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Warum die Zukunft der Barrierefreiheit OpenSource sein sollte

Schriftzug offenEin interessanter Umstand wird selten erwähnt: In OpenSource-Systemen wie Linux, aber auch vielen CMS stecken Millionen Arbeitsstunden durch Entwickler:Innen und andere Freiwillige. Das Web basiert im Wesentlichen auf OpenSource-Technologien. Hat sich schon mal jemand gefragt, warum es kein brauchbares kommerzielles Redaktionssystem gibt? Wozu auch, denn Typo3, WordPress, Joomla, Drupal und zahllose kleinere Systeme können Vieles besser. Vor allem eines haben sie voraus: Barrierefreiheit. Was ich an kommerziellen Systemen wie Magnolia, Sitecore oder dem Government Sitebuilder nicht gesehen habe. Aber auch in anderen Aspekten wie Nutzerfreundlichkeit oder Alltagstauglichkeit können kommerzielle Systeme nicht überzeugen. Warum man sich gerade in Deutschland für solche Systeme entscheidet, bleibt ein Rätsel, aber in Deutschland findet man ja auch das hyperkomplexe Typo3 gut, vielleicht will man es einfach schrottig haben. Man hat ja hierzulande auch eine Vorliebe für Gesetze, die nicht mal jene verstehen, die sie gemacht haben.
Ein anderes Beispiel sind Videokonferenz-Systeme. Zugegebenermaßen habe ich bis vor kurzem eher auf Zoom genutzt. Ein vernünftig aufgesetztes BigBlueButton kann aber ebenso gut funktionieren, vorausgesetzt, man hat eine stabile Audio-Qualität. Die letzten Versionen von BBB waren zumindest für Blinde gut bedienbar. Wenn man noch die Integration bzw. Erkennung von Gebärdensprache verbessert, gibt es keinen Grund mehr, auf WebEx und Co. zu setzen. Die Wheelmap und ähnliche Dienste setzen zurecht auf die Open Street Map, statt sich vom Googd Will des Platzhirschen Google Maps abhängig zu machen.
Und natürlich mein Lieblings-Beispiel: der Screenreader NVDA. Ich war ja nie ein großer Jaws-Fan, aber nach dem Vispero alles aufgekauft hat, was nicht bei 3 auf den Bäumen war, Window Eyes und die Zoom-Software MAGic ausgeknipst hat, würde ich dieser Software nicht mehr über den Weg trauen. Wenn man mit Jaws nicht mehr genügend Kohle verdienen kann, wird man hier ganz schnell den Stecker ziehen.
Die Gefahr geschlossener Systeme bezüglich der Barrierefreiheit besteht darin, dass man von dem Good Will eines teils eratischen Managements abhängig ist. Apple, Google und Microsoft haben in den letzten Jahren Milliarden Euro verdient und sind an die Gesetze der USA gebunden, wenn sie dort Software verkaufen wollen. Aber wie viel Geld werden sie in die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit stecken, wenn die Gewinne geringer werden oder das Management wechselt? Ein eratischer Milliadär hat Twitter übernommen und das komplette Accessibility-Team gefeuert. Bei anderen Social-Media-Plattformen sprudeln die Gewinne nicht mehr so üppig wie zuvor, wann werden sie ihre Bemühungen zur Barrierefreiheit reduzieren?
Nun stimmt es, dass OpenSource nicht automatisch barrierefrei ist. Über Linux höre ich Unterschiedliches, aber es ist auf jeden Fall eine große Umstellung, auf Linux umzusteigen. LibreOffice hat die Barrierefreiheit ein wenig vernachlässigt, weil entsprechend qualifizierte Entwickler:Innen gefehlt haben. Als Blinder bin ich mit Android eher semi-zufrieden.
Dennoch glaube ich, dass die Zukunft der Barrierefreiheit in OpenSource liegt. Zu oft haben wir gesehen, dass Systeme gekauft und geschlossen oder Konkurs gegangen sind und dann nicht mehr gepflegt oder weiterentwickelt werden. Das kann vor allem bei medizinischen Produkten problematisch sein, die dann vor ihrer Zeit defekt werden. Entwickelt ein Hörgeräte-Hersteller seine Produkte nicht mehr weiter, können die Geräte irgendwann nicht mehr gewartet oder über die Apps gesteuert werden. Die Screenreader werden irgendwann unbrauchbar, weil sie an neue Systeme nicht mehr angepasst werden. Funktionsfähige Hardware wie Braillezeilen müssen entsorgt werden, weil es keine 64-it-Treiber mehr gibt und das auch niemand machen kann, weil die bestehenden Treiber 32 Bit und closed sind. Ein bekannter Hersteller elektronischer Augenprotesen hat vor einigen Monaten für alle überraschend die Produktion eingestellt.
Eines der großen Rätsel der Menschheit ist, warum die EU nicht auf OpenSource setzt, statt entweder US-amerikanischen Anbietern hinterherzurennen oder verzweifelt zu versuchen, Mini-Microsofts, Apples und Googles herbeizuklonen.
Das Schöne ist, dass wir die Barrierefreiheit bei OpenSource noch steuern können. Seien wir mal ehrlich, Apple oder Google interessieren sich einen Sch*** für unsere Kommentare, es sei denn, es kommen Tausende oder zumindest eine prominente Person. Bei OpenSource können wir uns in den entsprechenden Gruppen einbringen und wir können mit Spenden beitragen, dass es weitergeht.

Warum Sie als Sehender nicht mit Screenreadern testen sollten

Stilisierte Radiowellen stralen nach links und rechtsIn diversen Anleitungen sehe ich wie nebenbei, dass der Screenreader NVDA für Tester:Innen empfohlen wird. Es ist aber eher zweifelhaft, dass ein Sehender einen Screenreader flüssig zu bedienen lernt, vor allem nicht nebenbei. Die einziegen Leute, denen ich das zutraue sind Trainer:Innen für Screenreader-Nutzende. Und selbst die würden häufig den ultimativen Test nicht bestehen: Schalten Sie den Bildschirm ab und bedienen Sie Ihren Computer komplett blind.
Es spricht leider für die Arroganz vieler Sehender, dass sie ihre diesbezüglichen Fähigkeiten überschätzen. Trotz Sehrest käme ich nie auf die Idee, ich könnte die Usability oder Ästhetik einer grafischen Benutzeroberfläche beurteilen. Aber viele Sehende glauben, weil sie NVDA installieren oder VoiceOver starten können, sie könnten die Benutzbarkeit einer Anwendung für Blinde beurteilen.

Den Screenreader-Output verstehen

Der Output eines Screenreaders lässt sich in zwei Bereiche einteilen. Da ist zum Einen die Ausgabe von sichtbarem Text. Zum Anderen gibt es aber auch etwas, was man als Meta-Daten bezeichnen kann. Das Wort „Neu“ zum Beispiel bringt ohne Meta-Kontext nichts. Ist das ein Text, ein Button, ein Element mit einem Untermenü, ein Radiobutton? Ist es fokussiert oder nicht, ist es aktiviert, aktivierbar oder nicht aktivierbar? Diese Informationen werden dem Blinden im besten Fall alle zusätzlich zum Wort „Neu“ vorgelesen.
Geübte Blinde nehmen diese Information mehr oder weniger nebenbei wahr. Es ist vergleichbar mit der Art, in der Sehende visuelle Komponenten einer Benutzeroberfläche wahrnehmen. Sie erkennen die Art eines Elements an deren visueller Gestaltung, ihren Status und ob sie aktivierbar ist oder nicht. Ist die Oberfläche gut gestaltet, müssen Sie darüber nicht nachdenken.
Da einem Blinden die visuelle Gestaltung unzugänglich bleibt, ist er darauf angewiesen, dass ihm diese Information zusätzlich kommuniziert wird.
Nun macht es selten Sinn, das ausführlich zu beschreiben. Wir müssen mit einem gewissem Maß an Grundrauschen klar kommen, aber ab einem bestimmten Level ist es schwierig, dies auszublenden. Man braucht also eine möglichst kurze und kompakte Zusammenfassung.
Die Sprachausgabe bzw. der Braille-Output ist abstrakt und zwar sowohl für Sehende als auch für frisch Erblindete bzw. Blinde ohne große Screenreader-Erfahrung.

Sehende sehen, was Blinde nicht wahrnehmen

Sehende sind selten konsequent oder geduldig genug, eine Anwendung per Tastatur zu erkunden. Zudem können sie ihren Instinkt, doch hinzusehen nicht ablegen.
Nehmen wir ein simples Beispiel: Bei der Webversion von GMail werden die Aktionen erst eingeblendet, wenn man eine Mail angehakt hat. Diese Buttons tauchen aber vor der eigentlichen Anwendung auf. Ein Sehender sieht das natürlich, ein Blinder bekommt das aber nicht mit bzw. würde er nach der Mailliste danach suchen.

Betriebsblindheit von Sehenden

Hinzu kommt auch das Problem der doppelten Betriebs-Blindheit, wie man es nennen könnte.
Zum Einen sind es häufig die Entwickler:Innen selbst, die testen. Wenn es aber nicht gerade Testprofis sind, sind sie selten neutral. Sie wissen, was passieren bzw. was ausgegeben werden soll. Die Nutzer:In hingegen wird das nicht wissen.
Zum Anderen ist man den Projekten anderer Personen gegenüber oft kritischer als gegenüber den eigenen Projekten. Ein Test sollte immer von jemandem durchgeführt werden, welcher der Sache selbst gegenüber neutral bis kritisch ist.

Optimierung für den Test-Screenreader

Leider neigen die Tester:innen dazu, für einen bestimmten Screenreader zu optimieren, weil sie eben diesen zur Verfügung haben, meistens Jaws.
Das bringt aber den Nutzer:innen von NVDA und VoiceOver reichlich wenig. Der grösste Bullshit der letzten Zeit ist Jaws Connect, eine Möglichkeit für Jaws-Nutzende, Probleme mit Jaws und der jeweiligen Applikation zu melden. M.E. ist das schlimmer als Overlays.

Testen Sie mit mehreren Screenreadern – ernsthaft?

Immer öfter hört man die Forderung, dass sogar mit mehreren Screenreadern getestet werden soll. Na klar, die Sehenden kommen schon mit einem Programm nicht zurecht, dann sollen sie es gleich mit mehreren versuchen und die Unterschiede kennen und verstehen. Welche dürfen es sein: Jaws, NVDA, Narrator unter Windows, VoiceOver unter Mac und iOS, Talkback unter Android – das wäre das Minimum. Im Grunde müsste man sich zumindest bei Jaws auch mehrere Versionen anschauen, da ja nicht alle die aktuelle Version nutzen. Bei iOS kann es auch Unterschiede in der Entwicklung zwischen iPad und iPhone geben.
Last not least müsste zumindest jeder Screenreader einmal mit einem Chromium-basierten Browser und Firefox getestet werden. Auf dem Mac müssten es sogar Firefox, Safari und ein weiterer Chromium-basierter Browser sein.
Welcher Sehende beherrscht all diese Plattformen und Screenreader ausreichend, um valide Ergebnisse zu bekommen? Und wer hat überhaupt die Geduld dazu?
Das scheint mir mehr Beschäftigungs-Therapie als ernsthaftes Testen zu sein. Eine Frage dazu hätte ich: Warum überlässt man das nicht den Profis, also geschulten Blinden, die in der Nutzung von Screenreadern erfahren sind, und das wesentlich besser könnten?

Fazit

Wie oben erwähnt sind die meisten Sehenden nicht in der Lage, einen PC so zu bedienen, wie es ein Blinder tun würde. Sich einmal durch eine Website durchzutaben ist keine Kunst. Aber welche Sehende kann schon blind ein Formular ausfüllen. Also gucken sie hin oder noch schlimmer, testen mit der Maus. Was dabei rauskommt ist bestenfalls suboptimal.
Aus dem gleichen Grund würde ich auch nicht auf Tests vertrauen, die von frisch Erblindeten oder wenig Screenreader-erfahrenen Personen durchgeführt werden. Sie kämpfen noch mit den Macken des Screenreaders und haben deshalb keine Einschätzung darüber, wie gut die Test-Objekte sind.
Die Verwendung eines Screenreaders kann sinnvoll sein, um ein Gefühl für die Arbeitsweise von Blinden zu gewinnen. Zum Testen durch ungeübte Personen sind sie jedoch ungeeignet.

Zum Weiterlesen

Keine Barrierefreiheit ohne Automatisierung

Automatische Barrierefreiheit ist teilweise zurecht in Verruf geraten. Das liegt vor allem an den sogenannten Accessibility Overlays, welche meistens nichts zur Barrierefreiheit einer Website beitragen, sie aber oft sogar verschlechtern.
Mein Eindruck ist allerdings auch, dass viele Personen strukturkonservativ sind bzw. befürchten, dass sie Aufträge durch Automatisierung verlieren könnten. Man sieht das deutlich an der Übersetzungs-Branche. Tools wie DeepL oder der Google Übersetzer sind in den letzten Jahren für Texte in Alltagssprache immer besser geworden. Fachtexte sind ein anderes Thema.
Ja, es gibt grottenschlechte Übersetzungen, die schlechter sind als die wortwörtlichen Übersetzungen von Tools aus den späten 90ern. In derRegel geht es aber um Nutzwert-Text, nicht um literarische Qualität.
Und wir brauchen gute Übersetzungs-Werkzeuge. Es gibt halt Menschen, welche die Originalsprache nicht gut genug verstehen. Gleichzeitig gibt es aber die Notwendigkeit für viele Menschen, Texte in anderen Sprachen zu verstehen.
Analoge Probleme finden wir in der Barrierefreiheit. In den nächsten Jahren wird der Bedarf an Prüfungen drastisch steigen, wenn es einige Unternehmen mit der Barrierefreiheit ernst nehmen. Meinens Erachtens ist die Prüfroutine, wie sie sich heute etabliert hat mit den aufgeblasenen BITV-Tests nicht zielführend. Die tausende Personentage, die da reingesteckt werden, lassen sich auch sinnvoller verwenden. Aktuell ist der Ablauf so: Wir machen es falsch, lassen es testen, machen es ein bisschen weniger falsch, lassen es testen und immer so weiter.
Ohne Automatisierung werden wir kaum eines der Ziele der Barrierefreiheit erreichen. Entwickelnde und Designende benötigen Werkzeuge, die direkt in ihre Workflows integriert sind und ihnen helfen, Fehler zu vermeiden, sie zu erkennen und zu beheben. Wir brauchen Speech-to-Text-Enginges, die Filme automatisch untertiteln oder Podcasts in Text umwandeln. Wir brauchen Tools, welche es auch Laien ermöglichen, verständlichere Texte zu schreiben.
Mit den heutigen Ressourcen ist es nicht möglich, so viele Barrierefreiheits-Profis zu schaffen, wie wir sie bräuchten. Es gibt zu wenig Nachwuchs – wie viele Profis unter 35 kennen Sie – und die Nicht-Barrierefreiheits-Profis sind schon damit beschäftigt, in ihrer eigenen Disziplin auf dem Laufenden zu bleiben.
Was wir aktuell zu spüren bekommen ist weniger der Mangel an Fachleuten für Barrierefreiheit. Wir haben insgesamt einen Mangel an menschlicher Arbeitskraft und finanziellen Mitteln. Der Gedanke ist absurd, dass es immer noch Leute gibt, die manuell Dinge tun, die man völlig automatisiert erledigen könnte.
Nun behauptet keiner, dass Automatisierung alle Probleme löst. Wir brauchen auf jeden Fall noch bessere Tools. Ich habe allerdings schon lange vorgeschlagen, die drei Methoden Automatisierung, heuristische Experten-Analyse und Feedback von Nutzenden kombiniert zu verwenden.

Technik wird nicht alle Probleme lösen

Gleichzeitig sei vor naivem Technik-Optimismus gewarnt. Es gibt zwei Arten von Vorhersagen: Realistisch und utopistisch. Realisten schreiben im Prinzip aktuell vorhandene Entwicklungen einfach fort: Computer werden ein wenig schneller, Autos ein wenig sparsamer und so weiter. Utopisten versuchen vorauszusehen, was es noch nicht gibt. Häufig folgen sie einem naivem Zwangs-Optismus, erkennbar an der aktuellen Umweltpoliti. Ersetzen wir alle Verbrenner-Autos durch Elektro-Autos, schaffen die fossilen Energien für das Heizen ab und heizen nur noch mit Strom, werden wir gewaltige Mengen an Strom und Speicher-Kapazitäten benötigen. Diese sind mit der aktuellen technischen Innovation nicht zu schaffen.
Genausowenig werden wir technische Lösungen entwickeln, die alle heutigen Barrierefreiheits-Probleme lösen. Zumindest nicht in der Lebenszeit der heutigen Erwachsenen.

Sollte man sich selbst in Veranstaltungen für Blinde beschreiben?

Bei englischen Veranstaltungen zum Thema Behinderung hört man häufiger, dass sich Personen beschreiben: Ethnische Gruppe bzw. Hautfarbe, Alter, Größe, Haarfarbe und so weiter. Das soll Blinden oder Sehbehinderten helfen. In Deutschland ist das bislang selten.
Ich habe einmal in meiner Blinden-Bubble gefragt, wie sie das sehen. Wie zu erwarten gehen hier die Meinungen auseinander. Einige wollen es gerne wissen, einige finden es gut, brauchen es aber nicht unbedingt, andere finden es komplett verzichtbar. Ich zähle mich zu denen, die es zwar interessiert, aber nicht unbedingt brauchen.
Als Blinder versucht man normalerweise, solche Faktoren an der Stimme auszumachen. Das ist allerdings schwierig. Zumindest bei Männern kann man das ungefähre Alter häufig an der Stimme ausmachen, weil sie je nach Alter doch variiert. Bei Frauen, gerade wenn sie hohe Stimmen haben ist das deutlich schwieriger. Andere Faktoren lassen sich kaum ausmachen, es sei denn, es sind Besonderheiten wie ein offensichtlich nicht-deutscher Name oder ein starker Akzent vorhanden.
Die Frage poppt übrigens auch bei Bild-Beschreibungen häufiger auf. Soll man zum Beispiel beschreiben, was das für Personen auf dem Foto sind oder reichen Basis-Infos wie Geschlecht und eine ungefähre Einstufung wie Erwachsener, Jugendlicher, Kind etc?
Und bei Veranstaltungen: Soll eine Moderatorin die Personen beschreiben oder sollen das die Sprechenden selbst erledigen? Sowohl Fremd- als auch Selbst-Beschreibungen können schnell peinlich werden.
Schließlich wird die Frage auch schnell politisch: Ist es wirklich relevant, dass jemand Rössler heißt, aber vietnamesische Vorfahren hat? Sollte es nicht, tut es aber. Sehende können sozusagen nicht das Gesagte von dem Aussehen des Sprechenden differenzieren, das zeigen etwa die Forschungen im Bereich Geschlechter-Wahrnehmung. Es kann also tatsächlich sein, dass ich das Gesagte anders wahrnehme, wenn ich weiß, wie die Person aussieht.
Weiteres Problem ist, dass wir recht schnell in eine Interpretation reingehen. Mit Mitte 40 gehöre ich noch nicht zu den „Älteren“, habe allerdings schon ordentlich graue Haare. Was ist eigentlich älter, was ist sportlich, was ist dunkelhäutig?
Ein weiteres Problem politischer Natur ist das demonstrative Zur-Schau-Stellen von Diversität: Da sieht man eine Firmen-Website mit vielen unterschiedlichen Personen auf den Fotos, die dann auch entsprechend beschrieben werden. Und besucht man die Firma, merkt man, dass sie keineswegs so divers ist.
Mein Fazit: Naturgemäß interessieren sich Menschen dafür, wie ihre Gesprächs-Partner:Innen aussehen. Das gilt auch für vollblind Geborene, so meine Einschätzung. Auch wenn man nie eine Person gesehen hat, hat man doch tausende von Beschreibungen etwa in Büchern oder über Hörspiele wahrgenommen, das geht nicht spurlos an dir vorbei. Bei Radio- oder Synchronsprecher:Innen frage ich mich tatsächlich oft, wie sie aussehen bei letzteren auch, ob sie Ähnlichkeit mit den Personen haben, deren Stimme sie im Deutschen übernehmen. Das tun sie fast nie, soweit ich weiß.
Wahrscheinlich rührt ein Gutteil der Zoom-Fatigue daher, dass die Leute häufig ihre Kamera ausgeschaltet lassen. Dadurch fehlt die visuelle Kommunikation, also das Aussehen, aber auch die Mimik.
Das heißt: Wenn sich Leute gerne selbst beschreiben, dann sollten sie es selbst tun. Sie sollten sich einfach selbst entscheiden, was sie beschreiben wollen. Bei einem fremden Publikum gehe ich immer kurz auf meine sichtbare Behinderung ein, weil ich weiß, dass die Sehenden sich entsprechende Fragen stellen. Auf meinen ethnischen Hintergrund gehe ich nicht ein, weil ich das in der Tat für irrelevant halte.
Wenn die Referierenden das nicht mögen, sollte man sie auch nicht dazu zwingen. Aber warum sollte das auf Veranstaltungen mit Bezug zu Behinderung und Diversität beschränkt bleiben? Eventuell kann man das auch so vorbereiten, dass es witzig und nicht zu überspannt rüberkommt.
Schön wäre es natürlich, wenn wir das neutral hinbekommen würden: Eine Audiodeskription für Veranstaltungen wäre doch nett, wo eine neutrale Moderation auch solche Faktoren kurz und knapp beschreibt.

Drei Gründe, warum Barrierefreiheit scheitert

Schriftzug FailBarrierefreiheit ist ein komplexes Projekt. Nach meiner Erfahrung sind es aber vor allem drei Aspekte, an denen Barrierefreiheits-Projekte hauptsächlich scheitern oder den Rahmen sprengen.

Von Anfang an mit einplanen

Meine Kund:Innen können es nicht mehr hören: Egal bei welchem Thema, möchten oder müssen Sie Barrierefreiheit umsetzen, müssen Sie es von Anfang an mit einplanen. Wenn Sie das nicht tun, sind Sie selbst dafür verantwortlich, wenn ein Projekt scheitert oder sich wesentlich verzögert. Mir gefällt das Bild mit dem Rosinenkuchen. Sie backen nicht zuerst den Kuchen und versuchen hinteher, die Rosinen irgendwie mit reinzubringen.

Mitarbeitende qualifizieren

Die Mitarbeitenden sehen häufig nicht die Notwendigkeit von Maßnahmen der Barrierefreiheit ein. Deswegen werden sie viele Dinge schlampig umsetzen. Deshalb sind Schulungen und Sensibilisierungen notwendig: Schulungen, damit die Beteiligten wissen, wie sie es umsetzen sollen, Sensibilisierung, damit sie wissen, warum sie es umsetzen sollen. Es gibt mittlerweile zahlreiche Angebote von kostenlosen YouTube-Channels bis sündhaft teuren Schulungspaketen, da wird auch für Ihre Organisation etwas dabei sein. Das Argument, es sei zu teuer, ist bei den vielfältigen Angeboten nicht mehr akzeptabel.

Klare Briefings

Auch das können meine Kund:Innen nicht mehr hören, aber wir brauchen klare Briefings. „Machen Sie es barrierefrei“ ist so hilfreich wie „Leben Sie gesund“. Vor allem für unerfahrene Dienstleister sind klare Anforderungen und Rahmenbedingungen wichtig. Für interne Redakteure zum Beispiel sind auch Anleitungen zu erstellen. Der Kunde muss kein Experte sein, aber er muss entweder genau definieren, was er will oder er muss sich seiner mangelnden Expertise bewusst sein und sich von uns beraten lassen – als kostenpflichtige Dienstleistung, versteht sich. Und er muss auch bereit sein, diese Empfehlungen umzusetzen oder die Verantwortung zu übernehmen, wenn er es nicht tut.

Fazit

Wenn ich rekapituliere, scheitern bzw. verzögern sich die meisten Barrierefreiheits-Maßnahmen wegen der drei oben genannten Faktoren. Es ist so kompliziert, weil man es sich selber zu schwer macht.
Im Endeffekt ist es eine Frage des richtigen bzw. falschen Framings: Viele Verantwortliche betrachten Barrierefreiheit noch immer aus einer Perspektive der Wohltätigkeit – kann man tun, aber auch lassen. Stattdessen sollte es als Mehrwert für alle und Qualitätsmerkmal betrachtet werden.

Warum wir konstruktiver kritisieren müssen

Man kann grob zwischen drei Arten von Kritik im Bereich Behinderung/Inklusion/Barrierefreiheit unterscheiden:

  • Schmäh-Kritik, zumeist sehr persönlich und aggressiv vorgetragen
  • harte Kritik, die ohne persönliche Angriffe und Schmähungen auskommt, aber vom Tenor ähnlich ist wie Schmäh-Kritik
  • ausgewogene Kritik ohne persönliche Angriffe und Schmähungen

Die Letztere möchte ich als konstruktiv bezeichnen. Man kann Dinge kritisieren, ohne Politikern oder anderen Personen böse Motive oder Untätigkeit zu unterstellen.
Unsere Medien, insbesondere Social Media, ist aber so gestrickt, dass man ohne persönliche Schmähungen kaum Aufmerksamkeit erzeugen kann. Bei der Debatte um die Triage etwa wird häufig zumindest indirekt unterstellt, den Politikern sei das Leben behinderter Menschen egal. Bei vielen Aktivisten lese ich, in den letzten Jahren und Jahrzehnten sei in Sachen Inklusion nichts passiert. Das ist meines Erachtens kein sinnvoller Umgang miteinander, die Gründe möchte ich in diesem Beitrag darstellen.

Politiker sind auch nur Menschen

Es gibt fleißige und faule, interessierte und weniger interessierte, engagierte und weniger engagierte Politiker. Sicher ist aber, dass sie alle von der Kommune bis zum Bund unter Dauerfeuer stehen. Insbesondere Frauen werden belästigt, bedroht und beleidigt, aber auch Männer kriegen einiges ab. Das gilt vor allem in den Kommunen, wo man den Kontakt mit den normalen Bürgern kaum vermeiden kann. Das Ganze hat sich in den letzten Jahren verschlimmert, bei allzuvielen Mitbürgern scheinen sämtliche Hemmungen verloren gegangen zu sein.
Und, ich muss das leider sagen, wenn einige der Aktivisten ihre Kritik so aggressiv äußern, wie sie es aktuell tun, sind sie leider nur wenig besser. Negative Gefühle und Aggressionen haben die Eigenschaft, sich zu akkumulieren und zu verstärken. Wenn das am Ende in körperliche Übergriffe übergeht, hat jeder aggressive Tweet, jeder wütende Facebook-Post und jede schmähende Insta-Story dazu beigetragen.
Wer das nicht aushält, geht gar nicht erst in die Politik. Damit tragen wir also dazu bei, insbesondere Frauen aus der Politik fernzuhalten.

Junge Aktivisten sind frustriert und abgeschreckt

Die Parole „Es ist nichts passiert“ dürfte auf heutige Aktivisten demotivierend wirken und junge angehende Aktivisten abschrecken. Gewiss hätte seit der UN-BRK mehr passieren können, aber auch weniger. Ich bin sicher kein Freund des Bundesteilhabegesetzes – es ist wie so viele Gesetze zu bürokratisch – aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es geht zu langsam, aber wir sind in einer Demokratie.
Die engagierten Leute werden dadurch demotiviert, sich weiter einzubringen. Bei mir selbst merke ich, dass ich Beiträge gar nicht mehr weiterlese, wenn sie mit solchen Formulierungen beginne.
Stärker dürfte aber die Wirkung auf junge Aktive sein. Sie gehen heute eher in den Umweltschutz, weil das cooler ist, aber auch, weil hier mehr Wums und eine bessere Stimmung ist. Junge Leute möchten etwas bewegen und sie möchten eine positive Grundstimmung haben. Wenn alte Herren wie ich ihnen etwas vorjammern wie „Wir engagieren uns seit 30 Jahren und nichts hat sich bewegt“, konterkarieren wir unser eigenes Engagement und zeigen den Leuten, dass sie sich vielleicht lieber woanders einbringen sollten. Mir fällt aktuell keine einzige Person unter 30 in der Behindertenszene auf.

Kritik ja, aber weniger fatalistisch

Jeder hat mal einen schlechten Tag und haut den einen oder anderen blöden Kommentar raus. Im Endeffekt sollte man aber doch versuchen, konstruktiv zu sein. Das heißt, die eigenen bzw. die Erfolge der Community zu feiern.
Kritik an Politikern und Organisationen ist natürlichin Ordnung. Sie sollte aber immer konstruktiv und respektvoll sein. Sagen wir es doch einmal klar: Wir können uns nur so hemmungslos auslassen, weil wir als Behinderte quasi unantastbar sind. Niemand traut sich, uns zurückzukritisieren, weil wir armen Behinderten ja eh zuviel durchmachen müssen.
Weiterhin sollte man sich an dieser unseligen Shitstorm-Kultur nicht beteiligen. Häufig sieht man auf den ersten Blick, dass Beiträge auf das häufige Teilen angelegt sind und maximale Aufmerksamkeit bekommen sollen.

Macht Diversity die Sprache unverständlich?

Es gibt zwei gegenläufige Tendenzen: Einerseits wächst das Verständnis dafür, dass Kommunikation verständlicher werden muss. Niemand freut sich über komplexe Sprache, komplexe Sprache ist selten ansprechend und reizt ganz sicher nicht dazu, etwas freiwillig zu lesen. Das Verständnis dafür ist in den letzten Jahren gewachsen, immerhin gibt es mehrere DIN-Ausschüsse, die sich damit beschäftigen. Wenn in einigen Jahren eine DIN-Norm für einfache Sprache vorliegt, könnte das dem Thema den entscheidenden Schub verleihen, der bisher fehlt.
Der gegenläufige Trend ist das, was man plakativ Diversity Speak nennen kann: Immer komplexere Formen dafür, Personen oder Personengruppen zu bezeichnen. Ein Beispiel: Früher galt „Behinderte“ als Bezeichnung als angemessen, „Krüppel“ und ähnlich galt und gilt als abwertend oder beleidigend. Irgendwann kam die Bezeichnung „behinderte Menschen“ auf, das soll Personen nicht auf ihre Behinderung reduzieren. Heute sagt man „Menschen mit Behinderung“. Das soll aus Gründen besser als „behinderte Menschen“ sein, die Erklärung habe ich leider nicht verstanden.
Nach dieser Logik sollte ich eigentlich „Mensch mit Sehbehinderung“, „Mensch mit Hörbehinderung“ und so weiter sagen. Neulich habe ich mir aber von einer Autistin erklären lassen, dass sie als „Autistin“ und nicht „Mensch mit Autismus“ bezeichnet werden möchte. Die Erklärung habe ich wiederum nicht verstanden. Ein Gehörloser meldete mir zurück, man sage „taub“ statt „gehörlos“, die Erklärung… Sie wissen schon.
Nun bin ich nicht in den verschiedenen Communities unterwegs und kenne die internen Diskurse nicht. Ich bin mir aber recht sicher, dass das den meisten Betroffenen so wichtig ist wie das Wetter vorletztes Jahr, außerhalb der Selbsthilfe-Bubble interessiert das nach meiner Erfahrung keinen Menschen. Der Diskurs wird von einer überwiegend akademischen, in Publikationen und Social Media sehr lauten Minderheit aus der Minderheit geführt.
Wer sich dafür interessiert: Diese Sprach-Theorien basieren vor allem auf den französischen Strukturalisten wie Derrida und Foucault, die ihrerseits kaum lesbar sind. Es kommen Mode-Trends wie der Framing-Ansatz dazu. Ja, Sprache spielt eine Rolle für die Wahrnehmung, aber meines Erachtens wird die Relevanz von Zeichen und Begriffen stark überschätzt, wenn man die eindeutig beleidigenden Termini aus der Sprache entfernt hat.
Das Problem ist, dass diese Begriffs-Verwirrung babelschen Ausmaßes den Diskurs unheimlich erschwert. Es macht das Schreiben und Sprechen sehr kompliziert, weil man immer darüber nachdenken muss, wer sich von den Zuhörenden oder Mitlesenden beleidigt fühlen könnte. Oft genug sind es ja gar keine selbst Betroffenen, die sich da zu Wort melden, sondern andere Personen, die meinen, sie hätten die komplizierten Codes exakt verstanden und müssten jetzt einen Behinderten belehren. Die Shitstorm-Kultur im Web führt dazu, dass Lapalien ebenso aufgeblasen werden wie echte Beleidigungen – das Internet kennt da keinen Unterschied. Und die meisten Nicht-Betroffenen machen nur mit, um ihrer Blase zu zeigen, wie weltoffen sie sind.
Und noch wichtiger: Es stört das Verstehen extrem. „Behinderte“ ist ein Wort, „Mensch mit Behinderung“ sind drei Worte. Ein Leseprofi geht darüber schnell hinweg, ein Wenigleser findet das schwieriger. Nun wäre das Problem überschaubar, wenn solche Formulierungen selten wären, aber solche und ähnliche Formulierungen kommen in Texten mehrfach vor und können den Text durchaus um mehrere Prozente verlängern. Wenn dazu noch gegendert und migriert wird, kann das den Text schnell unlesbar machen. Last not least ist das ja nicht der einzige Grund, warum Texte kompliziert und schlecht zu lesen sind. Hinzu kommen Fach-Jargon, Bandwurmsätze, Komposita und eine nicht-leserfreundliche Gestaltung.
Der Trend ist nicht zu Ende, mein Eindruck ist vielmehr, dass die Zunahme komplexer Diversity-Formeln kein Ende mehr kennt. „Funktionale Analphabeten“ sollen jetzt „gering literalisiert“ genannt werden. Damit ist meines Erachtens gar nichts erreicht außer Stirnrunzeln bei den Leuten, denen letzterer Begriff noch nicht untergekommen ist. Heute schreiben viele neben kryptischen Abkürzungen in ihr Profil, wie sie angesprochen werden wollen „He/him“, „She/her“, schön, wenn man sein Geschlecht so rausstellt, bis dahin war mir das relativ egal. Jetzt vermehrt es nur die Menge an Zeichen, die der Screenreader vorliest.
Sie sagen, das sei selbstverständlich, ich sage, dass es kein Naturgesetz gibt. Ich zumindest bin nicht gefragt worden, ob ich „Ausländer“ besser finde als „Mensch mit Migrationshintergrund“. Es erinnert mich an Mode-Trends, die ich ebensowenig verstehe. Letztes Jahr waren es grüne Streifen, dieses Jahr blaue Punkte – who cares? Und welche Autorität legt das eigentlich fest?
Lassen Sie mich das plakativ sagen: Wenn diversitäts-sensible Sprache heißt, dass die Sprache immer komplexer wird, dann schließt sie Wenigleser und Fremdsprachige aus. Das ist sicher nicht inklusiv oder diversitäts-freundlich. Es erstaunt und ärgert mich, dass dieser Widerspruch von den Verantwortlichen nicht angesprochen oder sogar geleugnet wird.
Ich habe keine Lösung für dieses Problem. Ganz sicher wollen wir nicht in die Zeit zurück, in der man Dunkelhäutige oder andere Personen mit abwertenden Bezeichnungen bedacht hat. Wir bauen uns aber selbst eine Falle, indem wir die Codes immer komplizierter machen. Das widerspricht dem Prinzip verständlicher Kommunikation.
Oder: Wir gestehen uns ein, dass uns diese Codes wichtiger sind als verständliche Sprache. Dann schließen wir Leute aus, die ohnehin benachteiligt sind, aber vielleicht ist das unvermeidbar. Meines Erachtens verlieren wie damit die Leute zum Einen für das eigentliche Anliegen, Diskriminierung in Sprache und Bild zu reduzieren. Aber wir verlieren sie auch für alle anderen Themen, die uns und ihnen wichtig sein könnten. Verstehen von Inhalten und Verständnis für einander – hängt das nicht irgendwie zusammen?

Automatisch barrierefrei? Gegen Accessibility-Overlays vorgehen

Stilisierte Figur wirft etwas in einen MülleimerAcessibility Overlays machen Ihre Website nicht barrierefrei, sie verschlechtern die Barrierefreiheit Ihrer Website. Um es klar zu sagen: Jedes Tool, welches verspricht, Ihre Website auf Knopfdruck oder mit wenigen Zeilen Code barrierefrei zu machen, ist Accessibility Bullshit. Solche Werkzeuge sind ebenso hilfreich wie Handauflegen, Wahrsagekugeln und Homeopathie. Mir ist es lieber, Sie machen nichts für Barrierefreiheit als wenn Sie solche Tools einsetzen. Wenn Sie hingegen Geld verschwenden möchten, sende ich Ihnen gerne meine Bankverbindung.
Das Problem mit den Tools ist, dass sie erst mal gar nicht im intendierten Sinne funktionieren. Oftmals fügen Sie lediglich ein paar Zoomfaktoren, eine Vorlesefunktion oder einen Dark Mode hinzu. Das sind Funktionen, die schon vor 15 Jahren ausprobiert wurden, seitdem out sind und vom Betriebssystem bzw. assistiven Technologien besser erledigt werden können. Komplexe dynamische Elemente können auf absehbare Zeit nicht automatisiert barrierefrei gemacht werden. Mal ehrlich, wir scheitern heute noch an brauchbaren automatisierten Bildbeschreibungen, glauben Sie, die wesentlich komplexeren dynamischen Elemente könnten automatisch barrierefrei gemacht werden? Auch Funktionen wie Animationen ausblenden funktionieren nicht, das würde erfordern, dass bei den Animationen hinterlegt wird, dass sie unter bestimmten Bedingungen angehalten werden. Das widerspricht aber der Anforderung, automatisch barrierefrei zu sein.
Das Problem geht aber weiter: Die Overlays fügen überflüssige Elemente zur Website hinzu. Sie machen die Website unübersichtlicher und können sogar die Nutzung aktiv verhindern. Das sind die berühmten Screenreader-Fallen. Sie fangen den Fokus des Screenreaders in einem Overlay-Element ein und im Worst Case schafft man es aus dem Element nicht mehr raus. Niemand wird diese Website freiwillig ein zweites Mal besuchen.
Nun bringt es nichts, gegen die Anbieter solcher Werkzeuge vorzugehen, sie sind Millionen-schwer und klagen auch gerne gegen ihre Kritiker, wie in den USA zu sehen ist, also wirklich sympathische Zeitgenossen. Es ist besser, diejenigen anzusprechen, die solche Tools auf ihrer Website einsetzen. Das sind in Deutschland bisher recht wenige, wahrscheinlich auch, weil das Marketing bisher noch nicht so präsent ist.
Stoßen Sie auf ein solches Overlay, informieren Sie den Anbieter der Website darüber, dass Overlays schädlich sind und am besten, welche Probleme Sie persönlich dadurch bei der Nutzung der jeweiligen Website haben. Verweisen Sie zum Beispiel auf die Website Overlay Factsheet. Ist der Anbieter rechtlich – etwa durch die BITV oder das Barrierefreiheits-Stärkungs-Gesetz – zur Barrierefreiheit verpflichtet, weisen Sie ihn darauf hin, dass der Einsatz des Overlays ihn nicht vor Klagen schützt.

Barrierefreiheit und User Experience – eine Katastrophe namens ClickMeeting

Normalerweise schimpfe ich ja nicht über kleine Firmen, aber für ClickMeeting mache ich eine Ausnahme. Unter all den Lösungen, die ich in den letzten Jahren nutzen musste, hat ClickMeeting den Vogel abgeschossen.
Weder die Browser-Version noch die native Windows App ist in irgendeiner Hinsicht barrierefrei: Außer dem für die praktische Nutzung irrelevanten Hauptmenü ist keine Funktion beschfirtet oder per Tastatur erreichbar. Mikrofon, Kamera, Bildschirm teilen, Chat – alles unbenutzbar, wenn man Screenreader nutzt.
Hinzu kommt, dass gegen elementare Faktoren der Usability und User Experience verstoßen wird. In der Desktop-App sind die Icons für Mikrofon und Kamera rechts und winzig klein. Anscheinend braucht man die für die Online-Kommunikation nicht.
Klickt man auf einen ClickMeeting-Link öffnen sich sowohl im Browser als auch in der Desktop-App immer zwei Fenster. Warum das passiert, ist mir nicht klar, der Nutzen des zweiten Fensters ist nicht erkennbar. Ich habe fünf Mal versucht, das Meeting im Chrome zu starten, der ist normalerweise recht zuverlässig, was Online-Meetings angeht. Auch das ist mir nicht gelungen, es ist also eine Pseudo-Auswahl zwischen Browser und App.
Laut dem Kunden gibt es keine Möglichkeit, Hintergrund-Geräusche zu unterdrücken. Die Kundin hatte wohl Baumaßnahmen vor Ort und ich habe sie so laut gehört, als ob sie bei mir wären. Leider konnte ich wegen der mangelnden Barrierefreiheit nicht herausfinden, ob man den eigenen Hintergrund verwischen kann. Beides sind meines Erachtens elementare Funktionen, die jede kommerzielle Lösung mitbringen sollte.
Im Endeffekt wirkt ClickMeeting eher wie eine frühe Betaversion. Zumindest eine Kundin konnte ich davon überzeugen, die Lizenz nicht zu verlängern. Wie ich schon einmal sagte: Wenn DSGVO-Konformität der Unique Selling Point ist, sollte man vorsichtig werden.

Können Sie es sich leisten, nicht barrierefrei zu sein?

GeldmünzenAuf Twitter schrieb ich neulich: Man sollte mißtrauisch werden, wenn die DSGVO der Unique Selling Point eines Produkts ist, also der Hauptgrund, warum eine Lösung gekauft werden sollte. Das heißt im Grunde, dass man alle anderen Themen sekundär behandelt hat. Das sind so unwichtige Dinge wie Barrierefreiheit oder gute User Experience. Jüngstes Beispiel ist ClickMeeting, eine leider nicht-barrierefreie Lösung zur Online-Kommunikation.
Im Endeffekt haben die Veranstalter die Wahl zwischen Pest und Cholera: Sie können eine wahrscheinlich DSGVO-konforme, weil EU-basierte Lösung nehmen und die Teilnehmer:Innen kämpfen mit massiven technischen Problemen. Der Support-Bedarf ist bei solchen Lösungen wirklich enorm. Oder man nimmt eine der meistens US-amerikanischen Lösungen mit guter Barrierefreiheit und User Experience, aber schlechtem Ruf beim Datenschutz. Im Zweifelsfall und wenn keine Verpflichtung besteht, wird man sich immer für Letzteres entscheiden. Es ist wichtiger, viele Menschen zu erreichen als DSGVO-konformer als die DSGVO zu sein. Leider konnte man mir noch nicht schlüssig begründen, warum man für Mängel bei der DSGVO hohe Geldstrafen bekommt und für die mangelnde Nutzbarkeit durch behinderte Menschen nicht mal einen Klaps auf die Finger. Und leider konnte mir auch noch niemand erklären, warum das US-amerikanische Zoom in einigen Einrichtungen DSGVO-konform ist und in anderen nicht, dort wird stattdessen das US-Amerikanische WebEx oder das US-amerikanische Teams verwendet. Ach, Adobe Connect ist übrigens auch US-amerikanisch und wird auch gerne verwendet.
Aber kann man nicht beides haben: Datenschutz und Barrierefreiheit? Sicher, es gibt Lösungen wie BigBlueButton, die meines Erachtens ein guter Kompromiss sind. Aber selbst das ist in manchen Einrichtungen verboten. Warum? Keine Ahnung, fragen Sie die DSGVO.
Der Konflikt wird in den nächsten Jahren meines Erachtens zunehmen. Leider haben gerade viele der deutschen Anbieter von Kommunikations-Tools das Thema Barrierefreiheit bisher nicht auf dem Schirm. Das heißt im Prinzip, dass sie von Einrichtungen des öffentlichen Dienstes nicht eingekauft werden dürfen, nicht-barrierefreie Tools können weder im Bildungsbereich noch im öffentlichen Dienst eingesetzt werden.
„Aber Barrierefreiheit ist doch so teuer“ höre ich von den Anbietern. Nun ja, niemand wirft ihnen vor, dass sie bei den ersten Prototypen nicht darauf geachtet haben. Mag auch sein, dass es in den ersten Jahren für Startups schwierig ist. Aber spätestens, wenn die Software marktreif ist und im Kontext Arbeit/Bildung eingesetzt werden soll, kann und muss man auch an der Barrierefreiheit arbeiten. Und hier fällt es Ihnen auf die Füße, wenn Sie nicht auf Barrierefreiheit geachtet haben.
Fragen Sie sich nicht, ob Sie sich Barrierefreiheit leisten können. Fragen Sie sich lieber, ob Sie sich keine Barrierefreiheit leisten können. Lassen Sie mal alle sozialen Aspekte beiseite. Rechnen Sie nach, wie viel Sie mit einer Software verdienen können, die vom öffentlichen Sektor, vielen NGOs und großen Unternehmen nicht gekauft wird. Den internationalen Markt können Sie ohnehin vergessen, weil fast alle angloamerikanischen Länder strengere Regeln zur Barrierefreiheit haben als die EU. Da bleibt eigentlich nur noch der private Konsumentenmarkt und einige KMUs. Können und wollen Sie sich damit begnügen?