Die WebAIM-Studie sind 98 Prozent der Webseiten nicht barrierefrei?

Stilisierter Sherlock Holmes mit Lupe98 Prozent der meist genutzten Webseiten nicht barrierefrei – die Nachricht macht aktuell wieder die Runde auf Twitter und einschlägigen Accessibility-Kanälen. Tolle Sache, vor allem, wenn man nur Überschriften liest. Persönlich finde ich die WebAIM-Studie aus zahlreichen Gründen nicht aussagekräftig. Das möchte ich in diesem Beitrag darlegen.
Kurz zur Erklärung: In Fachkreisen sprechen wir nicht von Barrierefreiheit, sondern von Konformität. Konformität heißt, dass ein bestimmter Standard erfüllt wurde, zum Beispiel WCAG 2.1 auf Stufe AA. Da der Begriff „barrierefrei“ für Webseiten nicht fest definiert ist, ist dieser Behelf stets notwendig.
Und hier ist schon der erste Fehler: WebAIM hat seine Prüfung auf der Konformitätsstufe AA durchgeführt. AA ist allerdings der Standard für öffentliche Einrichtungen. Private Organisationen streben in der Regel nicht AA, sondern A an. Auf der Stufe A gibt es zum Beispiel keine Vorgaben für Mindest-Kontraste. Wenn man aber nicht verpflichtet ist, AA zu erfüllen und nur A anstrebt, ist die Bewertung nach AA nicht sinnvoll. Es ist so, als ob ich Amateursportler nach den Maßstäben von Profisportlern bewerten würde.

Methodik

Die eine Millionen Websites wurden mit dem WAVE-Tool von WebAIM automatisiert geprüft. Vielmehr ist zur Methodik auch nicht zu sagen.

Automatisierte Tools sind begrenzt bis gar nicht hilfreich

Was ich derzeit von automatisierten Barrierefreiheits-Tests gesehen habe, hat mich nicht überzeugt. Nun mag der WebAIM Wave noch eines der ausgefeilteren Werkzeuge sein, aber das sagt leider auch nichts aus. Es gibt Dinge, die man automatisch messen kann wie das Vorhandensein bestimmter HTML-Elemente, ARIA-Attribute, Labels, Alternativtexte und einige Kontraste. Doch ist die Liste der Dinge länger, die sie nicht auswerten können.
Dazu gehört die Sinnhaftigkeit von Alternativtexten, der sinnvolle Einsatz von ARIA, die korrekte Auszeichnung von Texten oder Formular-Elementen.
Kurz: Ob Wave Fehler anzeigt oder nicht, ist vollkommen irrelevant. Ein fauler, aber schlauer Entwickler lässt das Tool drüberlaufen, bügelt die Fehler aus und bekommt seine Seite konform, ohne ein Quentchen an der Barrierefreiheit verbessert zu haben.
Wie WebAIM selber anmerkt, werden Webseiten immer komplexer. Ich gehe allerdings davon aus, dass viele Webseiten insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum das Thema Barrierefreiheit auf dem Schirm haben. Das heißt, sie kümmern sich um Alternativtexte oder sinnvolle Link-Beschreibungen. Allerdings ist es für extern eingebundene Inhalte teils nicht möglich, diese Faktoren zu berücksichtigen.
Ein Großteil der Fehler dürfte auf solche eingebundenen Inhalte zurückzuführen sein: Das sind etwa Social-Media-Inhalte oder Werbung. Wenn man nach WebAIM geht, sollte man solche Inhalte wahrscheinlich weglassen, da man sie nicht barrierefrei machen kann. Damit dürfte man die Leute eher von Barrierefreiheit abschrecken.
Schauen wir uns die Fehler einmal genauer an:

  • 86 Prozent mit Fehlern beim Kontrast: Wie oben angemerkt kein AA-Kriterium
  • 66 Prozent Bilder mit fehlenden Alternativtexten: Hier gehts wahrscheinlich um extern eingebundene Inhalte, auf die man keinen großen Einfluss hat, gleiches gilt für Links ohne Text.
  • 53 Prozent mit fehlenden Formular-Beschriftungen: In der Tat ärggerlich, aber das kann man nur im Zusammenhang beurteilen. Geht es etwa um das Suchfeld und ist nur ein Feld vorhanden, ist dieser Fehler nicht so schlimm.
  • 28 Prozent fehlende Dokumentsprache – völlig irrelevant, da die meisten NutzerInnen der Webseiten MuttersprachlerrInnen sein dürften. Das Language-Attribut ist so ziemlich der größte Blödsinn, den sich die Accessibility Expert:Innen überhaupt ausgedacht haben.

Keine Seite ist ohne Fehler

Die eine Millionen am meisten besuchten Webseiten werden wohl jeweils von größeren Teams betreut. Da kann es immer wieder passieren, dass einzelne Redakteure Fehler machen: Sei es die fehlerhafte Einbindung eines Widgets, die falsche Verschachtelung von Überschriften oder das Vergessen des Alternativtextes. Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein auf WebAIM.
Das heißt, schon ein einzelner Fehler eines Redakteurs kann dazu führen, dass die Website durch die WCAG durchfällt. Kann man sinnvoll finden, praxisrelevant ist es nicht.
98 Prozent aller Webseiten weisen also Fehler auf, es dürften eher 100 Prozent sein. Wer schon mal Webseiten evaluiert hat weiß, dass man Fehler findet, wenn man gezielt nach ihnen sucht.
Am Ende geht es aber nicht um technische Perfektion, sondern darum, dass Menschen mit Behinderung die Website nutzen können. Darüber sagt die WebAIM-Studie tatsächlich gar nichts aus.
Niemand behauptet, dass alle Webseiten perfekt barrierefrei seien. Aber die Behauptung, 98 Prozent der Webseiten könnten von behinderten Menschen nicht genutzt werden ist einfach Quatsch. WebAIM sagt das nicht ausdrücklich, suggiert es aber durch die gesamte Aufmachung der Kommunikation.

Motivieren oder demotivieren

Ein Kunde wollte mich überreden, die Studie in einer der Schulungen zu erwähnen. Ich habe mich geweigert, aus den oben genannten Gründen. Aber auch, weil ich das Signal für fatal halte. Die Studie kann zeigen, dass auch Andere es nicht besser machen als man selbst und dann dazu motivieren, mehr zu tun.
Meines Erachtens hat sie aber einen demotivierenden Effekt. Sagt sie nicht aus, dass die WCAG 2.1 AA im Grunde nicht umsetzbar ist? Und das bei Websites, die teilweise ein sechsstelliges Budget haben dürften? Wenn es Riesen wie Amazon oder die New York Times nicht schaffen, ihre Websites barrierefrei zu machen, wie soll es dann dem lokalen Selbsthilfe-Verein gelingen.

Was soll diese Studie

Im Grunde schätze ich die Kollegen von WebAIM. Umso mehr wundere ich mich darüber, dass sie so eine Studie veröffentlichen. Was ich hier schreibe ist sozusagen das kleine 1 mal 1 der Barrierefreiheit und natürlich auch den Verantwortlichen bekannt.
Ich habe im Grunde nur zwei Erklärungen: Entweder glauben sie tatsächlich so an die Qualität ihres Tools, dass sie die oben genannten Punkte einfach ausblenden. Oder – das vermute ich – die Studie ist ein reiner PR-Gag. Für eine schnelle Meldung ist das schön griffig: „98 Prozent aller Webseiten schließen Behinderte aus“. Kann man wunderbar in eine Schlagzeile packen.
Mit der Realität hat das wenig zu tun. Zumindest die meisten textlastigen Angebote lassen sich gut nutzen, auch wenn sie kleinere Mankos in der Barrierefreiheit haben.
Und ich bin mir auch nicht sicher, ob man der Barrierefreiheit damit einen Dienst erwiesen hat. Es wundert mich schon, dass WebAIM glaubt, diese Art von PR nötig zu haben.

Ein Gedanke zu „Die WebAIM-Studie sind 98 Prozent der Webseiten nicht barrierefrei?“

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