Atlas digitale Barrierefreiheit – der Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht

Ursprünglich wollte ich den Atlas digitale Barrierefreiheit über die digitale Barrierefreiheit deutscher Kommunen ignorieren. Man muss nicht jeden Quatsch kommentieren, dann käme man nicht mehr zu etwas Sinnvollem. Aber wie es so ist, wenn sich Quatsch unwidersprochen verbreitet, hilft das niemandem.
Ich hatte mir ja vorgenommen, konstruktiver zu kritisieren, deshalb verzichte ich auf die Seitenhiebe. Ich denke mal, die Fakten sprechen für sich.
Der Atlas digitale Barrierefreiheit hat automatisiert und mit behinderten Menschen die Barrierefreiheit – oder irgendwas Anderes – von 11000 Kommunen, also allen deutschen Kommunen, überprüft. Sie haben Glück, dass die meisten Leute sich das Studiendesign nicht anschauen. Aber was wurde nun eigentlich geprüft?

Beim Test stand nicht die technische Analyse der Internetseiten im Mittelpunkt, sondern das individuelle Erleben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DasDies. Wie nehmen Sie als Menschen mit Behinderung die Internetseite wahr, wie gut konnten sie mit der Seite umgehen, sie erfassen und wie schnell fanden sie die benötigten Informationen? Wie erreichten Sie ihr Recht auf Information? Ein digitaler Praxistest aus menschlicher Sicht. Quelle

Also doch nicht digitale Barrierefreiheit, das ist was Anderes als das subjektive Erleben von behinderten Menschen.
Fünf Fragen wurden geprüft:

  • Kann man die Schriftgröße ändern?
  • Gibt es eine Vorlesefunktion?
  • Gibt es ein Angebot in leichter Sprache?
  • Wird das Thema Barrierefreiheit auf der Seite erwähnt?
  • Kann man in wenigen Minuten erfahren, wo man einen Termin zur Verlängerung seines Personalausweises vereinbaren kann?

Eine Vorlese-Funktion ist weder vorgeschrieben noch notwendig. Wenn die Website des Atlas ein Beispiel sein kann, dann dafür, wie man es nicht macht. Ein Vorlese-Button vor jedem Absatz, das ist für Blinde nervig und für Andere kaum hilfreich.
Die letzte Frage nach dem Personalausweis ist sicherlich wichtig, hat aber eigentlich nichts mit Barrierefreiheit zu tun.
Die Frage nach der Vergrößerbarkeit der Schrift ist berechtigt, aber vermutlich geht es hier um auf die Seite eingebettete Icons und nicht die Zoom-Funktion des Browsers, die ist ja per se vorhanden. Auch solche integrierten Icons sind nicht vorgeschrieben. Die Zoom-Funktion des Browsers ist ausreichend und sogar besser.
Die anderen Punkte – Leichte Sprache und ein Punkt zur Barrierefreiheit – sind zwar vorgeschrieben. Aber dafür muss man keinen behinderten Menschen bemühen. Das erinnert mich ein wenig an Arbeitsbeschaffung. Früher haben sie in der Werkstatt Kugelschreiber zusammengeschraubt, heute schauen sie auf Webseiten, ob da irgendwo ein Icon zu Leichter Sprache oder Barrierefreiheit ist. Hätte man das nich automatisiert über die Suche nach Zeichenketten prüfen können?
Wie dem auch sei: Für jede Frage wurde ein Punkt gegeben, wenn die Funktion vorhanden war. Es wurde angeblich auch eine automatische Prüfung durchgeführt. Deren Ergebnis ist wohl ein Geheimnis, ebenso wie das verwendete Tool. Transparenz sieht anders aus.
Leider sind die Ergebnisse, wie die ganze Website, schlecht aufbereitet. 3 Prozent hatten alle fünf Anforderungen erfüllt. 7 Prozent hatten 0 Punkte, also keine Anforderung erfüllt. Am häufigsten wurde die Frage nach dem Personalausweis erfüllt. Am seltensten wurde die Frage nach Leichter Sprache erfüllt. Eine Gesamt-Übersicht der Ergebnisse ist nicht zu finden. Auch hier wieder ein Mangel an Transparenz.
Und warum machen sie das?

Wir wollen kommunale Entscheider unterstützen. Deshalb haben wir als Arbeitsgemeinschaft die Gesellschaft für inklusive Kommunikation (GfiK) gebildet, um ein Beratungsangebot zu machen, mit dem wir Kommunen die Erfahrungen aus unserer übergreifenden Untersuchung zugänglich machen. Wir können auch Ihnen helfen, aufgeräumte, klar strukturierte Seiten zu erschaffen. Und wir werden eine KI-basierte, kostengünstige Übersetzung von kommunalen Seiten in Leichte Sprache anbieten. Die Anwendung wird so günstig sein, dass Geld kein Grund mehr sein kann, leichte Sprache anzubieten. Quelle wie oben

Fazit

Es ist schwierig, hier ein positives Fazit zu ziehen. Die Idee, eine so große Menge an Websites durch BM untersuchen zu lassen ist sicherlich interessant. Das man hierbei keine seitenlangen Fragebögen ausfüllen kann ist klar, das wäre sehr umfangreich.
Problematisch ist die wilde Vermischung aus Barrierefreiheit und User Experience. Hätte man auf den Begriff digitale Barrierefreiheit verzichtet, wäre es deutlich besser gewesen. So kann man leider nicht darauf vertrauen, dass diese Organisation ihre Kunden korrekt berät.
Mein Fazit ist leider negativ: Mit einer ordentlichen Methodik und Fragestellung wäre der Erkenntnis-Gewinn durchaus interessant gewesen. So ist es einfach nur eine subjektive Anhäufung von Informationen. Das Mindestmaß wäre eine ordentliche Aubereitung der Ergebnisse. Auch über die BM, die den Test durchgeführt haben, erfährt man so gut wie nichts. Haben sie ein spezielles Training erhalten, welche Behinderungen waren vertreten, welche assistiven Technologien haben sie verwendet, wie viele waren es überhaupt? Und sind sie vernünftig entlohnt worden?
Kurz: Diese Erhebung ist ein Beispiel für Junk-Studien in der digitalen Barrierefreiheit.