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Die Un-Experten – Schattenseiten der Barrierefreiheit

Schild mit AusrufezeichenLeider treiben sich auch in der Barrierefreiheits-Szene Menschen herum, die hier nichts zu suchen haben. Immerhin ist in der Barrierefreiheit mittlerweile viel Geld zu holen. In diesem Beitrag möchten wir uns diese Spezies genauer anschauen.
Generell lassen sich drei Typen von Un-Experten unterscheiden: Die Glauber, die Ignoranten und die Betrüger.

Die Glauber

Die Glauber glauben, etwas von Barrierefreiheit zu verstehen. Dabei beschränken sich ihre Fähigkeiten darauf, PDFs mit dem PAC zu prüfen, HTML zu validieren oder wenn es hoch kommt den WAVE-Test durchzuführen.
Die Glauber integrieren fleißig Vorlesefunktionen, Magnifier und Styleswitcher auf ihren Webseiten. Wenn es vor 20 Jahren richtig war, kann es ja heute nicht schlecht sein. Und wo man schon dabei ist, wie wärs mit einer Textversion unserer Website für Blinde?
Die Glauber wissen oft über bestimmte Bereiche der Web-Entwicklung Bescheid. Sie können etwa Kontraste richtig bewerten oder sogar barrierefreie Formulare gestalten. Das wäre ausreichend, wenn sich das Thema Barrierefreiheit bei der Screenreader-Kompatibilität erschöpfen würde. Daran glauben sie fest, deshal hat sich der Blick in die WCAG für sie erledigt.

Die Ignoranten

Die Ignoranten sind häufig sogar namhafte Personen aus der Barrierefreiheits-Szene, ich nenne mal keine Namen. Die Ignoranten sind häufig hochqualifiziert in dem was sie tun, verpassen aber dabei den Blick nach links und rechts.
Zu den Ignoranten gehören etwa Blinde, die sagen, X sei nicht barrierefrei, weil sie X nicht bedienen könnten. Oder eben X sei barrierefrei, weil sie es bedienen könnten. Barrierefreiheit beschränkt sich für sie auf Kompatibilität für Screenreader und Sprachausgaben. Aber wir können problemlos eine App oder Website erstellen, die für Blinde funktioniert und für alle anderen nicht.
Sicherlich ist Funktionalität für Blinde ein wichtiges Thema. Es deckt auch die Bedienbarkeit mit Tastatur relativ gut ab. Im Endeffekt ist es aber ignorant, denn es gibt iel mehr Leute, denen die Bedienbarkeit für Blinde nicht immer weiterhilft. Dazu gehört die wesentlich größere Zahl der Sehbehinderten.
Wohlgemerkt: Ich habe nichts dagegen, wenn ein Blinder sagt, etwas funktioniert für ihn persönlich oder für die Blinden generell nicht. Aber ein Vollblinder kann selbst mit Programmier- und Test-Fähigkeiten nur eingeschränkt die Barrierefreiheit einer Anwendung beurteilen. Blindengerecht und barrierefrei sind zwei verschiedene Dinge. Und Blindengerecht ist eine Teilmenge von Barrierefreiheit, wer das nicht versteht ist meines Erachtens ignorant.

Die Betrüger

Leider muss man auch über die dunkle Seite sprechen: Personen, die mit krimineller Energie zu Gange sind. Mir lag von einem Auftraggeber ein Screenshot der Adobe Barrierefreiheitsprüfung vor, der offensichtlich gefälscht war. Diese Person wusste also, dass sie die Leistung nicht erbracht hat und statt dies einzuräumen hat sie das Spiel weitergetrieben. Man muss also von geradezu krimineller Energie ausgehen.
Wie häufig so etwas vorkommt, wissen wir leider nicht. Allerdings sind viele Faker in der Szene unterwegs:

  • Die grafikerin, die von sich fälschlicherweise behauptet, barrierefreie PDFs erstellen zu können und deswegen eingestellt wird.
  • Der Bauträger, der Barrierefreiheit nicht umsetzen kann, obwohl es in seinem Auftrag steht.
  • Der Museums-Einrichter, der wirklich gar keine Ahnung hat und die Barrierefreiheit sogar aktiv behindert.
  • Der Web- oder App-Entwickler, der genau das Gegenteil von Barrierefreiheit macht.

Das sind alles Fälle, die mir bekannt sind oder von unterschiedlichen Stellen zugetragen wurden.
Die Abgrenzung zwischen Glauber und Faker ist nicht immer eindeutig zu machen. Manche Leute glauben tatsächlich, etwas von Barrierefreiheit zu verstehen, obwohl das nicht der Fall ist. Doch muss man befürchten, dass ein großer Teil hier absichtsvoll vorgeht.

Wie der Datenschutz die Barrierefreiheit behindert

Blick durch ein SchlüssellochDatenschutz hier, Datenschutz da – in der Coronakrise wird einmal mehr heftig darüber gestritten. Beispiele gibt es zu Hauf. Diskutiert werden etwa die Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts sowie die noch zu entwickelnde App zum Detektieren potentieller Corona-Ansteckungen. Dass die Datenspende-App nicht barrierefrei war, hat weder das RKI noch die Twitter-Gemeinde sonderlich interessiert.
Ich fasse es mal zusammen: Ein potentieller Verstoß gegen den datenschutz interessiert die Leute mehr als der Fakt, dass behinderte Menschen eine Anwendung nicht nutzen können. Bin ich der Einzige, der das merkwürdig findet?
Weiteres schönes Beispiel: Durch die überhastete Digitalisierung hat sich ein Wildwuchs an digitalen Kommunikationslösungen ergeben. Zoom hat WhatsApp als Buhmann Nr. 1 abgelöst. Allerdings wird auch so ziemlich jede andere Lösung wie Teams, Skype oder Jitsy kritisiert. Nur ein Wirrkopf könnte auf die Idee kommen, dass es vielleicht nicht nur an den Lösungen, sondern auch an der DSGVO selbst liegen könnte. Da wird lang und breit über potentielle Mängel beim Datenschutz diskutiert. Aber in keiner der zahlreichen Listen von Kommunikationstools und deren Vor- und Nachteilen findet man Hinweise zu deren Barrierefreiheit.

Der Primat des Datenschutzes ist fragwürdig

Irgendwann muss die Gesellschaft entschieden haben, dass der Datenschutz wichtiger ist als alles Andere: Wichtiger als Benutzerfreundlichkeit, wichtiger als Barrierefreiheit, wichtiger als der Preis, wichtiger als die Kompatibilität mit verschiedenen Endgeräten. Wenn keine Lösung die Anforderungen des Datenschutzes erfüllt, dann kommunizieren wir halt per Rauchsignal.
Die DSGVO kann unter „gut gemeint“ abgeheftet werden. Wie so vieles begünstigt sie eher die großen Datenfresser wie Google oder Facebook, denn nur die haben das Geld und die Power, die Richtlinien umzusetzen – oder eher sie ungestraft zu ignorieren.

Datenschutz bremst Barrierefreiheit und Benutzbarkeit aus

Ruft man heute eine Website auf, muss man häufig mindestens zwei Mal klicken, um überhaupt irgendwelchen Inhalt zu bekommen. Bei der Google-Suchmaschine sind es eher vier Mal.
Die Wenigsten werden den juristischen Prosa-Roman aka Datenschutzerklärung lesen, der ihnen da vorgesetzt wird. Das liegt unter anderem daran, dass er völlig unverständlich und die Angaben nicht überprüfbar sind. Das ist wohl die Transparenz, die uns die DSGVO versprochen hat.
Die Themen Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit bleiben auf der Strecke: Viele der Cookie-Messages sind per Tastatur oder assistiver Technologie nicht zugänglich. Und was passiert mit den Menschen, die keine Ahnung haben, was dieser Cookie sein soll und die auch nach den seitenlangen Erklärungen nicht schlauer sondern eher besorgter sind?
Und warum müssen die Datenschutz-Erklärungen nicht in einer allgemein-verständlichen Sprache verfasst sein? Werden sie nicht mit Absicht mit juristischem und technischem Kauderwelsch gepropft, damit die Betroffenen ihre Rechte eben nicht verstehen oder gar einfordern?

Datenschutz gefährdet die Digitalisierung

Der Erfolg von Zoom hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Lösung gerade aus der Perspektive der Nutzer sehr einfach und relativ intuitiv ist. Das kann man von den meisten anderen Lösungen nicht behaupten. Adobe Connect oder GoToMeeting etwa verlangen kategorisch das Installieren eines zusätzlichen Clients. Was der tut, bleibt deren Geheimnis. Wer keine Installationsrechte hat, der hat Pech gehabt. Dass diese Clients nicht barrierefrei sind, ist dann auch nur ein Neben-Aspekt.
Der Primat des Datenschutzes verhindert, dass sich digitale Lösungen etablieren. Viele der Lösungen, die den Datenschutz angeblich erfüllen können von der Benutzerfreundlichkeit oder Barrierefreiheit nicht überzeugen. Deswegen wird sie kaum jemand nutzen, wenn er nicht muss.
Natürlich kann ich die Anliegen der Datenschützer verstehen. Aber wie so oft im Leben kommt es darauf an, ein Gleichgewicht unterschiedlicher Anforderungen zu finden. Was sonst passiert, liegt auf der Hand, die Nutzer stimmen mit den Füßen ab: Entweder nutzen sie trotz Bedenken die für sie einfachste Lösung oder eben gar keine.

Digitalisierung als Chance für behinderte Menschen

Mookup zur DigitalisierungSehende müssen Papier lieben: Sie bedrucken Berge davon, schicken es hin- und her, scannen es ein, drucken es wieder aus, heften es ab, um es nie wieder anzuschauen.
Gerade Behörden haben ein Faible dafür, Papier zu verschicken, auch wenn es nicht um rechtssichere Infos geht und die Mail-Adresse eindeutig bekannt ist. Die sonst so knausrigen Behörden scheinen mit Vorliebe Geld für Porto und Druckertinte auszugeben.
Daran zeigt sich, wie weit weg wir von einer Digitalisierung sind. Vor nur 20 Jahren wäre es kaum denkbar gewesen, dass ein Großteil der Personen ihre Arbeit von zuhause macht: Es fehlte an Technik und Internetzugang. Doch wir könnten auch wesentlich weiter sein, wie Länder wie Estland zeigen. In diesem Beitrag soll es aber um die Chancen der Digitalisierung für behinderte Menschen gehen.

Was geht digital?

Natürlich waren wir alle nicht auf eine globale Pandemie vorbereitet. Andererseits waren wir spätestens seit Fridays for future angehalten, uns ökologischere Lösungen zu suchen. Der Reisezirkus der EU zwischen Straßburg und Brüssel ist so ein peinliches Beispiel. Doch müssen wir gar nicht so weit schauen, einen ähnlichen Unsinn finden wir zwischen alter und neuer Hauptstadt in Deutschland. Zehntausende von Menschen fliegen für kurze Termine zwischen A und B hin und her.
Aber selbst diejenigen, die etwas davon verstehen tun sich mit der Digitalisierung schwer. Die Republica zum Beispiel, sie nennt sich gerne auch große Internet- oder Digital-Konferenz. Aber sie tun sich schwer darin, eine Online-Konferenz auf die Beine zu stellen, obwohl dafür der logistische Aufwand wesentlich geringer ist als für eine Präsenzkonferenz. Gewiss ist das technisch eine große Herausforderung. Aber es ist immer noch wesentlich weniger Aufwand als eine Präsenzveranstaltung mit mehreren tausend Personen.
Kleinere Veranstaltungen wie die Beyond Tellerrand ließen sich, behaupte ich einmal kühn, problemlos digitalisieren. Natürlich müssen die Konzepte angepasst werden. Vorträge vor einem Bildschirm zu halten ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Aber es ist auch kein Hexenwerk. Der O’Reily-Verlag zum Beispiel verkündete jüngst, er wolle nur noch Online-Meetings abhalten.
Nebenbei ließe sich damit ein großes Problem lösen: Viele Veranstaltungen finden in der Pampa statt, sprich, man muss ein- bis zwei Mal vom nächsten großen Bahnhof umsteigen. Das ist für behinderte Menschen eine Herausforderung und für Gesunde zumindest ein Ärgernis. Aber die Großstadt ist deutlich teurer, was Unterkünfte und Veranstaltungsräume angeht. Das heißt, gerade Low-Budget-Veranstaltungen können nicht zentral stattfinden, wenn sie keinen großzügigen Sponsoren finden.

Mentale Barrieren abbauen

Der Widerstand gegen die digitale Kommunikation ist enorm. Dabei habe ich digitale Meetings häufig als produktiver als Face 2 Face empfunden: Die Agenda wird strenger befolgt, es gibt weniger abrupte Themenwechsel, weniger Alphamännchen-Gehabe, die Sitzungen sind zumeist kürzer und disziplinierter. Klar gibts technische Probleme und der 3-jährige plärrt mal dazwischen. Aber bei Präsenz-Meetings läuft ja immer alles glatt, der Beamer funktioniert auf Anhieb mit dem Notebook, alle sind immer pünktlich da und es finden auch nie laute Bauarbeiten statt…
Natürlich weiß ich um den Wert persönlicher Begegnungen. Ja, der persönliche Kontakt, war, ist und wird immer wichtig bleiben. XING, Facebook und Co. werden diesen Kontakt nicht überflüssig machen.
Aber, und das ist ein großes Aber: Der persönliche Kontakt ist nicht alles. Er muss gegen die persönlichen, ökonomischen und ökologischen Kosten aufgewogen werden. Kaum jemand hat seine Lebensfreude an einem Bahnhof, in einem Flughafen oder einem Hotelzimmer gefunden. Sechs- oder siebenstellige Reise-Budgets bessern die Bilanz sicher nicht auf. Nebenbei wundere ich mich, dass die ansonsten so knausrigen öffentlichen Kassen diesen Reisezirkus finanzieren. Und natürlich die Umwelt, auch sie nimmt Schaden durch immer mehr Flugreisen, Bahnstrecken, Straßen und dem Verkehr, der auf ihnen stattfindet. Eine Organisation kann sich nicht ernsthaft umweltbewusst nennen, wenn sie diesen Unsinn zulässt. Atmosfair ist, als würde man jemandem ins Gesicht schlagen und ihm hinterher einen Eisbeutel gegen die Schwellung reichen.
Ich behaupte, dass der Widerstand gegen digitale Lösungen vor allem mental bedingt ist und dass ein Großteil der heutigen Präsenz-Termine sich digital abwickeln ließe.
Nehmen wir ein plastisches Beispiel: Die Gamer haben diese digitale Revolution schon vorweggenommen. Seitdem es die digitale Vernetzung gibt, kommunizieren sie global. Wer halbwegs Englisch kann – oder es lernen will – spielt eines dieser Online-Games. Kurioserweise haben diese Leute wohl die wenigsten Probleme damit, #stayathome zu befolgen, sie wüssten wahrscheinlich gar nicht, dass es dabei ein Problem geben könnte. Darüber entstehen Freundschaften, obwohl sich die Betreffenden wahrscheinlich nie persönlich treffen werden.

Was hat das mit Barrierefreiheit zu tun?

Natürlich eine ganze Menge. Live-Streamings sind ganz nett, um von zuhause aus was mitzubekommen. Aber zuschauen und dabei sein sind zwei Paar Schuhe.
Sprechen wir einmal über nicht-digitale Barrieren: Geld ist eine davon, Entfernung, Fahrzeit und Übernachtung an fremden Orten ist ebenfalls eine Barriere. Viele behinderte Menschen können Präsenz-Veranstaltungen deshalb nicht besuchen.
Ein spannendes Thema sind auch kommunikative Barrieren: Digitalisierung macht es möglich, dass Vortrag an Ort A stattfindet, der gehörlose Teilnehmer an Ort B und der Gebärdensprach-Dolmmetscher an Punkt C ist. Selbiges gilt natürlich für Übersetzungen in Leichte Sprache.

Chancen der Digitalisierung für behinderte Menschen

Viele Menschen mit einer psychischen oder chronischen Erkrankung können keiner geregelten Arbeit nachgehen. Sie haben Schübe, in denen sie nicht arbeiten können und niemand kann sagen, wann so ein Schub kommt. Mit regulären Arbeitszeitmodellen ist das aber nicht vereinbar.
Für sie wäre Heimarbeit eine Chance, doch einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Sie könnten zum Beispiel ein bestimmtes Arbeitspensum vereinbaren, welches sie abarbeiten, wenn sie sich gut fühlen.
Auch für andere behinderte Menschen ist Heimarbeit eine Chance. Für Blinde zum Beispiel ist Pendeln mit den Öffis eine Herausforderung, ebenso wie für andere mobilitäts-eingeschränkte Personen.
Und vergessen wir nicht die Gruppe, die bei COVID19 im Vordergrund steht, die Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, für die ein kleiner Infekt lange Krankheit oder Tod bedeuten kann. Ich bezweifle, dass sie sich in voll besetzten Intercitys oder Flugzeugen schon vor der Corona-Krise besonders wohl gefühlt haben.
Auch ein Studium oder eine Berufsausbildung könnten auf diesem Wege absolviert werden. Leider fehlt es dem Staat bisher an der nötigen Flexibilität, es ist dieser Kult um physische Präsenz, der Innovationen ausbremst.
Oder bleiben wir bei meinem Lieblingsthema: Papier. Zwar kann man mittlerweile einen schnellen Scan mit dem Smartphone machen. Dennoch weiß man als Blinder nie, was man da eigentlich unterschreibt. Das Ganze digital abzuwickeln würde uns viel von dieser Sorge nehmen. Und es gibt noch unzählige weitere Beispiele.
Voraussetzung ist natürlich immer, dass die Bedingungen zuhause passen. Die Technik muss ausreichend sein, das Internet schnell genug, es muss ein geeigneter Raum zur Verfügung stehen.
Ebenso muss natürlich die verwendete Technik barrierefrei sein, wenn die Person darauf angewiesen ist. Viele der Konferenz-Lösungen sowie der Tools zum Zugriff auf die Firmen-Infrastruktur sind das leider nicht.

Corona ist eine Chance

Ich bin ja kein Fan von Kalendersprüchen a la „Krise als Chance“. Das wäre bei der Corona-Krise und ihrer dramatischen Folgen für die Betroffenen auch nicht angemessen.
Dennoch bleibt zu hoffen, dass die Krise der Digitalisierung einen Schub gibt. Denn bisher bleibt Deutschland weit hinter anderen Ländern zurück und bremst damit auch die Barrierefreiheit aus.

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Barrierefreiheit – wir brauchen weniger Experten und mehr Basis-Wissen

Stilisierter Sherlock Holmes mit LupeEs ist kein Geheimnis, dass die Barrierefreiheit in vielen Fällen seit Jahren keine Fortschritte und noch öfter Rückschritte macht. Während sich die wenigen Experten in Fachdiskursen fingerhakeln, bleibt die Barrierefreiheit auf der Strecke.

Jeder muss, keiner weiß wie

Im Grunde wird jeden Tag gegen die Barrierefreiheits-Richtlinien verstoßen. Jedes Mal, wenn ein nicht-barrierefreies PDF online gestellt wird, sterben mindestens drei Einhörner. Schuld daran sind nicht nur die Ersteller, denn sie wissen es oft nicht besser. Schuld sind Adobe und Co. die das Thema seit Jahrzehnten nicht auf die Reihe bekommen. Aus Blei Gold herzustellen ist einfacher als aus einer Broschüre ein barrierefreies PDF herzustellen. Bei barrierefreien PDFs muss man sich die Anführungszeichen bei „barrierefrei“ immer dazu denken, denn 99 Prozent der so betitelten Dokumente weisen trotzdem sie von angeblichen Experten hergestellt wurden kleine bis größere Fehler auf.
Da es das Recht auf barrierefreie Dokumente gibt, müsste im Grunde jeder Verwaltungsmitarbeiter wissen, wie er Dokumente barrierefrei macht, sofern er interne oder externe Kommunikationsaufgaben übernimmt. Defacto weiß aber keiner, wie es geht. Die logische Konsequenz wäre, es in die Verwaltungsausbildung bzw. die entsprechenden Studiengänge mit aufzunehmen. Meines Wissens ist das bisher nicht der Fall. Bei mir rufen nicht selten Personen an, die Hunderte von Leuten schulen wollen, vorzugsweise in Buxtehude tätig sind und das natürlich möglichst umsonst haben wollen.
Das gleiche Trauerspiel finden wir bei den Web-Entwicklern, die man besser als Kästen-Hin-und-Herschieber bezeichnen sollte. Wenn sie HTML und CSS ihrem Sinn gemäß einsetzen würden, wäre 80 Prozent der Arbeit schon gemacht. Aber entweder können oder wollen sie das nicht, beides ist ein Armutszeugnis für diesen Berufsstand.

Wir kümmern uns um die Symptome, nicht um die Ursachen

Zynisch gesagt haben wir kein großes Interesse, die Situation zu verbessern. Wir verdienen prächtig an dieser Situation, nämlich daran, dass das Fachwissen bei den Auftraggebern und den Web-Agenturen fehlt. Je mehr die Leute rummurksen, je später sie uns dazu holen, desto mehr Stunden können wir anschließend abrechnen. Etwas Kaputtes zu reparieren kostet halt mehr als es von Anfang an richtig zu machen.
Daneben gibt es die Testverfahren, Zertifizierungen, schlecht konzipierte Kurse und weitere Angebote, mit denen die Experten ordentlich Geld verdienen, die der Barrierefreiheit aber nicht immer zugute kommen.

Halbwissen ist manchmal schlimmer als keines

Es gibt unzählige „Experten“, die Unsinn verzapfen: Der eine setzt CAPTCHAs auf seiner eigenen Webseite ein. Der Andere glaubt ernsthaft, ReadSpeaker wäre eine assistive Technologie.
Da lobe ich mir die Leute, die gar keine Ahnung haben und recherchieren. Leider scheint es in der Szene nach wie vor nicht üblich zu sein, sich mit Betroffenen auszutauschen oder über den Tellerrand der geschriebenen Richtlinien hinaus zu schauen.

Mehr Basis-Wissen, weniger Experten

Die Lösung ist denkbar einfach: Wir brauchen weniger Experten-Wissen und mehr Basis-Wissen bei allen Verantwortlichen. Es rächt sich jetzt, dass Barrierefreiheit jenseits spezieller Zirkel nicht stattfindet. Wir haben Fach-Konferenzen zur Barrierefreiheit, aber auf Normalo-Konferenzen ist es ein Nischen-Thema und wird auch so wahrgenommen, wenn es überhaupt vorkommt. In den einschlägigen Studien- und Ausbildungsgängen kommt es wenn überhaupt als Rand-Thema vor.
Es gibt kein einziges deutsch-sprachiges Programm, um Personen umfassend zur digitaler Barrierefreiheit zu qualifizieren. Die HDM Stuttgart und die Hildesheim decken nur Teilgebiete ab, die entweder zu speziell oder zu allgemein sind.
Es sind also keine substantiellen Fortschritte zu erwarten. Und das leider auch, wenn die Regierung noch strengere Gesetze erlassen würde, das hat sie aber ohnehin nicht vor.

Welche Tools zur Online-Kommunikation und Online-Zusammenarbeit sind barrierefrei?

Man winkt in KameraSchon seit Ewigkeiten wollte ich eine Liste barrierefreier Tools zur Online-Kommunikation zusammenstellen. Der Corona-Virus ist der Anlass, das zu forcieren. Ich möchte diese Liste dynamisch fortführen.
Ich bitte um Verständnis, dass ich hier in erster Linie die Position der Blinden und Tastaturnutzer einnehmen kann. Sollten Sie andere Tools kennen oder mit einem Tool schlechte Erfahrungen bei der Barrierefreiheit gemacht haben, teilen Sie mir das gerne per Mail oder Kommentar mit. Leider fehlen mir auch die Zeit und die Ressourcen, sämtliche Tools persönlich zu testen. Fehlt hier also ein Tool, ist das prinzipiell keine negative Aussage über dessen Barrierefreiheit. Gerne können Sie Ihre eigenen Erfahrungen ergänzen.
Leider lässt sich auch keine plattform-übergreifende Aussage treffen: Weil etwas auf Windows funktioniert, muss es nicht auf dem Mac funktionieren. Im Allgemeinen sind iPhone-Apps für Blinde zugänglicher als ihre Pendants auf Android, aber auch das gilt nicht immer. Native Apps sind in der Regel barrierefreier als Browser-Apps, aber auch nicht immer.
Allgemein werden die Tools hier aus der Perspektive der Nutzer betrachtet. Für Moderatoren stellen sich andere, komplexere Anforderungen, die hier aber nicht betrachtet werden. Generell würde ich jedem, der Einschränkungen bei der Computer-Nutzung hat davon abraten, die Technik bei einem Event selbst bedienen zu wollen.
Tipp: Wenn Ihr Tool hier nicht genannt wird, prüfen Sie in der Suchmaschine Ihres Vertrauens, ob der Anbieter sich zu dessen Barrierefreiheit auf Deutsch oder Englisch äußert. Ist das nicht der Fall, hat der Anbieter sehr wahrscheinlich das Thema gar nicht auf dem Schirm und Sie sollten einen Griff dran schrauben um es in die nächste Ecke werfen zu können.
An dieser Stelle gehe ich nur auf Tools ein. Tipps zu einer barrierefreien Online-Kommunikation finden Sie hier. Auch einen Leitfaden zu barrierefreien Online-Veranstaltungen habe ich veröffentlicht.

Skype

Skype ist der Klassiker der Team-Kommunikation. Das Tool ist unter Windows uneingeschränkt per Tastatur und als blinde Person nutzbar.
Leider ist die Sprachqualität eher mittelmäßig. Außerdem kommt es gerne zu Verzögerungen bei der Bild-Übertragung, wodurch Sprache und Bild nicht immer synchron sind.

Microsoft Teams

Microsoft Teams soll Skype for Business ersetzen und hat ähnliche Funktionen wie Skype. Es ist in der Business-Version von Microsoft Office 365 integriert.
Selbst habe ich Teams noch nicht verwendet, es soll aber recht gut mit Screenreader verwendbar sein. Außerdem können sich bei Audio-Calls auch Personen per Telefon dazu schalten, die selbst kein Teams haben.

iMessage und Facetime

iMessage und FaceTime Audio bzw. Facetime Video sind ebenfalls gut nutzbar, allerdings nur auf Apple-Geräten verfügbar. Arbeitet die gesamte Gruppe mit Apple-Geräten, sollte das kein Problem sein.

WhatsApp

WhatsApp ist auf Android und iOS generell gut nutzbar. Das gilt auch für Audio- und Video-Calls. Hier können außerdem Sprach- und Video-Nachrichten ausgetauscht werden, das erleichtert eine asynchrone Kommunikation. Außerdem sind Gruppen-Anrufe möglich, sofern die Anzurufenden in Ihren Kontakten stehen.

Telegram

Telegram ist sowohl auf iOS als auch auf Android barrierefrei nutzbar. Leider gibt es in der aktuellen Version keine Gruppen-Anrufe. Allerdings kann Telegram auch anonym, also ohne Sammeln von Telefonnummern verwendet werden. Sie können einen Kanal anlegen, über den Sie Informationen verbreiten können, Interessenten müssen lediglich den Kanal abonnieren.
Auch Telegram erlaubt das Versenden von Sprach- und Video-Beiträgen.

Facebook-Messenger

Der Facebook-Messenger ist mäßig barrierefrei. Vor allem ist er auch auf aktuellen Geräten relativ träge. Zudem ist zu beachten, dass bei Facebook immer wieder einmal schwerwiegende Probleme auftreten, welche die Barrierefreiheit einschränken.
Auch Facebook erlaubt das Chatten in Gruppen, sowie das Versenden von Audio- und Video-Nachrichten.

Slack

Slack habe ich bisher nicht selbst verwendet, es soll aber barrierefrei sein. Slack ist hauptsächlich ein text-basiertes Kommunikations-Medium.

Google Messages

Google Messages ist sozusagen das Android-Gegenstück zu iMessages und Facetime auf iOS. Es können Text-Chats, Anrufe und Video-Calls durchgeführt werden, auch Gruppen-Calls sind möglich.
Das ist natürlich nur sinnvoll, wenn alle Teilnehmenden Android-Geräte haben.

BigBlueButton

BigBlueButton ist eine Open Source-Lösung. Die Software sieht auf dem Desktop sehr barrierefrei aus.

Zoom<

Zoom ist sowohl auf dem Desktop als auch in den nativen Apps auf dem Smartphone gut bedienbar und daher uneingeschränkt empfehlenswert.

Twitch und TeamSpeak

Twitch und TeamSpeak sind mir ebenfalls empfohlen worden, von TeamSpeak weiß ich, dass es viel von Blinden verwendet wird.

Barrierefreiheit von Adobe Connect

Adobe Connect ist leider absolut nicht barrierefrei auf dem Desktop. Sowohl die Bedienbarkeit für Blinde, die Tastaturbedienbarkeit als auch der Kontrast der Bedien-Oberfläche sind mangelhaft.

Barrierefreiheit von GoToMeeting

GoToMeeting und seine Ableger sind auf einem Windows-Desktop leider nicht barrierefrei, die Fenster lassen sich nicht auslesen, Dialogfelder nicht bedienen, das Programm lässt sich mit Screenreader nicht bedienen. Leider muss ich von GoToMeeting abraten, was die Barrierefreiheit angeht.

Weiterführende Infos

Tipps zu einer barrierefreien Online-Kommunikation finden Sie hier.
Digitalisierung und Behinderung – Chancen und Risiken

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Demografischer Wandel und Barrierefreiheit – wir sind auf die alternde Gesellschaft nicht vorbereitet

Das Wort Vorsorge in stilisierten BuchstabenSeit vielen Jahrzehnten ist klar, dass die Alterung der Bevölkerung voran schreitet. Doch ist weder der Staat noch die Privat-Wirtschaft darauf eingestellt. Dieses Problem wird uns sehr bald auf die Füße fallen, wie ich in diesem Beitrag zeigen möchte.

Die Folgen des Alters

Natürlich ist das Alter an sich kein einheitliches Phänomen, deswegen lässt sich auch nicht exakt angeben, welche Person in welchem Alter von welcher Einschränkung betroffen sein wird. Die Folgen sind von vielen weiteren Faktoren wie Prävention, Gesundheits-Versorgung, Lebensstil, finanzieller Situation und so weiter abhängig.
Doch sind einige Faktoren klar: Ich kenne keine Person, deren Sinnes-Wahrnehmung, Beweglichkeit, Reaktions-Fähigkeit oder kognitive Verarbeitung im Alter besser geworden ist. Mit regelmäßigem Training und Kompensations-Strategien lässt sich viel erreichen. Aber früher oder später kommt ein Punkt, an dem es unweigerlich schwieriger wird.
Fatalerweise könnte dieser Punkt für uns Büro-Menschen, spöttisch homo büronicus genannt, früher kommen als für die Körperarbeiter. Man muss die Akkord-Arbeit in der Fabrik, die Maloche in den Zechen oder die Schufterei auf dem Bau nicht verherrlichen. Doch auch Büroarbeiter sind mit Haltungsschäden durch eine ungesunde Körperhaltung konfrontiert. Das ständige Starren auf nahe Objekte wie Bildschirme und Smartphones und die damit verbundene ungesunde Körperhaltung wird nicht ohne Folge bleiben.

Herausforderungen des Alltags

Treppen sind für Rollstuhlfahrer natürlich unüberwindbar, aber auch für Rollator-Nutzer. Sie sind aber auch für Menschen mit leichten Gang-Unsicherheiten oder Schwindel-Anfällen gefährlich. Für einen älteren Menschen kann ein Sturz lebensgefährlich sein, er kann aber auch durchaus dazu führen, dass die Person durch Knochenbrüche immobil wird. Schon die Angst davor kann verhindern, dass die Betroffenen eine Treppe nehmen. Wer aber keine Treppe nehmen möchte, muss oft große Umwege auf sich nehmen. Wenn man ohnehin ein langsamer Verkehrsteilnehmer ist, kostet das also zusätzlich noch mehr Zeit. Man denke in dem Zusammenhang auch an die vielen geländerlosen Treppen, die es etwa auf Wanderwegen gibt.
In diesem Zusammenhang ist leider auch das Trauerspiel Deutsche Bahn zu sehen, die meisten Konkurrenten scheinen im Nahverkehr auch nicht besser zu sein. Außer beim Fahrradabteil ist es stets notwendig, Treppen zu steigen und einen größeren Abstand zwischen Zug und Gleis zu überwinden. Die Mobilitätshilfe der Deutschen Bahn kann man unter der Kategorie „Gut gemeint“ abheften: Kein Nicht-Behinderter würde sich sagen lassen, er müsse 24 Stunden vorher Bescheid sagen, welchen Zug er nutzen wolle, solle 20 Minuten vorher sich am Reisezentrum einfinden und gefälligst dann fahren, wenn das Personal Dienst hat. Ein weiteres Thema sind die häufig lange Zeit defekten Fahrstühle. An den kleineren Bahnhöfen auch in den Großstädten gibt es häufig gar keine Hilfen oder Aufzüge.
Eine Herausforderung wird das auch für die Gastronomie in den Altstädten: Während die Restaurants selbst oft ebenerdig sind, befinden sich die Toiletten häufig im Kellergeschoss, welches über eine gewundene Treppe erreichbar ist. Und das gilt leider auch für viele andere Freizeit-Einrichtungen.
Auch die Arbeitsplätze befinden sich häufig in Altbauten. Sie barrierefrei umzugestalten ist zumindest schwierig. Ein Treppenlift lässt sich vielleicht noch einbauen. Aber um eine rollstuhl-gerechte Toilette einzubauen, muss häufig der Zuschnitt der Räume geändert werden.
Selbiges gilt leider auch für Arztpraxen. Mit Ausnahme eines meiner Ärzte befinden sich alle in Altbauten mit teils mehreren Treppen. Es muss nicht extra erwähnt werden, dass man im Alter öfter zum Arzt muss.

Es fehlen barrierefreie Wohnungen

Am schwerwiegendsten dürfte das Problem der barrierefreien Wohnungen sein. Schon heute sind barrierefreie Wohnungen für Rollstuhlfahrer kaum zu bekommen. Wie wird es sein, wenn immer mehr Menschen einen Rollator benötigen oder generell Probleme mit Treppen haben werden?
Viele Wohnhäuser haben keine Rampe am Eingang, keinen Aufzug im Haus und sind so geschnitten, dass sie mit Rollator kaum nutzbar sind. Ein Rollator-Nutzer braucht weniger Wenderaum als ein Rollstuhlfahrer, doch auch er wird in einem WC Probleme bekommen, das so groß wie eine Telefonzelle ist.
Zwar sind moderne Wohnhäuser häufig mit Aufzug ausgestattet. Doch hat die öffentliche Hand den Wohnungsbau weitgehend eingestellt und Privat-Investoren scheinen ebenfalls eher am Ausschlachten der mietenblase als am Neubau interessiert. Es ist ein schönes Beispiel für das Total-Versagen des Marktes und des Kapitalismus.

Un-universelles Design

Mit der Ausnahme von Computern und Smartphones hat das universelle Design im Technik-Bereich nicht nur stagniert, sondern Rückschritte gemacht. Immer mehr Geräte sind serienmäßig mit Touchscreens ausgestattet, die für Blinde nicht und für Sehbehinderte schwer zugänglich sind. Ältere Menschen müssen sich vorbeugen, um diese Displays lesen und bedienen zu können. Ich trauere wirklich der Zeit hinterher, als man solche Geräte ohne Hinsehen und volle Aufmerksamkeit bedienen konnte. Apps und Alexa sind leider keiner Lösung, nicht jeder will für eine Ladung Wäsche oder einen Kaffee das Smartphone bemühen oder seine Gewohnheiten Google und Co. frei Haus liefern.
Gefühlt sprechen wir heute mehr denn je über barrierefreies und universelles Design. Gefühlt ist aber außerhalb des digitalen Bereiches – und auch hier wird mehr geredet als getan – wenig passiert. Das ist auch daran erkennbar, dass Barrierefreiheit auf Mainstream-Veranstaltungen wenn überhaupt ein Nischenthema ist, öfter aber gar nicht vorkommt.
Das Problem, vor allem die Knappheit an barrierefreiem Wohnraum, Verkehrsmitteln, Arztpraxen und Arbeitsplätzen ist fast ähnlich groß wie die Frage des Klimawandels. Und ähnlich ungelöst.

Das Versagen unserer Regierungen

Es bleibt ein Rätsel, warum sämtliche Bundesregierungen und die EU mit dem European Accessibility Act viele praktische Probleme wie das Thema Haushaltsgeräte außer Acht gelassen haben. Man überlege einmal, wo wir heute mit einer ernst zu nehmenden Version des Americans with Disabilities Act wären.
Nach wie vor lobbieren große Teile der Wirtschaft gegen härtere Gesetze zur Barrierefreiheit und verbauen sich damit selber die Zukunft. Leider gehören auch sämtliche Bundesregierungen der Letzten Jahrzehnte zu den Bremsern der Barrierefreiheit in der EU.

Warum Barrierefreiheit für Nonprofits wichtig ist

Ich vergleiche Barrierefreiheit gerne mit dem Umweltschutz – beide sind ähnlich wichtige Themen, auch wenn der Umwelt- und besonders der Klimaschutz heute viel mehr diskutiert werden. Die kleinste NGO leistet sich einen Nachhaltigkeitsbericht, einen Barrierefreiheits-Bericht habe ich noch nicht gesichtet.
In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum Barrierefreiheit für Nonprofit-Organisationen wichtig ist. Das ist ein Beitrag zur NPO-Blogparade Digital Development Goals<7/a> von So geht digital. Nebenbei ein großes Lob, dass sie das Thema Barrierefreiheit so prominent und gleich mehrfach im verlinkten Beitrag erwähnen, das ist leider selten.

Barrierefreiheit ist heute ein Muss und kein Kann

Öfter werde ich gefragt, warum die Stimmung bezüglich Barrierefreiheit gekippt ist: Vor 10-15 Jahren haben wir noch freundlich darauf hingewiesen, dass etwas nicht barrierefrei ist, heute fordern wir das ein. Das liegt daran, dass die Wünsche sich verändert haben. Wir erwarten, dass eine Website barrierefrei ist, ansonsten ist in unseren Augen der Service nicht erfüllt. Ist eine Website nicht barrierefrei, heißt das so viel wie „Du bist uns als Kunde nicht wichtig“.
Gerade bei Nonprofits, die Hilfen für Menschen in sozial schwierigen Situationen anbieten, erwarten wir Barrierefreiheit. Denn es gibt große Schnittmengen zwischen solchen Menschen und behinderten Menschen.
Am meisten wundert es mich, wenn ein Spendenprozess nicht barrierefrei gestaltet wurde. Ich werde dann natürlich nicht für diese, sondern für eine andere Organisation spenden.
Neben der Website sind weitere Kommunikationskanäle wichtig: Instagram, Facebook und Twitter bieten heute gute Möglichkeiten, Inhalte für viele Menschen zugänglich zu machen: Es können etwa Untertitel für Videos oder Bildbeschreibungen eingefügt werden.
Und auch intern kann viel gemacht werden: Das richtige Redaktionssystem – es heißt nicht TYPO3 – erleichtert die Bereitstellung barrierefreier Webseiten und Inhalte. Digitale Tools zur Zusammenarbeit können so ausgewählt werden, dass sie auch behinderten Menschen zugänglich sind, so dass sie problemlos in einem Team mitarbeiten können.

Barrierefreiheit ist eine strategische Säule

Barrierefreiheit ist Teil einer nachhaltigen Unternehmensführung. Das gilt natürlich für das Thema Inklusion, welches jede Organisation heute auf dem Schirm haben sollte.
Es gilt aber auch für andere Bereiche: Unternehmerische Verantwortung, Diversity, die ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze. In allen diesen Bereichen spielt Barrierefreiheit eine wichtige Rolle. Selbst in der Nachhaltigkeit ist Barrierefreiheit wichtig: Ist ein Schreibtisch zum Beispiel von vorneherein anpassbar, muss er für einen körperbehinderten Menschen nicht neu angeschafft werden.

Wird Barrierefreiheit Pflicht?

Nonprofit-Organisationen sind fast immer Vereine oder Stiftungen. Sie werden von den aktuellen Gesetzen zur Barrierefreiheit nicht erfasst. Doch führen mehrere Wege nach Rom und es kann durchaus sein, dass sich NGOs bald um das Thema kümmern müssen.
Das gilt zumindest, wenn sie öffentliche Fördermittel erhalten. Der Staat ist durch das Behinderten-Gleichstellungsgesetz und die Behinderten-Rechts-Konvention dazu angehalten, Inklusion und Barrierefreiheit nicht nur im eigenen Bereich umzusetzen. Auch Fördermittel werden immer stärker daran gekoppelt, dass Aspekte der Inklusion und Barrierefreiheit im jeweiligen Projekt umgesetzt werden. Eine NGO, die in diesem Bereich schon Erfahrungen gesammelt hat, wird die Barrierefreiheit auch in geförderten Projekten leichter umsetzen können. Umgekehrt steigen die Chancen auf eine Förderung, wenn das Projekt von vorneherein barrierefrei ausgelegt wird.

Fazit

Barrierefreiheit wird im digitalen und analogen Bereich eine zunehmend wichtigere Anforderung an NGOs. Hier wirkt es sich positiv aus, dass es keine Geheim-Wissenschaft ist und man in vielen Bereichen keine Experten mehr braucht. Ein kleines Webprojekt lässt sich zum Beispiel ohne große Mühen mit WordPress umsetzen. Joomla, Contao und Drupal sind für größere Webseiten gut geeignet. Es gibt kostenlose Leitfäden und Checklisten für barrierefreie Veranstaltungen und auch einige Fördermöglichkeiten.
Wie die Nachhaltigkeit auch ist die Barrierefreiheit ein allmählicher Prozess. Es geht erst mal darum, überhaupt anzufangen und sich nach und nach zu steigern.
Inclusive Design: Bring Web Accessibility to Your Nonprofit“>Inclusive Design: Bring Web Accessibility to Your Nonprofit

Barrierefreie Webseiten sind gutes Handwerk

Anlässlich des Global Accessibility Awareness Day am 17. Mai hatte ich verschiedene Tweets zum Thema barrierefreie Webgestaltung abgesetzt. Unter anderem schrieb ich sinngemäß: „Barrierefreie Webseiten sind keine Extra-Leistung, sondern gutes Handwerk. Hohe Preisaufschläge sind also nicht gerechtfertigt“. Für diese Aussage habe ich ein paar kritische Nachrichten bekommen. Deshalb möchte ich das kurz erklären.

Ein Button ist ein Button ist ein Button

Wenn etwas so aussieht wie ein Button und wenn es sich verhält wie ein Button, dann sollte es auch in HTML ein Button sein.
Kurz zur Erklärung: Man kann design-technisch etwas erstellen, was wie ein Button aussieht und so funktioniert, aber im Code einfach nur JavaScript ist, der hinter eine Grafik gelegt wurde, die wie ein Button aussieht. Warum macht man so was? Weil man entweder faul, doof oder beides ist. Der Aufwand, einen echten Button in HTML zu basteln ist exakt 0 Prozent höher als eine Grafik mit JavaScript zu unterlegen. Doof, weil man offensichtlich keine Ahnung hat, wie man vernünftigen Code schreibt und wahrscheinlich irgendeine Anwendung verwendet, mit der man sich die Elemente zusammenklickt. Ich als absoluter Laie wäre dazu in der Lage, so etwas in HTML anzulegen. Wer sich Webentwickler nennt, sollte das hinbekommen, das ist sozusagen das kleine Ein-Mal-Eins des Webdesigns.
Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Bereiche. Wer HTML und CSS ihrem Zweck gemäß einsetzt, hat bereits einen Großteil der Anforderungen von Barrierefreiheit erfüllt. Aber das ist nun wirklich kein Kunststück. Wer aber seine Website heute noch mit div id=“navigation“ verschandelt, hat keine Ahnung von seinem Handwerk.
Nun kann man argumentieren, dass der Spaghetti-Code niemanden interessiert, schließlich soll es gut aussehen und funktionieren. Aber nein, es bringt massive Nachteile mit sich. Ein Programm kann hingehen und den Container „Content“ in eine lesefreundliche Variante umwandeln. Google kann den Content sauber von der Navigation oder der Fußzeile unterscheiden. Wer also nicht sauber codet, verschlechtert neben der Barrierefreiheit unter anderem seine Position bei Google.
Und natürlich der Screen Reader: Er kann erkennen, dass etwas ein Button ist und der Blinde kann gezielt alle Buttons einer Website anspringen. „Anklickbar, anklickbar, anklickbar“ hingegen ist für Blinde nicht hilfreich.
Umso schlimmer ist es, dass wir uns immer noch über solche Themen unterhalten müssen, dass wir immer noch auf nicht-gelabelte Formularelemente und ähnliche Dinge stoßen.

Barrierefreie Lösungen finden

Was ist aber mit komplexen dynamischen Anwendungen wie Kalender-Widgets oder Lightboxen.
Tatsächlich gibt es für die meisten komplexen Anwendungsfälle frei verfügbare Patterns oder Lösungen, die sich übernehmen oder zumindest nachbauen lassen. Es wäre heute also kein Problem mehr, dem Kunden barrierefreie Webseiten sozusagen unterzuschieben, ob er sie will oder nicht.
Eine barrierefreie Lösung zu recherchieren und einzubauen kostet eben so viel Zeit wie eine nicht-barrierefreie Lösung einzubauen.

Wann Kostenaufschläge gerechtfertigt sind

Natürlich gibt es noch weitere Anforderungen der Barrierefreiheit, die durchaus komplexer sind. Das Anpassen der Patterns an die eigenen Erfordernisse etwa erfordert zusätzlichen Aufwand, wenn sich der Entwickler einarbeiten muss. Doch müssen Patterns immer angepasst werden, etwa aus Design-Gründen.
Eine Ausnahme gilt auch dann, wenn externe Barrierefreiheits-Experten eingeschaltet werden. Die wollen natürlich separat bezahlt werden.
Eine weitere Ausnahme gilt dann, wenn spezifische Tests mit behinderten Menschen zusätzlich durchgeführt werden. Diese Tests sind aufwendig und teuer. Eventuell wird auch ein Honorar oder eine Aufwandsentschädigung an die Testpersonen gezahlt.
Zudem können im Rahmen der Barrierefreiheit zusätzliche Absprachen mit dem Auftraggeber notwendig sein. Es muss etwa ein Konsens darüber erreicht werden, welcher Standard erfüllt werden soll und welche zusätzlichen Anforderungen es gibt.
Über besondere Anforderungen wie Leichte Sprache oder Gebärdensprache spreche ich hier nicht. Hier sind die Kostenaufwände natürlich erheblich. Das hat aber mit der Web-Agentur nichts zu tun.
Doch für den ganz normalen Programmier-Alltag sind hohe Kostenaufschläge für Barrierefreiheit selten gerechtfertigt. Viele Diskussionen und Probleme würden sich erübrigen, wenn Web-Entwickler einfach sauberen und bestimmungsgemäßen Code schreiben würden. Analoges gilt für native Apps. Einfach die Guidelines der OS-Anbieter lesen und sich daran halten, das scheint so manchen Entwickler zu überfordern.

Von Behinderten inspirierte Erfindungen und Innovationen

Eine ganze Reihe von Erfindungen oder Entwicklungen wurden durch Behinderte inspiriert oder durch sie vorweggenommen. In diesem Beitrag möchte ich einige davon darstellen.
Man muss hierbei natürlich immer vorsichtig sein: Kaum eine größere Entwicklung erfolgte durch einen einzigen Impuls oder eine Einzelperson. Die meisten Erfindungen wären zu einem anderen Zeitpunkt von einer anderen Person zu einem anderen Anlass auch entstanden. Und teils mag es sich auch um urband legends handeln, von denen nicht mehr nachzuprüfen ist, ob sie tatsächlich passiert sind.

Telefon

Alexander Graham Bell gilt als der Erfinder des Telefons. Sein Weg zu dieser Entwicklung führte über seine schwerhörige Mutter. Offenbar inspirierte sie ihn zu der Idee, Töne in elektrische Impulse zu verwandeln und über distanzen zu übertragen.
Neben Bells zweifellosen Verdiensten in der Wissenschaft hat er nebenbei bemerkt eine nicht ganz rühmliche Rolle für die Verbreitung der Gebärdensprache gespielt. Das ist aber ein anderes Thema.

SMS (Short Message Service)

Für die jungen Leser: SMS ist WhatsApp in teuer. Der Finne Matti Makonen entwickelte in den 90ern SMS unter anderem, damit Gehörlose untereinander und mit Hörenden kommunizieren konnten, wohl nichtsahnend, dass sie fast genau sowichtig werden würde wie das eigentliche Telefonieren.

Internet und E-Mail

Schwerhörige und Gehörlose haben auch für das Internet und E-Mail eine wichtige Rolle gespielt.
Der heute 75-jährige Vinton Cerf war bei der Entwicklung der ersten Internet- und E-Mail-Protokolle aktiv beteiligt. Er selbst ist schwerhörig. Das Internet und E-Mail ermöglichten eine nicht-verbale Kommunikation mit anderen Personen, was ihn sicherlich mitmotiviert hat, am Internet mitzuwirken. Unter anderem wollte er mit seiner gehörlosen Frau via E-Mail kommunizieren können.

Hörbücher

Hörbücher waren für uns Blinde schon vor 20 Jahren ein alter Hut. Heute gehören sie zu einem wichtigen Segment des Buchmarktes.
1931 starteten die American Foundation for the Blind und die Library of Congress das erste Hörbuch-Programm für Blinde. Lustigerweise spricht man nicht von audiobook, sondern von talking book.
Heute gibt es ca. 60.000 deutschsprachige Hörbücher speziell für Blinde, über 100.000 kommerzielle deutsche Hörbücher und wer weiß wie viele englische Hörbücher.

Schreibmaschine

Die Schreibmaschine prägt unseren Alltag bis heute. Das PC-Keyboard auf dem Schreibtisch und die Tastatur auf dem Smartpohne – beide sind von der Schreibmaschine inspiriert, was die Anordnung der Buchstaben angeht. Und wie solls anders sein, hinter ihrer Erfindung steht eine Liebesaffäre.
1808 entwickelte der Italiener Pellegrino Turri die erste funktionsfähige Schreibmaschine. Seine Geliebte, die erblindete Gräfin Carolina Fantoni da Fivizzono sollte ihm selbständig Liebesbriefe schreiben können. Einer dieser Briefe ist bis heute erhalten geblieben, was man wohl nicht von all zu vielen Liebesbriefen sagen kann.

Videotext

Auch nicht totzukriegen ist der Videotext. Der Videotext oder Teletext wurde 1974 von Mitarbeitern der BBC entwickelt. Sie suchten nach einer Möglichkeit, zu- und abschaltbare Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige auf dem Fernseher anzuzeigen. Schnell kam heraus, dass nicht nur Untertitel, sondern ganze Seiten mit Text übermittelt werden konnten.

Sprachausgaben

Sprachausgaben sind dank Alexa, Siri und telefonischen Dialogsystemen aus dem Alltag kaum wegzudenken. Blinde Menschen arbeiten aber schon seit Jahrzehnten mit ihnen.
1986 entwickelte der Amerikaner Jim Thatcher für seinen blinden Freund Dr. Jesse Wright ein System, das den Computer für ihn zugänglich machen sollte, den IBM Screenreader. Bis heute sind Screenreader die Software, die von Blinden bei der Techniknutzung verwendet werden. Sie geben Inhalte als Sprache oder Blindenschrift aus.
Viele Leute beschweren sich über den synthetischen Klang der gängigen Programme. Wer sich aber genauer damit beschäftigt, wird feststellen, dass die synthetischen Stimmen den natürlich klingenden Stimmen teils überlegen sind. Der für Sehende interessante Faktor ist die Prosodie oder Stimm-Melodie, heißt, die Betonung bestimmter Silben, wodurch ein Satz natürlich klingt. Wer sich die typischen Bahnansagen anhört oder einen Text durch ReadSpeaker vorlesen lässt, merkt sofort, was ich meine. Die Wörter werden zusammenhanglos vorgelesen und die Pausen zwischen den Wörtern klingen unnatürlich, dadurch klingt die Aussage schnell unnatürlich.

Spracheingaben

Auch die automatische Spracherkennung ist fast schon ein Alter Hut. Sie wird von vielen Behinderten seit langem eingesetzt, um ihren Computer zu steuern und längere Texte zu diktieren.
Siri und andere Systeme haben diesen Prozess lediglich vereinfacht: Bei den klassischen Systemen wie bei Dragon Natural Speaking müssen Befehlssätze auswendig gelernt und die Systeme trainiert werden. Siri und Co. übertragen die Daten ins Internet und werden meines Wissens nicht auf eine individuelle Stimme hin trainiert. Deshalb haben die meisten virtuellen Assistenten auch Probleme mit Dialekten und werden mit der Zeit für das Individuum auch nicht besser. Und ohne Internet-Verbindung sind sie in der Regel nicht brauchbar, ganz zu schweigen davon, dass sich nicht das gesamte Gerät mit ihnen steuern lässt.

3D-Druck

Selber machen mit 3D-Druck, Phräsen und weiteren Hilfsmitteln gibt es doch erst seit ein paar Jahren außerhalb spezialisierter Produktionsbereiche oder? Keineswegs.
In Blindenschulen spielen Tastmodelle schon seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Sie werden etwa in der Physik, der Chemie oder Biologie eingesetzt. Hier werden zum Beispiel Tastmodelle für atome oder auch Organe verwendet. Natürlich hat der 3D-Druck auch hier vielles vereinfacht und günstiger gemacht. Doch möglich ist es schon seit langem. Nebenbei: Viele engagierte Lehrer der 80er und 90er Jahre haben sich in diesem Bereich sehr engagiert und teils in ihrer Freizeit Hilfsmittel gebastelt, um ihren Schülern einen besseren Unterricht zu ermöglichen.

Texte schneller schreiben

Stephen Hawking verlor durch seine Krankheit AMS nach und nach seine physische Fähigkeiten und vor allem die Fähigkeit zu Sprechen. Walter Woltosz, Geschäftsführer von Words Plus, hatte ein System für seine Stiefmutter entwickelt, welches ihr die Kommunikation ermöglichen sollte. Sie hatte ALS wie Hawking. Dieses System wurde für Hawking angepasst und weiter entwickelt.
Hawking benutzte eine Mischung aus Unterstützter Kommunikation – so würde man es heute nennen – und Sprachsynthesizer. Er konnte Wörter aus einer Liste von Begriffen auswählen, diese zu Sätzen zusammenfassen und sie über seine Sprachausgabe ausgeben lassen.
Eine ähnliche Technologie benutzen heute viele auf dem Smartphone: Die Auto-Ergänzung, die häufig Mist schreibt, aber auch die Wortvorschläge, die das Tippen auf dem Smartphone erheblich beschleunigen.
Hawking und seine Erkrankung haben viele Menschen zu Entwicklungen inspiriert, die natürlich in erster Linie Hawking selbst, dann aber auch Menschen in ähnlichen Situationen helfen sollten.

Der Multi-Touchscreen

Touchscreens gab es schon länger. Das erste Touchscreen, das auch Gesten verstand wurde von Wayne Westerman und John Elias entwickelt. Es richtete sich an Menschen, deren Bewegungsfähigkeit durch Erkrankungen wie dem Mausarm eingeschränkt war. Die Firma der beiden Herren wurde schließlich von Apple gekauft und drei Mal dürft ihr raten, welches Produkt Apple damit ausgestattet hat.

Augen- und berührungsfreie Technologien

Mit Augen- und berührungsfreie Technologien sind Bedienkonzepte gemeint, die ohne Display und ohne haptischen Kontakt auskommen. Input und Output erfolgen zumeist als Sprache. Nützlich sind solche Technologien etwa bei Autos, aber haben durch die Alexa-Lautsprecher eine weite Verbreitung gefunden.
Da Blinde ein Display nicht benutzen können, sind sie darauf angewiesen, dass ihnen Informationen in sprachlicher Form oder als Braille ausgegeben werden. Andere Behinderte können ein Display wegen motorischer Behinderungen nicht bedienen und verwenden deshalb andere Eingabemethoden wie Sprache. Von diesen Gruppen könnten die Interface-Gestalter einiges lernen.

Prothetik und plastische Chirurgie

Zwar hat die plastische und Schönheitschirurgie eine längere Geschichte. Einen echten Aufschwung erfuhr sie aber nach dem Ersten Weltkrieg.
Viele Soldaten und Zivilisten büßten Teile des Körpers ein oder hatten großflächige Verbrennungen erlitten. Die Chirurgie wurde verwendet, um ihnen zu helfen.
Man vergisst gerne, dass der Übergang von Schönheitschirurgie mit ihren teils zweifelhaften Eingriffen zur plastischen Chirurgie oft fließend ist. Die Spina Birifida etwa – der offene Rücken – kann heute teils schon während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt dank der plastischen Chirurgie behandelt werden.

Haus-Automatisierung

Seit 20 Jahren soll sie bald ihren endgültigen Durchbruch feiern: Heizungen, die aus der Ferne gesteuert werden, Rolläden, die mit der Stimme gesteuert werden können, Warnsysteme bei einem vergessenen Topf auf dem Herd. Aus verschiedenen Gründen haben sich diese Systeme bisher nicht auf breiter Fläche durchgesetzt.
Behinderte Menschen verfügen schon seit längerem über solche Systeme. Sie sind vor allem für Querschnittsgelähmte interessant, die vom Hals abwärts gelähmt sind. Sie können außer dem Kopf nichts bewegen und sind ohne solche Systeme praktisch dauerhaft auf Hilfe angewiesen. Viele Systeme wurden und werden komplett über die Stimme und einen Zentralcomputer gesteuert. Im Prinzip erlauben sie das, was die Haus-Automatisierung auch ermöglichen soll und das schon seit den 90er Jahren.
Leider muss man sagen, dass diese Systeme vor allem Menschen zur Verfügung stehen, die das nötige Großgeld haben – und das sind nicht so viele Betroffene. Wer sein Haus automatisieren möchte, findet heute günstigere Lösungen, sie kann jedoch nach wie vor einen fünfstelligen Betrag kosten. Alexa und Co. sind zwar in gewissen Situationen nützlich, doch für eine großflächige Automatisierung benötigt man deutlich mehr und teurere Systeme und Umbaumaßnahmen.

Emojis

Emojis sind aus der Alltagskommunikation kaum noch wegzudenken. Doch spielen Symbole in der Kommunikation schon wesentlich länger eine wichtige Rolle. Es gibt Menschen, die wegen einer Behinderung nicht verbal oder per Gebärdensprache kommunizieren können. Sie setzen Methoden der Unterstützten Kommunikation ein. Ein Zweig dieser Kommunikation beschäftigt sich dabei mit der symbol-basierten Kommunikation. Der Betroffene verwendet einzelne Symbole oder verbindet mehrere Symbole, um mit anderen Personen zu kommunizieren. Die Symbole werden dann häufig als Sprache von einem speziellen Hilfsmittel ausgegeben. Von diesen Symbolen bzw. Symbolsystemen finden wir viele bei den Emojis wieder.

Und es geht weiter

Die Inspirationsquelle ist noch lange nicht versiegt. So gibt es Versuche mit Bewegungs- und Augensteuerung, Gehirn-Computer-Schnittstellen und weiteren Eingabemethoden. Sie werden von behinderten Menschen teils schon Jahre oder Jahrzehnte eingesetzt, können aber auch für Nicht-Behinderte interessant sein. Schon die Gaming-Industrie verlangt immer neue Möglichkeiten der Interaktion mit Computerspielen.

Dar Mode

Der Dark Mode ist für Sehbehinderte und Programmierer ein alter Hut. Die sogenannte Bildschirm-Lupe erlaubt bereits seit Jahrzehnten, die Farben des Bildschirms umzukehren. Nur blöd, dass sich auch die Farben von Grafiken umkehren, so dass nur noch mit Training zu erkennen ist, was darauf abgebildet ist. Abhilfe verschaffen spezielle Einstellungen des ildschirms, die ebenfalls spätestens seit Windows XP möglich sind. Dabei werden nur die Farben des Betriebssystems umgekehrt, die Bilder bleiben verschont.
Auch Programmierer setzen seit langem auf einen dunklen Hintergrund, das ist noch zu erkennen an Kommandozeilen-Tools wie der PowerShell in Windows.

Alternativen zur Audio Deskription

MikrofonIch muss zugeben, so richtig überzeugt hat mich die AudioDeskription (AD) – die Filmbeschreibung für Blinde aus dem Off – bisher nicht. Für mich ist es, als ob jemand einen Witz erzählt und mir im gleichen Atemzug die Pointe erklärt. Durch eine kleine Diskussion auf Facebook bin ich zu diesem Beitrag angeregt worden.
Für mich ist das Fernsehen das Medium der 90er. Seit meiner Mittelstufe habe ich immer weniger ferngesehen, das war bis Mitte der 90er. Damals gab es so gut wie keine Sendungen mit AD, zumal bei den amerikanischen Sendungen, die wir damals bevorzugt geschaut haben. Einen Fernseher besitze ich seit vielen Jahren nicht mehr, die Serien auf Netflix interessieren mich nicht. Die wenigen Sendungen, die mich interessiere, lasse ich über einen Online-Service aufzeichnen und höre sie mir dann übers Handy an. Meine Medien sind das Internet und Hörbücher.
Von dem her bin ich nicht uptodate, was die neueste Fernsehtechnik und Fernseh-Ästhetik angeht. Und Blinden, die von Kindesbeinen an mit der AudioDeskription aufgewachsen sind, mag es leichter fallen, sie zu akzeptieren.

Die AudioDeskription ist ein Fremdkörper

Nach meinem Empfinden ist die AD ein Fremdkörper im Film. Normalerweise werden die stillen Teile des Films durch stimmungsvolle Musik untermalt. Musik wirkt sehr unterbewusst und dennoch suggestiv. Durch die AD wird diese Stimmung ein Stück weit unterbrochen. Kommunikationstheoretisch würde man sagen, die Kommunikation wird durch Meta-Kommunikation unterbrochen. Oder plastischer: Stellt euch vor, euer Partner würde sich bei einem romantischem Zusammensein über die Farbe der Kerze und die Qualität des Kerzenwachses auslassen.
Ein Problem besteht auch darin, dass die AD niemals alle blinden Zuschauer befriedigen kann: Entweder berichtet sie zu viel und ist teilweise überflüssig. Oder sie berichtet zu wenig, so dass man auch ganz ohne sie auskäme. Im Prinzip enthält jede Szene tausende von Informationen, die der Sehende auf einen Blick aufnimmt. Die AD kann naturgemäß nur einen Bruchteil davon vermitteln.
Und meines Erachtens kann sie eine Stimmung nicht so rüberbringen wie der eigentliche Film. Aktuell gilt, dass die AD-Stimme monoton wie ein Nachrichtensprecher sein soll. Das ist durchaus generell sinnvoll, aber eine neutrale Stimme kann nur schlecht Emotionen auslösen. Da wäre es besser, die Musik wirken zu lassen.
Konzeptionell wäre es in jedem Fall geschickter, die AD bereits bei der Erstellung des Filmes mit einzu planen. Die Regisseure, Drehbuchautoren oder wer auch immer sollten die nicht-visuelle Ebene von Anfang an stärker gewichten und die Produktion der AD sollte im Film-Team geschehen, dann würden sich einige Probleme von selbst erledigen.

Die AudioDeskription als Teil des Filmes

Und natürlich geht es auch anders. Eine Möglichkeit ist, dass der Moderator in einer Sendung bzw. die Off-Stimme die Aufgabe der Beschreibung übernimmt. Sie kann natürlich nicht so viele Informationen liefern wie eine ausgewachsene AD. Doch ein guter Texter kann genügend Informationen mitgeben, so dass auch der blinde Zuschauer etwas mehr Futter bekommt.
In Filmen kann diese Aufgabe ein Ich-Erzähler übernehmen. Wir kennen das aus Serien wie Magnum, Scrubs oder Malcolm mittendrin. Dort empfindet niemand die Einwürfe als störend, weil sie einfach Teil des Films sind.

Ein Hybrid aus Hörspiel und Film

Und natürlich kennt jeder den Film, der ohne Bild auskommt – das Hörspiel. Ein gutes Hörspiel – davon gibt es nicht so viele – setzt für jede Message das richtige Medium ein: Stimme, Musik, Geräusche, Stille.
Bei unseren sündhaft teuren Hollywood-Blockbustern werden aber diese Faktoren nur wenig eingesetzt: Es kommen natürlich neben dem Visuellen die Stimmen und die Musik zum Einsatz. Aber Geräusche werden im Vergleich zum Hörspiel sehr sparsam eingesetzt. Wie wäre es also, die Geräuschemacher in Filmen stärker zur Geltung kommen zu lassen? Dadurch könnte man wesentlich mehr Informationen transportieren, ohne dass jemand reinquatschen muss.
Nebenbei hätte das Ganze den Vorteil, dass die AD auch von Sehbehinderten – die auch profitieren würden – stärker akzeptiert würden. Entweder wissen sie gar nicht, dass es sie gibt. Oder sie lehnen sie ab, weil sie sie nervig finden.

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