Der Web Accessibility Specialist – meine Einschätzung zum WAS-Zertifikat der IAAP –

Dieser Beitrag dreht sich um die Zertifizierung zum Web Accessibility Specialist der IAAP.
Zu den Abkürzungen: IAAP steht für International Association of Accessibility Professionals. Aktuell geht es dort vor allem um Web-Barrierefreiheit. Es gibt außerdem ein allgemeines Barrierefreiheits-Zertifikat namens CPACC, ein Zertifikat zum barrierefreien Bauen sowie ein Zertifikat zum Thema barrierefreie Dokumente in Planung. Hier möchte ich mich nur mit dem Web Accessibility Specialist = WAS-Zertifikat beschäftigen.

Was ist WAS

Wer das WAS-Zertifikat erwerben möchte, sollte über einen soliden Grundstock an Wissen verfügen. Empfohlen werden 3 bis 5 Jahre Erfahrung im Thema Barrierefreiheit im Internet. Es geht sicherlich auch mit weniger Erfahrung, aber dann sollte man viel Zeit fürs Lernen einplanen.
Der Body of Knowledge steht inzwischen auf Deutsch zur Verfügung, man kann sich also problemlos einen Überblick verschaffen. Themen sind u.a. natürlich die WCAG, die ATAG, ARIA und die verschiedenen assoziierten Dokumente. Also die Grundlagen-Dokumente der Web Accessibility Initiative. Wenn man nicht weiß, was WCAG, ATAG oder die Web Accessibility Initiative ist, dann ist man noch nicht reif für das Zertifikat.

Was sollten Interessierte mitbringen

Ob es drei bis fünf Jahre Erfahrung sein müssen, können wir dahin gestellt sein lassen. In jedem Fall ist solides Wissen in Behinderungen, assistiven Technologien, den Richtlinien und weiteren Dokumenten der WAI gefordert.
Gut Englisch lesen zu können ist unabdingbar, mindestens B1. Da es sich um einen Multiple-Choice-Test handelt, muss man aber nicht unbedingt Englisch schreiben können. Da es sich auch um technisches und etwas spezielles Englisch handelt, würde ich empfehlen, sich auf Englisch vorzubereiten, solange man die Prüfung auch nur auf Englisch durchführen kann. Manche Begriffe mögen im Deutschen anders verwendet werden oder eine andere Bedeutung haben. Wer ernsthaft im Gebiet Barrierefreiheit arbeiten möchte, kommt an Englisch nicht vorbei. Die meisten Dokumente und interessanten Artikel gibt es nur auf Englisch.
Programmieren muss man nicht können. Es ist von Vorteil, HTML lesen zu können. In jedem Fall sollte man die für Barrierefreiheit relevanten Konzepte von HTML, JavaScript und CSS kennen. Ohne Grundkenntnisse von Web-Entwicklung wird es recht schwierig, das Zertifikat zu erhalten. Man kann alles auswendig lernen, aber spätestens bei den Konzepten von ARIA wird es technisch sehr abstrakt, wenn man das Zusammenspiel aus HTML, Javascript und assistiven Technologien nicht grundsätzlich verstanden hat.
Das IAAP bringt selbst keine Trainingskurse mit. Man kann aber verschiedene offiziell akzeptierte Kurse belegen. Deutsche Trainings sind geplant. Aber wie gesagt: So lange die Prüfung nicht auf Deutsch abgelegt werden kann, würde ich davon abraten. Multiple Choice ist ziemlich tricky, schon ein falsch interpretiertes Wort kann hier zum Verhängnis werden.

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Das Zertifikat bzw. die möglichen Vorbereitungsprogramme sind meines Erachtens vor allem für hauptberufliche Digitale-Barrierefreiheits-Manager geeignet.
Für Personen, die bereits in der digitalen Barrierefreiheit fest verankert sind, kann durchaus das eine oder Andere neue dabei sein. Doch wahnsinnig viel ist es nicht. Es ist dann also eher ein Test, wie breit das eigene Wissen aufgestellt ist und eine Chance, kleinere Lücken zu schließen.
Meines Erachtens ist das Zertifikat nicht interessant für Designer:Innen, Konzepter:Innen oder Web-Entwickler:Innen. Dafür ist das, was über Web-Entwicklung in den akzeptierten Trainingskursen vermittelt wird zu schwach. Und es ist auch zu viel anderes Zeug dabei, was diese Personen überhaupt nicht interessiert, wenn sie sich nicht tatsächlich auf Barrierefreiheit spezialisieren wollen.
Einsteiger:Innen würde ich ebenfalls davon abraten, mit dem WAS in das Thema Barrierefreiheit reinzugehen. Das Verstehen gerade der abstrakteren WCAG-Richtlinien und Dokumente ist anspruchsvoll.
Ungeeignet ist es meines Erachtens auch für Personen, die sich nicht hauptberuflich mit Barrierefreiheit beschäftigen. Also Behindertenbeauftragte und andere Personen aus disem Themenkomplex. Dafür ist das Wissen dann doch zu tief. Für diese Personen wären eher konzeptionelle Grundlagen wie Semantik oder Farb-Kontraste notwendig. Für dieses Wissen muss man aber keine 40 Trainingsstunden absolvieren. Zudem dürfte hier das CPACC-Zertifikat passender sein, weil es auch andere Themen wie barrierefreie Gebäude-Gestaltung enthält.
Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, eine möglichst breite Wissensbasis zu haben. Das Problem ist, dass 90 Prozent davon wahrscheinlich direkt nach der Prüfung vergessen wird und man auch nicht gut zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden kann, wenn man mit so viel Wissen überschüttet wird. Zudem bleibt das ewige Zeitproblem. Außerdem stellt sich mir die Frage, ob ein Barrierefreiheits-Experte tatsächlich die Tastenkürzel bzw. Touchgesten bestimmter Screenreader auswendig kennen muss.
Last but not least ist das Zertifikat für 530 US-Dollar doch recht teuer, insbesondere für Freelancer und Privatpersonen. Für 530 Dollar könnte man auch einen kompletten Vorbereitungskurs mitliefern, was aber eben von der IAAP nicht gemacht wird. Ein Vorbereitungskurs etwa von Deque kostet aktuell ca. 170 Dollar, macht in Summa 700 US-Dollar. Allerdings würde meines Erachtens der Deque-Kurs reichen, wofür man dann noch das WAS-Zertifikat braucht, leuchtet mir nicht ein.
Nebenbei: Das Deque-Programm hat mich positiv überrascht: Bisher habe ich noch kein so gutes und umfassendes Trainingsprogramm zur Barrierefreiheit für diesen Preis gesehen. Persönlich bin ich ein Freund von text-basiertem Selbst-Lernen, deshalb lasse ich mal Videokurse außen vor. Wer gut Englisch kann und die Zeit hat, dem kann ich die Deque-Kurse empfehlen. Eine Alternative, ebenfalls mit Zertifikat, ist der Kurs von edX.

Vorteile des Zertifikats

Derzeit sind die IAAP-Zertifikate in Deutschland noch nicht sehr bekannt. Bisher habe ich die Anforderung noch in keiner Stellenbeschreibung oder Ausschreibung gesehen. Ob sich das Zertifikat bzw. das Investment finanziell lohnt, bleibt deshalb erst mal dahingestellt.
Der Kollege Joschi Kuphal hat sowohl das WAS- als auch das CPACC-Zertifikat inne und betreibt eine Lerngruppe für Interessierte.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.