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Die perfekte Hindernis-Erkennung für Blinde

TreppenaufgangFür Blinde ist die Erkennung von Hindernissen eine große Herausforderung. Große Hindernisse von der Hüfte bis zum Fuß lassen sich mit dem Blindenstock überwiegend gut ausmachen. Kopf und Oberleib hingegen sind vom Stock überhaupt nicht erfasst. Dazu kommt das Problem, das manche Hindernisse zu spät erfasst werden. Natürlich käme auch ein Blindenführhund als Hilfe in Frage, das ist aber nicht für jeden Blinden das Richtige.
In den letzteJahren haben sich diverse Zusatz-Geräte entwickelt, die bei der Erkennung von Hindernissen helfen sollen. Sie basieren auf Infrarot oder Ultraschall und informieren per Vibration oder Ton über Hindernisse. Die Geräte verbergen sich in Schuhen, als Erweiterung des Blindenstocks oder als anderes Wearable. Große Begeisterung hat keines dieser Geräte ausgelöst, soweit ich die Situation kenne. Hier also ein paar Ideen, wie eine Hindernis-Erkennung perfektioniert werden kann. Ich sage ausdrücklich dazu, dass ich von den bisher verfügbaren Geräten noch keines ausprobiert habe und deren Fähigkeiten daher nicht beurteilen kann.

Anpassbarkeit ist entscheidend

Es gibt große, kleine, schmale und breite Menschen. Eine Hindernis-Erkennung kann nur etwas taugen, wenn sie an die diversen Körpergrößen angepasst werden kann. Ansonsten sendet sie zu viele irrelevante Warnungen aus.
Bei Blinden arbeitet man in der Regel mit der Analogie einer Analog-Uhr, um die Position eines Hindernisses anzusagen. 3 Uhr ist rechts, 6 Uhr ist links, 12 Uhr ist geradeaus und so weiter. Daneben wäre noch die Position eines nicht-massiven Hindernisses wie eines Rückspiegels oder eines Astes interessant. Auch das müsste ein entsprechendes Tool ansagen, dafür ist wiederum die Körpergröße und -Breite einer Person wichtig. Dazu reicht die Ansage des Körperteils, also zum Beispiel: „Ast auf Kopfhöhe rechts“, „Rückspiegel auf Hufthöhe links“ etc.
Daneben wäre es sinnvoll, wenn eine lernende Software-Lösung verwendet wird. Menschen laufen unterschiedlich schnell, das ist ein wichtiger Faktor. Wird man zu spät vor einem Hindernis gewarnt, stolpert man darüber, wird man zu früh gewarnt, weiß man nicht, was man tun soll.
Die Krux aller Lösungen ist der Grad an Warn-Genauigkeit. Werden zu wenige Warnungen ausgesendet, kann man im Zweifelsfall auf das Gerät verzichten. Werden zu viele Warnungen ausgesendet, verunsichert das die tragende Person und hilft ebenfalls nicht weiter. Nun ist das natürlich auch eine Frage der persönlichen Vorlieben, auch deshalb wäre ein lernender Algorithmus wichtig.

Intelligente Objekt-Erkennung

Eine intelligente Objekt-Erkennung wäre sinnvoll. Das klingt komplizierter als es ist. Es gibt im Straßenverkehr eine Handvoll Objekte, die immer wiederkehrt: Pfähle von Schildern und Laternen, Fahrräder, Roller, Autos, Mülltonnen, Aufsteller, Tische und Stühle von Cafés, Hauswände, Stufen von Treppen, Zuäune oder Absperrungen von Baustellen, niedrige Mauern… Daneben gibt es natürlich noch lebendige, also sich eventuell bewegende Dinge wie Menschen, Hunde bzw. bewegte Objekte wie Fahrräder, Roller und Autos. Eine Objekt-Erkennung könnte einem sagen, was man vor sich hat, wo es sich ungefähr befindet und ob sich das Objekt bewegt.
Bei beweglichen Hindernissen wäre es natürlich toll, wenn die Software in etwa ermitteln kann, wohin sich das Objekt bewegt. Für einen Blinden ist wichtig, ob die Person ihm entgegenkommt, den Weg kreuzt oder ganz woanders hingeht, selbiges natürlich bei Fahrrädern, Autos etc.
Eine Objekt-Erkennung im weiteren Sinne gibt es bereits. So kann die iPhone-App SeeingAI bereits Szenen beschreiben.
Weiß der Blinde, was für ein Hindernis er vor sich hat und kennt seine ungefähre Position, kann er sich sein Verhalten zurechtlegen. Ein Roller erfordert ein anderes Verhalten als ein Fahrrad oder eine Person, die im Weg steht.
Ein Problem bisheriger Lösungen ist, dass sie nur aufragende Hindernisse erkennen können. Das gilt insbesondere für Geräte, die nicht am Oberkörper befestigt sind. Nun sind aufragende Hindernisse natürlich wichtig, gefährlich sind aber auch Hindernisse wie nach unten führende Treppen oder gar Gruben. Solche Objekte können meines Erachtens nur mit intelligenter Objekterkennung erkannt und beschrieben werden.

Integrierte Gesamt-Lösung

Im Augenblick bin ich tatsächlich abgeneigt, mir weitere Geräte zuzulegen. Stand-Alone-Geräte haben sicherlich ihre Berechtigung. Aber gerade für die Besitzer von Smartphones wären integrierte Gesamt-Lösungen besser. Besitzt man ohnehin eine smarte Kamera, die etwa Text erfassen kann, sollte diese auch die Hindernis-Erkennung übernehmen.
Für das oben dargestellte Szenario wäre ohnehin ein Computer notwendig. Zwar kann man im Prinzip überall ein kleines Betriebssystem einbauen. Aber die Software aktuell zu halten ist mit solchen Geräten eher schwierig. Und es wäre auch Ressourcen-Verschwendung. Wozu zwei Computer, wenn das Smartphone ohnehin die nötige Rechenpower hat?

Fazit

Wir haben gesehen, dass das Thema extrem komplex und nicht einfach zu lösen sein wird. Wir haben zum Beispiel gar nicht über das Thema Beleuchtung gesprochen. Bei Infrarot-Strahlung oder Ultraschall spielt es keine Rolle, ob es hell oder dunkel ist. Bei den hier vorgeschlagenen Systemen geht es aber eher um Kamera-basierte Geräte, die auf ausreichend Beleuchtung angewiesen sind.
Klar ist, die Basis der Orientierung wird bis auf absehbare Zeit der Blindenstock und das persönliche Orientierungsvermögen bleiben. Ein Blindenführhund kann den Blinden auf dem Hund bekannten Wegen führen oder Hindernissen ausweichen, aber er kann keine Umgebungen erkunden oder komplexere Ausweich-Routen herausfinden. Alle Geräte haben die Neigung, im unpassenden Moment kaputt zu gehen oder entladen zu sein. Die Klicksonar-Technik und ähnliche Methoden haben vielen Menschen geholfen, vielen Anderen aber nicht.

Lohnt sich eine Mitgliedschaft in der International Association of Accessibility Professionals (IAAP)?

Normalerweise bin ich ein Freund von Zusammenschlüssen. Man kann sich fachlich austauschen, neue Kontakte bekommen und eventuell sogar Auftraggeber gewinnen. Seit die International Association of Accessibility Professionals (IAAP) ihren deutschen Ableger gegründet hat, bin ich tatsächlich auch Mitglied geworden. Ich habe mich allerdings entschlossen, meine Mitgliedschaft auslaufen zu lassen und möchte hier die Gründe darlegen.

Die IAAP ist eine Zertifizierungs-Organisation

Es war wohl ein Geburtsfehler der IAAP, dass sie von Anfang an ein Zwitter ist. Sie möchte zugleich eine Mitglieder-Organisation und eine Zertifizierungs-Organisation für Barrierefreiheits-Expertise sein.
Und wie das so ist, man kann beidem nicht gerecht werden. Der Mitglieder-Bereich ist sowohl in der Haupt-Organisation als auch in Deutschland irrelevant. Die gleichen Disskussionen findet man auf der WAI-Liste oder auf Slack-Channels. Die Webinare sind vollkommen interessant. Die Weiterbildungen, die man teils vergünstigt oder kostenlos bekommt, sind in Ordnung, aber dafür brauche ich die Mitgliedschaft nicht.
Interessant ist nebenbei, dass keiner der Granden der nationalen oder internationalen Barrierefreiheits-Szene sich zu einer Mitgliedschaft in der IAAP bekennt. Sie halten wohl die Organisationfür überflüssig.

IAAP DACH und BIK – Brüder im Geiste

Kommen wir zum deutschen Ableger. Man kann einen Newsletter abonnieren, der meines Wissens nach der Gründung nie bespielt wurde. Auf dem Twitter-Kanal werden seltsames Zeug und Informationen von BIK-Leuten verbreitet. Ich bin weiß Gott kein PR-Mensch, aber ich könnte das mit meiner knappen Zeit besser machen.
Die Organisation wird praktisch von BIK-Leuten beherrscht, also Personen, die den BITV-Test maßgeblich entwickeln. Und genau so verhalten sie sich auch. Intransparent und unkommukativ. Außer der Anfrage, ob man sich an den Übersetzungen der Prüfungen beteiligen möchte habe ich bis heute kaum etwas gehört.
Das passt auch insgesamt gut zusammen. Sowohl die BIK als auch die IAAP haben meine Kritik an den BITV-Prüfverfahren bzw. den IAAP-Zertifikaten ignoriert. Mein Hinweis darauf, dass es bei der IAAP an behinderten Menschen in vorderster Reihe fehlt, dass die Zertifikate Informationen und nicht konzeptionelles Wissen abfragen und der Fakt, dass der ganze Spaß mit den Zertifizierungen enorm teuer ist.
Mein Schluss ist, dass sich hier zwei gefunden haben: Für Barrierefreiheit zu sein heißt eben nicht, dass man behinderte Menschen als Akteure ernst nimmt. Wie so oft sehe ich bei den IAAP-Leuten eine paternalistische Grundhaltung, ebenso wie bei den BIK-Verantwortlichen.
Gemeinsam ist der IAAP und dem BIK die große Beratungs-Resistenz. Man interessiert sich weder für die Kritik aus der Community noch nimmt man sie überhaupt wahr. Das hat nichts mit Barrierefreiheit zu tun.
Die Zertifikate halte ich, wie erwähnt, nicht für aussagekräftig. Abgesehen davon haben solche Verfahren den Trend, sich zu Selbstläufern zu entwickeln. Irgendwann geht es nur noch darum, möglichst viele Leute durch die Prüfung zu schicken – oder durchfallen zu lassen – einfach, weil man die Einnahmen braucht. Das ist eine Gelddruckmaschine und das muss man nicht unterstützen.

Fazit

Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass ich diese Organisation nicht mit meiner Mitgliedschaft adeln möchte. Ich werde die 200 Dollar Mitgliedsgebühr an NVDA spenden, sie kümmern sich wirklich um Barrierefreiheit.

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Wie findet man einen kompetenten Dienstleister für digitale Barrierefreiheit

Stilisierter Sherlock Holmes mit LupeDa mir die Frage häufig gestellt wird, möchte ich heute gerne darauf eingehen, wie Sie einen kompetenten Dienstleister in Sachen barrierefreie Webseiten und barrierefreie PDF finden.

Barrierefreiheit ist ein Thema wie jedes Andere

Zunächst einmal sollten Sie genau so vorgehen wie in jedem anderen Bereich auch. Das heißt: Marketing-Bla-Bla ignorieren, Referenzen prüfen und vor allem auf konkrete Informationen achten. Je wager die Informationen zur Barrierefreiheit sind und je tiefer das Thema auf der Webseite vergraben ist, desto weniger wichtig scheint es dem Dienstleister zu sein. Außerdem sollten Sie einmal bei anderen Einrichtungen aus Ihrer Branche fragen, ob dort bereits gute Erfahrungen mit einem bestimmten Dienstleister gemacht wurden.
Es macht auch Sinn, ein automatisches Prüftool über die Website des Anbieters oder seine PDF-Dokumente laufen zu lassen. Oder alternativ eine behinderte Person die Inhalte prüfen zu lassen. Fehler können immer gemacht werden. Häufen sich diese aber, ist das kein gutes Zeichen. Bekommt man die eigenen Inhalte nicht barrierefrei, wie soll man das dann mit den Inhalten Anderer machen?

Anbieter-Struktur in in der DACH-Region

Unabhängig vom konkreten Portfolio lassen sich drei Arten von Dienstleistern bzw. Unternehmens-Strukturen in der DACH-Region unterscheiden:

  • Eizel- bzw. Kleinst-Unternehmen, bestehend aus einer Person bzw. aus einzelnen Freiberufler:Innen
  • kleine Agenturen, die sich auf Barrierefreiheit spezialisiert haben, das sind in Deutschland Agenturen mit vielleicht 10 bis 15 Mitarbeitern
  • mittelgroße oder große Full-Service-Agenturen, die insbesondere für den öffentlichen Dienst tätig sind und Barrierefreiheit mit im Angebot haben
  • Non-Profit-Organisationen

In der DACH-Region gibt es meines Wissens keine mittelgroßen oder großen Agenturen, die sich ausschließlich mit Barrierefreiheit beschäftigen. Auch kommt es selten vor, dass ein kleinerer Dienstleister sowohl barrierefreie Webseiten als auch barrierefreie PDF abdecken kann. So etwas machen eher große Full-Service-Agenturen mit Schwerpunkt auf den öffentlichen Sektor.
Daneben gibt es natürlich unzählige kleinere und größere Unternehmen, die Barrierefreiheit als eines von vielen Themen im Portfolio haben. Hier kann man nicht sagen, inwieweit sie das Thema beherrschen.
Vereinzelt findet man auch nicht-profit-orientierte Organisationen, die Dienstleistungen zur Barrierefreiheit anbieten. Das sind allerdings nicht so viele.

Expertise erkennen

Es gibt viele „hidden heroes“, also Personen, die ein wenig unter dem Radar der Öffentlichkeit bleiben. Die findet man eher in den Arbeitskreisen und weniger auf Konferenzen. Dadurch sind sie auch recht schwer über eine Web-Suchmaschine zu finden.
Abraten möchten wir von Dienstleister-Verzeichnissen. Da kann sich in der Regel jeder eintragen, ohne das eine Qualitätskontrolle stattfindet.
Interessant ist die Frage, ob der Dienstleister auf Fach-Konferenzen präsent war oder ob er publiziert hat – egal ob in öffentlichen Publikationen oder auf der eigenen Website. Fachliche Publikationen kann man in der Regel auch erkennen, ohne tief in der Materie zu sein.
Daneben gibt es eine Reihe von Fragen, die Sie an Dienstleister bezüglich Barrierefreiheit stellen können. Dazu gehören:

  • Wie viele Projekte wurden bisher umgesetzt?
  • Wie viele Mitarbeiter:Innen sind auf Barrierefreiheit spezialisiert, wie bilden sie sich fort bzw. bleiben auf dem Laufenden?
  • Wie findet eine Qualitätssicherung der Ergebnisse eines Projekts statt? (Testverfahren, Nutzertests, automatische Prüfung etc.

Bleiben die Antworten wage, muss man von einer mangelnden Erfahrung des dienstleisters ausgehen und sollte ihn aus der näheren Auswahl nehmen.
Es gibt aktuell vor allem die Zertifikate der IAAP zur Barrierefreiheit als formalen Nachweis für Expertise. Diese sind in Deutschland aber wenig verbreitet und werden ohnehin nur an Einzelpersonen und nicht an Organisationen vergeben. Meines Erachtens taugen diese Zertifikate nicht als Qualifikationsnachweis für Barrierefreiheit.

Entscheidend ist eine gute Zusammenarbeit

Last not least zählt natürlich der persönliche Eindruck. Meines Erachtens sollte man das nicht überbewerten. Wenn jemand aber eine konkrete Frage nicht angemessen beantworten oder eine verständliche Erklärung geben kann, wird die Zusammenarbeit schwierig.
Dabei ist auch wichtig, dass man miteinander gut klarkommt, ansonsten wird die Zusammenarbeit unangenehm.

Zum Weiterlesen

Mit-Forschen oder Mit-Entwickeln – Neues zur Barrierefreiheit 7/21

Drei stilisierte Figuren tauschen sich miteinander ausSeit dem 23.6.2021 sind alle nativen Apps und Verwaltungs-Vorgänge öffentlicher Stellen barrierefrei – ginge es nach der EU-Richtlinie 2102. In Wirklichkeit dürfte es diesbezüglich aktuell nicht so gut aussehen. Wir dürfen abwarten, bis der erste Status-Bericht der EU zu diesem Thema vorgelegt wird.
Saisonbedingt ist der Sommer recht ruhig. Deswegen legen wir gleich mit den interessanten Beiträgen los.

Interessante Beiträge

Das Hochschulforum Digitalisierung hat eine Handreichung zur barrierefreien Online-Lehre vorgelegt.
Barrierefreiheit in der Online-Lehre
Da wir uns stärker auf das Thema digitale Barrierefreiheit konzentrieren wollen, haben wir die Einfache Sprache aus unserem Angebot gestrichen. Domingos hat seine Schulungs-Materialien zum kostenlosen Download auf die Website gestellt.
Im Blog gibts einen Beitrag zu der Frage, was eine Expert:In zur digitalen Barrierefreiheit an Fähigkeiten mitbringen sollte.
Weiter gehts auf Englisch. Der Begriff Bias wird in der Diversitäts-Forschung verwendet. Es geht darum, dass man die Bedürfnisse oder Wahrnehmung anderer Menschen nicht im Blick hat. Ein älterer Beitrag beschäftigt sich damit, wie Designer:Innen Biases in der eigenen Wahrnehmung erkennen und damit umgehen können.
How to Handle Designer Bias When Designing for Accessibility
Planen Sie, eine eigene Hausschrift einzuführen? Ein Beitrag auf Design Week zeigt, warum eine gute Lesbarkeit für unterschiedliche Gruppen wichtig ist.
Why designers need to consider accessibility in type
Das Thema kognitive Behinderungen treibt uns ständig um, vor allem, weil es im bisherigen Diskurs um Barrierefreiheit wenig vorkommt. Ein Blogbeitrag bei Shopify zeigt, was beachtet werden sollte.
Designing for cognitive disabilities
Relativ geräuschlos ist das Barrierefreiheits-Stärkungs-Gesetz bzw. die deutsche Umsetzung des European Accessibility Acts verabschiedet worden. Auf Inclusive Publishing werden die Anforderungen zusammengefasst, die vor allem auf die Verlage zukommen.
What does the European Accessibility Act Mean for Global Publishing?
Bei inklusiver Forschung geht es darum, bisher vernachlässigte Gruppen in den Mittelpunkt zu rücken. Wie so ein Prozess gestaltet werden kann, zeigt ein Beitrag auf Medium.
Introduction: A Practical Guide to Inclusive Research
Oder wäre es nicht besser, wenn die betroffenen Personen gleich selbst die Dinge mitentwickeln? Darauf weist ein Artikel bei The next Web hin.
Accessible technology is better when it’s built by those who rely on it
Es ist immer schön zu wissen, was Andere in Sachen Barrierefreiheit machen. Einblicke gewährt ein Bericht von Level Access.
2021 State of Digital Accessibility Report

Veranstaltungen

Im Sommer ist die Zahl der Veranstaltungen zur Barrierefreiheit überschaubar. Vielleicht wollen Sie aber die Zeit nutzen, um den Rest des Jahres zu planen. Dann werfen Sie einen Blick auf unsere Liste von Barrierefreiheits-Veranstaltungen.

Tool des Monats

Störungen der Farb-Wahrnehmung sind weit verbreitet. Eine Webseite erlaubt es Ihnen, Farben-Blindheit verschiedener Formen zu simulieren. Laden Sie zum Beispiel einen Screenshot einer Präsentation oder Ihrer Websiete hoch, um es auszuprobieren.
Color Blindness Simulator

Zitat des Monats

Passiert es Ihnen auch, dass Sie etwas sagen wollen und jemand Anderes formuliert es viel eleganter? Domingos passiert das ständig, deshalb führt er jetzt die Kategorie Zitat des Monats ein.

Accessibility isn’t just about compliance. For myself being legally blind, accessibility is the difference between independently achieving my goals or struggling and relying heavily on others.
DR SCOTT HOLLIER, CEO CFA AUSTRALIA Quelle

Was sollte eine Expertin für digitale Barrierefreiheit können?

Farbige Blasen enthalten Fragen wie Wer, Was und WoIn angloamerikanischen Ländern gehören sie vielerorts dazu, in Deutschland sind sie seltener als Einhörner: Inhouse-Expertinnen für digitale Barrierefreiheit. Aber was sollte so eine Expert:In eigentlich mitbringen? Das wollen wir uns in diesem Beitrag anschauen. Wenn Sie eine Barrierefreiheits-Expert:In einstellen möchten, hilft Ihnen vielleicht das Accessibility Skills Hiring Toolkit. Oder suchen Sie einen kompetenten Dienstleister zu barrierefreien PDF und Webseiten?

Generelle Anforderungen

Es gibt Fähigkeiten, die jeder Mensch benötigt, der im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik arbeitet. Die Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten, sich Fachbegriffe anzueignen, die Qualität von Informationen zu beurteilen. Der Wandel der Technik hat sich in den letzten Jahren rasant beschleunigt – außerhalb der Barrierefreiheit, versteht sich. Aber das muss man natürlich mitbekommen, wenn man sich mit barrierefreier Technik beschäftigt.
Ein gutes Verständnis von technischem Englisch ist unabdingbar. Nur wenige relevante Informationen erscheinen – zumeist mit Verspätung – auf Deutsch. Die meisten relevanten Diskurse finden auf Englisch statt, auch weil die deutsche Barrierefreiheits-Szene es verschlafen hat, eine funktionierende Plattform für den Diskurs zu entwickeln.

Besondere Anforderungen der digitalen Barrierefreiheit

ein konzeptionelles Verständnis von Behinderungen und den daraus erwachsenen Barrieren ist wichtig. Barrierefreiheit ist mehr als Sprachausgabe, Bildschirm-Lupe, Kontraste und Alternativtexte.
Erforderlich ist ein solides Grundwissen der Gesetzgebung und der Richtlinien. Der Wust aus nationalen und Länder-Gesetzen, Industrie-Normen und informellen Vorgaben ist schwer zu durchschauen.
Ein technisches Grundwissen ist wichtig, z.B. ein Grundverständnis von HTMl und seiner Funktionsweise, ohne HTML versteht man weder Screenreader noch ARIA.

Besonderes Wissen

Wichtig ist, in welchem Bereich man arbeitet, ein Entwickler benötigt anderes Wissen als eine Projektmanagerin, ein Kommunikations-Verantwortlicher anderes Wissen als eine Redakteurin. Wer wiederum Dokumente barrierefrei machen möchte, muss über ARIA oder CSS weniger gut Bescheid wissen.
Erfüllt man Schnittstellen-Funktionen, etwa als Projektmanagerin oder Berater für Kunden, muss man vor allem übersetzen können. Der Kunde möchte – manchmal – verstehen, warum etwas auf eine bestimmte Weise gemacht werden soll oder warum eine bestimmte Weise problematisch sein kann. Die Entwickler:Innen benötigen klare Hinweise auf die Umsetzung oder zumindest darauf, was falsch läuft und was das erwartete Verhalten ist.
Je nach Organisation muss man sich auch darauf einstellen, der Buhmensch zu sein. Man muss etwa intervenieren, wenn das fein austarierte grafische Konzept unzureichende Kontraste aufweist oder die Tastatur-Bedienung in einer bestimmten Ecke nicht funktioniert. Manche kommen mit dieser Rolle besser klar als Andere. Auf jeden Fall ist das einfacher, wenn man außerhalb einer Organisation steht.
Hier stellt sich die Frage, ob man eine Art Universalgenie in all diesen Dingen sein muss. Ich selbst kenne nur eine Handvoll Leute, die sich mit Internet und PDF gleichermaßen gut auskennen. Das Ganze wird auch dadurch erschwert, dass alle Themen für sich immer spezieller werden. Das Universal-Genie wird auch in der Barrierefreiheit eine aussterbende Gattung.

Expert:Innen in eigener Sache – aber auch nicht mehr

Ein häufig anzutreffendes Mißverständnis gerade bei vielen Blinden ist der Irrglaube, man kenne sich mit Barrierefreiheit aus, weil man blind sei. Nach der Argumentation sind alle Weintrinker Wein-Experten und ein Supermarkt-Kunde ist ein Experte für Waren-Logistik.
Sicher ist jede Behinderte Expert:In in eigener Sache. Darüber hinaus wird es aber schwierig. Es gibt Blinde, die recht gut die Situation anderer Blinder einschätzen können. Anderseits sehe ich nur bei wenigen Blinden, die über Barrierefreiheit schreiben, dass sie sich mit anderen Behinderungen beschäftigt haben. Für einen Geburts-Blinden dürfte es recht schwierig sein, die Situation einer Sehbehinderten oder Autist:Innen einzuschätzen.
Deshalb sollte man bei der Einschätzung durch Expert:Innen in eigener Sache stets vorsichtig sein. Das ist kein Plädoyer gegen Tests durch Nutzer:Innen, aber man muss solche Einschätzungen stets gewichten.

Was gehört nicht zum Experten für Barrierefreiheit?

Eine Expert:In für Barrierefreiheit muss meines Erachtens vor allem ein Grundverständnis über die Funktionsweise assistiver Technologien und deren Grenzen haben. Sie muss aber nicht in der Lage sein, einen Screenreader oder eine Spracheingabe flüssig bedienen zu können.
Eine Expert:In für Barrierefreiheit muss selbst nicht behindert sein. Im Gegenteil, in einigen Fällen kann das sogar hinderlich sein, weil man dann die eigenen Anforderungen überbewertet, so gesehen bei vielen Blinden, die zumindest von sich selbst glauben, von Barrierefreiheit Ahnung zu haben, während sie nur von Screenreadern und Sprachausgaben sprechen.
Natürlich heißt das nicht, dass ein behinderter Mensch kein Experte sein kann, es geht nur darum, dass eine Behinderung zu haben nicht automatisch dazu qualifiziert. Ich suche aktuell nach Möglichkeiten, um behinderte Menschen zu Barrierefreiheits-Expert:Innen zu qualifizieren. Ich freue mich, wenn da jemand Hinweise hat.
Im anglo-amerikanischen Raum gibt es im übrigen viel mehr behinderte Menschen in der Barrierefreiheits-Szene, In Deutschland bleiben sie in aller Regel außen vor.
Meines Erachtens gehört es auch nicht dazu, die Barrierefreiheits-Richtlinien auswendig zu kennen. Die WCAG formulieren einen Minimal-Standard und laufen der technischen Entwicklung leider hinterher.
Wie ich an anderer Stelle schrieb, ist konzeptionelles Wissen wichtiger als die Fähigkeit, Infos auswendig zu lernen. Das kritisiere ich auch an den IAAP-Zertifikaten.

Weitere Infos

Barrierefreiheits-Stärkungs-Gesetz – warum die Bundesregierung der Wirtschaft schadet

einkaufswagenNun ist es doch da, das neue Barrierefreiheits-Stärkungs-Gesetz. Die Defizite des European Accessibility Act und deren deutscher Umsetzung sind an anderer Stelle schon ausgeführt worden, das muss ich hier nicht wiederholen. Hier erfahrt ihr, warum Deutschland der heimischen Wirtschaft damit keinen Gefallen getan hat.

Eine Regierung des Stillstandes

Wir haben eine mut- und innovationsfreie Bundesregierung, im Grunde haben wir seit der Regierung Merkel I einen großen Stillstand. Wenn sie nicht gerade durch äußere Umstände gezwungen wurde, hat die Bundesregierung kein großes Thema angepackt. Wo sie es doch getan hat, war die Situation oft nur wenig besser als vorher – siehe Bundesteilhabegesetz. Das ganze Schema des Versagens sieht man in anderen Bereichen wie dem Klimaschutz oder der Digitalisierung. Meines Erachtens geht es hier also nicht so sehr darum, dass Behinderte bewusst ausgegrenzt werden, wie in anderen Kommentaren zu lesen. Es ist das Gleiche passiert wie bei so vielen anderen Gesetzes-Vorhaben – mangelndes Interesse, geringe Ambitionen und Ministerien, die viel Bürokratie ohne nachhaltige Wirkung produzieren. Vielleicht muss man aber auch glücklich darüber sein, dass die CDU im Wesentlichen den Status Quo verwaltet, wenn man sieht, welche unsozialen Reformen der aktuelle Gesundheitsminister Spahn auf den Weg gebracht hat.

Deutschland wird wirtschaftlich abgehängt

Viele große Märkte, insbesondere der gesamte anglo-amerikanische Raum – haben strengere Gesetze zur Barrierefreiheit als Deutschland. Selbst innerhalb der Europäischen Union steht Deutschland in einigen Bereichen deutlich schlechter da als andere Staaten. So hat Österreich härtere Richtlinien zur Barrierefreiheit auch für die Privat-Wirtschaft.
Leider habe ich keinen Vergleich der Barrierefreiheits-Richtlinien in den einzelnen Ländern der Welt gefunden. Falls jemand da einen heißen Tipp hat, freue ich mich. Allerdings kann man davon ausgehen, dass viele der Wachstums-Märkte wie China, Indien, Russland, die Staaten Lateinamerikas und im Nahen Osten ebenfalls zumindest Basis-Anforderungen der Barrierefreiheit gesetzlich verankert haben bzw. es noch tun werden. Hier spielt der Druck durch die sozialen Bewegungen und der Wunsch nach Legitimität eine große Rolle.
Der große Marktfaktor überhaupt ist der demografische Wandel. Er trifft das gesamte Europa, Japan, China, Russland und etwas schwächer die beiden Amerikas. Man hat im Bereich barrierefreier Tourismus schon große Fortschritte gemacht. In anderen Bereichen ist man hier allerdings relativ uninnovativ. Es ist anscheinend in der Privat-Wirtschaft noch nicht angekommen oder man sieht die Kosten für Innovationen als zu hoch an. Am Ende werden aber jene profitieren, die hier langfristig gedacht haben.
Nehmen wir ein Beispiel: Deutschland gehört zu den großen Herstellern von Personen-Zügen. Züge können schwellenfrei gebaut werden, so dass man sie in der Regel ohne fremde Hilfe als Rollstuhlfahrende oder Rollator nutzende Person nutzen kann. Aber die Deutsche Bahn und andere Bahnbetriebe kaufen lieber nicht barrierefreie Züge und organisieren eine personal-intensive Mobilitätshilfe. Kein Staat der Welt wird diese Züge aus Deutschland importieren – entweder werden sie angepasst oder man nimmt sie von Unternehmen, die von vorneherein barrierefreie Züge bauen. Wenn deutsche Unternehmen keine barrierefreien Bankautomaten bauen kann, wird man sie eben von Anbietern beziehen, die das können. Wenn die paar international aktiven deutschen Software-Unternehmen ihre Produkte nicht barrierefrei gestalten können, sind sie global nicht konkurrenzfähig.
Barrierefreiheit ist ein interessanter Markt für global agierende Unternehmen möchte man meinen. Für Deutschland allerdings nicht. Die Regierung traut sich nämlich nicht, hier harte Regelungen oder vernünftige Fristen zu setzen. Deutsche Unternehmen werden nicht zu Innovationen gezwungen und verlieren damit den Anschluss an den Weltmarkt.

Deutschland als großer Bremser

Obwohl Deutschland sich immer als Musterschüler vorkommt, ist es in Wirklichkeit das Gegenteil. Immer, wenn ein internationales Gremium wie die EU Gas gibt, tritt Deutschland auf die Bremse. So war es bei den Richtlinien zur digitalen Barrierefreiheit, so war es beim marakesch-Treaty über den Zugang für lesebehinderte Menschen zur Literatur und so war und ist es beim European Accessibility Act. Der European Accessibility Act sollte ursprünglich wesentlich mehr Bereiche umfassen. Es bleibt ein Rätsel, warum etwa das gesamte Thema Bauen, Arbeits-IT oder Haushaltsgeräte schon im Act komplett außen vor bleibt. Der Act war also schon unambitioniert, als er verabschiedet wurde und er wurde noch weniger ambitioniert in deutsches Recht umgesetzt.
Die Bundesregierung glaubt tatsächlich, man würde der heimischen Wirtschaft dadurch einen Gefallen tun. Das mag kurzfristig gedacht tatsächlich zutreffen. Mittelfristig ist es der Todesstoß für eine export-orientierte Wirtschaft. Was glaubt ihr, welche Lösung/Dienstleistung wird ein großer Markt-Teilnehmender einkaufen, der zur Barrierefreiheit verpflichtet ist? Eine Lösung, die von vorneherein barrierefrei ist oder die deutsche Lösung, die nicht barrierefrei ist? Und selbst in der Binnen-Nachfrage spielt Barrierefreiheit eine wachsende Rolle. Hier hat man meistens die Wahl zwischen einer mittelmäßigen deutschen und einer guten Lösung aus dem anglo-amerikanischen Raum. Der deutschen Lösung wird meistens nur aus Datenschutz-Gründen der Vorzug gegebe, nicht, weil sie in irgendeiner Hinsicht besser wäre.
Das gleiche Schema erkennen wir – wie oben erwähnt – im Klimaschutz wieder. Während alle Welt auf Autos mit geringen Emissionen, weniger Kraftstoff-Verbrauch oder gar Elektro-Autos setzt hat Deutschland die entsprechenden Vorschriften verwässert und dazu beigetragen, dass die deutsche Autowirtschaft international weniger konkurrenzfähig ist. Man hat die Wirtschaft auf kurze Sicht geschont, um ihr auf lange Sicht die Konkurrenzfähigkeit zu nehmen.

Fazit

Wie an anderer Stelle erklärt ist Barrierefreiheit natürlich ein Kostenfaktor. Vor allem in Deutschland, wo man mehr Wert auf Formalitäten statt auf innovative Ideen legt. Das Problem reduziert sich aber dadurch, dass alle Markt-Teilnehmenden sich an die gleichen Regeln halten müssen. Alle Unternehmen haben die gleichen Anforderunge, also kann sich keiner einen Vorteil dadurch verschaffen, dass er die Regeln ignoriert. Durch gemeinsame Anstrengungen und Lösungen werden die Kosten für die einzelnen Markt-Teilnehmenden insgesamt reduziert. Bildungs-Einrichtungen werden dazu gezwungen, die Barrierefreiheit in den Unterricht aufzunehmen, da die entsprechenden Kompetenzen überall gebraucht werden.
Anders als Deutschland manchmal zu glauben scheint wartet die Welt nicht auf deren Innovationen. Sie werden halt wo anders gemacht und dann werden Spanien, Italien oder Irland die Leistungen barrierefrei anbieten, die Deutschland wegen seiner Zögerlichkeit nicht entwickeln konnte.

Der Weg über die Gerichte

In den letzten Jahren hat es einige bahnbrechende Gerichtsurteile gegeben. So ist Deutschland jetzt durch das Bundesverfassungsgericht gezwungen, härtere Maßnahmen zum Klimaschutz zu erlassen.
Möglicherweise ist dies der einzig gangbare Weg: Zum Einen die Bundesregierung durch Klagen zwingen, mehr auf die Barrierefreiheit zu achten. Zum Anderen auch Firmen verklagen, die ihre Software oder andere Produkte nicht barrierefrei machen. Leider ist das in Deutschland schwieriger als in den USA, weil hier das Klagerecht deutlich eingeschränkt ist.
Abgesehen davon sind solche Urteile recht langwierig. Bis man das Bundesverfassungsgericht erreicht, ist viel Sitzfleisch und engagierte Anwält:Innen notwendig. So lange wollen wir eigentlich nicht warten.

Wird barrierefreie Web-Entwicklung zum Mainstream?

Hand-gecodete Webseiten erinnern an eine etwas verklärte Zeit. Irgendwie muss ich immer an die Großmutter denken, die am Kamin sitzt und Jäckchen für die kleinen Enkel strickt. Wobei meine Großmutter im tropischen Goa sicher nie an einem Kamin gesessen hat.
Heutzutage kommt man allerdings an Frameworks kaum vorbei. Klar kann man die Website auf dem Desktop betreuen und dann über FTP hochladen. Oder minimalistische Redaktionssysteme verwenden. Doch für moderne Interfaces, die schick, aber auch funktional sein sollen ist das wohl nicht mehr der beste Weg. Wer hat heute noch Ressourcen, ein Akkordeon, eine Flyout-Navigation oder eine Slideshow zu programmieren und sie auf allen möglichen Endgeräten und Browsern zu testen? Die öffentliche IT ganz sicher nicht, eben so wenig wie deren externe Dienstleister.
Nun haben sich die Entwickler:Innen dieser Bibliotheken und vieler Redaktionssysteme bisher kaum um Barrierefreiheit gekümmert. Auch für sie war es so anstrengend. Doch der Wind wird sich sehr bald drehen.

Härtere Richtlinien, mehr Betroffene

Ab und zu muss man daran erinnern, dass die BITV nicht erst seit der EU-Direktive 2102 gilt. Die erste BITV wird gerade 20 Jahre alt. Wer sich jetzt erst darum kümmert, hat bisher seine Pflichten sträflich vernachlässigt.
However, die Entwicklung um 2102 hat jetzt einen hohen Grad an Nervosität ausgelöst. Webseiten wirden immer stärker monitort und Barrierefreiheits-Bugs werden nach und nach ausgebügelt. Ein Grund, ungeeignete Frameworks zu entsorgen und durch solche zu ersetzen, die Barrierefreiheit unterstützen.
Nun macht die öffentliche IT einen guten Teil der digitalen Infrastruktur aus. Allein das wäre ein Grund, stärker auf Barrierefreiheit zu achten, um diesen Markt nicht zu verlieren. Aber auch ein Gutteil des Nonprofit-Sektors ist zur Barrierefreiheit verpflichtet. Dies dürfte doch einen guten Teil des Internets betreffen.
Ein aktuelles Beispiel: Der neue BITV-Test fordert die barrierefreie Transformation von Inhalten, heißt, wenn über die Website ein PDF aus einer HTML-Seite erstellt werden kann, muss das resultierende PDF die Barrierefreiheits-Infos aus dem HTML übernehmen. Das kann kaum eine der aktuell angebotenen Bibliotheken zur PDF-Konvertierung.
Natürlich stammen die meisten dieser Frameworks aus dem anglo-amerikanischen Bereich. Dort gibt es auch einen starken Druck vor allem in den USA oder Kanada durch härtere Gesetze und Klagewellen.
Natürlich ist das vor allem für kommerziell vertriebene Frameworks interessant. Doch auch die kostenlosen Anbieter sind sicherlich an einer weiten Verbreitung ihrer Frameworks interessant. Wozu soll man eine Bibliothek weiter entwickeln, die keiner nutzt?

Es wird einfacher, aber nicht einfach

Allerdings wird den Entwickler:Innen zwar Arbeit abgenommen. Doch müssen sie sich trotzdem mit Barrierefreiheit beschäftigen. Die Bibliotheken bieten ja schon heute teilweise die Möglichkeit, ARIA oder andere relevante Eigenschaften hinzuzufügen, den Kontrast zu ändern oder den Fokus zu korrigieren.
Oder anders gesagt: Man kann mit einem guten Framework Mist produzieren und mit einem schlechten Framework gute Ergebnisse erzielen.
Doch die Arbeit wird durch gute Frameworks deutlich erleichtert. Tastatur-Bedienung, Fokus-Management, Mindest-Kontraste, ARIA States und so weiter sind wesentlich besser umsetzbar, wenn sie einmal zentral integriert wurden.
Vielleicht sollten wir uns in Zukunft nicht mehr auf einzelne Organisationen stürzen, sondern uns gezielt an die Entwickler:Innen der Frameworks wenden. Das dürfte einen wesentlich größeren Impact haben.
Web Accessible Code Libraries and Design Patterns

Die WebAIM-Studie sind 98 Prozent der Webseiten nicht barrierefrei?

Stilisierter Sherlock Holmes mit Lupe98 Prozent der meist genutzten Webseiten nicht barrierefrei – die Nachricht macht aktuell wieder die Runde auf Twitter und einschlägigen Accessibility-Kanälen. Tolle Sache, vor allem, wenn man nur Überschriften liest. Persönlich finde ich die WebAIM-Studie aus zahlreichen Gründen nicht aussagekräftig. Das möchte ich in diesem Beitrag darlegen.
Kurz zur Erklärung: In Fachkreisen sprechen wir nicht von Barrierefreiheit, sondern von Konformität. Konformität heißt, dass ein bestimmter Standard erfüllt wurde, zum Beispiel WCAG 2.1 auf Stufe AA. Da der Begriff „barrierefrei“ für Webseiten nicht fest definiert ist, ist dieser Behelf stets notwendig.

Das angemessene Maß für Barrierefreiheit

Und hier ist schon der erste Fehler: WebAIM hat seine Prüfung auf der Konformitätsstufe AA durchgeführt. AA ist allerdings der Standard für öffentliche Einrichtungen. Private Organisationen streben in der Regel nicht AA, sondern A an. Auf der Stufe A gibt es zum Beispiel keine Vorgaben für Mindest-Kontraste. Wenn man aber nicht verpflichtet ist, AA zu erfüllen und nur A anstrebt, ist die Bewertung nach AA nicht sinnvoll. Es ist so, als ob ich Amateursportler nach den Maßstäben von Profisportlern bewerten würde.

Methodik

Die eine Millionen Websites wurden mit dem WAVE-Tool von WebAIM automatisiert geprüft. Vielmehr ist zur Methodik auch nicht zu sagen.

Automatisierte Tools sind begrenzt bis gar nicht hilfreich

Was ich derzeit von automatisierten Barrierefreiheits-Tests gesehen habe, hat mich nicht überzeugt. Nun mag der WebAIM Wave noch eines der ausgefeilteren Werkzeuge sein, aber das sagt leider auch nichts aus. Es gibt Dinge, die man automatisch messen kann wie das Vorhandensein bestimmter HTML-Elemente, ARIA-Attribute, Labels, Alternativtexte und einige Kontraste. Doch ist die Liste der Dinge länger, die sie nicht auswerten können. Als Faustregel gilt, dass automatische Werkzeuge bis zu 30 Prozent der Fehler in der Barrierefreiheit aufspüren können.
Dazu gehört die Sinnhaftigkeit von Alternativtexten, der sinnvolle Einsatz von ARIA, die korrekte Auszeichnung von Texten oder Formular-Elementen.
Kurz: Ob Wave Fehler anzeigt oder nicht, ist vollkommen irrelevant. Ein fauler, aber schlauer Entwickler lässt das Tool drüberlaufen, bügelt die Fehler aus und bekommt seine Seite konform, ohne ein Quentchen an der Barrierefreiheit verbessert zu haben.
Wie WebAIM selber anmerkt, werden Webseiten immer komplexer. Ich gehe allerdings davon aus, dass viele Webseiten insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum das Thema Barrierefreiheit auf dem Schirm haben. Das heißt, sie kümmern sich um Alternativtexte oder sinnvolle Link-Beschreibungen. Allerdings ist es für extern eingebundene Inhalte teils nicht möglich, diese Faktoren zu berücksichtigen.
Ein Großteil der Fehler dürfte auf solche eingebundenen Inhalte zurückzuführen sein: Das sind etwa Social-Media-Inhalte oder Werbung. Wenn man nach WebAIM geht, sollte man solche Inhalte wahrscheinlich weglassen, da man sie nicht barrierefrei machen kann. Damit dürfte man die Leute eher von Barrierefreiheit abschrecken.
Schauen wir uns die Fehler einmal genauer an:

  • 86 Prozent mit Fehlern beim Kontrast: Wie oben angemerkt kein AA-Kriterium
  • 66 Prozent Bilder mit fehlenden Alternativtexten: Hier gehts wahrscheinlich um extern eingebundene Inhalte, auf die man keinen großen Einfluss hat, gleiches gilt für Links ohne Text.
  • 53 Prozent mit fehlenden Formular-Beschriftungen: In der Tat ärggerlich, aber das kann man nur im Zusammenhang beurteilen. Geht es etwa um das Suchfeld und ist nur ein Feld vorhanden, ist dieser Fehler nicht so schlimm.
  • 28 Prozent fehlende Dokumentsprache – völlig irrelevant, da die meisten NutzerInnen der Webseiten MuttersprachlerrInnen sein dürften. Das Language-Attribut ist so ziemlich der größte Blödsinn, den sich die Accessibility Expert:Innen überhaupt ausgedacht haben.

Keine Seite ist ohne Fehler

Die eine Millionen am meisten besuchten Webseiten werden wohl jeweils von größeren Teams betreut. Da kann es immer wieder passieren, dass einzelne Redakteure Fehler machen: Sei es die fehlerhafte Einbindung eines Widgets, die falsche Verschachtelung von Überschriften oder das Vergessen des Alternativtextes. Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein auf WebAIM.
Das heißt, schon ein einzelner Fehler eines Redakteurs kann dazu führen, dass die Website durch die WCAG durchfällt. Kann man sinnvoll finden, praxisrelevant ist es nicht.
98 Prozent aller Webseiten weisen also Fehler auf, es dürften eher 100 Prozent sein. Wer schon mal Webseiten evaluiert hat weiß, dass man Fehler findet, wenn man gezielt nach ihnen sucht.
Am Ende geht es aber nicht um technische Perfektion, sondern darum, dass Menschen mit Behinderung die Website nutzen können. Darüber sagt die WebAIM-Studie tatsächlich gar nichts aus.
Niemand behauptet, dass alle Webseiten perfekt barrierefrei seien. Aber die Behauptung, 98 Prozent der Webseiten könnten von behinderten Menschen nicht genutzt werden ist einfach Quatsch. WebAIM sagt das nicht ausdrücklich, suggeriert es aber durch die gesamte Aufmachung der Kommunikation.

Motivieren oder demotivieren

Ein Kunde wollte mich überreden, die Studie in einer der Schulungen zu erwähnen. Ich habe mich geweigert, aus den oben genannten Gründen. Aber auch, weil ich das Signal für fatal halte. Die Studie kann zeigen, dass auch Andere es nicht besser machen als man selbst und dann dazu motivieren, mehr zu tun.
Meines Erachtens hat sie aber einen demotivierenden Effekt. Sagt sie nicht aus, dass die WCAG 2.1 AA im Grunde nicht umsetzbar ist? Und das bei Websites, die teilweise ein sechsstelliges Budget haben dürften? Wenn es Riesen wie Amazon oder die New York Times nicht schaffen, ihre Websites barrierefrei zu machen, wie soll es dann dem lokalen Selbsthilfe-Verein gelingen.

Was soll diese Studie

Im Grunde schätze ich die Kollegen von WebAIM. Umso mehr wundere ich mich darüber, dass sie so eine Studie veröffentlichen. Was ich hier schreibe ist sozusagen das kleine 1 mal 1 der Barrierefreiheit und natürlich auch den Verantwortlichen bekannt.
Ich habe im Grunde nur zwei Erklärungen: Entweder glauben sie tatsächlich so an die Qualität ihres Tools, dass sie die oben genannten Punkte einfach ausblenden. Oder – das vermute ich – die Studie ist ein reiner PR-Gag. Für eine schnelle Meldung ist das schön griffig: „98 Prozent aller Webseiten schließen Behinderte aus“. Kann man wunderbar in eine Schlagzeile packen.
Mit der Realität hat das wenig zu tun. Zumindest die meisten textlastigen Angebote lassen sich gut nutzen, auch wenn sie kleinere Mankos in der Barrierefreiheit haben.
Und ich bin mir auch nicht sicher, ob man der Barrierefreiheit damit einen Dienst erwiesen hat. Es wundert mich schon, dass WebAIM glaubt, diese Art von PR nötig zu haben.

Wie groß ist der deutsche Stellenmarkt für Barrierefreiheits-Experten?

Wie viele Barrierefreiheits-Profis werden wir der Zeit mit Anfragen überschüttet. Ich habe in den letzten 12 Monaten mehr Angebote geschrieben als in der gesamten Zeit vorher. Zudem habe ich fast einen guten Teil der Anfragen abgelehnt, größtenteils aus Kapazitätsgründen.
Allerdings ist das Bild verzerrt. Schaut man sich den Stellenmarkt für Barrierefreiheits-Experten an – gemeint ist hier nur digitale Barrierefreiheit – gibt es wenig bis kaum Nachfrage nach Expert:Innen.
Richtig, es gibt zahlreiche Ergebnisse, wenn man bei Interamt – der Jobbörse des öffentlichen Dienstes oder Indeed, dem Meta-Jobportal – schaut. Dabei muss man aber alle Ergebnisse rausfiltern, in denen der Begriff „Barrierefreiheit“ irgendwie vorkommt. Es gibt einige Organisationen, die sich zurecht oder unrecht für barrierefrei halten und das in ihre Jobbeschreibung aufnehmen. Zudem muss man alle Stellen rausnehmen, in denen Barrierefreiheit irgendwie vorkommt, also Redakteur:innen, Entwickler:innen, Designer:innen und einige mehr, wo es um unterschiedliche Fähigkeiten geht und der Begriff Barrierefreiheit irgendwo weit unten vorkommt. Man darf davon ausgehen, dass dann Barrierefreiheits-Fähigkeiten auch kein entscheidender Einstellungsgrund sein wird. Gehen wir einmal davon aus, dass noch mal ein halbes Dutzend Stellen irgendwo auf den Jobseiten der Einrichtungen versteckt sind bzw. so formuliert sind, dass sie mit einer einfachen Suche nicht gefunden werden können.
Dann bleiben zu fast jedem beliebigen Zeitpunkt vielleicht fünf Stellen übrig. Für ein Land mit X Kommunen, 16 Bundesländern und unzähligen Bundeseinrichtungen ist das nicht besonders viel.
Auch die Unternehmen, Hochschulen, Agenturen und viele Einrichtungen mehr scheinen nicht besonders eifrig nach Barrierefreiheits-Expert:Innen zu suchen.
Wo sie es tun sind die Erwartungen häufig übertrieben. Da wird ein Studium der Informatik von jemandem erwartet, der Webseiten auf Barrierefreiheit prüfen soll. Ich habe einige Informatiker:Innen in meinen Kursen gehabt und konnte besser mit HTML und CSS umgehen als diese Personen. Wie so oft im öffentlichen Dienst stehen Angebot und Erwartung in keinem Verhältnis zu dem, was tatsächlich getan werden muss. Die meisten Barrierefreiheits-Expert:Innen sind Quereinsteiger:Innen, würden also die formalen Kriterien nicht erfüllen. Aber ein Informatik-Jungspunt aus der Uni, der nie eine Zeile HTML geschrieben hat würde mit Kußhand genommen. Der würde sich aber nicht auf so eine Stelle bewerben, weil er in der Privatwirtschaft mindestens das Doppelte verdienen kann.
Interessant ist auch, dass die Agenturen, die sich auf Barrierefreiheit spezialisiert haben nicht besonders eifrig nach neuen Mitarbeiter:Innen suchen. Natürlich ist jede Einstellung ein Risiko. Allerdings scheint der Bedarf ja da zu sein. Natürlich kann man nicht – wie viele es tun – fertige Barrierefreiheits-Expert:Innen erwarten, dafür ist die Qualifizierung in Deutschland zu lange vernachlässigt worden. Andererseits wird meines Erachtens das „Onboarding“ überschätzt. Man kann in wenigen Tagen eine technisch halbwegs fitte Person dazu befähigen, Webseiten zu testen oder PDFs barrierefrei zu gestalten. Weitere Fähigkeiten können dann später dazu kommen, aber dies sind die Sachen, die aktuell und bis auf absehbare Zeit benötigt werden.
Was sagt uns das? Zum Einen, dass Barrierefreiheit als Nebenbei-Tätigkeit verstanden wird. Irgendwelche Personen, die angelernt werden oder auch nicht sollen es neben ihrer eigentlichen Arbeit umsetzen. Zum Anderen wird aber auch deutlich, dass auch die großen Agenturen und andere Dienstleister:Innen das Geschäftsfeld noch nicht erschlossen haben.

Über Sinn und Unsinn von Barrierefreiheits-Tests

Leider hat es sich eingebürgert, komplexe Testverfahren als das Nonplus-Ultra in der Barrierefreiheit anzusehen. Wir nennen hier die wichtigsten Gründe, warum Sie von abschließenden Barrierefreiheits-Tests absehen sollten.

Der BITV-Test ist ein Privat-Projekt

In Deutschland fällt einem natürlich zuerst der BITV-Test ein. Wir nennen ihn hier DIAS-Test, da es sich um ein privates Testverfahren der DIAS GmbH handelt, von dem sie einfach mal behaupten, es würde die BITV testen. Die BITV, die selbst keine Anforderungen an die Barrierefreiheit enthält.
Bitte lassen Sie die Finger von solchen Testverfahren. Wer solche Testverfahren entwickelt und diese so intransparent wie die DIAS GmbH gestaltet, verschafft sich die Definitionsmacht darüber, was Barrierefreiheit ist. Am Ende heißt es dann nicht mehr: Barrierefrei ist Konformität nach WCAG 2.x, sondern barrierefrei ist konform nach DIAS. Leider ist die DIAS aber von niemandem legitimiert, diese Definitionsmacht einzunehmen. Warum sie ihr Testverfahren BITV-Test bzw. WCAG-Test nennen, bleibt dann ihr Geheimnis, als ob es keine anderen WCAG-Tests gäbe. Die DIAS hat damit eine Monopol-Stellung eingenommen, mit der sie meines Erachtens unverantwortlich umgeht.
Dem Vernehmen nach darf der DIAS-Test ohnehin nur noch nichtkommerziell bzw. durch den DIAS-Prüfverbund offiziell durchgeführt werden. Ein weiterer Grund, den Test nicht mehr zu verwenden. Zumindest wird an keiner Stelle genau beschrieben, wer unter welchen Umständen außerhalb des DIAS-Prüfverbundes diese Tests durchführen darf. Ich freue mich über sachdienliche Hinweise, falls Sie da mehr wissen als ich.

Komplexität mit Qualität verwechselt

Wir glauben häufig, wenn ein Verfahren nur komplex und vielschrittig ist, könnten wir eine hohe Qualität sicherstellen. Ich war an einigen Prüfverfahren und deren Entwicklung beteiligt und kann sagen, dass dem nicht so ist. Ein Prüfverfahren neigt dazu, eine komplexe Anwendung in tausend Einzelteile zu zerlegen.
Wie sinnvoll ist so eine Zerlegung bei sagen wir einer komplexen Webanwendung? Tatsächlich ist hier eine heuristische Analyse, wie sie etwa in der Usability eingesetzt wird viel sinnvoller.
Alternativ können auch Schnelltests eingesetzt werden. Sie bestehen aus 10-15 wichtigen Prüfschritten, die im Wesentlichen auf jede Webseite anwendbar sind.
Beide Verfahren, der Schnelltest und die heuristische Analyse haben den Vorteil, dass sie schnell und kostengünstig die meisten Fehler aufdecken können. Ein simples Beispiel: Hat jemand seine Formulare nicht gelabelt, ist die Webseite nach keiner Definition barrierefrei, ein weiterer Test würde sich also erübrigen. Es ist ziemlich unwahrscheinich, dass jemand die Labels vergisst, aber ansonsten sauber gearbeitet hat.

Das Pferd von hinten aufgezäumt

Prinzipiell ist ein Barrierefreiheits-Test keine schlechte Sache. Das Problem ist, dass man die Sache hier falsch angeht. Ein Test bringt vor allem etwas, wenn man Barrierefreiheit von vorneherein berücksichtigt hat. Sie glauben gar nicht, wie viele Apps bei mir eintreffen, wo ein Test überhaupt keinen Sinn macht, weil die Entwickler:Innen die Barrierefreiheit nicht berücksichtigt haben. Ich schicke das dann ungeprüft zurück, weil das Testen und Feststellen der Fehler so viel Arbeit fressen würde, dass ein Nachtest nach den Verbesserungen gar nicht mehr im Budget wäre.
Der erste Schritt ist also, kompetente Designer:Innen und Entwickler:Innen zu beschäftigen, in deren Aufgabe fällt auch das Testen.
In der Theorie klingt es gut: Erst die Entwicklung, dann das Testen, dann Verbesserungen, dann noch mal das Testen. In Wirklichkeit ist das ein hoher Grad an Energie- und Ressourcen-Verschwendung. Die Erfolgskriterien der WCAG 2.x sind ohnehin als testbare Kriterien formuliert. Wie oben gesagt, müssen die beteiligten Personen grundlegend barrierefrei arbeiten, dazu gehört auch das Testen.

Testen am lebenden Subjekt

Wie oben angedeutet ist natürlich wichtig, dass Software bzw. Webseiten grundlegend barrierefrei entwickelt werden.
Der zweite Schritt ist dann, dass mit dem lebenden Subjekt getestet wird. Meines Erachtens ist kein nicht-behinderter Mensch in der Lage, eine komplexe assistive Technologie wie einen Screenreader, eine Bildschirm-Lupe oder eine Sprachsteuerung so zu nutzen wie es ein Betroffener tun würde. Doch gerade bei komplexen Webprojekten – wir reden nicht von der 08/15-statischen Webseite, sind solche Tests enorm wichtig. Sie werden aber nicht gemacht, weil der DIAS-Test schon alle Mittel verschlungen hat.
Allerdings ist im Rahmen der EU-Richtlinie 2102 ohnehin ein Feedback-Mechanismus vorgesehen. Daher mein Vorschlag: Stecken Sie die Ressourcen für den DIAS-Test in den Test der Anwendung durch betroffene Personen. Und setzen Sie auf agile Weiterentwicklung der Anwendung, statt alle zwei Jahre zu überlegen, was Sie besser machen könnten.

Fazit

Wir sind, was die Barrierefreiheit angeht aktuell an einem toten Punkt. Während Millionen Euro in die aufwendige Testung gesteckt werden, gibt es recht wenige in Barrierefreiheit kompetente Entwickler:Innen und Designer:Innen. Gerade im öffentlichen Dienst und den für sie tätigen Agenturen müsste viel mehr Geld in die Kompetenz der zuständigen Personen gesteckt werden. Oder wer soll die Mängel reparieren, die durch die Tester:Innen entdeckt werden? Auch behinderte Menschen sollten zu Tester:Innen qualifiziert werden, das wäre eine sinnvollere Maßnahme.
Der Dreiklang aus Kompetenz auf der Seite der zuständigen Personen und kompetenter Tester:Innen sowie dem Feedback-Mechanismus kann wesentlich mehr zur Barrierefreiheit beitragen als immer stärker aufgeblasene Testverfahren. Heute sind es 90, morgen 120 und irgendwann 150 Prüfschritte. Dann sitzt man mehrere Personentage an dem Test einer Handvoll Webseiten, hat aber im Endeffekt nichts für die Barrierefreiheit erreicht.

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