Wie Implantate, Prothesen und Enhancers Behinderte verändern

Die Kinder der 70er Jahre erinnern sich sicher noch an so großartige Serien wie den Sechs-Millionen-Dollar-Mann und die Sieben-Millionen-Dollar-Frau. Das sind sicher keine Highlights der Fernsehgeschichte, aber immerhin zeigen sie eine optimistische Zukunftsvision, in der Menschen mit eingebauter Technik zu Superleistungen fähig sind.
So weit sind wir von diesen Serien gar nicht mehr entfernt und sechs Millionen Dollar müssen wir auch nicht mehr dafür ausgeben. Das – teilweise umstrittene – Cochlea-Implantat gehört heute durchaus zu den Standards bei der Behandlung gehörloser Kinder und Jugendlicher. Aber fangen wir von vorne an.

Eine sehr kurze Geschichte der Hilfsmittel

Die Geschichte der menschlichen Erweiterung ist so alt wie der Mensch selbst. Kaum ein Wesen hat so viele Werkzeuge und andere Hilfsmittel entwickelt, um sich zu wärmen, Essen zuzubereiten, zu jagen oder hübsche Dinge zu basteln.
Auch die ersten Hilfen für Behinderte dürften schon betagt sein. Blindheit, Gehörlosigkeit oder Gehbehinderungen sind durchaus kein modernes Phänomen. Auch wenn wir wenig darüber wissen, wie die alten Gesellschaften mit diesen Gebrechen umgegangen sind können wir doch vermuten, dass sie schon damals zum Alltag gehörten. Ein zurecht gesägter Ast konnte zum Beispiel als einfache Gehhilfe oder Blindenstock dienen.
Linsen als einfache Sehhilfe sind ebenfalls schon früh entwickelt worden. William von Baskerville nutzt in Umberto Ecos „Der Name der Rose“ eine Vergrößerungshilfe, um sich verdächtige Objekte anzusehen.
Mit den technischen Hilfsmitteln und der Wissenschaft wurden immer bessere Hilfsmittel geschaffen. Wikipedia verortet die Entwicklung von Trichtern bzw. Rohren als Hörhilfe im 17. Jahrhundert, aber ich vermute, sie dürften schon weit früher zum Einsatz gekommen sein. Schließlich lernt man schon als Kind, sich mit Jogurtbechern und Bindfaden ein einfaches Telefon zu basteln. Wie in den meisten Bereichen der Technik haben die Hilfsmittel eine stetige Entwicklung durchgemacht: sie wurden in der Regel leistungsfähiger und praktikabler. Große Innovationsschwünge brachten die Elektrisierung sowie die Entwicklung der Mikroelektronik.

Der erweiterte Mensch

Alles Schnee von gestern. Durch die stetige Verbesserung, Verkleinerung und Verbilligung der Hilfsmittel werden sie nicht mehr offen getragen. Schon lange wird dem Herzen auf die sprichwörtlichen Beine geholfen, wenn es schlapp zu machen droht. Oskar Pistorios und mein Namensvetter Alan Oliveira traten mit künstlichen Beinprothesen bei Olympia an und erreichten Top-Leistungen.
Auch fürs auge gibt es schon Ansätze für eingebaute Sehprothesen. Ein Beispiel dafür ist der Argus II. Wir haben also alle Bauteile zusammen, um uns einen 13-Millionen-Dollar-Menschen zu bauen. Fehlt nur nochh jemand, der eine schlechte Fernsehserie darüber macht.
Nachdem die Leute ihre fähigkeiten dank Smartphone erweitern konnte, folgt der nächste logische Schritt: Man baut sich das Zeug direkt in den Körper ein. Der Unterschied ist – man kann es nicht anders beschreiben, riesengroß. Natürlich ist es toll, seine Möglichkeiten mit dem Smartphone zu erweitern. Aber die direkte Stimulation von Nerven durch eingebaute Implantate ist etwas vollkommen anderes. Um ein triviales Beispiel zu nehmen: Ich kann den Geruch, den Geschmack und die Konsistenz von Schokolade beschreiben, aber das ist etwas vollkommen anderes, als Schokolade zu essen.
Oder praktischer: Das Smartphone kann mir eine gewaltige Orientierungshilfe sein, aber mein Augenlicht ersetzen kann es nicht. Es ist etwas vollkommen anderes, etwas beschrieben zu bekommen oder es tatsächlich zu sehen. Die unmittelbare Erfahrung lässt sich leider durch überhaupt nichts ersetzen.
Entspringend aus der Quantified Self-Bewegung fangen die ersten Leute an, sich Implantate einsetzen zu lassen. In Deutschland bekannt ist zum Beispiel Enno Park, der selbst als Cyborg bezeichnet.
Das Ganze läuft natürlich nicht ohne Geburtswehen ab. Menschen, die blind oder gehörlos zur Welt kommen und erst im reiferen Alter Seh- oder Hörvermögen zurückgewinnen sind mit dem Umstand konfrontiert, dass ihr Gehirn mit den visuellen und akkustischen Signalen zunächst gar nichts anfangen kann. Sehen und Hören sind sehr komplexe Abläufe, das fällt uns nur nicht auf, weil wir das von unserer Geburt an gelernt haben. Niemand weiß, was im Kopf eines Säuglings vorgeht, wenn er das erste Mal in seinem Leben Tageslicht sieht und andere Geräusche als die seiner Mutter hört.
Allerdings scheint der Körper sehr gut in der Lage zu sein, neue Signale zu verarbeiten. Selbst im reiferen Alter können die Menschen durchaus beachtliche Leistungen mit Geist und Körper vollbringen, wenn sie nur wollen.

Die Zukunft der Implantate

Heute ist schwer vorauszusagen, wie es mit Implantaten weiter gehen wird. Die meisten sinnvollen Erweiterungen für Behinderte benötigen einen operativen Eingriff und eine mehr oder weniger aufwendige Nachversorgung, so dass sie sich kurzfristig kaum durchsetzen werden. Richtet man sich nach dem Science-Fiction-Genre, wird es irgendwann einen Schwarzmarkt mit entsprechenden Gadgets und Behandlungen geben.
Es wird sicher Leute geben, die sich entsprechendes Zeug einpflanzen lassen, wenn man sich vor Augen hält, dass die Krankenkasse heute schon bei vermeintlichen Standardeingriffen rumzickt, wird dieser Markt sogar großes Potential haben. Die Bio-Hacker werden großen Spaß daran haben, selbst Gerätschaften und Verfahren zu entwickeln und sie könnten durchaus große Fortschritte machen, da sie weder medizinische Bedenken noch Ethik-Kommissionen davon abhalten können, mit ihren eigenen Körpern zu experimentieren. Ob die Behinderten auch davon profitiere werden, können wir heute noch nicht sagen.
Eine weitere Möglichkeit wird heute schon diskutiert: können Behinderte irgendwann besser sein als Nicht-Behinderte? Die Diskussion brach anlässlich der olympischen Spiele aus. Damals wurde diskutiert, ob Oskar Pistorios sich mit seiner Beinprothese einen Vorteil gegenüber seinen nicht-behinderten Wettbewerbern verschafft hat. Wir können noch weiter gehen: Warum sollte eine Prothese nicht besser sein als das durchschnittliche menschliche Auge oder Ohr? Wäre es nicht nett, einen Restlichtverstärker im Auge und einen Lautstärkeregler im Ohr zu haben? Diese Diskussion wird früher oder später auf uns zukommen, vermutlich eher früher.
Körper 2.0 – pdf

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