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Back to the office – ein Rückschritt in Sachen Barrierefreiheit

Stilisierter MonitorIch bin ja immer skeptisch, wenn Megatrends ausgerufen werden. Als die großen Lockdowns vor rund zwei Jahren losgingen und Corona unser Leben längere Zeit einschränkte, sind viele davon ausgegangen, dass dies die digitale Revolution auslösen würde, auf die viele von uns solange gewartet haben. Es würde weniger Reisezirkus geben, wir würden mehr Online-Meetings machen und die Regelungen zum Home Office würden großzügiger werden.
Das mag bei vielen Organisationen der Fall sein, es scheint mir jedoch eher die Ausnahme zu sein. Im Gegenteil, viele Organisationen kehren zur alten Präsenz-Realität zurück. Seit Februar trudeln bei mir die Anfragen nach Präsenz-Terminen in Berlin und Co. wieder ein. Da geht es um Vorträge, die ein bis zwei Stunden dauern. Es kann natürlich sein, dass viele einfach nur ein Vergleichs-Angebot brauchen und mich ohnehin nicht buchen würden. Allerdings meinen es viele ernst: Ich soll über zehn Stunden Zugfahrt + Übernachtung aufwenden, um einen meiner Standard-Vorträge zu halten und ein paar Tassen Kaffee + belegter Brötchen zu verdrücken.
Früher habe ich solche Termine tatsächlich wahrgenommen, man konnte das gut mit offenen Schulungen oder privaten Treffen kombinieren. Im Augenblick ist mir das aber zu anstrengend. Mein Vorschlag, das Remote zu machen wird fast immer abgelehnt. Meine physische Anwesenheit scheint den Leuten viel wert zu sein.
Auch von Freunden und Bekannten höre ich, dass Remote-Optionen schrittweise abgeschafft werden. Es finden wieder Meetings statt, für welche die Leute stundenlang – gerne mit dem Flugzeug oder PKW – anreisen. Viele Konferenzen finden wieder präsent ohne Remote-Option statt. In Zeiten wie diesen kann man das ruhig ökologischen und ökonomischen Unsinn nennen.
Für viele behinderte Menschen dürfte das ein Rückschritt in Sachen Barrierefreiheit sein. Das gilt vor allem für Menschen, die auf den ÖPNV angewiesen sind. Für Nicht-Behinderte ist das Stress, für behinderte Menschen oft eine Tortur.
Ich persönlich habe übrigens nichts gegen die Arbeit im Büro, ich habe das lange gemacht und solange es keine Pendelei bedeutet, werde ich das immer vorziehen. Ich habe aber den Vorteil, dass ich zentral in einer Großstadt wohne und fast alles zu Fuß oder schnell mit dem ÖPNV erreichen kann.
Auch wenn es hier oft anders klingt, ziehe ich persönliche Begegnungen der Online-Kommunikation vor. Allerdings sollte alles verhältnismäßig sein. Das war es teilweise vor Corona nicht und es schaut so aus, als ob es wieder so wird.
Home Office hat zahlreiche Vorteile, die für behinderte Menschen besonders stark gelten. Man ist etwa häufiger örtlich gebunden, zum Beispiel wegen einer barrierefreien Wohnung oder wegen sozialer Bindungen. Der ÖPNV ist weit davon entfernt, barrierefrei zu sein, das gilt leider auch für viele Organisations-Gebäude, Veranstaltungs- oder Übernachtungs-Orte.
Daneben muss man feststellen, dass Corona durchaus nicht weg ist. Für Personen mit Lungen- oder anderen chronischen Erkrankungen kann es nach wie vor ein Todes-Urteil bedeuten. Wenn Remote-Optionen jetzt nach und nach wegfallen, werden diese Personen benachteiligt.
Mein Fazit ist, dass Arbeitgebende und Veranstaltende das Thema Remote wieder ernster nehmen sollten. Remote löst sicher nicht alles, aber es kann das Leben vieler behinderter Menschen – und im übrigen auch vieler anderer Personen – deutlich erleichtern. Man redet so viel über New Work. Das sollte sich aber nicht in schicken – nicht barrierefreien – Kaffee-Maschinen oder spacigen Büro-Designs erschöpfen.

Junk-Studien in der Barrierefreiheit

Stilisierte Figur wirft etwas in einen MülleimerIn den letzten Jahren hat die Zahl an Junk-Studien massiv zugenommen: Es handelt sich um pseudo- oder gar völlig unwissenschaftliche Untersuchungen, bei denen entsprechend nur Unsinn herauskommt. Das spielt auch in der Barrierefreiheit eine zunehmende Rolle.
Junk-Studien sind Untersuchungen verschiedener Formate, die eine bestimmte Aussage bestätigen oder widerlegen sollen. Die Anführungsstriche bei Studie muss man sich immer dazu denken, das Wort soll dem Ganzen einen wissenschaftlichen oder zumindest objektiven Anstrich verleihen.
Bestimmte Merkmale sind diesen Studien gemein:

  • Die Aussage, die bestätigt oder widerlegt werden soll, steht bereits im Voraus fest. Wissenschaft ist generell offen, wenn nicht das gewünschte Ergebnis rauskommt, rechnet man nicht solange herum, bis es doch passt.
  • Das Studien-Design ist fehlerhaft. Befrage ich Webseiten-Betreibende, ob sie Barrierefreiheit beachten wird ein anderes Ergebnis herauskommen als wenn ich mir ihre Webseiten anschaue.
  • Die Methodik ist fehlerhaft: Ich arbeite mit nicht-repräsentativen Stichproben, selektiere die Befragten nach eigenen Kriterien, verwende Suggestiv-Fragen und so weiter.
  • Die Ergebnisse werden falsch oder verzerrend dargestellt.

Praktisch immer geht es bei solchen Studien um PR. Entweder möchte man einfach ein paar Schlagzeilen erzeugen oder ein Angebot verkaufen. Auf Portalen für Pressemitteilungen findet man fast stündlich solchen Junk.
Schauen wir uns ein paar Beispiele an. Jüngstes Beispiel ist die Firma Sapera Studios – nie gehört? Ich auch nicht. Irgendwie haben sie die größten Webshops untersucht und lauter Unsinn herausgefunden. Die Fehler, die in dem Text zu finden sind:

  • Schriftgrößen und Kontraste sind nicht über die Website, sondern durch den Nutzenden einzustellen.
  • Video-Inhalte sollen nicht automatisch abspielen, das stört die Sprachausgabe und triggert Personen mit Anfalls-Erkrankungen.
  • Verständliche Sprache ist in den Richtlinien bisher nicht geregelt. Ein Anbieter wie Conrad richtet sich ohnehin an ein Fach-Publikum.
  • Die Methodik der Analyse ist hier gar nicht vermerkt. Falls sie jemand findet, freue ich mich auf Hinweise.

Fazit: Niemand behauptet, Webshops wären annähernd barrierefrei. Die Sapera-Untersuchung hilft uns allerdings nicht weiter und wir dürfen hoffen, dass niemand den dortigen Empfehlungen folgt.
Selbst Bundes-Einrichtungen sind vor solchem Unsinn nicht geschützt. Die Überwachungsstelle des Bundes veröffentlichte letztes Jahr eine Studie zu gendergerechter Sprache. Im Endeffekt hatte sich eine – meines Erachtens nicht besonders erfahrene – Person mit Screenreadern verschiedene Kombinationen von Zeichen angeschaut und es wurden Verantwortliche aus Behinderten-Verbänden befragt. Man hätte auch einfach raten können, das hätte weniger Zeit gekostet.
Die WebAIM-Studie habe ich ja bereits zerpflückt. Nur in Kürze: Man leitet aus einem automatischen Prüf-Tool die Barrierefreiheit einer großen Zahl von Websites ab, ohne Probleme zu gewichten. Ob 1 oder 100 Fehler, ob kleine Macke oder Riesenlcoch, für WebAIM ist das alles das Gleiche. Das hilft dem Diskurs um Barrierefreiheit meines Erachtens nicht weiter.

Schlichtungsverfahren zur Barrierefreiheit – ein ernüchterndes Fazit

Seit einigen Jahren ist es möglich, gegen öffentliche Stellen ein Schlichtungsverfahren einzuleiten, wenn sie gegen die Barrierefreiheit/BITV verstoßen. Leider ist das Verfahren nicht zielführend.
Ich habe im letzten Jahr ein par dieser Verfahren angestoßen. Unter anderem hatte die Bundeszentrale für politische Bildung zahlreiche Verstöße zu verantworten: So fehlten auf den Social-Media-Auftritten sämtlich Bildbeschreibungen. Das Bundesamt für soziale Sicherung hatte eine fehlerhafte Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlicht. Beide haben auf meine Hinweise gar nicht reagiert.
Nach einem halben Jahr hatte ich die Ergebnisse vorliegen. Im Ernst: Ein halbes Jahr für so einen Pipifax. Das zeigt, wie ernst diese Bundes-Einrichtungen das Thema digitale Barrierefreiheit nehmen – gar nicht.
Das Kernproblem ist, dass den Einrichtungen anders als beim Verstoß gegen die DSGVO keine Sanktionen drohen. Viele Ämter setzen das Thema Barrierefreiheit schlecht um, siehe die Bundeszentrale für politische Bildung. Ich greife die BPB gerne heraus, da sie sich ja anders als die meisten Bundes-Einrichtungen an eine breite Öffentlichkeit wenden. Wann habe ich als Privatperson mal mit dem BMAS oder dem Bundeskanzleramt zu tun?
Das Schlichtungsverfahren ist ein sinnvolles Instrument, wenn die Barrierefreiheit im Wesentlichen umgesetzt wird und nur kleine Verstöße zu finden sind, zudem die Verantwortlichen nicht bereit sind, diese Verstöße zu beheben. Ich hatte zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZGA darauf aufmerksam gemacht, dass ihre aktuell produzierten PDFs nicht barrierefrei seien. Die PR-Dame antwortete mir etwas wie, das Problem sei ihnen bekannt. Das hilft mir total weiter. Im Grunde heißt das „Na und, ist uns doch egal“.
Bei systematischen Verstößen wie sie leider allzu häufig zu finden sind wird die Verantwortung auf das Individuum übertragen. Dazu kommt die ewige Wartezeit. Vielleicht brauche ich die Info aber jetzt und nicht im Jahr 2030 barrierefrei.
Und was ist, wenn das Amt sich weigert? Bin ich wirklich bereit, zu klagen? Ein klares Nein. Weder habe ich die Zeit noch die rechtliche Expertise und mein Geld gebe ich lieber für andere Dinge als für Anwält:Innen aus.
Mein Fazit: Solange es keine Sanktions-Mechanismen gegen Verstöße gibt, die Vorschriften im Wesentlichen erfüllt werden und es kurze Fristen für Schlichtungsverfahren gibt, ist das Verfahren nicht sinnvoll.

Wie Blinde das Internet erkunden – die Haus-Metapher

Es ist immer schwierig, Sehenden zu erklären, wie Blinde das Internet erkunden. Meine aktuelle Idee ist, ein unbekanntes Haus als Metapher zu verwenden. Ich arbeite gerne mit Metaphern, weil selbst das Zeigen manchmal zu abstrakt ist.
Stellen Sie sich vor, Sie betreten ein Ihnen unbekanntes Gebäude. Sie suchen etwas Bestimmtes, wissen aber nicht genau, wo es ist und wie es aussieht. Sie stehen also im Eingangsbereich und haben keine Vorstellung, wie das Haus aufgebaut ist. Sie dürfen aber überall reinschauen und alles aufmachen, der Besitzer ist nicht da und Sie sind mal so frei. Die Räume sind die Metapher für Unterseiten, die Kartons sind die einzelnen Bereiche der Seite.
Bevor Sie reinkommen, müssen Sie aber eine bestimmte Stelle an der Hauswand drücken (Cookie-Meldung). Aber wo ist diese Stelle? Tja, jetzt ist rumprobieren angesagt. Sie wollen entnervt aufgeben, dann haben Sie endlich eine etwas abgetakelte Fläche gefunden, die muss es wohl sein und die war es auch.
Wenn Sie Glück haben, sind die einzelnen Kartons beschriftet: Navigation, Content, Fußzeile und Seiten-Bereich. Wenn Sie Pech haben, müssen Sie den Karton aber erst mal erkunden, um herauszufinden, was darin ist. Stellen Sie sich für jeden Raum einen Haufen verschlossener Kartons vor: Sie müssen in jeden Karton schauen, um herauszufinden, was er enthält.
Jeder Raum/jede Unterseite sieht ein wenig anders aus. Sie müssen ihn also jedes Mal, wenn Sie ihn betreten neu erkunden. Auch müssen Sie aktiv zu jedem Karton hingehen und ihn öffnen, um zu erfahren, was drin ist. Ebenso kann eine blinde Person eine Webseite nicht einfach visuell überblicken und dort „hinkommen“, wo sie hin will.
Mist, bei diesem Raum ist das Licht ausgeschaltet. Sie können am Eingang einen Haufen Schalter und Regler ertasten. Bei einigen Elementen wissen Sie gar nicht, ob sie eine Funktion haben oder nicht. Leider wissen Sie nicht, wofür die einzelnen Elemente da sind, probieren Sie es also mal auf gut Glück aus. Mist, jetzt haben Sie sich aus dem Raum gebeamt und stehen wieder im Eingangsbereich. Welchen Raum haben Sie sich noch mal gerade angeschaut?
Jippy, Sie haben den Content-Raum gefunden und den Karton mit dem Inhalt, den Sie gesucht haben. Leider hat irgendein Blödmann lauter Sachen reingeworfen, die nicht reingehören. Während Sie also den Inhalt anschauen, taucht immer wieder etwas auf, was nicht reingehört: Werbung, abonnnieren Sie unseren langweiligen Newsletter, Machen Sie bei unserer furzlangweiligen Umfrage mit. Und so ein Mist, der Inhalt ist auf mehrere Kartons aufgeteilt, der zweite Karton ist im nächsten Raum, dann viel Spaß beim Suchen.
Nachdem Sie eine Voodoo-Puppe des Hausbesitzers gebastelt und selbige mit reichlich Holzpflöcken durchbohrt haben, stolpern Sie entnervt zum Ausgang. Aber halt, leider müssen Sie noch ein Formular ausfüllen, wir sind ja in Deutschland. Aber irgendein Witzbold, wahrscheinlich der Häuslebauer, hat den Teil des Blattes abgerissen, auf dem steht, was in die jeweiligen Felder eingetragen werden soll. Pech gehabt, ohne korrekt ausgefüllten Passierschein A38 kommen Sie halt nicht weiter. Leider gibt es kein Happy End.

Bitte einfacher – für ein Grundrecht auf Verständlichkeit

Es ist paradox: Wir hatten wohl nie so vielfältigen Zugang zu Informationen: Einerseits haben wir dank Smartphones jederzeit Zugang zum Internet. Andererseits ist die Vielfalt der Informationen gestiegen. Statt Text-Wüsten haben wir jetzt Videos und Podcasts zu beliebigen Themen. Eine gute Sache für Informations-Junkies.
Aber die Informationen sind nicht verständlicher geworden. Es ist schön, dass uns Expert:Innen wie Brinkmann und Drossten Corona erklären. Aber wer ohne Studium versteht eigentlich, was sie da erzählen? Das ist kein Vorwurf an Brinkmann und Drossten, sie sind in gewisser Weise Nerds, ihre primäre Aufgabe ist die Forschung und nicht das Erklären der selbigen für Andere. Man merkt auch durchaus, dass sie sich Mühe geben. Es ist aber durchaus ein Vorwurf an die Macher:Innen des Podcasts. Sie sind Wissenschafts-Redakteure und ihre originäre Aufgabe ist es, komplexe Inhalte verständlich zu machen. Leider machen sie diesen Job nicht besonders gut.
Wer versteht eigentlich, was sie da erzählen? Wahrscheinlich Personen, die studiert haben und viel Zeit und Musse haben, sich mit Corona zu beschäftigen.
Wir kennen das Trauerspiel, dass sich bei vielen komplexen Themen wiederholt. Wir hatten das bei der letzten Finanzkrise, bei der mit vielen komplexen Begriffen um sich geworfen wurde. Wir kennen das von der Steuererklärung, die genauso gut auf Alt-Griechisch sein könnte. Und wir kennen es von der Bundeszentrale für politische Bildung. Vielleicht nennt sie sich irgendwann Bundeszentrale für elitäre Bildung, denn die meisten Bücher und Hefte, die sie herausgibt sind nichts anderes als Bildungs-Popkorn für Leute, die gut gebildet sind und sich die regulären Ausgaben der Bücher kaufen könnten.
Leider finden wir das quer durch die Bank in Politik, Verwaltung und vor allem den Medien. Eigentlich werden Medienmachende dahin gehend ausgebildet, sich möglichst verständlich auszudrücken. Irgendwann zwischen Volontariat und Berufs-Tätigkeit scheint diese Fähigkeit auf der Strecke geblieben zu sein. Das ist schade, denn eigentlich wollen ja die meisten Leute ihren Job gut machen. Der ist aber nicht gut gemacht, wenn man genauso kompliziert kommuniziert wie Personen aus Politik und Verwaltung.
Nein, leider sind die Talkshows keine Lösung, es sei denn, man betrachtet Polit-Theater als verständliche Kommunikation. Ich fand schon als Student, dass die Talkshows eher etwas von unfreiwilligem Kabarett haben.
Ich denke, da jetzt so gut wie jeder Haushalt Rundfunkgebühren bezahlt, haben wir auch ein Recht auf verständliche Kommunikation in den Medien. Immerhin könnte das den Öffentlich-Rechtlichen helfen, aus ihrer Legitimationskrise herauszukommen. Selbst die Privatsender haben verstanden, dass sie die Nachrichten nicht komplett abschaffen können und sie bekommen es auch hin, verständlich zu kommunizieren.

Werden Blinde von der modernen Arbeitswelt ausgeschlossen?

fragezeichenFür viele Menschen ist die Digitalisierung ein Segen. Für Blinde und Sehbehinderte gilt das tatsächlich nicht immer. Das zeigt eine aktuelle Studie der American Foundation for the Blind’s.
Die Studie verfolgte mehrere Ansätze: Es wurde eine Literatur-Recheche durchgeführt, es wurden Interviews mit Einlzelpersonen und Fokusgruppen sowie Umfragen durchgeführt.
Ein Drittel der Befragten hatte Probleme, zum Bewerbungsprozess gehörige Tests durchzuführen, ein Viertel konnte für ihren Job notwendige Trainings nicht durchführen. rund die Hälfte konnte gedruckte oder digitale Formulare nicht ausfüllen, die für das Job-Onboarding notwendig waren. Ein Fünftel der Befragten fragte aus Furcht vor negativen Konsequenzen nicht nach behinderungs-notwendigen Anpassungen.
Aus meiner eigenen und der Erfahrung befreundeter Blinder/Sehbehinderter kann ich die Erfahrungen bestätigen. Der Druck hat in den letzten Jahren zugenommen, sich schnell mit neuen Tools zu beschäftigen. Die meisten dieser Tools arbeiten rein visuell bzw. hat man eklatante Nachteile, wenn man nicht mit der grafischen Benutzeroberfläche arbeiten kann.
Hinzu kommt, dass das Arbeitstempo und die Erwartungen immer mehr zugenommen haben. Ich würde zum Beispiel keinem jungen Blinden mehr empfehlen, in die Online-Redaktion zu gehen. Wer kann schon im Tempo eines Sehenden Videos drehen, Audio-Dateien bearbeiten, seine Redaktionspläne über Trello einsehen, mit X Redaktionssystemen gleichzeitig arbeiten und zugleich ein angemessenes Arbeitstempo einhalten? Ja, es gibt Assistenz, aber sie soll ja eben keine fachlichen Aufgaben wie Videoschnitt oder das Pflegen grafischer Boards übernehmen. Wenn sie das macht, wofür braucht es mich dann noch?
Probleme sehe ich auch beim Thema berufliche Vernetzung.: Wir haben die Wahl zwischen der Katastrophe XING und der Katastrophe Linkedin. Ich leide körperliche Schmerzen, während ich die Minuten abwarte, dass sich die Oberfläche aufbaut. Bisher habe ich nicht herausgefunden, ob oder wie man sich mit Screenreadern strukturiert dadurch bewegen kann. Auch Firmen, die angeblich das Thema Barrierefreiheit im Blick haben sind schlichtweg unfähig: GoogleMail im Browser ist mit Screenreadern eine reine Pein. Der glücklichste Tag meines Lebens wird sein, wenn ich den Adobe Reader deinstallieren kann, wenn man „barrierefreie“ PDF in die Hölle schickt, aus der sie offenbar geboren wurden.
Das Verständnis bzw. die Bereitschaft, sich auf diese Herausforderungen einzulassen ist von Seiten Sehender zwischen solala und Nicht-Vorhanden. Das ist insofern verständlich, weil sie natürlich ihre eigene Arbeit haben, die auch gemacht werden muss.
Ich muss sagen, dass mein Optimismus in den letzten Jahren nachgelassen hat, dass sich die Situation in absehbarer Zeit verbessern wird. Bisher ist es eher schlimmer geworden. Wir werden uns später um Barrierefreiheit kümmern ist der häufigste Satz der letzten Jahre. Klar Leute, wir warten dann einfach, bis ihr damit fertig seid.

Automatisch zur Leichten Sprache – Vortrag und Diskussion zur Anwendung SUMM

Screenshot der SUMM Anwendung
Kann man Texte automatisch in Leichte Sprache übersetzen. Drei Absolvent:Innen beschäftigen sich mit dieser Frage. Am 26.4.2022 von 17 bis 18 Uhr stellen sie uns ihre Erkenntnisse vor. Aber zunächst ein paar Hintergründe zu der Anwendung und den Personen dahinter.
Flora, Nicholas & Vanessa) sind ein Team aus Absolvent:innen der TU München, die im vergangenen Jahr Ihren Informatik-Master beendet haben.
Da uns eine Passion für Technologie der maschinengestützten Sprachverarbeitung vereint und wir unser Wissen in diesem Bereich gerne für einen sinnvollen, sozialen Zweck einsetzen möchten, ist aktuell unser Ziel, herauszufinden, ob und wie wir mit einer Software den Übersetzungsprozess von Alltagssprache in Leichte Sprache unterstützen können.
Konkret haben wir das “Google Translate” für Leichte Sprache gebaut – links den komplexen Text einfügen, auf „Übersetzen“ klicken, und dann erscheint rechts der mit Hilfe von KI automatisch generierte, leichte Text. Es handelt sich also um ein Tool für Übersetzungen innerhalb einer Sprache, allerdings in einen einfacheren Sprachstil, sogenannte „Leichte Sprache“. Allein in Deutschland sind insgesamt mehr als 10 Millionen Menschen auf Leichte Sprache angewiesen, um Informationen verstehen zu können.
Website zur Anwendung

Anmeldung

Die Veranstaltung wird auf Zoom stattfinden. Ihr könnt aber über euren Browser teilnehmen und benötigt keinen Zoom-Account. Fragen können per Chat oder Audio gestellt werden. Der Zoom-Link wird über den Newsletter zur Veranstaltung versendet, den ihr unten abonnieren könnt. Der Newsletter wird ausschließlich als Reminder sowie für die Versendung des Zoom-Links verwendet.

Hintergründe zum Format

Leider habe ich selbst weder die Zeit noch die Ressourcen, eine eigene größere Veranstaltung zu organisieren. Allerdings kann ich ein paar neuen Themen und Personen zu mehr Bekanntheit verhelfen. Das möchte ich mit dieser Veranstaltung erreichen. Geplant ist sie erst einmal für jeweils einmal im Monat von 17 bis 18 Uhr. Die Idee ist, dass es einen Input zu einem bestimmten Thema gibt und wir dann noch 20 bis 30 Minuten für eine Diskussion haben. Wichtig wäre mir auch, dass unterschiedliche Personen ihre eigene Perspektive einbringen können. Es gibt halt nicht einen Blinden oder Sehbehinderten, der weiß, was für alle Anderen gut ist. Die Zielgruppe wären sowohl Laien als auch Profis der Barrierefreiheit. Wenn ihr selbst Lust habt, ein Thema vorzustellen oder eine spannende Person kennt, dann schickt mir gerne einen Hinweis per Mail an barrierefreiheit ät posteo punkt de oder über die anderen Kanäle (Twitter, Xing, Linkedin). Auch Themenvorschläge sind herzlich willkommen. Gerne gesehen sind auch Wissenschaftler:Innen oder Studierende, die ihre aktuellen Arbeiten vorstellen. Es sollte aber immer etwas mit digitaler Barrierefreiheit zu tun haben.

Anleitung für Sehende für Microsoft Narrator

Screenshot des Narrator StartfenstersDer unter Windows 10 und 11 integrierte Screenreader Narrator hat sich inzwischen sehr gemacht und ist zumindest für einfache Dinge geeignet. Er bringt einige Vorteile gegenüber NVDA und Jaws mit:

  • Er ist integriert, muss also nicht installiert werden. Durch die Integration kann er auch performanter sein als externe Screenreader.
  • Er ist rudimentär, was die Einstellungen angeht. Das ist ein Nachteil für blinde Power User, aber für Anfänger:Innen und Sehende macht es die Sache einfacher.
  • Er ist relativ visuell: Jaws hat ein komplexes visuelles Menü, bei NVDA muss das Menü extra aufgerufen werden. Das Menü von Narrator hingegen ist ein eigenes Windows-Fenster und Windows-typisch aufgebaut.
  • Es gibt eine integrierte visuelle Hervorhebung des Sprachausgaben-Cursors. Das erleichtert Sehenden und Seh-Restlern die Bedienung. Bei NVDA muss das extra aktiviert werden.
  • Die Stimme ist für Newbies relativ angenehm – ich finde sie nervtötend, vor allem ist die Performanz bei hohen Sprech-Geschwindigkeiten nicht besonders gut.
  • Für meinen Geschmack ist es ein großer Vorteil, dass Narrator viele Tastenkombinationen von JAWS und NVDA übernommen hat. Man muss sich also nicht wie früher so viele neue Kombinationen merken.

Das große Manko: Meines Erachtens funktioniert er nur mit Microsoft-eigenen Anwendungen sauber. Ich hoffe, dass Microsoft nicht versucht, seine eigenen Barrierefreiheits-Standards durchzudrücken, sondern die Accessibility API so wie die großen Schwestern Jaws und NVDA unterstützt. Im Adobe Reader liest Narrator zum Beispiel außer den Menüs nichts vor. Bei Video-Anwendung Zoom gibt es eine große Latenz zwischen Aktion des Nutzenden und Reaktion der Sprachausgabe.
Ein Nachteil für Sehende ist, dass es keinen Sprachbetrachter gibt. Ich empfehle meinen sehenden Schulungsteilnehmer:Innen immer, die Sprachausgabe auszuschalten und den Sprachbetrachter von NVDA zu nutzen. Den gibt es in Narrator nicht, das heißt, man muss sich auf die Sprachausgabe verlassen.

Narrator starten

Der Narrator kann auf mindestens zwei Wegen gestartet werden: Etweder drückt man STRG + Windows-Taste + Return gleichzeitig oder man gibt Sprachausgabe in die Suche des Windows-Startmenüs ein. Beenden kann man ihn mit der gleichen Tastenkombination oder indem man das Einstellungs-Fenster der Sprachausgabe einfach schließt.
Das Menü ist wie erwähnt windows-typisch aufgebaut und spartanisch, also nicht groß erklärungsbedürftig.
In den Einstellungen unter „Wählen Sie die Sprachausgabentaste aus“ habe ich „Feststelltaste oder Einfügen“ aktiviert, so kann man wie bei NVDA und Jaws die EINFG-Taste verwenden. Wenn Sie mit der Maus arbeiten wollen, aktivieren Sie die Checkbox bei „Lesen und Bildschirm-Interaktion mit der Maus zulassen“. Das kann nervig sein, weil Narrator dann alles unter dem Mauscursor vorliest, also auch bei jeder Bewegung der Maus. Falls Sie das stört, schalten Sie es nur bei Bedarf ein.

Scannen

Desktop-Screenreader verwenden für nicht-beschreibbare Dokumente einen eigenen Modus Dieser heißt bei Narrator Scannen. Damit kann man von Element zu Element springen. Hier einige wichtige Tastenbefehle im Browser:
Tab = springt zum nächsten anklickbaren Element
H springt zur nächsten Überschrift
K springt zum nächsten Link
F springt zum nächsten Formular-Element
D springt zum nächsten Abschnitt der Website
Drückt man bei diesen sogenannten Navigations-Tasten gleichzeitig die Umschalt-Taste, springt der Screenreader rückwärts, erreicht also den vorherigen Link oder die vorherige Überschrift.
Um Text zu schreiben oder Formulare auszufüllen muss man den Scan-Modus verlassen. Diesen kann man mit EINFG + Leertaste ein- bzw. ausschalten. Das Ein- bzw. Ausschalten wird akkustisch signalisiert.
Es gibt noch viele weitere Tasten-Kombinationen.
Um ein Web-Formular auszufüllen, müssen wir den Scan-Modus verlassen, dazu drücken wir EINFG + Leertaste und können dann per Tab-Taste von Formular-Element zu Formular-Element springen.
Wie gesagt scheinen aktuell nur Microsoft-eigene Produkte gut zu funktionieren. Also in unserem Fall der Edge-Browser.
Ein praktisches Feature sind die Schnell-Übersichten.
EINFG + F5 listet die Regionen einer Seite
EINFG + F6 listet die HTML-Überschriften einer Seite
EINFG + F7 listet die Links einer Seite
Eingeschränkt kann der Narrator auch für Word-Dokumente empfohlen werden. Er liest zumindest Überschrift-Formatierungen und Bild-Beschreibungen vor. Das scheint aber nicht in älteren Office-Versionen zu funktionieren.

Fazit

Ehrlich gesagt war es das auch schon. Klar kann man sich Word-Dokumente vorlesen oder ein wenig in den Windows-Einstellungen rumwursteln. Alles Andere kann der Narrator bisher nicht. Deshalb würde ich ihn auch nur im Zusammenhang mit dem Edge empfehlen und vielleicht noch bei aktuellen Versionen von Microsoft Office. Fortgeschrittene Funktionen wie die Objekt-Navigation oder der Touch Cursor fehlen aktuell komplett.

Barrierefreiheit – warum Konformität nicht alles ist

Fast jeden Monat gibt es eine größere Analyse von Websites auf Barrierefreiheit. WebAIM ist sicherlich die Bekannteste, aber nicht die Einzige. Meine Kritik an der WebAIM-Studie habe ich bereits anderswo zusammengefasst. Kurzgefasst geht es um die mangelhafte Aussagefähigkeit dieser automatischen Prüftools. Sie sind eine Erleichterung für Personen, die eine Website evaluieren oder das Qualitätsmanagement für zahlreiche Seiten verantworten. Als Analyse-Tool für große Datenmengen sind sie aufgrund ihrer strukturellen Schwächen und mangelnder Analyse-Tiefe unzureichend.
Simples Beispiel: Ich mache meine große MedienSeite barrierefrei, binde aber Inhalte über Dritte ein, die ich nicht beeinflussen kann. Werbung wird oft über Dritt-Services eingebunden und diese Networks werden mit Sicherheit nie erlauben, den Mindest-Kontrast oder die Blink-Frequenz zu steuern geschweige denn, dass man da Alternativtexte einsetzt. Heißt, der Kern der Website ist an sich nutzbar, aber wegen der nicht-steuerbaren Inhalte fällt man durch.
Richtig ist, dass diese Websites nicht konform im Sinne der WCAG sind, denn Konformität heißt, dass man einen gewissen Grad an Barrierefreiheit erfüllt. Allerdings wird hier mit den Begriffen unsauber gearbeitet. Als Beispiel nehme ich mal diese Studie“, man kann aber im Prinzip jede Studie nehmen, die auf rein quantitativen Methoden beruht.
Die Gleichungen:
Konformität mit einer Stufe der WCAG = barrierefrei – darüber kann man streiten. Es ist Konsens, dass Barrierefreiheit mehr ist als Konformität mit der WCAG, allerdings wird darüber gestritten, was dieses „mehr“ tatsächlich ist.
Aus dieser Gleichung folgt: Nicht-Konformität = Nicht-Barrierefreiheit. Das können wir einmal so hinnehmen.
Daraus wird gefolgert: Nicht-konform = Nicht-Benutzbarkeit für behinderte Menschen. Das ist leider falsch, wird aber häufig suggeriert.
Es mag sein, dass man gewisse Teile der Webseite nicht benutzen kann, wenn man eine bestimmte Behinderung hat. Ein simples Beispiel dafür ist der Mindest-Kontrast. Ich und andere Sehrestler kennen das Phänomen, dass der Kontrast einer dunklen Farbe auf einem hellen Grund schlechter wahrgenommen wird als der Kontrast bei umgedrehten Farben, also der Ton der Hintergrundfarbe als Schriftfarbe und die Schriftfarbe als Hintergrundfarbe. Der Kontrast wäre exakt gleich, aber das eine kann man noch lesen, das andere nimmt man nicht wahr. Oder wenn ich die in Windows integrierte Bedienungshilfen einsetze, kann ich ebenfalls Verbesserungen herbeiführen. Es wird aus gutem Grund gesagt, dass man als Web-Anbieter solche Dinge nicht einkalkulieren darf. Worauf ich hinauswill ist, dass schlechte Kontraste ein Problem sind, aber kein so schwerwiegendes. Ebensowenig interessiert mich, ob Insta oder Facebook überall Bildbeschreibungen bereit stellt. Das interessiert mich nur bei den Seiten bzw. Leuten, denen ich folge. Bei solchen Websites – insofern man sie überhaupt so nennen möchte – hängt es extrem vom geprüften Sample ab. Manche Betreiber werden extrem auf Bild-Beschreibungen und andere Faktoren achten und andere nicht. Wenn ich Letztere als Sample für meine automatische Analyse nehme, stellt sich die Frage, ob diese Daten repräsentativ für das gesamt Angebot sind. Hinzu kommt die Herausforderung von user-generiertem Content bei solch großen Portalen. Automatische Bildbeschreibungen werden nicht akzeptiert, aber die meisten Leute sind nicht bereit oder verfügen nicht über das Bewusstsein, Bild-Beschreibungen hinzuzufügen. Ist es der richtige Weg, das den Betreibern anzulasten? Wie viele Leute würden wohl Quatsch reinschreiben, wenn Bildbeschreibungen obligatorisch wären? Automatische Prüftools würden das aber honorieren, Hauptsache, es ist eine Beschreibung vorhanden.
Meines Erachtens, das habe ich oben zur Webbaim-Studie schon geschrieben, sind diese Analysen im Grunde gar nicht aussagekräftig. Sie werden weder den Anbietern noch den Nutzer:Innen gerecht. Ein Kuriosom am Rande, das Digital Journal, das auf besagte Studie verweist hat das Copyright in die Bildbeschreibung geschrieben. So tappt man in die eigene Falle.
Die Gleichung nicht-konform = nicht-barrierefrei = nicht benutzbar für behinderte Menschen stimmt so einfach nicht. Dass wird mit diesen großen Zahlen aber impliziert, deshalb rezipiere ich diese Studien nur kritisch.
Klar ist: Diese großen Samples lassen sich nicht mit vernünftigen Mitteln qualitativ analysieren, zumindest in absehbarer Zeit nicht. Meines Erachtens sind aber diese automatischen Prüftools, was die jetzige Qualität angeht, absolut unzureichend.
Was sie liefern können sind Vergleichswerte, ebenso wie der Body Mass Index hervorragend geeignet ist, Übergewicht im Schnitt zu ermitteln, aber wenig über das Übergewicht einzelner Personen aussagt. Wir können also ausgezeichnet Vergleiche sagen wir zwischen bestimmten Arten von Websites oder zwischen verschiedenen Ländern mit diesen Tools erstellen. Für qualitative Aussagen sind die Tools ungeeignet.
Die große Schwäche des Konzepts Konformität liegt darin, dass die Fehler nicht gewichtet werden. Ein fehelnder Alternativtext, eine doppelt vergebene ID, fehlende Labels – aus der Sciht der Tools ist das alles das Glieche.

Ausschreibungen zur Barrierefreiheit – realitätsfremde Erwartungen des öffentlichen Dienstes

Ihr merkt es, ich bin in Schimpflaune auf den öffentlichen Dienst. Nachdem der Staat die Barrierefreiheit entdeckt hat – die erste BITV ist ja erst 20 Jahre alt – kommen jetzt nach und nach die ganz großen Brötchen: Millionenschwere Ausschreibungen für Tests zur Barrierefreiheit von Webseiten, Erstellung Leichter oder Gebärdensprache und noch einiges mehr.
Ich hatte in einem anderen Beitrag geschildert, wie die Barrierefreiheits-Consulting-Struktur in der DACH-Region aufgestellt ist: Es sind vor allem Kleinnst-Agenturen, die solche Volumen wahrscheinlich nicht einmal dann stemmen könnten, wenn sie nicht ohnehin gut ausgelastet wären. Die Einzelunternehmer bleiben ohnehin außen vor.
Allerdings sind diese Unternehmen durch die Klauseln ohnehin ausgeschlossen: Da wird häufig ein Mindest-Umsatz oder Mitarbeitenden-Zahl eingefordert, die man nur bei großen Unternehmen findet.
Jüngstes Beispiel ist eine Ausschreibung der Knappschaft Bahnsee, dem Träger der Überwachungsstelle des Bundes. Da gab es ein Volumen von 800 Schnelltests über vier Jahre, kurze Zeit vorher schrieb der Bund ein Volumen von 25000 Seiten Leichte Sprache über vier Jahre aus. Es gibt in ganz Deutschland kein Leichte-Sprache-Büro, welches ein solches Volumen bewältigen kann. Den Vogel abgeschossen hat die IT NRW: Dort wollte man Schulungen, Tests und Consulting in hoher Zahl einkaufen. Gefordert wurden meiner Erinnerung nach mindestens 10 zertifizierte Software-Tester, Fachpublikationen, Präsenz auf Fachkonferenzen (in Deutschland?) und noch einiges mehr. Für mich las sich das so, als ob man im Prinzip alle kleinen und mittelständischen Unternehmen von Vorneherein ausschließen wollte.
Das traurige Spiel ist bekannt: Große Agenturen werfen sich mit Dumpingpreisen drauf und kaufen die Leistung dann billig ein: Die Tests werden in Ländern mit geringeren Löhnen durchgeführt – die Auslandstochter ist schnell gegründet, dann bleibt alles in der Firma. Behinderte Menschen müssen nicht eingebunden sein – die haben uns ja den Mist eingebrockt. Alternativ werden ein paar Studierende kurz eingelernt. Ich habe einige Barrierefreiheits-Berichte großer Agenturen gesehen: Sie sind künstlich aufgebläht, um Kompetenz vorzutäuschen, die Testqualität ist mangelhaft.
Das Tragische an der Geschichte ist, dass die ausgeschriebenen Volumen oft nicht annähernd abgefragt werden. Irgendwo in der Abstimmung zwischen den Bundes-Einrichtungen und dem Beschaffungsamt scheinen die Informationen verloren zu gehen. Die Idee ist einfach: Man kauft große Volumen gemeinsam ein, um den Gesamtpreis zu senken. Aber die Bundesbehörden nutzen diese Rahmenverträge anscheinend nicht, sondern beschaffen sich die Leistungen einfach selbst. Ob das billiger oder teurer ist, ist eine andere Frage.
Durch diese Politik schadet sich der Bund langfristig selbst. Natürlich kann ich günstigere Preise anbieten, wenn jemand große Volumen abnimmt. Wenn jemand aber große Volumen anfragt und Rabatte bekommt, diese Volumen aber nicht annähernd abgerufen werden, ist man kein guter Geschäftspartner. Zudem verhindert man auf diese Weise eine vernünftige Planbarkeit. Für ein großes Unternehmen spielt das keine so große Rolle. Für einen Freelancer ist der Bund ein unberechenbarer Kunde.
Wie kann man es besser machen?
1. Die Ausschreibungen müssen barrierefrei sein. Das ist leider oft nicht gegeben, ist aber gesetzlich gefordert.
2. Die Ausschreibungen müssen kleinere Volumen aufweisen. Ich denke, es ist dem Bund zumutbar, die Ausschreibungen bei 200.000 € pro Jahr zu deckeln, das gibt auch kleineren Agenturen die Chance, sich zu bewerben.
3. Es müssen zwingend Menschen mit Behinderung in den Barrierefreiheits-Projekten beteiligt sein. Vergessen wir mal nicht, dass es sich hier um öffentliches Geld handelt. Im Augenblick bezahlt man Nicht-Behinderte dafür, dass sie die Fehler von NIcht-Behinderten ausbügeln und das ohne die Beteiligung behinderter Menschen.