Wie der Datenschutz die Barrierefreiheit behindert

Blick durch ein SchlüssellochDatenschutz hier, Datenschutz da – in der Coronakrise wird einmal mehr heftig darüber gestritten. Beispiele gibt es zu Hauf. Diskutiert werden etwa die Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts sowie die noch zu entwickelnde App zum Detektieren potentieller Corona-Ansteckungen. Dass die Datenspende-App nicht barrierefrei war, hat weder das RKI noch die Twitter-Gemeinde sonderlich interessiert.
Ich fasse es mal zusammen: Ein potentieller Verstoß gegen den datenschutz interessiert die Leute mehr als der Fakt, dass behinderte Menschen eine Anwendung nicht nutzen können. Bin ich der Einzige, der das merkwürdig findet?
Weiteres schönes Beispiel: Durch die überhastete Digitalisierung hat sich ein Wildwuchs an digitalen Kommunikationslösungen ergeben. Zoom hat WhatsApp als Buhmann Nr. 1 abgelöst. Allerdings wird auch so ziemlich jede andere Lösung wie Teams, Skype oder Jitsy kritisiert. Nur ein Wirrkopf könnte auf die Idee kommen, dass es vielleicht nicht nur an den Lösungen, sondern auch an der DSGVO selbst liegen könnte. Da wird lang und breit über potentielle Mängel beim Datenschutz diskutiert. Aber in keiner der zahlreichen Listen von Kommunikationstools und deren Vor- und Nachteilen findet man Hinweise zu deren Barrierefreiheit.

Der Primat des Datenschutzes ist fragwürdig

Irgendwann muss die Gesellschaft entschieden haben, dass der Datenschutz wichtiger ist als alles Andere: Wichtiger als Benutzerfreundlichkeit, wichtiger als Barrierefreiheit, wichtiger als der Preis, wichtiger als die Kompatibilität mit verschiedenen Endgeräten. Wenn keine Lösung die Anforderungen des Datenschutzes erfüllt, dann kommunizieren wir halt per Rauchsignal.
Die DSGVO kann unter „gut gemeint“ abgeheftet werden. Wie so vieles begünstigt sie eher die großen Datenfresser wie Google oder Facebook, denn nur die haben das Geld und die Power, die Richtlinien umzusetzen – oder eher sie ungestraft zu ignorieren.

Datenschutz bremst Barrierefreiheit und Benutzbarkeit aus

Ruft man heute eine Website auf, muss man häufig mindestens zwei Mal klicken, um überhaupt irgendwelchen Inhalt zu bekommen. Bei der Google-Suchmaschine sind es eher vier Mal.
Die Wenigsten werden den juristischen Prosa-Roman aka Datenschutzerklärung lesen, der ihnen da vorgesetzt wird. Das liegt unter anderem daran, dass er völlig unverständlich und die Angaben nicht überprüfbar sind. Das ist wohl die Transparenz, die uns die DSGVO versprochen hat.
Die Themen Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit bleiben auf der Strecke: Viele der Cookie-Messages sind per Tastatur oder assistiver Technologie nicht zugänglich. Und was passiert mit den Menschen, die keine Ahnung haben, was dieser Cookie sein soll und die auch nach den seitenlangen Erklärungen nicht schlauer sondern eher besorgter sind?
Und warum müssen die Datenschutz-Erklärungen nicht in einer allgemein-verständlichen Sprache verfasst sein? Werden sie nicht mit Absicht mit juristischem und technischem Kauderwelsch gepropft, damit die Betroffenen ihre Rechte eben nicht verstehen oder gar einfordern?

Datenschutz gefährdet die Digitalisierung

Der Erfolg von Zoom hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Lösung gerade aus der Perspektive der Nutzer sehr einfach und relativ intuitiv ist. Das kann man von den meisten anderen Lösungen nicht behaupten. Adobe Connect oder GoToMeeting etwa verlangen kategorisch das Installieren eines zusätzlichen Clients. Was der tut, bleibt deren Geheimnis. Wer keine Installationsrechte hat, der hat Pech gehabt. Dass diese Clients nicht barrierefrei sind, ist dann auch nur ein Neben-Aspekt.
Der Primat des Datenschutzes verhindert, dass sich digitale Lösungen etablieren. Viele der Lösungen, die den Datenschutz angeblich erfüllen können von der Benutzerfreundlichkeit oder Barrierefreiheit nicht überzeugen. Deswegen wird sie kaum jemand nutzen, wenn er nicht muss.
Natürlich kann ich die Anliegen der Datenschützer verstehen. Aber wie so oft im Leben kommt es darauf an, ein Gleichgewicht unterschiedlicher Anforderungen zu finden. Was sonst passiert, liegt auf der Hand, die Nutzer stimmen mit den Füßen ab: Entweder nutzen sie trotz Bedenken die für sie einfachste Lösung oder eben gar keine.

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Ein Gedanke zu „Wie der Datenschutz die Barrierefreiheit behindert“

  1. Das beobachte ich auch schon länger und habe schon 2018 darauf hingewiesen. Und bei jeder datenschutzfreundlichen Lösung, sei es Threema, Matrix/Riot, oder auch NextCloud, stehen massive und teils langwierige Kampagnen für bessere Barrierefreiheit im Hintergrund. Ich habe selbst in mehrere dieser Projekte viele Stunden meiner Freizeit investiert, um zu helfen, sie dahin zu kriegen, wo sie jetzt sind.

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