, in Deutschland sind sie seltener als Einhörner: Inhouse-Expertinnen für digitale Barrierefreiheit. Aber was sollte so eine Expert:In eigentlich mitbringen? Das wollen wir uns in diesem Beitrag anschauen. Wenn Sie eine Barrierefreiheits-Expert:In einstellen möchten, hilft Ihnen vielleicht das Accessibility Skills Hiring Toolkit. Oder suchen Sie einen kompetenten Dienstleister zu barrierefreien PDF und Webseiten?

Generelle Anforderungen

Es gibt Fähigkeiten, die jeder Mensch benötigt, der im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik arbeitet. Die Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten, sich Fachbegriffe anzueignen, die Qualität von Informationen zu beurteilen. Der Wandel der Technik hat sich in den letzten Jahren rasant beschleunigt – außerhalb der Barrierefreiheit, versteht sich. Aber das muss man natürlich mitbekommen, wenn man sich mit barrierefreier Technik beschäftigt.
Ein gutes Verständnis von technischem Englisch ist unabdingbar. Nur wenige relevante Informationen erscheinen – zumeist mit Verspätung – auf Deutsch. Die meisten relevanten Diskurse finden auf Englisch statt, auch weil die deutsche Barrierefreiheits-Szene es verschlafen hat, eine funktionierende Plattform für den Diskurs zu entwickeln.

Besondere Anforderungen der digitalen Barrierefreiheit

ein konzeptionelles Verständnis von Behinderungen und den daraus erwachsenen Barrieren ist wichtig. Barrierefreiheit ist mehr als Sprachausgabe, Bildschirm-Lupe, Kontraste und Alternativtexte.
Erforderlich ist ein solides Grundwissen der Gesetzgebung und der Richtlinien. Der Wust aus nationalen und Länder-Gesetzen, Industrie-Normen und informellen Vorgaben ist schwer zu durchschauen.
Ein technisches Grundwissen ist wichtig, z.B. ein Grundverständnis von HTMl und seiner Funktionsweise, ohne HTML versteht man weder Screenreader noch ARIA.

Besonderes Wissen

Wichtig ist, in welchem Bereich man arbeitet, ein Entwickler benötigt anderes Wissen als eine Projektmanagerin, ein Kommunikations-Verantwortlicher anderes Wissen als eine Redakteurin. Wer wiederum Dokumente barrierefrei machen möchte, muss über ARIA oder CSS weniger gut Bescheid wissen.
Erfüllt man Schnittstellen-Funktionen, etwa als Projektmanagerin oder Berater für Kunden, muss man vor allem übersetzen können. Der Kunde möchte – manchmal – verstehen, warum etwas auf eine bestimmte Weise gemacht werden soll oder warum eine bestimmte Weise problematisch sein kann. Die Entwickler:Innen benötigen klare Hinweise auf die Umsetzung oder zumindest darauf, was falsch läuft und was das erwartete Verhalten ist.
Je nach Organisation muss man sich auch darauf einstellen, der Buhmensch zu sein. Man muss etwa intervenieren, wenn das fein austarierte grafische Konzept unzureichende Kontraste aufweist oder die Tastatur-Bedienung in einer bestimmten Ecke nicht funktioniert. Manche kommen mit dieser Rolle besser klar als Andere. Auf jeden Fall ist das einfacher, wenn man außerhalb einer Organisation steht.
Hier stellt sich die Frage, ob man eine Art Universalgenie in all diesen Dingen sein muss. Ich selbst kenne nur eine Handvoll Leute, die sich mit Internet und PDF gleichermaßen gut auskennen. Das Ganze wird auch dadurch erschwert, dass alle Themen für sich immer spezieller werden. Das Universal-Genie wird auch in der Barrierefreiheit eine aussterbende Gattung.

Expert:Innen in eigener Sache – aber auch nicht mehr

Ein häufig anzutreffendes Mißverständnis gerade bei vielen Blinden ist der Irrglaube, man kenne sich mit Barrierefreiheit aus, weil man blind sei. Nach der Argumentation sind alle Weintrinker Wein-Experten und ein Supermarkt-Kunde ist ein Experte für Waren-Logistik.
Sicher ist jede Behinderte Expert:In in eigener Sache. Darüber hinaus wird es aber schwierig. Es gibt Blinde, die recht gut die Situation anderer Blinder einschätzen können. Anderseits sehe ich nur bei wenigen Blinden, die über Barrierefreiheit schreiben, dass sie sich mit anderen Behinderungen beschäftigt haben. Für einen Geburts-Blinden dürfte es recht schwierig sein, die Situation einer Sehbehinderten oder Autist:Innen einzuschätzen.
Deshalb sollte man bei der Einschätzung durch Expert:Innen in eigener Sache stets vorsichtig sein. Das ist kein Plädoyer gegen Tests durch Nutzer:Innen, aber man muss solche Einschätzungen stets gewichten.

Was gehört nicht zum Experten für Barrierefreiheit?

Eine Expert:In für Barrierefreiheit muss meines Erachtens vor allem ein Grundverständnis über die Funktionsweise assistiver Technologien und deren Grenzen haben. Sie muss aber nicht in der Lage sein, einen Screenreader oder eine Spracheingabe flüssig bedienen zu können.
Eine Expert:In für Barrierefreiheit muss selbst nicht behindert sein. Im Gegenteil, in einigen Fällen kann das sogar hinderlich sein, weil man dann die eigenen Anforderungen überbewertet, so gesehen bei vielen Blinden, die zumindest von sich selbst glauben, von Barrierefreiheit Ahnung zu haben, während sie nur von Screenreadern und Sprachausgaben sprechen.
Natürlich heißt das nicht, dass ein behinderter Mensch kein Experte sein kann, es geht nur darum, dass eine Behinderung zu haben nicht automatisch dazu qualifiziert. Ich suche aktuell nach Möglichkeiten, um behinderte Menschen zu Barrierefreiheits-Expert:Innen zu qualifizieren. Ich freue mich, wenn da jemand Hinweise hat.
Im anglo-amerikanischen Raum gibt es im übrigen viel mehr behinderte Menschen in der Barrierefreiheits-Szene, In Deutschland bleiben sie in aller Regel außen vor.
Meines Erachtens gehört es auch nicht dazu, die Barrierefreiheits-Richtlinien auswendig zu kennen. Die WCAG formulieren einen Minimal-Standard und laufen der technischen Entwicklung leider hinterher.
Wie ich an anderer Stelle schrieb, ist konzeptionelles Wissen wichtiger als die Fähigkeit, Infos auswendig zu lernen. Das kritisiere ich auch an den IAAP-Zertifikaten.

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