Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit

Die WebAIM-Studie sind 98 Prozent der Webseiten nicht barrierefrei?

Stilisierter Sherlock Holmes mit Lupe98 Prozent der meist genutzten Webseiten nicht barrierefrei – die Nachricht macht aktuell wieder die Runde auf Twitter und einschlägigen Accessibility-Kanälen. Tolle Sache, vor allem, wenn man nur Überschriften liest. Persönlich finde ich die WebAIM-Studie aus zahlreichen Gründen nicht aussagekräftig. Das möchte ich in diesem Beitrag darlegen.
Kurz zur Erklärung: In Fachkreisen sprechen wir nicht von Barrierefreiheit, sondern von Konformität. Konformität heißt, dass ein bestimmter Standard erfüllt wurde, zum Beispiel WCAG 2.1 auf Stufe AA. Da der Begriff „barrierefrei“ für Webseiten nicht fest definiert ist, ist dieser Behelf stets notwendig.

Das angemessene Maß für Barrierefreiheit

Und hier ist schon der erste Fehler: WebAIM hat seine Prüfung auf der Konformitätsstufe AA durchgeführt. AA ist allerdings der Standard für öffentliche Einrichtungen. Private Organisationen streben in der Regel nicht AA, sondern A an. Auf der Stufe A gibt es zum Beispiel keine Vorgaben für Mindest-Kontraste. Wenn man aber nicht verpflichtet ist, AA zu erfüllen und nur A anstrebt, ist die Bewertung nach AA nicht sinnvoll. Es ist so, als ob ich Amateursportler nach den Maßstäben von Profisportlern bewerten würde.

Methodik

Die eine Millionen Websites wurden mit dem WAVE-Tool von WebAIM automatisiert geprüft. Vielmehr ist zur Methodik auch nicht zu sagen.

Automatisierte Tools sind begrenzt bis gar nicht hilfreich

Was ich derzeit von automatisierten Barrierefreiheits-Tests gesehen habe, hat mich nicht überzeugt. Nun mag der WebAIM Wave noch eines der ausgefeilteren Werkzeuge sein, aber das sagt leider auch nichts aus. Es gibt Dinge, die man automatisch messen kann wie das Vorhandensein bestimmter HTML-Elemente, ARIA-Attribute, Labels, Alternativtexte und einige Kontraste. Doch ist die Liste der Dinge länger, die sie nicht auswerten können. Als Faustregel gilt, dass automatische Werkzeuge bis zu 30 Prozent der Fehler in der Barrierefreiheit aufspüren können.
Dazu gehört die Sinnhaftigkeit von Alternativtexten, der sinnvolle Einsatz von ARIA, die korrekte Auszeichnung von Texten oder Formular-Elementen.
Kurz: Ob Wave Fehler anzeigt oder nicht, ist vollkommen irrelevant. Ein fauler, aber schlauer Entwickler lässt das Tool drüberlaufen, bügelt die Fehler aus und bekommt seine Seite konform, ohne ein Quentchen an der Barrierefreiheit verbessert zu haben.
Wie WebAIM selber anmerkt, werden Webseiten immer komplexer. Ich gehe allerdings davon aus, dass viele Webseiten insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum das Thema Barrierefreiheit auf dem Schirm haben. Das heißt, sie kümmern sich um Alternativtexte oder sinnvolle Link-Beschreibungen. Allerdings ist es für extern eingebundene Inhalte teils nicht möglich, diese Faktoren zu berücksichtigen.
Ein Großteil der Fehler dürfte auf solche eingebundenen Inhalte zurückzuführen sein: Das sind etwa Social-Media-Inhalte oder Werbung. Wenn man nach WebAIM geht, sollte man solche Inhalte wahrscheinlich weglassen, da man sie nicht barrierefrei machen kann. Damit dürfte man die Leute eher von Barrierefreiheit abschrecken.
Schauen wir uns die Fehler einmal genauer an:

  • 86 Prozent mit Fehlern beim Kontrast: Wie oben angemerkt kein AA-Kriterium
  • 66 Prozent Bilder mit fehlenden Alternativtexten: Hier gehts wahrscheinlich um extern eingebundene Inhalte, auf die man keinen großen Einfluss hat, gleiches gilt für Links ohne Text.
  • 53 Prozent mit fehlenden Formular-Beschriftungen: In der Tat ärggerlich, aber das kann man nur im Zusammenhang beurteilen. Geht es etwa um das Suchfeld und ist nur ein Feld vorhanden, ist dieser Fehler nicht so schlimm.
  • 28 Prozent fehlende Dokumentsprache – völlig irrelevant, da die meisten NutzerInnen der Webseiten MuttersprachlerrInnen sein dürften. Das Language-Attribut ist so ziemlich der größte Blödsinn, den sich die Accessibility Expert:Innen überhaupt ausgedacht haben.

Keine Seite ist ohne Fehler

Die eine Millionen am meisten besuchten Webseiten werden wohl jeweils von größeren Teams betreut. Da kann es immer wieder passieren, dass einzelne Redakteure Fehler machen: Sei es die fehlerhafte Einbindung eines Widgets, die falsche Verschachtelung von Überschriften oder das Vergessen des Alternativtextes. Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein auf WebAIM.
Das heißt, schon ein einzelner Fehler eines Redakteurs kann dazu führen, dass die Website durch die WCAG durchfällt. Kann man sinnvoll finden, praxisrelevant ist es nicht.
98 Prozent aller Webseiten weisen also Fehler auf, es dürften eher 100 Prozent sein. Wer schon mal Webseiten evaluiert hat weiß, dass man Fehler findet, wenn man gezielt nach ihnen sucht.
Am Ende geht es aber nicht um technische Perfektion, sondern darum, dass Menschen mit Behinderung die Website nutzen können. Darüber sagt die WebAIM-Studie tatsächlich gar nichts aus.
Niemand behauptet, dass alle Webseiten perfekt barrierefrei seien. Aber die Behauptung, 98 Prozent der Webseiten könnten von behinderten Menschen nicht genutzt werden ist einfach Quatsch. WebAIM sagt das nicht ausdrücklich, suggeriert es aber durch die gesamte Aufmachung der Kommunikation.

Motivieren oder demotivieren

Ein Kunde wollte mich überreden, die Studie in einer der Schulungen zu erwähnen. Ich habe mich geweigert, aus den oben genannten Gründen. Aber auch, weil ich das Signal für fatal halte. Die Studie kann zeigen, dass auch Andere es nicht besser machen als man selbst und dann dazu motivieren, mehr zu tun.
Meines Erachtens hat sie aber einen demotivierenden Effekt. Sagt sie nicht aus, dass die WCAG 2.1 AA im Grunde nicht umsetzbar ist? Und das bei Websites, die teilweise ein sechsstelliges Budget haben dürften? Wenn es Riesen wie Amazon oder die New York Times nicht schaffen, ihre Websites barrierefrei zu machen, wie soll es dann dem lokalen Selbsthilfe-Verein gelingen.

Was soll diese Studie

Im Grunde schätze ich die Kollegen von WebAIM. Umso mehr wundere ich mich darüber, dass sie so eine Studie veröffentlichen. Was ich hier schreibe ist sozusagen das kleine 1 mal 1 der Barrierefreiheit und natürlich auch den Verantwortlichen bekannt.
Ich habe im Grunde nur zwei Erklärungen: Entweder glauben sie tatsächlich so an die Qualität ihres Tools, dass sie die oben genannten Punkte einfach ausblenden. Oder – das vermute ich – die Studie ist ein reiner PR-Gag. Für eine schnelle Meldung ist das schön griffig: „98 Prozent aller Webseiten schließen Behinderte aus“. Kann man wunderbar in eine Schlagzeile packen.
Mit der Realität hat das wenig zu tun. Zumindest die meisten textlastigen Angebote lassen sich gut nutzen, auch wenn sie kleinere Mankos in der Barrierefreiheit haben.
Und ich bin mir auch nicht sicher, ob man der Barrierefreiheit damit einen Dienst erwiesen hat. Es wundert mich schon, dass WebAIM glaubt, diese Art von PR nötig zu haben.

Web Accessibility Specialist – meine Einschätzung zum WAS-Zertifikat der IAAP

Dieser Beitrag dreht sich um die Zertifizierung zum Web Accessibility Specialist der IAAP.
Zu den Abkürzungen: IAAP steht für International Association of Accessibility Professionals. Das ist eine Art internationaler Dachverband für Barrierefreiheits-Experten. Aktuell geht es dort vor allem um Web-Barrierefreiheit. Es gibt außerdem ein allgemeines Barrierefreiheits-Zertifikat namens CPACC, ein Zertifikat zum barrierefreien Bauen sowie ein Zertifikat zum Thema barrierefreie Dokumente in Planung. Hier möchte ich mich nur mit dem Web Accessibility Specialist = WAS-Zertifikat beschäftigen.

Was ist WAS

Wer das WAS-Zertifikat erwerben möchte, sollte über einen soliden Grundstock an Wissen verfügen. Empfohlen werden 3 bis 5 Jahre Erfahrung im Thema Barrierefreiheit im Internet. Es geht sicherlich auch mit weniger Erfahrung, aber dann sollte man viel Zeit fürs Lernen einplanen.
Der Body of Knowledge steht inzwischen auf Deutsch zur Verfügung, man kann sich also problemlos einen Überblick verschaffen. Themen sind u.a. natürlich die WCAG, die ATAG, ARIA und die verschiedenen assoziierten Dokumente. Also die Grundlagen-Dokumente der Web Accessibility Initiative. Wenn man nicht weiß, was WCAG, ATAG oder die Web Accessibility Initiative ist, dann ist man noch nicht reif für das Zertifikat.

Was sollten Interessierte mitbringen

Ob es drei bis fünf Jahre Erfahrung sein müssen, können wir dahin gestellt sein lassen. In jedem Fall ist solides Wissen in Behinderungen, assistiven Technologien, den Richtlinien und weiteren Dokumenten der WAI gefordert.
Gut Englisch lesen zu können ist unabdingbar, mindestens B1. Da es sich um einen Multiple-Choice-Test handelt, muss man aber nicht unbedingt Englisch schreiben können. Da es sich auch um technisches und etwas spezielles Englisch handelt, würde ich empfehlen, sich auf Englisch vorzubereiten, solange man die Prüfung auch nur auf Englisch durchführen kann. Manche Begriffe mögen im Deutschen anders verwendet werden oder eine andere Bedeutung haben. Wer ernsthaft im Gebiet digitale Barrierefreiheit arbeiten möchte, kommt an Englisch ohnehin nicht vorbei. Die meisten Dokumente und interessanten Artikel gibt es nur auf Englisch.
Programmieren muss man nicht können. Es ist von Vorteil, HTML lesen zu können. In jedem Fall sollte man die für Barrierefreiheit relevanten Konzepte von HTML, JavaScript und CSS kennen. Ohne Grundkenntnisse von Web-Entwicklung wird es recht schwierig, das Zertifikat zu erhalten. Man kann alles auswendig lernen, aber spätestens bei den Konzepten von ARIA wird es technisch sehr abstrakt, wenn man das Zusammenspiel aus HTML, Javascript und assistiven Technologien nicht grundsätzlich verstanden hat.
Das IAAP bietet selbst keine Trainingskurse. Man kann aber verschiedene offiziell akzeptierte Kurse belegen. Deutsche Trainings sind geplant. Aber wie gesagt: So lange die Prüfung nicht auf Deutsch abgelegt werden kann, würde ich davon abraten. Multiple Choice ist ziemlich tricky, schon ein falsch interpretiertes Wort kann hier zum Verhängnis werden.

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Das Zertifikat bzw. die möglichen Vorbereitungsprogramme sind meines Erachtens vor allem für hauptberufliche Digitale-Barrierefreiheits-Manager geeignet.
Für Personen, die bereits in der digitalen Barrierefreiheit fest verankert sind, kann durchaus das eine oder Andere neue dabei sein. Doch wahnsinnig viel ist es nicht. Es ist dann also eher ein Test, wie breit das eigene Wissen aufgestellt ist und eine Chance, kleinere Lücken zu schließen.
Meines Erachtens ist das Zertifikat nicht interessant für Designer:Innen, Konzepter:Innen oder Web-Entwickler:Innen. Dafür ist das, was über Web-Entwicklung in den akzeptierten Trainingskursen vermittelt wird zu schwach. Und es ist auch zu viel anderes Zeug dabei, was diese Personen überhaupt nicht interessiert, wenn sie sich nicht tatsächlich auf Barrierefreiheit spezialisieren wollen.
Einsteiger:Innen würde ich ebenfalls davon abraten, mit dem WAS in das Thema Barrierefreiheit reinzugehen. Das Verstehen gerade der abstrakteren WCAG-Richtlinien und Dokumente ist anspruchsvoll.
Ungeeignet ist es meines Erachtens auch für Personen, die sich nicht hauptberuflich mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigen. Also Behindertenbeauftragte und andere Personen aus disem Themenkomplex. Dafür ist das Wissen dann doch zu tief. Für diese Personen wären eher konzeptionelle Grundlagen wie Semantik oder Farb-Kontraste notwendig. Für dieses Wissen muss man aber keine 40 Trainingsstunden absolvieren. Zudem dürfte für diese Personen ohnehin das CPACC-Zertifikat passender sein, weil es auch andere Themen wie barrierefreie Gebäude-Gestaltung enthält.
Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, eine möglichst breite Wissensbasis zu haben. Das Problem ist, dass 90 Prozent davon wahrscheinlich direkt nach der Prüfung vergessen wird und man auch nicht gut zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden kann, wenn man mit so viel Wissen überschüttet wird. Zudem bleibt das ewige Zeitproblem. Außerdem stellt sich mir die Frage, ob ein Barrierefreiheits-Experte tatsächlich die Tastenkürzel bzw. Touchgesten bestimmter Screenreader auswendig kennen muss.
Last but not least ist das Zertifikat für 530 US-Dollar doch recht teuer, insbesondere für Freelancer und Privatpersonen. Für 530 Dollar könnte man auch einen kompletten Vorbereitungskurs mitliefern, was aber eben von der IAAP nicht gemacht wird. Ein Vorbereitungskurs etwa von Deque kostet aktuell ca. 170 Dollar, macht in Summa 700 US-Dollar. Allerdings würde meines Erachtens der Deque-Kurs reichen, wofür man dann noch das WAS-Zertifikat braucht, leuchtet mir nicht ein.
Nebenbei: Das Deque-Programm hat mich positiv überrascht: Bisher habe ich noch kein so gutes und umfassendes Trainingsprogramm zur Barrierefreiheit für diesen Preis gesehen. Persönlich bin ich ein Freund von text-basiertem Selbst-Lernen, deshalb lasse ich mal Videokurse außen vor. Wer gut Englisch kann und die Zeit hat, dem kann ich die Deque-Kurse empfehlen. Eine Alternative, ebenfalls mit Zertifikat, ist der Kurs von edX.

Vorteile des Zertifikats

Derzeit sind die IAAP-Zertifikate in Deutschland noch nicht sehr bekannt. Bisher habe ich die Anforderung noch in keiner Stellenbeschreibung oder Ausschreibung gesehen. Ob sich das Zertifikat bzw. das Investment finanziell lohnt, bleibt deshalb erst mal dahingestellt.
Der Kollege Joschi Kuphal hat sowohl das WAS- als auch das CPACC-Zertifikat inne und betreibt eine Lerngruppe für Interessierte.

Für Blinde geeignet?

Grundsätzlich sollten auch blinde Personen kein Problem haben, das Zertifikat abzulegen. Sowohl die Dokumente der IAAP als auch die Prüfung und zumindest der Vorbereitungskurs von Deque sind für Blinde gut lesbar.
Die IAAP hat spezielle Erleichterungen für Nutzer:Innen assistiver Technologien: Es gibt eine Zeitverlängerung um 100 Prozent, also 3 statt 1,5 Stunden. Zumindest mit Sprachausgabe ist das zu schaffen. Für Nicht-Englisch-Muttersprachler gibt es eine zusätzliche Verlängerung um 1 Stunde. Damit hat man insgesamt 4 Stunden Zeit.

Fazit: Nicht empfehlenswert

Persönlich halte ich das Zertifikat der IAAP nicht für sinnvoll.
Zum Einen scheint mir der Test reine Geldmacherei zu sein: Fast 500 Dollar, ohne dass die IAAP großartig etwas machen muss, dann nochmal 300 Dollar für die Wiederholung. Da ist die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt.
Zum Anderen halte ich ihn inhaltlich nicht für sinnvoll. Es gibt keine klare Zielgruppe, es werden Informationen statt Wissen abgefragt. Warum soll man die Kontrastwerte auswendig wissen? Warum soll ein Sehender Screenreader-Shortcuts auswendig wissen? Warum ist es wichtig zu wissen, was in der WCAG 2.1 an Kriterien hinzu gekommen ist? Konzeptionell scheint mir der Body of Knowledge einfach nicht durchdacht zu sein. Meines Erachtens wird hier nicht konzeptionelles Wissen, sondern nur das Auswendig lernen von Informationen bewiesen. Die Fragen sind teils absurd und dazu angelegt, die Prüfperson in eine Falle zu locken oder im Unklaren zu lassen. Meines Erachtens hat die IAAP die durchaus schwierige Aufgabe nicht gut gelöst und ja, ich könnte so etwas deutlich besser machen. Bedenkt man, dass viele der Prüflinge keine englischen Muttersprachler sind, ist es unfair, Fang- oder doppelbödige Fragen zu stellen.
Ich empfehle daher den oben verlinkten Kurs von DEQUE. Das IAAP-WAS-Zertifikat kann ich hingegen nicht empfehlen.

Kritik am BITV-Test

Der BITV-Test hat sich zum Standardinstrument für die Messung der Standardkonformität aka Barrierefreiheit entwickelt. Zugleich wirkt er aber aus der Zeit gefallen. Dieser Beitrag ist eine formale Kritik am BITV-Test, zur inhaltlichen Kritik am BITV-Test. Wir sprechen jetzt nur noch vom „DIAS-Test“, da der Name BITV- oder WCAG-Test eine Neutralität suggeriert, die nicht da ist.
Da das große Testen im Zuge der aktuellen EU-Richtlinie 2102 bald losgeht und der BITV-Test aktuell das einzige auf Deutsch verfügbare Instrument ist, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, das Verfahren anzupassen. Zudem gibt es mit der Einführung der WCAG 3.0 und der Überarbeitung der EN 301 549 auch eine große Chance, das Verfahren umfassend zu überarbeiten.
Update: Der DIAS-Prüfverbund hat erkennen lassen, dass man an einem Update, mehr Offenheit, Beteiligung behinderter Menschen und Transparenz nicht interessiert ist. Wir raten daher vom Einsatz des DIAS-Tests nach aktuellem Stand ab.

Offene Diskussion

Meines Wissens wurde der BITV-Test ursprünglich im Auftrag eines Bundesministeriums entwickelt.
Heute wird er von einer Handvoll Personen weiterentwickelt. Man kann viel darüber spekulieren, wer an der Entwicklung beteiligt ist: Sicher die DIAS GmbH und einige Personen, die auch offizielle Tester sind. Mir ist nicht bekannt, ob behinderte Menschen oder deren Selbstvertretungen eingebunden sind.
Hier geht das Problem aber schon los: Das Verfahren und seine Entwicklung sind nicht transparent.
Wie es anders geht, zeigt das Verfahren der Web Accessibility Initiative. Hier wissen wir, wer an der Entwicklung der Richtlinien und weiterer Dokumente beteiligt ist. Die Richtlinien stehen offen zur Diskussion. Der BITV-Test hingegen wirkt wie ein Privat-Projekt. Auch hier können Fehler gemacht werden. Beispiel dafür ist das Language Attribut.
Das heißt auch, dass dem BITV-Test jegliche Legitimität fehlt. Es wird von keiner öffentlichen Einrichtung beauftragt, keine öffentliche Einrichtung ist beteiligt und eine öffentliche Diskussion ist nicht möglich. Es handelt sich auch um keine Industrie-Norm, dann wäre die Legitimität auf solidere Füße gestellt. Dass man den WAI-Empfehlungen zur Entwicklung von Testverfahren gefolgt ist, ist zwar schön, trägt aber auch nicht zur Legitimität des Verfahrens bei.
Es sei an dieser Stelle auch klar gesagt: Die Gesetze schreiben zwar vor, dass Webseiten und Inhalte barrierefrei bereit gestellt werden sollen. Maßstab hierfür sind die EN 301 549 und damit die WCAG. Der BITV-Test hingegen ist in keinem Gesetz als Maßstab verankert. Barrierefreiheit und ein erfüllter BITV-Test sind also nicht synonym. Aktuell ist es einfach nur ein Projekt der DIAS GmbH und der Leute, denen die DIAS Zugang erlaubt. Warum gibt es kein GitHub-Repository dazu? Alternativ könnte die DIAS auch kommunizieren, dass es ihr Privatprojekt ist, dann würde keiner auf die Idee kommen, das Verfahren als Gütesiegel zu betrachten.
Auch halte ich die Tandem-Prüfung in der jetzigen Form nicht für sinnvoll. Der abschließende BITV-Test soll durch zwei Prüfer:Innen durchgeführt werden. Ist es aber wahrscheinlich, dass zwei erfahrene Prüfer:Innen zu stark unterschiedlichen Bewertungen kommen? Für mich ist völlig unverständlich, warum nicht eine der Prüfer:Innen eine für digitale Barrierefreiheit relevante Behinderung haben sollte. Es wirkt so, als ob man behinderte Menschen von einem lukrativen Betätigungsfeld ausschließen möchte.

Mangelnde Einbindung behinderter Menschen

Nichts über uns ohne uns ist einer der wichtigsten Slogans der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Leider sehe ich nicht, dass behinderte Menschen von BIK aktiv eingebunden werden. Ich habe im Gegenteil den Eindruck, sie meinen, es besser als die Betroffenen zu wissen, siehe die Diskussion um das Language Attribut.
Dass in irgendeiner der beteiligten Organisationen der eine oder andere behinderte Mensch arbeitet, ändert nichts an der Kritik. Es heißt ja nicht automatisch, dass diese Person auch aktiv eingebunden wird.

Undurchsichtige Verflechtung

Die Website zum BITV-Test wird von der DIAS betrieben. Das gibt dem Verfahren ein Geschmäckle, um es vorsichtig auszudrücken. Einerseits soll es ein offenes Verfahren sein, andererseits wird schon die Website nicht unabhängig betrieben.
Endgültig schwierig wird es dadurch, dass der BITV-Test direkt auf der gleichen Seite beauftragt werden kann. Das sagt mir indirekt: Schaffst es eh nicht, lass uns das machen. Und es birgt zusätzlich das Stigma der mangelnden Unabhängigkeit.

Kritik der Präsentation

Es mag auf den ersten Blick nicht so wichtig erscheinen, aber auch die Website zum BITV-Test ist nicht attraktiv. Sieht irgendwie nach dem Geschmack der 2010er Jahre aus. Für uns stehen Inhalte im Vordergrund, aber wer möchte es Designer:Innen und Entwickler:Innen verdenken, dass sie schon das Layout unattraktiv finden? Wie soll man diese Personen davon überzeugen, dieses Instrument zu nutzen oder Barrierefreiheit attraktiv zu finden?
Auch sind viele Prüfschritte offenbar nicht Korrektur gelesen worden. Da sind einige Klopper drin, die eine anständige Rechtschreibprüfung gefunden hätte. Übrigens ein weiterer Grund, warum man eine offene Diskussion bräuchte.

Zusammenfassung

Lassen Sie mich die Hauptpunkte der Kritik am BITV-Test zusammenfassen:

  • Es ist nicht klar, welche Personen an dessen Entwicklung beteiligt sind. Es ist außerdem nicht klar, ob und inwieweit behinderte Menschen oder ihre Vertretungen eingebunden sind.
  • Das Verfahren hat unabhängig davon nicht einmal indirekte Legitimität, da es nicht offen diskutiert wird.
  • Das Verfahren enthält Fehler: Siehe die Diskussion um das Language Attribut.
  • Kritik behinderter Expert:Innen wird vom Prüfverbund nicht ernst genommen.

Mein Eindruck ist nebenbei gesagt auch, dass die Zahl der Tester:Innen künstlich knapp gehalten wird. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass sich nur eine Handvoll Agenturen und Frelancer:Innen dort bewerben.
Nun kann man argumentieren, dass es eben kein offenes Verfahren sein will, sondern ein geschütztes Verfahren im Eigentum von DIAS. Das kann man akzeptieren, obwohl es ursprünglich aus einer öffentlichen Förderung entstanden ist. Allerdings sollte man das dann auch so kommunizieren und nicht so tun, als ob es ein öffentliches und legitimiertes Verfahren wäre.
Meines Erachtens wird die DIAS GmbH ihrer Verantwortung nicht gerecht. Einerseits hat sie den BITV-Test als neutrales Instrument etablieren wollen. Anderseits behandelt sie den Test so, als ob er ihr gehören würde.
Zudem ist die DIAS GmbH und der anhängende Prüfverbund beratungs-resistent und nicht bereit, auf Kritik Betroffener einzugehen. Im Kern halte ich die DIAS GmbH und den BITV-Prüfverbund für behindertenfeindlich.

Vier Gründe, warum Du behinderte Menschen bei der Barrierefreiheit einbinden solltest

Stiliserte FigurenWusstest Du, dass man Barrierefreiheit umsetzen kann, ohne die Betroffenen zu beteiligen? Zumindest in Deutschland scheint man das zu glauben.
Beispiele gibt es zuhauf: So gab es im Jahr 2020 eine millionenschwere Ausschreibung des Bundes zum Testen von Barrierefreiheit, von Beteiligung behinderter Menschen bei diesen Tests war nicht die Rede. Eine Ausschreibung der Bundestagsverwaltung zum Thema Sensibilisierung zur Barrierefreiheit mit rund 20 Vorträgen erwähnte auch mit keinem Wort, dass behinderte Menschen dabei sein sollten. Agenturen, die Barrierefreiheit umsetzen, ob groß oder klein, erwähnen mit ein paar Ausnahmen nicht, dass behinderte Menschen bei der Entwicklung oder beim Testing eingebunden werden. Es gibt zahllose Behindertenbeauftragte im öffentlichen Dienst oder in Betrieben, die selbst keine Behinderung haben. Last not least die IAAP DACH, auch hier bleiben behinderte Menschen bisher unsichtbar, ebenso wie beim BITV-Test.
Hier also vier Gründe, warum Du behinderte Menschen aktiv in Deine Barrierefreiheitsprojekte einbinden solltest.

  • Theoretisches Wissen reicht nicht aus. Ich muss selbst gestandenen Experten klar machen, dass eine bestimmte Sache mit Screenreadern nicht funktioniert. Es ist eben ein Unterschied, theoretisch zu wissen, auf welche Probleme behinderte Menschen stoßen oder die Probleme aus der Praxis zu kennen.
  • Ein Imperativ der Inklusion ist, dass nichts über uns ohne uns geschehen soll. Viele Barrierefreiheits-Experten glauben aber, es besser zu wissen als die Betroffenen. Der Verweis auf die Guidelines ist richtig, aber greift zu kurz. Es sind eben Guidelines und keine Regeln oder feste Normen.
  • Es werden Stellen für behinderte Menschen geschaffen. Es ist unglaublich, wie viele arbeitslose behinderte Menschen es gibt. Es könnten problemlos mehrere hundert Stellen für Tester:Innen geschaffen werden, im übrigen hochqualifizierte und gut bezahlte Stellen, an denen fehlt es behinderten Menschen. Natürlich muss man diese Personen qualifizieren, Behinderung ist ja keine Qualifikation an sich. Aber nicht-behinderte Menschen muss man auch qualifizieren.
  • It’s the right thing to do. So wie andere benachteiligte Gruppen auch lange Zeit für Gleichberechtigung kämpften, kämpfen behinderte Menschen nach wie vor für ihren angemessenen Platz in der Gesellschaft. Bei der Gleichberechtigung von Frauen im Beruf zum Beispiel geht es eben nicht darum, dass Frauen generell bessere Mitarbeiterinnen sind, das mag häufig der Fall sein. Es geht darum, dass Frauen praktisch immer strukturell benachteiligt waren bzw. sind und es das Richtige ist, diese Benachteiligung abzubauen. Ich hoffe mal, niemand käme heute noch auf die Idee, eine Altherrenrunde einzuberufen, um zu klären, wie man Gleichberechtigung für Frauen umsetzen kann. Bei behinderten Menschen scheint mir dieses Vorgehen aber weit verbreitet, also Nicht-Behinderte, die besser als wir wissen, was gut für uns ist.

Ich sehe bei einigen nicht-behinderten Menschen einen ausgeprägten Paternalismus, frei nach dem Motto, wir machen die Welt für die armen Behinderten mal barrierefrei. Wahrscheinlich finden jeden Tag solche Runden statt, in denen kein Betroffener vertreten ist. Das ist aber das Verhalten der 80er. Wir haben eine Behindertenrechtskonvention, in die einige Leute mal reinschauen sollten.
Ich bezweifle nicht, dass da viele Involvierte guten Willens sind. Mich stört allerdings die Haltung, die dahinter steht und auch die Ergebnisse, die nicht so gut sind, wie sie sein könnten, wären behinderte Menschen beteiligt gewesen.

Barrierefreie Webseiten sind gutes Handwerk

Anlässlich des Global Accessibility Awareness Day am 17. Mai hatte ich verschiedene Tweets zum Thema barrierefreie Webgestaltung abgesetzt. Unter anderem schrieb ich sinngemäß: „Barrierefreie Webseiten sind keine Extra-Leistung, sondern gutes Handwerk. Hohe Preisaufschläge sind also nicht gerechtfertigt“. Für diese Aussage habe ich ein paar kritische Nachrichten bekommen. Deshalb möchte ich das kurz erklären.

Ein Button ist ein Button ist ein Button

Wenn etwas so aussieht wie ein Button und wenn es sich verhält wie ein Button, dann sollte es auch in HTML ein Button sein.
Kurz zur Erklärung: Man kann design-technisch etwas erstellen, was wie ein Button aussieht und so funktioniert, aber im Code einfach nur JavaScript ist, der hinter eine Grafik gelegt wurde, die wie ein Button aussieht. Warum macht man so was? Weil man entweder faul, doof oder beides ist. Der Aufwand, einen echten Button in HTML zu basteln ist exakt 0 Prozent höher als eine Grafik mit JavaScript zu unterlegen. Doof, weil man offensichtlich keine Ahnung hat, wie man vernünftigen Code schreibt und wahrscheinlich irgendeine Anwendung verwendet, mit der man sich die Elemente zusammenklickt. Ich als absoluter Laie könnte so etwas in HTML anzulegen. Wer sich Webentwickler nennt, sollte das hinbekommen, das ist sozusagen das kleine Ein-Mal-Eins des Webdesigns.
Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Bereiche. Wer HTML und CSS ihrem Zweck gemäß einsetzt, hat bereits einen Großteil der Anforderungen von Barrierefreiheit erfüllt. Aber das ist nun wirklich kein Kunststück. Wer aber seine Website heute noch mit div id=“navigation“ verschandelt, hat keine Ahnung von seinem Handwerk.
Nun kann man argumentieren, dass der Spaghetti-Code niemanden interessiert, schließlich soll es gut aussehen und funktionieren. Aber nein, es bringt massive Nachteile mit sich. Ein Programm kann hingehen und den Container „Content“ in eine lesefreundliche Variante umwandeln. Google kann den Content sauber von der Navigation oder der Fußzeile unterscheiden. Wer also nicht sauber codet, verschlechtert neben der Barrierefreiheit unter anderem seine Position bei Google.
Und natürlich der Screen Reader: Er kann erkennen, dass etwas ein Button ist und der Blinde kann gezielt alle Buttons einer Website anspringen. „Anklickbar, anklickbar, anklickbar“ hingegen ist für Blinde nicht hilfreich. Aber wenn interessiert schon Usability für Blinde, Hauptsache, die Box hat abgerundete Ecken und einen coolen Effekt.
Umso schlimmer ist es, dass wir uns immer noch über solche Themen unterhalten müssen, dass wir immer noch auf nicht-gelabelte Formularelemente und ähnliche Dinge stoßen.

Barrierefreie Lösungen finden

Was ist aber mit komplexen dynamischen Anwendungen wie Kalender-Widgets oder Lightboxen.
Tatsächlich gibt es für die meisten komplexen Anwendungsfälle frei verfügbare Patterns oder Lösungen, die sich übernehmen oder zumindest nachbauen lassen. Es wäre heute also kein Problem mehr, dem Kunden barrierefreie Webseiten sozusagen unterzuschieben, ob er sie will oder nicht.
Eine barrierefreie Lösung zu recherchieren und einzubauen kostet eben so viel Zeit wie eine nicht-barrierefreie Lösung einzubauen.

Design-Kriterium: Sieht besser aus

Wenn ein Thema in der Barrierefreiheit nicht ernst genommen wird, dann ist es der Kontrast. Das gilt vor allem für Text und Bedien-Elemente. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir Dinge zoomen müssen, dass es uns nicht weiter auffällt.
Das Argument der Designer: Es sieht so besser aus. Wenn Design darin besteht, Dinge gut aussehen zu lassen, dann ist die Mission erfüllt.
Aber eigentlich dachten wir ja, wir sollten die Website oder Anwendung benutzen. Gewiss braucht man manchmal einen gewissen ästhetischen Anreiz. Aber darf es wirklich anstrengend sein, etwas zu erkennen, bedienen oder lesen zu können? Ist schön machen das einzige Berufsziel von Designer:Innen?

Wann Kostenaufschläge gerechtfertigt sind

Natürlich gibt es noch weitere Anforderungen der Barrierefreiheit, die durchaus komplexer sind. Das Anpassen der Patterns an die eigenen Erfordernisse etwa erfordert zusätzlichen Aufwand, wenn sich der Entwickler einarbeiten muss. Doch müssen Patterns immer angepasst werden, etwa aus Design-Gründen.
Eine Ausnahme gilt auch dann, wenn externe Barrierefreiheits-Experten eingeschaltet werden. Die wollen natürlich separat bezahlt werden.
Eine weitere Ausnahme gilt dann, wenn spezifische Tests mit behinderten Menschen zusätzlich durchgeführt werden. Diese Tests sind aufwendig und teuer. Eventuell wird auch ein Honorar oder eine Aufwandsentschädigung an die Testpersonen gezahlt.
Zudem können im Rahmen der Barrierefreiheit zusätzliche Absprachen mit dem Auftraggeber notwendig sein. Es muss etwa ein Konsens darüber erreicht werden, welcher Standard erfüllt werden soll und welche zusätzlichen Anforderungen es gibt.
Über besondere Anforderungen wie Leichte Sprache oder Gebärdensprache spreche ich hier nicht. Hier sind die Kostenaufwände natürlich erheblich. Das hat aber mit der Web-Agentur nichts zu tun.
Doch für den ganz normalen Programmier-Alltag sind hohe Kostenaufschläge für Barrierefreiheit selten gerechtfertigt. Viele Diskussionen und Probleme würden sich erübrigen, wenn Web-Entwickler einfach sauberen und bestimmungsgemäßen Code schreiben würden. Analoges gilt für native Apps. Einfach die Guidelines der OS-Anbieter lesen und sich daran halten, das scheint so manchen Entwickler zu überfordern. Es grenzt an Arbeitsverweigerung oder Unfähigkeit.
Meines Erachtens fehlt es an mehreren entscheidenden Aspekten:

  • Das Thema Barrierefreiheit wird in der Ausbildung vernachlässigt.
  • Es fehlt die Sensibilität bei den Verantwortlichen, und zwar sowohl bei Entwicklern, Designern als auch bei Auftraggebern.
  • Es fehlt an grundlegenden handwerklichen Fähigkeiten. Das stelle ich in meiner Arbeit mit Entwicklern immer wieder fest. Da saßen bei mir tatsächlich Leute in Entwickler-Schulungen, die kein HTML konnten. Ihre Fähigkeiten erschöpfen sich darin, Kästen hin- und herzuschieben.

Die ganzen Argumente wie Zeitdruck können nicht überzeugen. Wenn man eine Sache zwei Mal machen muss, einmal falsch, einmal richtig, sind mehr Zeit und Ressourcen verbraucht worden als wenn man es einmal richtig macht. Und leider machen es allzuviele Leute gleich zwei Mal falsch.

Ein Blinder zwischen Android Talkback und iOS VoiceOver

emojiDieses Jahr habe ich meinen dritten Versuch mit Android als Blinder gestartet. Heißt, ich habe das Haupt-System gewechselt. In Betrieb habe ich immer beide Systeme, unter anderem, um Apps testen zu können.
Zunächst einmal ist dies hier kein objektiver Vergleich beider Systeme. Ich sehe ein Smartphone als Arbeitsgerät, nicht als Gadget oder Statussymbol. Ich habe mir alle iOS-Geräte gebraucht gekauft, weil mir die Preise trotz der zweifellos guten Leistungen von Apple übertrieben scheinen. Ich kann mich nicht entscheiden, ob mir Google mit seiner Datensammelei und der Verbreitung von Hass, Hetze und Verschwörungstheorien oder Apple mit seiner closed-Source-Politik unsympathischer ist. Leider ist Microsoft aus dem Rennen komplett ausgestiegen, ansonsten hätte das sehr spannend werden können. Insgesamt nerven die Konzerne mit ihrer PR für Barrierefreiheit, allerdings steckt bei Apple etwas dahinter, während Google vor allem PR und heiße Luft produziert.
Mein Fazit ist klar: iOS hat eindeutig die besseren Features für Blinde, sie sind sauberer implementiert und das Gesamtsystem funktioniert deutlich besser. Apple liegt mit seinen Smartphones Jahre vor Google. Würde ich Schulnoten verteilen, würde Apple eine 2 + und Google eine 4 minus erhalten.
Zugegeben habe ich iOS deutlich länger genutzt als Android. Talkback war bis zu Android 6 im Grunde unbrauchbar. Dadurch kenne ich das iPhone in jedem Fall besser als Android.
Blinde Android-Fans sagen, funktioniert alles. Es gibt eine gewisse Schönrederei, aber das kennen wir ja schon von den Applenutzern.
Mir persönlich ist meine Zeit aber zu schade, um sie mit dem Lesen von Handbüchern zu verschwenden. Und ich bin zu alt, mir hundert neue Gesten und Tastenkombinationen auswendig zu lernen.

Talkback geht irgendwie

Talkback stellt die wesentlichen Basis-Features eines mobilen Screenreaders bereit. Das Meiste funktioniert irgendwie, gerade die Google-eigenen und die Mainstream-Apps sind gut nutzbar.
Es ist allerdings unintuitiv. Ich habe relativ wenige Gesten bei Apple nachschlagen müssen. Bei Google habe ich bis heute nicht herausgefunden, wie man Text kopiert und einfügt oder Texte schnell und nicht buchstabenweise löscht.
Meine Vermutung ist, dass Google komplett aus dem Rennen ausgestiegen ist. Es gibt kaum neue Features seit Android 6, man konzentriert sich auf Bugfixes, aber auch das nicht effektiv. Beispiele gefällig?

  • Es gibt keine Standard-Funktion, um Android bei der Erst-Einrichtung oder im laufenden Betrieb ein- und auszuschalten. Ja, man kann Android nach der Einrichtung auf die Lautstärke-Tasten legen, das geht aber nur, wenn man das einmal in den Einstellungen aktiviert hat.
  • Es gibt Latenzen beim Scrollen in Chrome und in Apps, die offenbar Komponenten von Chrome verwenden. Scrollt man, macht Talkback eine mehrere Sekunden lange Denkpause, egal, wie komplex die Webseite ist. Im Firefox tritt das Problem nicht auf.
  • Die Google Sprachausgabe spricht seit einiger Zeit keine Emojis mehr und spricht die Überschriften Englisch.
  • Es gibt keine Standard-Geste für „Ab dem nächsten Element lesen“, ein Feature, dass man für Bücher oder Webseiten praktisch immer braucht.
  • Die Funktion „Ab dem nächsten Element lesen“ funktioniert in alternativen Browsern wie dem Firefox nicht, stattdessen liest er einfach von oben an.
  • Die Farbumkehr des Bildschirms wird im Stromsparmodus ausgeschaltet.
  • Weder in Google Mail noch im Chrome-Browser kann man Telefonnummern einfach anklicken und anrufen wie bei iOS

In den Apps geht es weiter: So wird in WhatsApp in einem Gruppen-Chat oft nicht klar, wer was geschrieben hat. Bei vielen Webseiten in egal welchem Browser werden Überschriften nicht vorgelesen, etwa bei der Google-Suche oder bei Spiegel Online auf der Startseite. Bei Twitter wird sowohl der angezeigte Name als auch der Twitter-Name vorgelesen, bei mir also Domingos @domingos2, eine dieser Infos wäre vollkommen ausreichend, möchte man mehr als antworten, liken oder retweeten, muss man in den Tweet absteigen. In der Google-eigenen App Fit werden Informationen einer Tabelle in einer falschen Reihenfolge vorgelesen. Die Stimm-Aktivierung von Google Assist habe ich nach endlosem Rumprobieren nicht zum Laufen bekommen.
Ich kann solche Probleme endlos aneinandereihen. Es funktioniert, aber komfortabel ist was Anderes.
Am schlimmsten finde ich die Google Tastatur GBoard. Bei Apple fokussiert man den Buchstaben und wählt ihn durch Doppeltippen aus. Bei Android wird der Buchstaben bei Fokussieren und Loslassen geschrieben. Oft wird der Buchstabe neben dem ausgewählt, den man eigentlich tippen wollte. Oftmals löst man eine Aktion aus, obwohl man nur scrollen wollte.
Wir erinnern uns: Apple ist ein Hardware-Konzern mit einer Software-Schmiede, Google ist ein Software-Konzern mit einer Hardware-Sparte. Heißt, Google hätte mehr Entwicklungs-Kompetenz, die aber ganz offenbar nicht in die Barrierefreiheit für Blinde gesteckt wird.
Das ist aber nur ein Symptom. Ich habe hier den direkten Vergleich zwischen Android 6 und Android 10. Es sind so gut wie keine Features dazu gekommen. Bei Apple darf man sich bei einem ohnehin sehr ausgereiftem System jedes Jahr über neue Features freuen. Google scheint nicht einmal die Basis-Funktionen richtig zu pflegen. Zumindest gibt es jetzt eine Möglichkeit, Brailleschrift direkt über das Display einzugeben, ein Feature, dass iOS schon lange hat.
Völlig versagt hat Google im übrigen bei Smartwatches. Meines Wissens gibt es nur wenige Geräte, bei denen Talkback überhaupt funktioniert und das auch nur mit viel Gebastel.
Das gleiche Trauerspiel finden wir bei Android-Tablets. Zumindest bei den günstigen Geräten scheint Talkback nicht immer vorinstalliert zu sein. Bei meinem letzten Versuch wurde Talkback nach einer Sekunde beendet. Ich konnte das Gerät nicht selbständig einrichten und habe es deshalb zurückgeschickt.
Traurig ist, dass Google das Potential eines Open-Source-Systems nie ausgenutzt hat. Es ist zum Beispiel nicht ersichtlich, warum es keine Erweiterungs-Möglichkeiten gibt. Könte man Erweiterungen für Talkback schreiben oder es mit der Sprachsteuerung von Google verknüpfen, wären unglaubliche Dinge machbar. Mir scheint aber, dass Google mit seiner 4 minus zufrieden ist.
Im Endeffekt benutze ich auf dem Android fast ausschließlich native Apps. Zum Surfen im Browser greife ich lieber zum iPhone.

VoiceOver

Über VoiceOver muss man nicht so viele Worte verlieren. Es funktioniert einfach sauber, bekommt regelmäßig neue Features und man hat nicht wie bei Talkback das Gefühl, das hier irgendwas zusammengefrickelt wurde. Es gibt Bugs, die Jahre mitgeschleppt werden und letztes Jahr gab es größere Probleme bei einem großen Update. Allerdings war nichts davon so schwerwiegend, dass man jetzt unbedingt wechseln müsste.

Ist VoiceOver besser als Talkback?

Besser oder schlechter ist im Zusammenhang mit komplexer Software selten eine sinnvolle Kategorie. Ist Frankreich besser als Italien? Ist Jupiter besser als der Mars? Sinnfreie Fragen, die am Ende Geschmackssache sind. Wie gesagt verwende ich nach wie vor Android als Hauptsystem. Es funktioniert also, aber der Wow-Effekt stellt sich nicht ein.
Eindeutig messen lässt sich die Zahl der Konfigurationsmöglichkeiten: Sie sind bei VoiceOver wesentlich zahlreicher. Es gibt mehr Stimmen zur Auswahl, mehr Möglichkeiten der Braille-Konfiguration uvm.
Nächste Frage: Würde ich einem Blinden Android oder iOS empfehlen? Auch hier keine eindeutige Antwort. Jemandem, der nicht fit in Technik ist oder keine Erfahrung hat und allen Vollblinden würde ich eindeutig ein iOS-Gerät empfehlen. Bei einem Sehrestler wäre die Entscheidung schwieriger.
VoiceOver ist eindeutig die Referenz, was mobile Screenreader angeht. Natürlich gibt es – wie bei allen komplexen Systemen – Luft nach oben. Allerdings ist bei Android deutlich mehr Luft als bei iOS.
Mit iOS 14 ist die Frage aber meines Erachtens endgültig entschieden: iOS ist für Blinde besser als Android. iOS hat zahlreiche Alleinstellungsmerkmale, Android hat keines.

Die Un-Experten – Betrüger in der Barrierefreiheit

Schild mit AusrufezeichenLeider treiben sich auch in der Barrierefreiheits-Szene Menschen herum, die hier nichts zu suchen haben. Immerhin ist in der Barrierefreiheit mittlerweile viel Geld zu holen. In diesem Beitrag möchten wir uns diese Spezies genauer anschauen.
Generell lassen sich drei Typen von Un-Experten unterscheiden: Die Glauber, die Ignoranten und die Betrüger.

Die Glauber

Die Glauber glauben, etwas von Barrierefreiheit zu verstehen. Dabei beschränken sich ihre Fähigkeiten darauf, PDFs mit dem PAC zu prüfen, HTML zu validieren oder wenn es hoch kommt den WAVE-Test durchzuführen.
Die Glauber integrieren fleißig Vorlesefunktionen, Magnifier und Styleswitcher auf ihren Webseiten. Wenn es vor 20 Jahren richtig war, kann es ja heute nicht schlecht sein. Und wo man schon dabei ist, wie wärs mit einer Textversion unserer Website für Blinde?
Die Glauber wissen oft über bestimmte Bereiche der Web-Entwicklung Bescheid. Sie können etwa Kontraste richtig bewerten oder sogar barrierefreie Formulare gestalten. Das wäre ausreichend, wenn sich das Thema Barrierefreiheit bei der Screenreader-Kompatibilität erschöpfen würde. Daran glauben sie fest, deshal hat sich der Blick in die WCAG für sie erledigt.

Die Ignoranten

Die Ignoranten sind häufig sogar namhafte Personen aus der Barrierefreiheits-Szene, ich nenne mal keine Namen. Die Ignoranten sind häufig hochqualifiziert in dem was sie tun, verpassen aber dabei den Blick nach links und rechts.
Zu den Ignoranten gehören etwa Blinde, die sagen, X sei nicht barrierefrei, weil sie X nicht bedienen könnten. Oder eben X sei barrierefrei, weil sie es bedienen könnten. Barrierefreiheit beschränkt sich für sie auf Kompatibilität für Screenreader und Sprachausgaben. Aber wir können problemlos eine App oder Website erstellen, die für Blinde funktioniert und für alle anderen nicht.
Sicherlich ist Funktionalität für Blinde ein wichtiges Thema. Es deckt auch die Bedienbarkeit mit Tastatur relativ gut ab. Im Endeffekt ist es aber ignorant, denn es gibt iel mehr Leute, denen die Bedienbarkeit für Blinde nicht immer weiterhilft. Dazu gehört die wesentlich größere Zahl der Sehbehinderten.
Wohlgemerkt: Ich habe nichts dagegen, wenn ein Blinder sagt, etwas funktioniert für ihn persönlich oder für die Blinden generell nicht. Aber ein Vollblinder kann selbst mit Programmier- und Test-Fähigkeiten nur eingeschränkt die Barrierefreiheit einer Anwendung beurteilen. Blindengerecht und barrierefrei sind zwei verschiedene Dinge. Und Blindengerecht ist eine Teilmenge von Barrierefreiheit, wer das nicht versteht ist meines Erachtens ignorant.

Die Betrüger

Leider muss man auch über die dunkle Seite sprechen: Personen, die mit krimineller Energie zu Gange sind. Mir lag von einem Auftraggeber ein Screenshot der Adobe Barrierefreiheitsprüfung vor, der offensichtlich gefälscht war. Diese Person wusste also, dass sie die Leistung nicht erbracht hat und statt dies einzuräumen hat sie das Spiel weitergetrieben. Man muss also von geradezu krimineller Energie ausgehen.
Wie häufig so etwas vorkommt, wissen wir leider nicht. Allerdings sind viele Faker in der Szene unterwegs:

  • Die grafikerin, die von sich fälschlicherweise behauptet, barrierefreie PDFs erstellen zu können und deswegen eingestellt wird.
  • Der Bauträger, der Barrierefreiheit nicht umsetzen kann, obwohl es in seinem Auftrag steht.
  • Der Museums-Einrichter, der wirklich gar keine Ahnung hat und die Barrierefreiheit sogar aktiv behindert.
  • Der Web- oder App-Entwickler, der genau das Gegenteil von Barrierefreiheit macht.

Das sind alles Fälle, die mir bekannt sind oder von unterschiedlichen Stellen zugetragen wurden.
Die Abgrenzung zwischen Glauber und Faker ist nicht immer eindeutig zu machen. Manche Leute glauben tatsächlich, etwas von Barrierefreiheit zu verstehen, obwohl das nicht der Fall ist. Doch muss man befürchten, dass ein großer Teil hier absichtsvoll vorgeht.

Wie der Datenschutz die Barrierefreiheit behindert

Blick durch ein SchlüssellochDatenschutz hier, Datenschutz da – in der Coronakrise wird einmal mehr heftig darüber gestritten. Beispiele gibt es zu Hauf. Diskutiert werden etwa die Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts sowie die noch zu entwickelnde App zum Detektieren potentieller Corona-Ansteckungen. Dass die Datenspende-App nicht barrierefrei war, hat weder das RKI noch die Twitter-Gemeinde sonderlich interessiert.
Ich fasse es mal zusammen: Ein potentieller Verstoß gegen den datenschutz interessiert die Leute mehr als der Fakt, dass behinderte Menschen eine Anwendung nicht nutzen können. Bin ich der Einzige, der das merkwürdig findet?
Weiteres schönes Beispiel: Durch die überhastete Digitalisierung hat sich ein Wildwuchs an digitalen Kommunikationslösungen ergeben. Zoom hat WhatsApp als Buhmann Nr. 1 abgelöst. Allerdings wird auch so ziemlich jede andere Lösung wie Teams, Skype oder Jitsy kritisiert. Nur ein Wirrkopf könnte auf die Idee kommen, dass es vielleicht nicht nur an den Lösungen, sondern auch an der DSGVO selbst liegen könnte. Da wird lang und breit über potentielle Mängel beim Datenschutz diskutiert. Aber in keiner der zahlreichen Listen von Kommunikationstools und deren Vor- und Nachteilen findet man Hinweise zu deren Barrierefreiheit.

Der Primat des Datenschutzes ist fragwürdig

Irgendwann muss die Gesellschaft entschieden haben, dass der Datenschutz wichtiger ist als alles Andere: Wichtiger als Benutzerfreundlichkeit, wichtiger als Barrierefreiheit, wichtiger als der Preis, wichtiger als die Kompatibilität mit verschiedenen Endgeräten. Wenn keine Lösung die Anforderungen des Datenschutzes erfüllt, dann kommunizieren wir halt per Rauchsignal. Und ist niemandem aufgefallen, dass man problemlos den Datneschutzbeauftragten einer Organisation findet, aber der Barrierefreiheits-Beauftragte nicht existiert? Kann man noch deutlicher machen, dass Barrierefreiheit für den öffentlichen Dienst ein Nischenthema ist?
Die DSGVO kann unter „gut gemeint“ abgeheftet werden. Wie so vieles begünstigt sie eher die großen Datenfresser wie Google oder Facebook, denn nur die haben das Geld und die Power, die Richtlinien umzusetzen – oder eher sie ungestraft zu ignorieren.

Datenschutz bremst Barrierefreiheit und Benutzbarkeit aus

Ruft man heute eine Website auf, muss man häufig mindestens zwei Mal klicken, um überhaupt irgendwelchen Inhalt zu bekommen. Bei der Google-Suchmaschine sind es eher vier Mal.
Die Wenigsten werden den juristischen Prosa-Roman aka Datenschutzerklärung lesen, der ihnen da vorgesetzt wird. Das liegt unter anderem daran, dass er völlig unverständlich und die Angaben nicht überprüfbar sind. Das ist wohl die Transparenz, die uns die DSGVO versprochen hat.
Die Themen Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit bleiben auf der Strecke: Viele der Cookie-Messages sind per Tastatur oder assistiver Technologie nicht zugänglich. Und was passiert mit den Menschen, die keine Ahnung haben, was dieser Cookie sein soll und die auch nach den seitenlangen Erklärungen nicht schlauer sondern eher besorgter sind?
Und warum müssen die Datenschutz-Erklärungen nicht in einer allgemein-verständlichen Sprache verfasst sein? Werden sie nicht mit Absicht mit juristischem und technischem Kauderwelsch gepropft, damit die Betroffenen ihre Rechte eben nicht verstehen oder gar einfordern?

Datenschutz gefährdet die Digitalisierung

Der Erfolg von Zoom hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Lösung gerade aus der Perspektive der Nutzer sehr einfach und relativ intuitiv ist. Das kann man von den meisten anderen Lösungen nicht behaupten. Adobe Connect oder GoToMeeting etwa verlangen kategorisch das Installieren eines zusätzlichen Clients. Was der tut, bleibt deren Geheimnis. Wer keine Installationsrechte hat, der hat Pech gehabt. Dass diese Clients nicht barrierefrei sind, ist dann auch nur ein Neben-Aspekt.
Der Primat des Datenschutzes verhindert, dass sich digitale Lösungen etablieren. Viele der Lösungen, die den Datenschutz angeblich erfüllen können von der Benutzerfreundlichkeit oder Barrierefreiheit nicht überzeugen. Deswegen wird sie kaum jemand nutzen, wenn er nicht muss.
Natürlich kann ich die Anliegen der Datenschützer verstehen. Aber wie so oft im Leben kommt es darauf an, ein Gleichgewicht unterschiedlicher Anforderungen zu finden. Was sonst passiert, liegt auf der Hand, die Nutzer stimmen mit den Füßen ab: Entweder nutzen sie trotz Bedenken die für sie einfachste Lösung oder eben gar keine.

Digitalisierung und Barrierefreiheit – Chancen für behinderte Menschen


Sehende müssen Papier lieben: Sie bedrucken Berge davon, schicken es hin- und her, scannen es ein, drucken es wieder aus, heften es ab, um es nie wieder anzuschauen.
Gerade Behörden haben ein Faible dafür, Papier zu verschicken, auch wenn es nicht um rechtssichere Infos geht und die Mail-Adresse eindeutig bekannt ist. Die sonst so knausrigen Behörden scheinen mit Vorliebe Geld für Porto und Druckertinte auszugeben.
Daran zeigt sich, wie weit weg wir von einer Digitalisierung sind. Vor nur 20 Jahren wäre es kaum denkbar gewesen, dass ein Großteil der Personen ihre Arbeit von zuhause macht: Es fehlte an Technik und Internetzugang. Doch wir könnten auch wesentlich weiter sein, wie Länder wie Estland zeigen. In diesem Beitrag soll es aber um die Chancen der Digitalisierung für behinderte Menschen gehen.

Was geht digital?

Natürlich waren wir alle nicht auf eine globale Pandemie vorbereitet. Andererseits waren wir spätestens seit Fridays for future angehalten, uns ökologischere Lösungen zu suchen. Der Reisezirkus der EU zwischen Straßburg und Brüssel ist so ein peinliches Beispiel. Doch müssen wir gar nicht so weit schauen, einen ähnlichen Unsinn finden wir zwischen alter und neuer Hauptstadt in Deutschland. Zehntausende von Menschen fliegen für kurze Termine zwischen A und B hin und her.
Aber selbst diejenigen, die etwas davon verstehen tun sich mit der Digitalisierung schwer. Die Republica zum Beispiel, sie nennt sich gerne auch große Internet- oder Digital-Konferenz. Aber sie tun sich schwer darin, eine Online-Konferenz auf die Beine zu stellen, obwohl dafür der logistische Aufwand wesentlich geringer ist als für eine Präsenzkonferenz. Gewiss ist das technisch eine große Herausforderung. Aber es ist immer noch wesentlich weniger Aufwand als eine Präsenzveranstaltung mit mehreren tausend Personen.
Kleinere Veranstaltungen wie die Beyond Tellerrand ließen sich, behaupte ich einmal kühn, problemlos digitalisieren. Natürlich müssen die Konzepte angepasst werden. Vorträge vor einem Bildschirm zu halten ist auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Aber es ist auch kein Hexenwerk. Der O’Reily-Verlag zum Beispiel verkündete jüngst, er wolle nur noch Online-Meetings abhalten.
Nebenbei ließe sich damit ein großes Problem lösen: Viele Veranstaltungen finden in der Pampa statt, sprich, man muss ein- bis zwei Mal vom nächsten großen Bahnhof umsteigen. Das ist für behinderte Menschen eine Herausforderung und für Gesunde zumindest ein Ärgernis. Aber die Großstadt ist deutlich teurer, was Unterkünfte und Veranstaltungsräume angeht. Das heißt, gerade Low-Budget-Veranstaltungen können nicht zentral stattfinden, wenn sie keinen großzügigen Sponsoren finden.

Mentale Barrieren abbauen

Der Widerstand gegen die digitale Kommunikation ist enorm. Dabei habe ich digitale Meetings häufig als produktiver als Face 2 Face empfunden: Die Agenda wird strenger befolgt, es gibt weniger abrupte Themenwechsel, weniger Alphamännchen-Gehabe, die Sitzungen sind zumeist kürzer und disziplinierter. Klar gibts technische Probleme und der 3-jährige plärrt mal dazwischen. Aber bei Präsenz-Meetings läuft ja immer alles glatt, der Beamer funktioniert auf Anhieb mit dem Notebook, alle sind immer pünktlich da und es finden auch nie laute Bauarbeiten statt…
Natürlich weiß ich um den Wert persönlicher Begegnungen. Ja, der persönliche Kontakt, war, ist und wird immer wichtig bleiben. XING, Facebook und Co. werden diesen Kontakt nicht überflüssig machen.
Aber, und das ist ein großes Aber: Der persönliche Kontakt ist nicht alles. Er muss gegen die persönlichen, ökonomischen und ökologischen Kosten aufgewogen werden. Kaum jemand hat seine Lebensfreude an einem Bahnhof, in einem Flughafen oder einem Hotelzimmer gefunden. Sechs- oder siebenstellige Reise-Budgets bessern die Bilanz sicher nicht auf. Nebenbei wundere ich mich, dass die ansonsten so knausrigen öffentlichen Kassen diesen Reisezirkus finanzieren. Und natürlich die Umwelt, auch sie nimmt Schaden durch immer mehr Flugreisen, Bahnstrecken, Straßen und dem Verkehr, der auf ihnen stattfindet. Eine Organisation kann sich nicht ernsthaft umweltbewusst nennen, wenn sie diesen Unsinn zulässt. Atmosfair ist, als würde man jemandem ins Gesicht schlagen und ihm hinterher einen Eisbeutel gegen die Schwellung reichen.
Ich behaupte, dass der Widerstand gegen digitale Lösungen vor allem mental bedingt ist und dass ein Großteil der heutigen Präsenz-Termine sich digital abwickeln ließe.
Nehmen wir ein plastisches Beispiel: Die Gamer haben diese digitale Revolution schon vorweggenommen. Seitdem es die digitale Vernetzung gibt, kommunizieren sie global. Wer halbwegs Englisch kann – oder es lernen will – spielt eines dieser Online-Games. Kurioserweise haben diese Leute wohl die wenigsten Probleme damit, #stayathome zu befolgen, sie wüssten wahrscheinlich gar nicht, dass es dabei ein Problem geben könnte. Darüber entstehen Freundschaften, obwohl sich die Betreffenden wahrscheinlich nie persönlich treffen werden.

Was hat das mit Barrierefreiheit zu tun?

Natürlich eine ganze Menge. Live-Streamings sind ganz nett, um von zuhause aus was mitzubekommen. Aber zuschauen und dabei sein sind zwei Paar Schuhe.
Sprechen wir einmal über nicht-digitale Barrieren: Geld ist eine davon, Entfernung, Fahrzeit und Übernachtung an fremden Orten ist ebenfalls eine Barriere. Viele behinderte Menschen können Präsenz-Veranstaltungen deshalb nicht besuchen.
Ein spannendes Thema sind auch kommunikative Barrieren: Digitalisierung macht es möglich, dass Vortrag an Ort A stattfindet, der gehörlose Teilnehmer an Ort B und der Gebärdensprach-Dolmmetscher an Punkt C ist. Selbiges gilt natürlich für Übersetzungen in Leichte Sprache.

Chancen der Digitalisierung für behinderte Menschen

Viele Menschen mit einer psychischen oder chronischen Erkrankung können keiner geregelten Arbeit nachgehen. Sie haben Schübe, in denen sie nicht arbeiten können und niemand kann sagen, wann so ein Schub kommt. Mit regulären Arbeitszeitmodellen ist das aber nicht vereinbar.
Für sie wäre Heimarbeit eine Chance, doch einer geregelten Tätigkeit nachzugehen. Sie könnten zum Beispiel ein bestimmtes Arbeitspensum vereinbaren, welches sie abarbeiten, wenn sie sich gut fühlen.
Auch für andere behinderte Menschen ist Heimarbeit eine Chance. Für Blinde zum Beispiel ist Pendeln mit den Öffis eine Herausforderung, ebenso wie für andere mobilitäts-eingeschränkte Personen.
Und vergessen wir nicht die Gruppe, die bei COVID19 im Vordergrund steht, die Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, für die ein kleiner Infekt lange Krankheit oder Tod bedeuten kann. Ich bezweifle, dass sie sich in voll besetzten Intercitys oder Flugzeugen schon vor der Corona-Krise besonders wohl gefühlt haben.
Auch ein Studium oder eine Berufsausbildung könnten auf diesem Wege absolviert werden. Leider fehlt es dem Staat bisher an der nötigen Flexibilität, es ist dieser Kult um physische Präsenz, der Innovationen ausbremst.
Oder bleiben wir bei meinem Lieblingsthema: Papier. Zwar kann man mittlerweile einen schnellen Scan mit dem Smartphone machen. Dennoch weiß man als Blinder nie, was man da eigentlich unterschreibt. Das Ganze digital abzuwickeln würde uns viel von dieser Sorge nehmen. Und es gibt noch unzählige weitere Beispiele.
Voraussetzung ist natürlich immer, dass die Bedingungen zuhause passen. Die Technik muss ausreichend sein, das Internet schnell genug, es muss ein geeigneter Raum zur Verfügung stehen.
Ebenso muss natürlich die verwendete Technik barrierefrei sein, wenn die Person darauf angewiesen ist. Viele der Konferenz-Lösungen sowie der Tools zum Zugriff auf die Firmen-Infrastruktur sind das leider nicht.

Corona ist eine Chance

Ich bin ja kein Fan von Kalendersprüchen a la „Krise als Chance“. Das wäre bei der Corona-Krise und ihrer dramatischen Folgen für die Betroffenen auch nicht angemessen.
Dennoch bleibt zu hoffen, dass die Krise der Digitalisierung einen Schub gibt. Denn bisher bleibt Deutschland weit hinter anderen Ländern zurück und bremst damit auch die Barrierefreiheit aus.

Barrierefreiheit – wir brauchen weniger Experten und mehr Basis-Wissen

Stilisierter Sherlock Holmes mit LupeEs ist kein Geheimnis, dass die Barrierefreiheit in vielen Fällen seit Jahren keine Fortschritte und noch öfter Rückschritte macht. Während sich die wenigen Experten in Fachdiskursen fingerhakeln, bleibt die Barrierefreiheit auf der Strecke.

Jeder muss, keiner weiß wie

Im Grunde wird jeden Tag gegen die Barrierefreiheits-Richtlinien verstoßen. Jedes Mal, wenn ein nicht-barrierefreies PDF online gestellt wird, sterben mindestens drei Einhörner. Schuld daran sind nicht nur die Ersteller, denn sie wissen es oft nicht besser. Schuld sind Adobe und Co. die das Thema seit Jahrzehnten nicht auf die Reihe bekommen. Aus Blei Gold herzustellen ist einfacher als aus einer Broschüre ein barrierefreies PDF herzustellen. Bei barrierefreien PDFs muss man sich die Anführungszeichen bei „barrierefrei“ immer dazu denken, denn 99 Prozent der so betitelten Dokumente weisen trotzdem sie von angeblichen Experten hergestellt wurden kleine bis größere Fehler auf.
Da es das Recht auf barrierefreie Dokumente gibt, müsste im Grunde jeder Verwaltungsmitarbeiter wissen, wie er Dokumente barrierefrei macht, sofern er interne oder externe Kommunikationsaufgaben übernimmt. Defacto weiß aber keiner, wie es geht. Die logische Konsequenz wäre, es in die Verwaltungsausbildung bzw. die entsprechenden Studiengänge mit aufzunehmen. Meines Wissens ist das bisher nicht der Fall. Bei mir rufen nicht selten Personen an, die Hunderte von Leuten schulen wollen, vorzugsweise in Buxtehude tätig sind und das natürlich möglichst umsonst haben wollen.
Das gleiche Trauerspiel finden wir bei den Web-Entwicklern, die man besser als Kästen-Hin-und-Herschieber bezeichnen sollte. Wenn sie HTML und CSS ihrem Sinn gemäß einsetzen würden, wäre 80 Prozent der Arbeit schon gemacht. Aber entweder können oder wollen sie das nicht, beides ist ein Armutszeugnis für diesen Berufsstand. Web-Entwickler und Webdesigner, die keine Barrierefreiheit können beherrschen ihr Handwerk nicht korrekt.

Wir kümmern uns um die Symptome, nicht um die Ursachen

Zynisch gesagt haben wir kein großes Interesse, die Situation zu verbessern. Wir verdienen prächtig an dieser Situation, nämlich daran, dass das Fachwissen bei den Auftraggebern und den Web-Agenturen fehlt. Je mehr die Leute rummurksen, je später sie uns dazu holen, desto mehr Stunden können wir anschließend abrechnen. Etwas Kaputtes zu reparieren kostet halt mehr als es von Anfang an richtig zu machen.
Daneben gibt es die Testverfahren, Zertifizierungen, schlecht konzipierte Kurse und weitere Angebote, mit denen die Experten ordentlich Geld verdienen, die der Barrierefreiheit aber nicht immer zugute kommen.

Halbwissen ist manchmal schlimmer als keines

Es gibt unzählige „Experten“, die Unsinn verzapfen: Der eine setzt CAPTCHAs auf seiner eigenen Webseite ein. Der Andere glaubt ernsthaft, ReadSpeaker wäre eine assistive Technologie. Und der Dritte setzt ARIA so ein, dass die Seite ohne ARIA zugänglicher wäre.
Da lobe ich mir die Leute, die gar keine Ahnung haben und recherchieren. Leider scheint es in der Szene nach wie vor nicht üblich zu sein, sich mit Betroffenen auszutauschen oder über den Tellerrand der geschriebenen Richtlinien hinaus zu schauen.

Mehr Basis-Wissen, weniger Experten

Die Lösung ist denkbar einfach: Wir brauchen weniger Experten-Wissen und mehr Basis-Wissen bei allen Verantwortlichen. Es rächt sich jetzt, dass Barrierefreiheit jenseits spezieller Zirkel nicht stattfindet. Wir haben Fach-Konferenzen zur Barrierefreiheit, aber auf Normalo-Konferenzen ist es ein Nischen-Thema und wird auch so wahrgenommen, wenn es überhaupt vorkommt. In den einschlägigen Studien- und Ausbildungsgängen kommt es wenn überhaupt als Rand-Thema vor.
Es gibt kein einziges deutsch-sprachiges Programm, um Personen umfassend zur digitaler Barrierefreiheit zu qualifizieren. Die HDM Stuttgart und die Uni Hildesheim decken nur Teilgebiete ab, die entweder zu speziell oder zu allgemein sind.
Es sind also keine substantiellen Fortschritte zu erwarten. Und das leider auch, wenn die Regierung noch strengere Gesetze erlassen würde, das hat sie aber ohnehin nicht vor.

Barrierefreiheits-Expertise ist nicht notwendig

Defacto ist Expertise in Sachen Barrierefreiheit in der Regel gar nicht nötig. Die meisten Leute arbeiten innerhalb eines bestimmten Themenspektrums: Die Einen erstellen Broschüre, die nächsten schreiben Texte, wiederum andere erzeugen Infografiken. Die Infografikerin muss wissen, wie sie Farben und visuelle Indikatoren möglichst barrierefrei umsetzt, aber sie muss sich nicht mit Leichter Sprache auskennen. Umgekehrt muss der Web-Entwickler nicht wissen, wie man Infografiken barrierefrei macht.
Wir müssen also den Gedanken aufgeben, allen alles beibringen zu wollen. Das ist so, als wolle man in ein volles Glas noch mehr einfüllen, das meiste geht daneben. Die Personen benötigen das Spezialwissen, welches auf ihre Tätigkeit passt.