Leitfaden zum Schreiben guter Alternativtexte


Dieser Leitfaden soll Sie in das Verfassen sinnvoller Alternativtexte einführen. Er geht schrittweise vor. Anlass für diesen Leitfaden ist, dass diese Frage immer wieder gestellt werden.

Generelles zu Alternativtexten

Alternativtexte werden nur von Screenreadern vorgelesen. Meines Wissens können die Vorlese-Tools von Lese- oder Sehbehinderten keine Alternativtexte vorlesen. Ich lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.
In fast allen Fällen können Alternativtexte kurz gehalten werden, es muss kein ganzer Satz sein.
Die Information, dass es sich um eine Grafik oder um einen Link handelt, muss nicht im Alternativtext stehen. Der Screenreader gibt stets die Information „Grafik“ oder „Grafik Link“ und folgend den hinterlegten Alternativtext aus.
Copyright-Informationen oder der Name des Fotografen bzw. Urheberrechte am Foto haben nichts im Alternativtext zu suchen. Diese Informationen sind für den Blinden irrelevant und ein Zeichen für mangelnde Sorgfalt.
Eine Doppelung der Informationen im Alternativtext und der Bild-Unterschrift sind zu vermeiden. Enthält eine Bildunterschrift eine Beschreibung und folgt diese logisch auf das Bild, kann der Alternativtext leer gelassen werden. In diesem Fall muss der Blinde wissen, dass der Text zum Bild gehört. Die Bild-Unterschrift sollte sich also direkt unter dem Bild befinden und einen eigenen Absatz bilden. Technisch kann das über das Attribut „Aria described by“ sichergestellt werden.
Sind alle relevanten Informationen zum Bild im Fließtext enthalten, kann der Alternativtext kurz gehalten werden. Praktisch kann ein Blinder sich alle Bilder und Alternativtexte eines Dokuments anzeigen lassen. Dies würde aber mit ein paar Ausnahmen auch kein Sehender tun, deshalb sollte das selten vorkommen.
Mir ist kein Screenreader bekannt, der Alternativtexte sequenz-weise verarbeiten kann. Üblicherweise werden Alternativtexte, unabhängig von ihrer Länge, in einem Stück vorgelesen. Deswegen rate ich von zu langen Alternativtexten ab. Insbesondere das Aufzählen von Einzel-Werten ist selten sinnvoll.
Folgender Entscheidungsbaum soll Ihnen helfen, sinnvolle Alternativtexte zu formulieren.

1. Ist die Grafik verlinkt oder hat sie eine Funktion?

Wenn die Grafik verlinkt ist, stellt sich die Frage, wo der Link hinführt. Bei einer verlinkten Grafik ist also das Ziel des Links wichtiger als das, was in der Grafik zu sehen ist. Es gibt mehrere denkbare Fälle:

  • Der Link öffnet eine größere Ansicht des Bildes. Dann reicht die Info Bildbeschreibung + „öffnet größere Ansicht“. Die größere Ansicht ist für den Blinden in der Regel irrelevant, aber er muss trotzdem wissen, was der Link tut.
  • Der Link startet einen Download, z.B. einer Broschüre. Dann kann die Beschreibung zum Beispiel „Laden Sie die Broschüre XY herunter“ lauten.
  • Öffnet der Link einfach nur eine neue Webseite, können Sie vorgehen wie bei jedem anderen Link. Schreiben Sie aber in jedem Fall dazu, wenn der Nutzer durch das Öffnen des Links Ihre Website verlässt, denn das bekommt man als blinde Person nicht immer mit.

Löst die Grafik eine Funktion aus, etwa bei einem grafischen Button, ist die Beschreibung der ausgelösten Funktion relevant. „Nach rechts zeigender Pfeil“ ist also keine gute Beschriftung, „Weiterblättern“ oder „zur nächsten Seite blättern“ schon eher.
Im Alternativtext sollte also das Ziel des Links oder die ausgelöste Aktion stehen. Auf eine Beschreibung der Grafik kann in diesem Fall komplett verzichtet werden.

2. Wie wichtig ist die Grafik?

Der nächste Fall tritt ein, wenn die Grafik nicht verlinkt ist oder keine Funktion hat.
Die Frage ist: Was würde passieren, wenn die Grafik nicht geladen wird? Würden wichtige Informationen für den Nutzer verloren gehen?
Ist das nicht der Fall, reicht eine schlichte Beschreibung der Grafik. Empfohlen werden 80 Zeichen oder weniger, technisch gibt es keine Begrenzung.

Relevanz und Kontext

Die Ausführlichkeit einer Bild-Beschreibung ist stets von der Relevanz der Grafik abhängig. Wie relevant eine Grafik ist, hängt aber immer vom Kontext ab.
Die folgenden Beispiele sollen das veranschaulichen. Bitte denken Sie aber stets daran: Informationen, die im Fließtext enthalten sind, brauchen in der Bild-Beschreibung nicht vorzukommen.
Beispiel I: Ein Artikel der Deutschen Bahn mit einem Bild von einem Zug
Stilisierter Zug
Beispiel II: Segelboot auf offenem Meer
Ein Segelboot dient häufig als Aufhänger in einem Urlaubs-Katalog. In diesem Fall würden Sie das Bild kurz beschreiben, denn es dient dekorativen Zwecken.
Wäre das Bild in einem Segel-Magazin enthalten, wären natürlich mehr Infos interessant: Was ist es für ein Boot, aus welcher Epoche stammt es, wie viele Segel hat es und so weiter.
Segelschifff
Beispiel III: Ein Elefant wirft einen Basketball in einen Korb
Auch das wäre ein typisches Motiv in einem Urlaubs-Katalog. Ein Tierschutz-Verband würe aber natürlich ganz andere Informationen kommunizieren und entsprechend auch die Bild-Beschreibung anders fassen.

Bei Symbolen oder Icons, die keine eigene Information enthalten kann der Alternativtext leer gelassen werden.
Zum Beispiel werden in Linklisten gerne Icons vorangestellt. Dazu gehört die nach rechts zeigende Hand oder ein Pfeil. Diese Icons haben für Blinde keinen Mehrwert und hier sollte der Alternativtext leer gelassen werden. Eine kurze Beschreibung würde den Lesefluss stören.

3. Die Grafik enthält eigene Informationen

Was häufig vorkommt sind Grafiken, die selbst Informationen enthalten: Diagramme, Organigramme, Schaubilder und so weiter.

3.1. Kommen die enthaltenen Informationen im Text oder in einer Tabelle vor?

Wenn ja, kann die Information kurz gehalten werden. Dem Alternativtext kann die Information „Detailierte Informationen finden sie im Text“ bzw. „… in der Tabelle“ angehängt werden. Handelt es sich um einen langen Text, ist ein Verweis auf den konkreten Abschnitt sinnvoll.

3.2. Die Informationen kommen nicht im Text vor

Wenn nein, empfehlen wir den Einsatz einer einfachen Tabelle für Zahlenwerte.
Für komplexe Grafiken, etwa Organigramme, sportliche Übungen oder Kunstwerke empfiehlt sich eine längere, systematische Beschreibung. Sie kann auf der selben Seite oder per Link auf eine Extra-Seite bereit gestellt werden.
Ausführliche Infos gibt es im Artikel Wie beschreibe ich etwas für Blinde?.

Gibt es unbeschreibbare Bilder?

Ja und nein: Theoretisch lässt sich jedes auch noch so komplexe Bild beschreiben. In der Praxis sind aber viele Grafiken so komplex, dass sie nicht sinnvoll beschrieben werden können. Beispiel sind umfangreiche Landkarten, elektronische Schaltpläne, Bauzeichnungen und vieles mehr.
Viele dieser Grafiken werden in erster Linie in sehr speziellen Kontexten eingesetzt. Natürlich ist Inklusion immer anzustreben. Allerdings ist für mich kaum vorstellbar, warum man z.B. einen elektronischen Schaltplan oder eine Bauzeichnung für Blinde zugänglich mache sollte. Sie richten sich an Fachleute, das heißt, auch Sehende ohne diese Qualifikation wären überfordert.
Es gibt grundsätzlich mehrere Möglichkeiten, sie dennoch zu beschreiben. Eine Möglichkeit ist, Ebenen herauszunehmen und nur Grundrisse zu beschreiben.
Eine weitere Möglichkeit wäre, tatsächlich die Grafik systematisch zu beschreiben. Hier ist allerdings das Problem, dass bei einigen Blinden das visuelle Vorstellungsvermögen nicht gut genug ausgeprägt ist.
Eine weitere Möglichkeit sind tastbare Modelle, etwa aus dem 3D-Drucker oder eine echte elektronische Schalttafel, die sich anfassen lässt.
Tatsächlich haben wir aber noch keine saubere Methode entwickelt, um solch komplexe Grafiken adequat zu beschreiben. Derzeit kommen wir meines Erachtens nicht an persönlichen Beschreibungen vorbei, also an einer Beschreibung durch eine richtige Person, bei der man dann auch Rückfragen stellen kann.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner