Bessere Hilfsmittel gefragt

Es müssen paradiesische Zustände gewesen sein: noch vor nicht allzu langer Zeit konnte man ein Hilfsmittel bei der Krankenkasse beantragen und die haben es, nach einer aus ihrer Sicht angemessenen Wartezeit, die einen Hauch von Planwirtschaft hatte – bezahlt. Heute sind Ablehnungsschreiben scheinbar fest in den Druckern der KKs verankert, die Wartezeit erinnert aber immer noch an die Sowjetunion.
Gleichzeitig hat sich der Pool an Hilfsmitteln unglaublich erweitert. Zum Großteil verdanken wir das nicht der fleißigen Hilfsmittelindustrie, sondern der Mainstream-Computer- und Technologie-Wirtschaft, die fleißig verkleinert, effizienter macht und bessere Software entwickelt.

Die Kostenfalle

Die Hilfsmittelindustrie greift solche Entwicklungen – ebenfalls mit angemessener Zeitverzögerung – auf, um daraus eigene Produkte zu basteln. Die ersten Navis für Blinde kamen einige Jahre, nachdem GPS schon in den Alltag vieler Autofahrer eingezogen war. Nach Google Glass und anderen Wearables tauchen jetzt die ersten Geräte für Blinde auf, z.B. die OrCam, die aktuell durch die Medienlandschaft geistert. Die vergessen aber leider, den stolzen Preis von 3.500 Dollar zu erwähnen. Das ist aber ein Schnäppchen im Vergleich zu Hyperbraille, einem großflächigen Braille-Display, das zwischen 40.000 und 50.000 Euro kosten soll – sofern es jemals den Markt erreicht.
Ich höre schon meine Krankenkasse die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Dabei ist der Preis nicht der entscheidende Punkt, sie bezahlt auch wesentlich teurere Sachen. Entscheidend ist, dass die Krankenkasse und andere Träger nur das bezahlen wollen, was unbedingt notwendig ist. Was aber notwendig ist, dass wissen Krankenkassen, Sozialämter, Arbeitsagenturen, Rentenversicherung, Unfallversicherung und so weiter besser als wir. Zumindest lehnen sie aus Prinzip alles ab, was über den Absoluten Grundbedarf hinausgeht.

Die Hilfsmittelindustrie steht auf dem Schlauch

Umso seltsamer sind die Anwandlungen der Hilfsmittelindustrie. Die meisten dieser Unternehmen sind in den anfangs beschriebenen alten Zeiten entstanden oder gewachsen und haben eine Goldgrube für sich entdeckt. Dass die Zeiten auch für Behinderte immer schwieriger geworden sind, sollten sie auch mitbekommen haben. So ist in vielen Bundesländern das Blindengeld gekürzt worden, so dass viele Blinde ansparen müssen, um sich Hilfsmittel selbst zu kaufen, die über den Grundbedarf hinaus gehen. Da viele Blinde arbeitslos sind, stehen ihnen kaum mehr Mittel zur Verfügung als die Grundsicherung.
Dennoch wirft die Hilfsmittelindustrie immer neue teure Hilfsmittel auf den Markt. So kostet eine kleine, mobile zwölftstellige Braillezeile bereits weit über 1000 Euro. Die besagte OrCam ist mit 3.500 Dollar ein echtes Luxusgut, dafür kann man fünf iPads der letzten Generation kaufen.
Dabei wird vor allem mit zwei Aspekten argumentiert: Zum einen sind die Herstellungskosten zu hoch, weil die Stückzahlen so gering sind. Der hohe Preis für Braillezeilen wird auf die teuren Module zurückgeführt, die für die Braille-Darstellung erforderlich sind. Der zweite Aspekt sind die hohen Entwicklungskosten, die ebenfalls mit der geringen Stückzahl korrelieren. So kostet es natürlich mehr, ein neues Smartphone zu entwickeln als etwa einen Screenreader, da von einem Smartphone aber mehr Geräte verkauft werden, sinken die Entwicklungskosten pro Gerät.
An beiden Argumenten ist etwas dran. Allerdings zeigen Open-Source-Projekte wie Orca oder NVDA, dass die hohen Kosten für die kommerziellen Screenreader sich kaum mehr rechtfertigen lassen.
Auch das Argument mit den Stückzahlen ist nicht mehr ganz schlüssig. Würde man die Kosten senken, so dass sich die Leute die Geräte selber kaufen könnten, so könnte man auch mehr Geräte verkaufen, ergo würden die Herstellungskosten sinken und so fort. Mein Eindruck ist, dass die Hilfsmittelindustrie eher die Kostenträger als Kunden ansieht als die Behinderten.

Ein neues Paradigma

Es ist extrem unwahrscheinlich, dass wir in das Paradies zurückkehren können. Das Gegenteil ist zu fürchten, die Krankenkassen drehen uns den Hahn ab, die Länder fahren das Blindengeld herunter und die Sozialämter waren noch nie freizügig, wenn es um Leistungen zur Teilhabe geht. Deswegen müssen wir neue Lösungen finden, damit jeder das bekommt, was er benötigt.
Ein Lösungsweg ist natürlich, der Hilfsmittelindustrie ihr Monopol zu entreißen. Wir haben das ein Stück weit mit NVDA und Orca schon geschafft. Das iPhone ersetzt heute schon einen ganzen Fuhrpark an Hilfsmitteln vom Preisleser über das Farberkennungsgerät bis zum Monokular. Mit 3D-Druck und modernen Produktionsmethoden dürfte es bald möglich werden, kostengünstig auch kleinere Stückzahlen etwa von Braillezeilen oder ähnlichen Produkten herzustellen. Bald ist natürlich relativ, vielleicht dauert es noch fünf Jahre, vielleicht zehn, eventuell aber auch weniger. Klügere Leute als ich machen sich Gedanken darüber, wie man so etwas hinbekommen kann.
Ein weiterer Schritt ist die Mainstreamisierung von Behindertentechnologien. Die Hilfstechnik muss in normale Geräte integriert werden, wie wir es schon beim iPhone erlebt haben. Dazu müssen aber die Behinderten aktiver werden, als sie das bisher waren.
Last but not least brauchen wir neue Formen der Nutzung von Hilfsmitteln. Es gibt bestimmte Dinge, die man ständig braucht oder die man aus verschiedenen Gründen nicht mit anderen teilen will. Andere Dinge braucht man nur selten, etwa ein Navi oder ein barrierefreies Auto. Deshalb ist es sinnvoll, solche Dinge entweder bei einer zentralen Stelle ausleihen zu können oder sie zu teilen, zum Beispiel in einer Genossenschaft. Es senkt die Anschaffungskosten deutlich, es reduziert den Ärger mit den Ämtern und es vermeidet viele Probleme, die der Besitz bringen würde. In Marburg gibt es bereits einen Hilfsmittel-Pool für Blinde.

Print Friendly, PDF & Email

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner