Alle Beiträge von domingos

Ich zähle nicht – warum Barrierefreiheit Regeln braucht

Neulich saß ich als selbst eingeladener Experte in einem Online-Seminar mit anderen Menschen zusammen, das Thema darf ich nicht verraten. Im Endeffekt ging es aber darum, die Barrierefreiheit von Webseiten von Web-Inhalten zu verbessern. Wie immer in solchen Runden hatten wir eine Person dabei, die ewig lange Monologe gehalten hat, ich kann ja Bodo Ramelow verstehen, wenn er in solchen Besprechungen lieber Tetris spielt. Im Endeffekt beschwerte sich dieser Herr aus der Selbsthilfe darüber, dass Anforderungen zur Barrierefreiheit häufig nicht umgesetzt würden, weil sie nicht in den Regelwerken stünden. Die Beschwerden einzelner Personen würden nicht ernstgenommen. An dieser Stelle möchte ich kurz erklären, warum Subjektivität in der Barrierefreiheit keine so große Rolle spielen darf.
Solche Regeln sind zwangsläufig ein minimaler Kompromiss. Sie können und sollen nicht alle Szenarien abdecken, dann wären sie so dick wie das Telefonbuch von Berlin – und ungefähr so spannend zu lesen.
Problem 2 ist, dass man an einem gewissen Maß an Komplexität nicht vorbeikommt, es sei denn, wir wollen in das Web der 90er Jahre zurück. Dann gibt es halt kein Onlinebanking, kein Amazon, kein Audible und so weiter. Man kann und sollte vieles einfacher machen, das habe ich auch schon öfter angemerkt. Die Usability vieler Mainstream-Anwendungen ist für Blinde von geht so bis Katastrophe. Aber wir müssen nun mal Adressen, Zahlungsdaten und so weiter in einem Onlineshop eingeben. Wer daran scheitert, hat sonst keine Chance im Internet.
Das dritte und wichtigste Problem ist aber, dass man Barrierefreiheit zu einer subjektiven Sache macht. X kommt mit Anwendung Y nicht zurecht, daher ist Y nicht barrierefrei. Das Chaos wäre vorprorammiert, denn das hieße, dass jede einzelne Anmerkung in eine Handlungs-Anweisung für die Verpflichteten münden würde. X kommt mit weißem Text auf schwarzem Grund nicht zurecht, also ändern wir das in grau auf blau. Z kommt mit grau auf blau nicht zurecht, dann ändern wir das in grün auf braun. So kann das nicht funktionieren, aber darauf liefe es hinaus.
Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass manche Menschen an der Technik scheitern – ganz ehrlich, das passiert mir mehrmals am Tag. Ja, es ist total frustierend. Dennoch ist es so, dass das Problem oft genug vor dem Bildschirm sitzt. Die Betroffenen Personen müssen so weit ertüchtigt werden, dass sie dazu in der Lage sind, die wichtigsten Aufgaben selbständig zu erfüllen, sofern die Website vollständig barrierefrei programmiert wurde.

4.1.1 Parsing Warum Webseiten mit der WCAG 2.2 auf einen Schlag barrierefreier werden könnten

Die WCAG 2.2 hat jetzt einen Candidate Recommendation Status. Falls Sie jetzt ein Déjà-vu haben, ja, das war schon mal. Wir nehmen inzwischen Wetten an, was früher fertig wird: George R.R. Martin mit seinem Fantasy-Schmöker Game of thrones oder die WAI mit der WCAG 3.0, dem nächsten großen Wurf.
Aber lassen wir das: Ob die Änderung gerade erst dazu kam oder schon länger in der Pipeline war, weiß ich nicht, aber ein wichtiges Kriterium soll abgeschafft werden: 4.1.1 Parsing. Bei diesem Kriterium wird überprüft, ob der HTML-Code valide ist. Wenn Sie schon mal einen Prüfbericht bekommen haben, haben Sie sicher schon mal diese oft sehr lange Liste von Fehlern im Quellcode bekommen. Die Argumentation war, dass Fehler im Code zu einer Fehlinterpretation durch assistive Technologien führen können. Das trifft immer zu auf falsch verschachtelte Tags, aber auch auf doppelte IDs und ähnliches.
Nun soll es – eventuell sogar rückwirkend für WCAG 2.0 und 2.1 – abgeschafft werden. Das dürfte dazu führen, dass viele Webseiten auf einen Schlag barrierefreier werden.
Hintergrund ist, dass viele der „Studien“ zur Barrierefreiheit auf automatisierten Tools basieren. Diese Tools können exzellent messen, was automatisch messbar ist, also etwa nicht-validen Code. In der Tat ist das einer der häufigsten Fehler bei Webseiten oder PDF.
Während das an einigen Stellen sinnvoll ist, führt es an anderen zu zeitaufwendigen Mikro-Optimierungen vor allem bei PDF. Das liegt auch daran, dass Prüftools wie der PDF Accessibility Checker gerne selbst Bugs enthalten, die Umsetzenden sind dann gezwungen, die PDFs für den PAC zu optimieren weil das der Maßstab für Leute ist, die keine Ahnung von barrierefreien PDF haben. Fehlerhaft verschachtelte Tags kommen auf Webseiten heutzutage hingegen selten vor, da die Tags durch Software erzeugt oder durch Editoren automatisch korrigiert werden.
Falls es also so kommt und die Anforderung abgeschafft wird, dürfte sich das positiv auswirken: Automatische Prüftools können ein Stück weit aussagekräftiger werden und Mikro-Optimierungen werden seltener. Das überflüssige Language-Attribut aka Sprachwechsel 3.1.2: Language of Parts bleibt bestehen.

Virtuelle Realität – eine Chance für die Barrierefreiheit

Virtuelle Welten wie das Metaversum des Meta-Konzerns sind zugegebenermaßen noch Zukunftsmusik. Sie bieten aber große Chancen für behinderte Menschen.
Das Problem der digitalen Barrierefreiheit ist nicht gelöst, scheint aber mit überschaubaren Mitteln regelbar zu sein. Anders sieht es mit zwei anderen großen Bereichen aus: Wohnen und Mobilität.
Generell fehlen unzählige Wohnungen, zumal durch die starke Zuwanderung durch die diversen Zuzüge von Flüchtlingen. Für die Einwanderung in den Arbeitsmarkt wären weiterhin zusätzliche adäquate Wohnungen in den Metropolen notwendig. Gar nicht erwähnt ist dabei das Thema barrierefreie Wohnungen, der Markt ist leergefegt und unsere diversen Regierungen schaffen es nicht, das Problem zu lösen. Es wären Investitionen im Rahmen von Milliarden sowie entsprechende Fachkräfte notwendig – beides ist nicht absehbar.
Das gleiche Trauerspiel finden wir bei der Mobilität: Es gibt Fortschritte, aber zu wenige und zu langsam. Ältere und behinderte Menschen mit Mobilitäts-Problemen konkurrieren mit Pendlern, Schülern und anderen Menschen um die knappen mobilitäts-Ressourcen, uralte Busse, Bahnen, Bahnhöfe und Züge machen das Ein- und Aussteigen zu einer Tortour.
Gleichzeitig sehnen wir uns nach menschlicher Nähe – zumindest die Meisten von uns. Der große Nachteil der Peripherie sind die eingeschränkten Möglichkeiten, Freunde zu treffen und kulturelle Einrichtungen zu nutzen. Remote Work ist eine gute und sinnvolle Sache, doch möchte man zumindest ab und zu mal die Kolleg:Innen persönlich treffen. Online-Meetings sind gut, aber nicht optimal.
Virtuelle Welten könnten viele dieser Probleme lösen. Remote Work ist, wie ich an anderer Stelle schrieb, für Menschen mit Mobilitäts-Einschränkungen interessant, solange es inklusiv stattfindet, man also nicht benachteiligt wird gegenüber vor Ort arbeitenden Personen. Mit VR könnte sich das Standort-Problem besser lösen lassen als mit Online-Meetings. Auf In-Persona-Meetings muss man trotzdem nicht verzichten, aber sie müssten seltener stattfinden.
Und natürlich das ganze Thema Freizeit-Gestaltung – auch das eine Herausforderung dank mangelnder Barrierefreiheit. Auch das wäre mit der entsprechnden VR machbar. Klar, die Atmosphäre eines Live-Festivals wird man vielleicht nie über VR-Wearables spüren, aber es ist ein Kompromiss und besser als nichts. Man vergisst gerne, dass solche Events mit Tickets, Anreise, Übernachtung und so weiter gerne mal so viel kosten wie ein kleiner Urlaub, auch Geld bzw. dessen Fehlen kann eine Barriere sein.
Und nun die Preisfrage, ist VR/AR barrierefrei realisierbar? Zumindest was motorisch und Sehbehinderte sowie Schwerhörige/Gehörlose angeht, sollte es hier keine größeren Probleme geben. Man müsste natürlich sicherstellen, dass Zoom, Sprach- und Bewegungssteuerung, Untertitel und die ganzen anderen existierenden Hilfsmittel sich weiterhin verwenden lassen, dass also die entsprechenden Schnittstellen vorhanden sind.
Für Blinde gibt es besondere Herausforderungen, wenn virtuelle Welten vor allem visuell gestaltet werden. Bis in die 2000er Jahre hinein habe ich gerne Computerspiele gespielt: Civilisation, Monkey Island, Need for Speed und so weiter haben mir einige Nachmittage versüßt. Danach wurde mein Sehen schlechter bzw. die Spiele so visuell komplex, dass es nicht mehr machbar war. Aber weil ich aus der Sehenden-Welt komme, konnte ich mit Audio-Games bis heute nichts anfangen. Computerspiele sind 95 Prozent Optik und vielleicht 5 Prozent Audio.
Wenn wir das Gleiche bei VR/AR erleben – das befürchte ich – dann wird das für Blinde nicht funktionieren. Das heißt, man braucht auch eine saubere Akkustik: Wenn ich an einem virtuellen Konferenztisch sitze, muss die Stimme einer sprechenden Person aus der entsprechenden Richtung kommen oder halt von oben oder unten, 3D-Sound halt. Der klassiche Stereo-Kopfhörer reicht nicht aus. Die visuelle Welt – nun ja, man kann sie für blinde Menschen weder real noch virtuell wirklich zugänglich machen, zumindest nicht mit absehbar verfügbarer Technik.
Dringend notwendig wäre auch die wesentlich aufwendigere Entwicklung von Tools für haptisches Feedback. Das scheint im Augenblick noch Zukunftsmusik zu sein, aber wenn hier nicht geforscht wird, passiert da gar nichts. Und das könnte umgekehrt auch für Sehende interessant sein. Es ist doch sehr schade, dass in einer ohnehin visuell ausgerichteten Welt auch die VR rein visuell und ein wenig akustisch, aber kaum haptisch ist.
Doch sagt niemand, dass VR einfach nur die Realität kopieren muss. Wo man gedruckte Handouts verteilen würde, kann man in der VR digitale Unterlagen verteilen. Eine virtuelle Leinwand kann digital befüllt und von der Sprachausgabe vorgelesen werden und so weiter.
Wir müssen ein wenig abwarten, ob und wie der Hype sich in tatsächlichen Anwendungen manifestiert. Aber ich glaube schon, dass sich für behinderte Menschen Vorteile ergeben könnten.
Augmented Reality und Barrierefreiheit

Was wünscht sich ein Freiberufler von einem Auftraggeber?

Heute geht es ausnahmsweise nicht ausschließlich um Barrierefreiheit bzw. ist dieses Thema auf alle Freelancer übertragbar.
Freiberufler freuen sich natürlich über Aufträge. Dennoch habe ich ein paar Wünsche an Auftraggeber. Die Stichworte sind dabei Geld, Respekt und Verbindlichkeit.
Als Auftraggeber solltest du die Zeit des Auftragnehmers genau so wichtig nehmen wie deine eigene oder die deiner Kollegen: Last Minute Aufträge am 23.12. um 16.:59 Uhr, die am 26.12. fertig sein sollen ist nicht respektvoll – und das ist nur ein wenig übertrieben. Ja, manchmal ist es eilig, aber warum soll der Freiberufler dein schlechtes Zeitmanagement ausbaden? Wenn Fristen vereinbart wurden, sollte auch der Auftraggeber sich daran halten oder frühzeitig kommunizieren, wenn es nicht klappt. Auch sollte man bei Solo-Selbständigen respektieren, wenn sie manchmal wegen Krankheit, Kindern oder anderen Verpflichtungen ausfallen. Wir sind Menschen, keine Kaugummi-Automaten.Bei Freelancern erlauben sich Auftraggeber Schlampereien, die im normalen Berufsleben tödlich wären wie vereinbarte Telefon-Anrufe ohne Absage ausfallen lassen oder nie zurückzurufen.
Ein gewisses Maß an kostenloser Beratung ist in Ordnung. Sich aber zwei Stunden über Verfahren beraten zu lassen und dann jemand anderen zu beauftragen ist dreist. Ein weiteres Beispiel von Respektlosigkeit gegenüber dem Freiberufler. Das ist mir mehrfach passiert, deshalb bin ich mittlerweile weniger feizügig, wenn potentielle Kund:Innen eine Erst-Beratung haben wollen.
Rechnungen sollten innerhalb von vier Wochen bezahlt werden. Manche sind tatsächlich davon abhängig, gerade im 1. Quartal eines Jahres hat man viele Ausgaben, aber so gut wie keine Einnahmen. Mein Rekord waren vier Monate Wartezeit auf eine Bezahlung, die Kundin hat behauptet, krank gewesen zu sein, was offensichtlich nicht gestimmt hat. Welcher Angestellte würde vier Monate auf sein Gehalt warten?
Meines Erachtens muss man als Auftraggeber nicht absagen, wenn man ein Angebot eines Freelancers nicht annimmt. In der Regel schreibt man so viele Angebote, dass man es ohnehin irgendwann vergessen hat. Eine Ausnahme gilt dann, wenn bestimmte Fristen vereinbart wurden, wenn zum Beispiel ein Auftrag bis zu einer bestimmten Frist abgewickelt sein muss. Je nach Größe des Auftrags muss der Freelancer Ressourcen blocken, die er bei einer Absage des Angebots anderweitig nutzen kann. Mich rief mal eine Dame an, quatschte mir gefühlt 30 Minuten ein Ohr ab und meldete sich viele Monate, nachdem ich das Gespräch vollständig vergessen hatte, um mir mitzuteilen, dass jemand anderes den Auftrag übernehmen werde, das überflüssigste Gespräch aller Zeiten.
Kündige nur Beauftragungen an, wenn du tatsächlich etwas in der Pipeline hast. Es ist eine gängige Umgangs-Floskel gegenüber Freelancern, man werde sie weiterempfehlen oder für eine Beauftragung in Erwägung ziehen. Als junger Freelancer hatte ich das ernstgenommen, heute ignoriere ich solche Aussagen. Zumindest was die Beauftragungen angeht, ist da in 95 Prozent der Fälle nie etwas gekommen. Wahrscheinlich hat die Person mich zwei Minuten nach dem Gespräch vergessen. Natürlich folgt nicht auf jede unverbindliche Aussage auch tatsächlich ein Auftrag, aber diese Art von Höflichkeits-Floskeln führt dazu, dass zumindest ich die Leute dahinter nicht mehr ernst nehmen kann.
Kurz: Behandelt den Frelancer so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Die Mehrheit der Kunden ist tatsächlich nicht so. Leider macht die kleine Gruppe der schwierigen Kunden ein Mehrfaches an Arbeit.

Sapera Studios und Co. – Junk-Studien in der Barrierefreiheit

Stilisierte Figur wirft etwas in einen MülleimerIn den letzten Jahren hat die Zahl an Junk-Studien massiv zugenommen: Es handelt sich um pseudo- oder gar völlig unwissenschaftliche Untersuchungen, bei denen entsprechend nur Unsinn herauskommt. Das spielt auch in der Barrierefreiheit eine zunehmende Rolle.
Junk-Studien sind Untersuchungen verschiedener Formate, die eine bestimmte Aussage bestätigen oder widerlegen sollen. Die Anführungsstriche bei Studie muss man sich immer dazu denken, das Wort soll dem Ganzen einen wissenschaftlichen oder zumindest objektiven Anstrich verleihen.
Bestimmte Merkmale sind diesen Studien gemein:

  • Die Aussage, die bestätigt oder widerlegt werden soll, steht bereits im Voraus fest. Wissenschaft ist generell offen, wenn nicht das gewünschte Ergebnis rauskommt, rechnet man nicht solange herum, bis es doch passt.
  • Das Studien-Design ist fehlerhaft. Befrage ich Webseiten-Betreibende, ob sie Barrierefreiheit beachten wird ein anderes Ergebnis herauskommen als wenn ich mir ihre Webseiten anschaue.
  • Die Methodik ist fehlerhaft: Ich arbeite mit nicht-repräsentativen Stichproben, selektiere die Befragten nach eigenen Kriterien, verwende Suggestiv-Fragen und so weiter.
  • Die Ergebnisse werden falsch oder verzerrend dargestellt.

Praktisch immer geht es bei solchen Studien um PR. Entweder möchte man einfach ein paar Schlagzeilen erzeugen oder ein Angebot verkaufen. Auf Portalen für Pressemitteilungen findet man fast stündlich solchen Junk.
Schauen wir uns ein paar Beispiele an. Jüngstes Beispiel ist die Firma Sapera Studios – nie gehört? Ich auch nicht. Irgendwie haben sie die größten Webshops untersucht und lauter Unsinn herausgefunden. Die Fehler, die in dem Text zu finden sind:

  • Schriftgrößen und Kontraste sind nicht über die Website, sondern durch den Nutzenden einzustellen.
  • Video-Inhalte sollen nicht automatisch abspielen, das stört die Sprachausgabe und triggert Personen mit Anfalls-Erkrankungen.
  • Verständliche Sprache ist in den Richtlinien bisher nicht geregelt. Ein Anbieter wie Conrad richtet sich ohnehin an ein Fach-Publikum.
  • Die Methodik der Analyse ist hier gar nicht vermerkt. Falls sie jemand findet, freue ich mich auf Hinweise.

Fazit: Niemand behauptet, Webshops wären annähernd barrierefrei. Die Sapera-Untersuchung hilft uns allerdings nicht weiter und wir dürfen hoffen, dass niemand den dortigen Empfehlungen folgt. Ich würde empfehlen, sich nicht von dieser Agentur beraten zu lassen.
Selbst Bundes-Einrichtungen sind vor solchem Unsinn nicht geschützt. Die Überwachungsstelle des Bundes veröffentlichte letztes Jahr eine Studie zu gendergerechter Sprache. Im Endeffekt hatte sich eine – meines Erachtens nicht besonders erfahrene – Person mit Screenreadern verschiedene Kombinationen von Zeichen angeschaut und es wurden Verantwortliche aus Behinderten-Verbänden befragt. Man hätte auch einfach raten können, das hätte weniger Zeit gekostet. Das Studien-Design ergibt keinerlei brauchbare Erkenntnisse, was leider auf viele Studien dieses Bereiches zutrifft.
Die WebAIM-Studie habe ich ja bereits zerpflückt. Nur in Kürze: Man leitet aus einem automatischen Prüf-Tool die Barrierefreiheit einer großen Zahl von Websites ab, ohne Probleme zu gewichten. Ob 1 oder 100 Fehler, ob kleine Macke oder Riesenlcoch, für WebAIM ist das alles das Gleiche. Das hilft dem Diskurs um Barrierefreiheit meines Erachtens nicht weiter.

Barrierefreiheit – ein Thema für Personalerinnen

Schriftzug We are hiringIn den nächsten Jahren wird Barrierefreiheit von einem Thema für Expertinnen zu einer Aufgabe für alle, insbesondere für das Personal. Die Gründe erfahrt ihr hier.
Der Hauptgrund ist der demografische Wandel. Falls kein Wunder geschieht, werden die Mitarbeitenden in den nächsten Jahren immer älter. Die Zahl der Gebrechen wird dadurch zunehmen: Rückenprobleme, Treppensteigen, die Arbeit am Computer – es gibt zahlreiche Herausforderungen, die man mit dem Schlagwort Wohlbefinden am Arbeitsplatz zusammenfassen kann und die mit Barrierefreiheit in Verbindung stehen.
Es geht also um die Gestaltung des Arbeitsplatzes, des Gebäudes, der Kantine, der digitalen Arbeitsumgebung, aber auch um die Erreichbarkeit mit Auto und ÖPNV, Lokationen für externe Veranstaltungen und Feiern oder barrierefreie Online-Meetings. Nebenbei gesagt ist es schade, dass man Leute in Online-Meetings nicht für schlechte Sprachqualität verprügeln kann – die 30 € für ein USB-Headset sollte man zuliebe seiner hörgeschädigten Kolleginnen entbehren können.
Das sind sehr viele Themen und dafür wird man nicht immer externe Expertinnen heranziehen können.
Nun muss nicht jeder Personal-Verantwortliche Expertin für Barrierefreiheit werden – das ist ohnehin kaum machbar und sie haben ja noch jede Menge anderer Aufgaben.
Aber sie müssen sich zumindest einige Basics draufschaffen. Meines Wissens kommt das Thema Behinderung in den Ausbildungen kaum vor, höchstens im Rahmen der beruflichen Rehabilitation. Aber Barrierefreiheit ist mehr Prävention als Reha und sollte deshalb als Teil der Vorsorge verstanden werden.
Möglicherweise ist oder wird Barrierefreiheit auch ein Teil des Personalmarketings. Wenn die Menschen länger arbeiten müssen, tun sie das eher in einer Umgebung, in der sie zurechtkommen. Und natürlich fällt es ihnen dort leichter. Vielleicht gehen ja einige Menschen früher in Rente, weil sie ihren Arbeitsplatz wegen mangelnder Barrierefreiheit nicht mehr ausfüllen können.

Deutsche Bahn – Versagen bei der physischen und digitalen Barrierefreiheit

Screenshot des Bahn-CaptchasDie Deutsche Bahn ist legendär für ihre mangelnde Barrierefreiheit für motorisch Behinderte, also Personen, die keine Treppen steigen können. Meine Theorie ist ja, dass es irgendwo im Bahn-Vorstand fanatische Liebhaber von Treppenstufen gibt. Aber auch bei der digitalen Barrierefreiheit schafft es die Bahn nicht, endlich mal einen aktuellen Status zu erreichen.

Blinde vom Login ausgeschlossen

So wird für den Login auf der Website sowie bei der App mittlerweile ein Captcha eingesetzt, obwohl die Probleme damit bekannt sind. Captchas sind nicht barrierefrei und eine schlechte UX vor allem auf mobilen Geräten, aber vielleicht ist einem Quasi-Monopolisten die UX seiner App ohnehin egal.
Damit nicht genug ist das Captcha auch noch auf eine Weise eingebunden, dass es mit Screenreadern nicht bedienbar ist. Mit NVDA unter Firefox kann es per Tab erreicht werden, wird aber nicht vorgelesen, bei Talkback unter Android habe ich es geschafft, das Bilderrätsel zu aktivieren – das Häkchen wurde, wie soll es anders sein, nicht als menschlich erkannt. Die wahrscheinlich vorhandene Audio-Alternative konnte ich hingegen nicht aktivieren. Ob das Problem bei der Bahn oder dem Captcha-Anbieter HCaptcha liegt, kann ich nicht sagen. HCaptcha spricht von einem Accessibility-Cookie – klar, wir wollen doch alle, dass die wissen, welche Seiten wir angesurft haben.
Damit schließt die Bahn defacto blinde und sehbehinderte Nutzer:Innen von Services wie der Ticketbuchung oder dem Verspätungsalarm aus.
Es gibt noch viele weitere Probleme: So ist der Mechanismus zur Eingabe der Abfahrtszeit in der Android-Version der App nicht für Blinde zugänglich. Es ist eine dieser Drehschalter, die wahrscheinlich schick aussehen, für Blinde aber nur sehr hakelig bedienbar sind. Außerdem ist der eine oder andere Button nicht beschriftet, Blinde wissen also nicht, was sie mit diesem Button auslösen.
Auch erinnere ich mich an einige Bugs auf der Website zum Ticket-Erwerb: Man bekommt relativ früh die Auswahl zwischen verschiedenen Ticket-Optionen angezeigt, die nicht per Tastatur bedienbar war. Beim Abschließen des Kaufs gab es einen Tastaturbug, der den Abschluss des Kaufes durch Blinde verhindert hat. Da ich lange keine Tickets mehr gekauft habe, kenne ich den aktuellen Stand nicht.

Die vermuteten Ursachen

Die Deutsche Bahn ist, zumindest was die digitale Barrierefreiheit angeht eine Blackbox. Meine Anfragen auf Twitter wurden ignoriert oder kryptisch beantwortet. Während öffentliche Stellen zumindest einen Alibi-Kontakt zur digitalen Barrierefreiheit angeben, gibt es bei der Deutschen Bahn gar keine Informationen dazu und auch keinen öffentlich auffindbaren Kontakt.
Dem Hörensagen nach gibt es bei der Deutschen Bahn ein Team, welches sich mit digitaler Barrierefreiheit beschäftigt. Die scheinen aber nichts zu sagen zu haben, ansonsten gäbe es kein Captcha und die Android-App wäre nicht so unbrauchbar.
Auch scheint es bei der Bahn keine blinden Mitarbeiter:Innen zu geben – oder es gibt sie und sie ziehen es vor, keine Services zu nutzen, die einen Login erfordern.
Das Elend wird deutlich, schaut man sich die Bewertungen im Android-Appstore an, die Bewertung liegt bei 2,5 von 5 Sternen. Es gibt zahlreiche Anmerkungen zu der schlechten UX. Viele Unternehmen antworten zumindest auf diese Hinweise im Appstore, die Bahn zieht es aber vor, sie komplett zu ignorieren und das bei einer für viele Personen so wichtigen App. Ich ziehe den Schluss, dass der Bahn ihre Kunden – ob behindert oder nicht – schlicht egal sind.
Die App DB barrierefrei – vor enigen Jahren mit großem Tamtam gestartet – ist irgendwann ohne viele Kommentare eingestellt worden. Meines Wissens sollen die Infos jetzt in einer anderen DB-App zur Verfügung gestellt werden. Aber wer möchte schon noch eine Extra-App für ein paar mickrige Barrierefreiheits-Infos installieren?
Zwischendurch denke ich immer mal, das Unternehmen müsste doch einmal Fortschritte bei der Barrierefreiheit machen. Man scheint aber gerne mal zwei Schritte vorwärts und 1,5 zurück zu machen.

HCaptcha, ReCaptcha und co. – warum es keine barrierefreien Bild-Codes gibt

Captcha-CodeWie barrierefrei können grafische Bild-Codes, die sogenannten CAPTCHAs sein? Da selbst Leute, die behaupten, etwas von Barrierefreiheit zu verstehen sie einsetzen, scheint es hier einige Missverständnisse zu geben. Vorneweg sei gesagt, dass auch Lösungen nicht barrierefrei sind, die von sich anderes behaupten, Beispiele sind HCaptcha oder ReCaptcha. Ob das an der Lösung selbst oder einer „falschen“ Implementierung liegt, ist egal, sie sind nicht barrierefrei.
CAPTCHAs sind Mechanismen, die Menschen von automatisierten Spam-Bots unterscheiden sollen. Sie sollen Spam in Web-Formularen wie Kontaktformularen oder Kommentar-Bereichen verhindern.
Der Einsatz von CAPTCHAs verhindert wahrscheinlich eher, dass Menschen das Web-Formular nutzen, stellt aber für Bots keine große Hürde da. Ich würde soweit gehen, die Professionalität eines Webseiten-Betreibers infrage zu stellen, wenn der CAPTCHAs einsetzt. Da hat jemand keine Ahnung von Usability, Barrierefreiheit geschweige denn von effektiven Spamschutz-Mechanismen.
Vorneweg sei gesagt: Es gibt kein barrierefreies CAPTCHA. Ich wiederhole das gerne noch mal: Es gibt kein barrierefreies CAPTCHA.
Im Folgenden wollen wir uns ein paar Beispiele im Detail anschauen.

Die einfache Lösung

Die einfachste Lösung, die nach wie vor zu finden ist ist eine gleichbleibende Zeichenkette, die in einer Grafik versteckt ist. Tatsächlich hält das häufig sowohl Spammer als auch Menschen ab, die Menschen, weil sie es nicht lösen können oder wollen. Die Bots, weil der Algorithmus nicht auf die spezielle Kombination aus Formularfeldern und Grafik-Code hin betrachtet wurde. Bots funktionieren am besten bei Formularen, die gleich aussehen, kein Mensch macht sich die Mühe, sie für einzelne Seiten anzupassen, die ein wenig vom Standard abweichen.
Eine weitere Möglichkeit ist das Lösen einer simplen Mathe-Aufgabe. Auch hier gilt das oben gesagte: Das lösen mathematischer Formeln ist die ur-eigene Aufgaben von Computern. Diese Lösungen funktionieren nur deshalb, weil der Bot nicht angepasst wurde. Sobald das passiert ist, können die Bots ihre Aufgabe beginnen.

ReCAPTCHA – die Möchtegern-Barrierefreie-Lösung von Google

ReCAPTCHA ist die aktuell am weitesten verbreitete Lösung. In der Theorie soll man hier nur ein Häkchen setzen bei „Ich bin kein Roboter“. Das sollte doch auch der größte Honk hinbekommen oder?
Leider nein: Zum einen ist schon die Unterstellung, man sei ein Roboter ein bisschen unverschämt. Wichtiger ist aber, dass das Häkchen häufig nicht funktioniert. Meine Vermutung ist, dass es teils mit Datenschutz-Einstellungen des Browsers kollidiert. Wenn man bei Google eingeloggt ist funktioniert das Häkchen meistens, aber extra dafür wird sich niemand einen Google-Account zulegen.
Wie dem auch sei: Man bekommt also ein Bilder-Rätsel angezeigt. Das kann man als Sehbehinderter oder Blinder nur schwer oder gar nicht lösen. Nun gibt es die Audio-Alternative, die aktuell tatsächlich gut verständlich ist. Während man früher nur künstlich erzeugtes unverständliches Gebrabbel und Rauschen angeboten bekam, werden aktuell wohl Sound-Schnipsel aus Fernsehsendungen verwendet. Das dürfte für viele Schwerhörige noch relativ gut verständlich sein. Als Tastatur-Nutzer, Sehbehinderter oder Blinder muss man aber in dem Wust aus Bilder-Rätsel und Website erst mal die Audio-Alternative finden.
Und was machen wir mit lernbehinderten und älteren Personen? Verstehen sie, was da von ihnen erwartet wird, warum sie mitteilen sollen, dass sie kein Roboter sind und was dieses Bilder-Rätsel zu bedeuten hat? Was machen Leute mit psychischen Problemen, für die jede weitere Aktion eine Belastung ist?
Last not least bleibt da das Datenschutz-Problem: Google ist das schwarze Loch des Datenschutzes, niemand weiß, welche und wie viele Daten an Google übertragen werden, wenn so ein CAPTCHA eingebunden wird.

Ich bin ein Roboter

Das Problem mit CAPTCHAs besteht darin, dass sie einerseits so komplex sein sollen, dass ein Algorithmus sie nicht schnell automatisch lösen kann. Andererseits sollen sie aber so einfach sein, dass jeder Mensch sie schnell lösen kann. Es ist leicht einzusehen, dass früher oder später der Mensch verlieren muss. Besonders gilt das für den behinderten Menschen, da seine sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten von denen Nicht-Behinderter abweichen.
Ich habe mich einmal darüber lustig gemacht – es steckt aber ein wahrer Kern in der Satire: Algorithmen zum Maschinen-Lernen sollten schon heute in der Lage sein, die Codes besser zu lösen als Menschen. Wenn sie es noch nicht können, dann in naher Zukunft. Google, Facebook, Microsoft, Amazon und Apple arbeiten an solchen Lösungen, ganz zu schweigen von vielen kleineren Playern. Die KI zur Erkennung von Objekten auf Bildern sowie zur Sprach-Erkennung schreitet schnell voran. Man könnte sich einfach einen Zugang zur Google-Bild-Erkennungs-API kaufen und die API auf ReCAPTCHA ansetzen, dann würde man Google mit seinen eigenen Waffen schlagen.
Mit anderen Worten: CAPTCHAs werden in ihr Gegenteil verkehrt, sie werden besser von Maschinen als von Menschen erkannt.

Schön und gut – aber der ganze Spam?

Nun ist es korrekt, dass viel Spam über Web-Formulare reinkommt. Nur doof, dass CAPTCHA eher menschliche als botische Nutzer abhält. Ich könnte zähneknirschend akzeptieren, dass CAPCHAs unvermeidlich sind, das sind sie aber nicht. Ich sage immer, CAPTCHAs sind ein Instrument zur Kontakt-Vermeidung, setzen Sie sie ein, wenn Sie möchten, dass Ihr Formular nicht verwendet wird. Prüfen Sie ruhig einmal, wie hoch die Abbruchrate beim CAPTCHA ist. Aber welche Alternativen gibt es?
Wahrscheinlich kann man einen Großteil der Bots schon dadurch sperren, dass man eine Zeitverzögerung einbaut. Sagen wir, das Formular kann erst nach zehn Sekunden abgeschickt werden. Sicherlich gibt es Szenarien, in denen ein Mensch innerhalb von zehn Sekunden das Formular ausfüllt und abschicken will, das ist aber sehr unwahrscheinlich.
Eine weitere Möglichkeit sind Honeypots: Das sind Eingabefelder, die nur für den Bot sichtbar sind und von ihm ausgefüllt werden. Diese Eingaben werden automatisch als Spam klassifiziert und nicht zugestellt.
Für WordPress gibt es effiziente Spamfilter wie Akismet oder AntiSpamBee. Für andere gängige Redaktionssysteme gibt es vergleichbare Lösungen.
Sehr effizient sind auch Listen von Wörtern, die automatisch geblockt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass ein ernsthafter Kommentator oder Kontakter Worte verwendet, die in typischen Spam-Kommentaren auftreten. Sie kennen diese Worte, sie haben meistens etwas mit Geld oder Sex zu tun.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist das E-Mail-Post-Fach selbst. Neben den integrierten Mechanismen der E-Mail-Provider kann man auch hier mit effizienten Filtern arbeiten, die einen Großteil des Spams aussortieren.
Am effektivsten erscheint eine Mischung mehrerer Methoden. Das sollte tatsächlich bis zu 100 Prozent des Spams abhalten. Es sollte aber klar geworden sein, dass CAPTCHAs weder barrierefrei sind noch zur Spam-Prävention effizient beitragen.
Das Problem besteht mit allen Lösungen, die versuchen, auf Nutzerbasis Spam zu verhindern. Deswegen kann so ein Mechanismus nach aktuellen Bedingungen nicht barrierefrei sein.

Warum Unternehmen von einfacher Sprache profitieren können

Viele Organisationen können in mehrfacher Hinsicht von einfacher Sprache profitieren. Das möchte ich in diesem Beitrag zeigen.
Leichte Sprache richtet sich an Menschen mit Lernbehinderung, früher als geistige behinderung bezeichnet. Die einfache Sprache hat Menschen als Ziel, die zwar lesen können, aber Probleme haben, komplexere Texte zu verstehen. Sie zielt also auf die allgemeine Bevölkerung, während die Leichte Sprache eine klar definierte Zielgruppe hat. Leichte Sprache vereinfacht und kürzt wesentlich stärker als die einfache Sprache.
Die einfache Sprache hat eine Reihe von Vorteilen gegenüber der Leichten Sprache: Vor allem kann sie von erfahrenen Schreiber:Innen selbst umgesetzt werden, während die Leichte Sprachesehr spezialisiert ist und eine Prüfung durch die Zielgruppe erwartet wird. Mit Publikationen mit geringer Halbwertszeit oder mit schneller Veröffentlichung ist die Leichte Sprache kaum vereinbar.
Was sind nun die Vorteile für Unternehmen und andere Organisationen? Es gibt zum Beispiel Vorteile für die Mitarbeiter:Innen, wenn die Firma divers aufgestellt ist. Viele neue Mitarbeiter:Innen werden aus dem Ausland rekrutiert und sprechen wenig Deutsch. Unsere ohnehin zu komplizierte Sprache ist für sie häufig unverständlich – und nicht nur für sie. Mittlerweile arbeiten auch viele Unternehmen auf Englisch oder mehrsprachig, weil etwa Abteilungen aus anderen Ländern beteiligt sind. Einfache Sprache lässt sich leichter übersetzen und zwar sowohl durch Menschen als auch durch Software – und das natürlich in beide Richtungen, also von Deutsch in Sprache X oder von X nach Deutsch.
Im Prinzip gilt das gleiche auch im B2C- Bereich. Verstehen Sie, was in Ihrem Versicherungsbrief, dem Steuerbescheid oder in der Bedienungsanleitung eines etwas komplexeren Gerätes steht? Wahrscheinlich nicht auf Anhieb. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir das nicht mehr hinterfragen. Im Grunde ist das aber reine Kunden-Unfreundlichkeit. Einfache Sprache ist die Kunst, komplexe Dinge verständlich zu machen. Alltagssprache ist die Kunst, komplexe Dinge unverständlich zu machen.
Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass die Verantwortlichen tatsächlich verständlich kommunizieren wollen. Sprache ist eines der letzten großen Distinktions-Merkmale, also eine Möglichkeit, den eigenen Habitus zur Schau zu stellen. Komplizierte Texte schreien hinaus: „Guck mal, ich bin klüger und damit besser als du“. Wir hören seit mindestens 20 Jahren im Rahmen des New Public Management, dass Verwaltungssprache für die Bürgerin verständlicher werden wollen. Wir sprechen seit Jahrzehnten von Entbürokratisierung, genau das Gegenteil passiert, Anträge werden immer komplizierter und die Verwaltung ist kaum noch in der Lage, sie in angemessener Zeit zu bearbeiten.

Dein Word ist mir genug – warum barrierefreie PDFs nicht mit InDesign und Acrobat optimiert werden müssen

Bildschirm mit AnimationDas Thema barrierefreie PDFs begleitet mich jetzt so lange, wie ich mich mit der Barrierefreiheit beschäftige, also ziemlich genau 13 Jahre. Und wissen Sie was? Es ist kaum besser geworden.
Ich erinnere mich an die ersten Beiträge, die sich darüber beschwerten, wie schwierig es ist, PDFs korrekt zu taggen. Das war, bevor der Tagging-Standard PDF UA aufkam. Und die Verbesserungen seitdem sind überschaubar. Komplexe, aber alltägliche Elemente wie Tabellen nachträglich zu taggen – dagegen ist eine Behandlung der Zahnwurzeln ein Vergnügen. Absurditäten wie ein List Item zu taggen – sowas kann man keinem ernsthaft erzählen. Formulare zu taggen scheint eine Kunst für sich zu sein, zumindest ist mir noch kein fehlerfreies PDF-Formular untergekommen. Ob 2 oder 12 Jahre vergangen sind – bei PDF scheint das kaum einen Unterschied zu machen. Die Unterschiede fallen umso mehr im Vergleich mit nativen Apps und Webseiten auf. Sie können heute auch als Blinder Dokumente in Google Docs formatieren, Sie können Videos auf YouTube einstellen, Sie können extrem komplexe Formulare mit Screenreader bedienen – dagegen entwickelt sich PDF im Schneckentempo.
Und wir reden noch nicht von relativ modernem Schnickschnack wie dynamischen Formularen in PDF – sowas lässt sich meines Wissens bisher nicht barrierefrei machen. Um es kurz zu machen: Wenn Adobe den Rest seiner Programme so gestalten würde wie die Barrierefreiheits-Tools – die Programme würden von sämtlichen Rechnern fliegen. Ihr Glück, dass sie ein Quasi-Monopol auf das Thema hat. Und das sich ein ganzer Pool von Dritt-Anbietern entwickelt hat, der Extra-Kohle damit macht, die Unfähigkeit von Adobe zu korrigieren und natürlich ganz uneigennützig bei dem Zirkus namens PDF UA Association mitmacht.
Warum das Ganze? Weil irgendein bescheuerter Standard namens PDF UA erfüllt sein möchte. Das führt zu einem hohen Maß an Mikro-Optimierungen, die die meisten Nutzenden von PDF nicht interessieren. Mit Microsoft Office, LibreOffice und auch Apples Office-Paket können Sie wunderbar barrierefreie PDFs erstellen und das als Laie, mit geringem Aufwand und ich kann Ihnen versprechen, dass es den meisten Nutzenden nicht auffallen wird. Überhaupt ist PDF ein Format von vorgestern, so überflüssig wie Sonnencreme im deutschen Winter: Nicht responsiv, kein Support für Vektorformate, keine Anpassbarkeit an spezielle Bedürfnisse – kann man so ein Format überhaupt als barrierefrei bezeichnen?
PDF hat einige eng begrenzte Einsatzgebiete, hat aber den bitteren Beigeschmack vieler verfehlter Digitalisierungs-Prozesse – man versucht, ein Format aus dem Print-Zeitalter in die Digitalität zu führen, wo es aber weder gebraucht wird noch sinnvoll ist.
Ich denke immer häufiger, dass es bei digitaler Barrierefreiheit nicht am Geld scheitert, wenn ich mir die Budgets für barrierefreie Dokumente anschaue. Es scheitert an Prozessen.