Über Sinn und Unsinn von Barrierefreiheits-Tests

Leider hat es sich eingebürgert, komplexe Testverfahren als das Nonplus-Ultra in der Barrierefreiheit anzusehen. Wir nennen hier die wichtigsten Gründe, warum Sie von abschließenden Barrierefreiheits-Tests absehen sollten.

Der BITV-Test ist ein Privat-Projekt

In Deutschland fällt einem natürlich zuerst der BITV-Test ein. Wir nennen ihn hier DIAS-Test, da es sich um ein privates Testverfahren der DIAS GmbH handelt, von dem sie einfach mal behaupten, es würde die BITV testen. Die BITV, die selbst keine Anforderungen an die Barrierefreiheit enthält.
Bitte lassen Sie die Finger von solchen Testverfahren. Wer solche Testverfahren entwickelt und diese so intransparent wie die DIAS GmbH gestaltet, verschafft sich die Definitionsmacht darüber, was Barrierefreiheit ist. Am Ende heißt es dann nicht mehr: Barrierefrei ist Konformität nach WCAG 2.x, sondern barrierefrei ist konform nach DIAS. Leider ist die DIAS aber von niemandem legitimiert, diese Definitionsmacht einzunehmen. Warum sie ihr Testverfahren BITV-Test bzw. WCAG-Test nennen, bleibt dann ihr Geheimnis, als ob es keine anderen WCAG-Tests gäbe. Die DIAS hat damit eine Monopol-Stellung eingenommen, mit der sie meines Erachtens unverantwortlich umgeht.
Dem Vernehmen nach darf der DIAS-Test ohnehin nur noch nichtkommerziell bzw. durch den DIAS-Prüfverbund offiziell durchgeführt werden. Ein weiterer Grund, den Test nicht mehr zu verwenden. Zumindest wird an keiner Stelle genau beschrieben, wer unter welchen Umständen außerhalb des DIAS-Prüfverbundes diese Tests durchführen darf. Ich freue mich über sachdienliche Hinweise, falls Sie da mehr wissen als ich.

Komplexität mit Qualität verwechselt

Wir glauben häufig, wenn ein Verfahren nur komplex und vielschrittig ist, könnten wir eine hohe Qualität sicherstellen. Ich war an einigen Prüfverfahren und deren Entwicklung beteiligt und kann sagen, dass dem nicht so ist. Ein Prüfverfahren neigt dazu, eine komplexe Anwendung in tausend Einzelteile zu zerlegen.
Wie sinnvoll ist so eine Zerlegung bei sagen wir einer komplexen Webanwendung? Tatsächlich ist hier eine heuristische Analyse, wie sie etwa in der Usability eingesetzt wird viel sinnvoller.
Alternativ können auch Schnelltests eingesetzt werden. Sie bestehen aus 10-15 wichtigen Prüfschritten, die im Wesentlichen auf jede Webseite anwendbar sind.
Beide Verfahren, der Schnelltest und die heuristische Analyse haben den Vorteil, dass sie schnell und kostengünstig die meisten Fehler aufdecken können. Ein simples Beispiel: Hat jemand seine Formulare nicht gelabelt, ist die Webseite nach keiner Definition barrierefrei, ein weiterer Test würde sich also erübrigen. Es ist ziemlich unwahrscheinich, dass jemand die Labels vergisst, aber ansonsten sauber gearbeitet hat.

Das Pferd von hinten aufgezäumt

Prinzipiell ist ein Barrierefreiheits-Test keine schlechte Sache. Das Problem ist, dass man die Sache hier falsch angeht. Ein Test bringt vor allem etwas, wenn man Barrierefreiheit von vorneherein berücksichtigt hat. Sie glauben gar nicht, wie viele Apps bei mir eintreffen, wo ein Test überhaupt keinen Sinn macht, weil die Entwickler:Innen die Barrierefreiheit nicht berücksichtigt haben. Ich schicke das dann ungeprüft zurück, weil das Testen und Feststellen der Fehler so viel Arbeit fressen würde, dass ein Nachtest nach den Verbesserungen gar nicht mehr im Budget wäre.
Der erste Schritt ist also, kompetente Designer:Innen und Entwickler:Innen zu beschäftigen, in deren Aufgabe fällt auch das Testen.
In der Theorie klingt es gut: Erst die Entwicklung, dann das Testen, dann Verbesserungen, dann noch mal das Testen. In Wirklichkeit ist das ein hoher Grad an Energie- und Ressourcen-Verschwendung. Die Erfolgskriterien der WCAG 2.x sind ohnehin als testbare Kriterien formuliert. Wie oben gesagt, müssen die beteiligten Personen grundlegend barrierefrei arbeiten, dazu gehört auch das Testen.

Testen am lebenden Subjekt

Wie oben angedeutet ist natürlich wichtig, dass Software bzw. Webseiten grundlegend barrierefrei entwickelt werden.
Der zweite Schritt ist dann, dass mit dem lebenden Subjekt getestet wird. Meines Erachtens ist kein nicht-behinderter Mensch in der Lage, eine komplexe assistive Technologie wie einen Screenreader, eine Bildschirm-Lupe oder eine Sprachsteuerung so zu nutzen wie es ein Betroffener tun würde. Doch gerade bei komplexen Webprojekten – wir reden nicht von der 08/15-statischen Webseite, sind solche Tests enorm wichtig. Sie werden aber nicht gemacht, weil der DIAS-Test schon alle Mittel verschlungen hat.
Allerdings ist im Rahmen der EU-Richtlinie 2102 ohnehin ein Feedback-Mechanismus vorgesehen. Daher mein Vorschlag: Stecken Sie die Ressourcen für den DIAS-Test in den Test der Anwendung durch betroffene Personen. Und setzen Sie auf agile Weiterentwicklung der Anwendung, statt alle zwei Jahre zu überlegen, was Sie besser machen könnten.

Fazit

Wir sind, was die Barrierefreiheit angeht aktuell an einem toten Punkt. Während Millionen Euro in die aufwendige Testung gesteckt werden, gibt es recht wenige in Barrierefreiheit kompetente Entwickler:Innen und Designer:Innen. Gerade im öffentlichen Dienst und den für sie tätigen Agenturen müsste viel mehr Geld in die Kompetenz der zuständigen Personen gesteckt werden. Oder wer soll die Mängel reparieren, die durch die Tester:Innen entdeckt werden? Auch behinderte Menschen sollten zu Tester:Innen qualifiziert werden, das wäre eine sinnvollere Maßnahme.
Der Dreiklang aus Kompetenz auf der Seite der zuständigen Personen und kompetenter Tester:Innen sowie dem Feedback-Mechanismus kann wesentlich mehr zur Barrierefreiheit beitragen als immer stärker aufgeblasene Testverfahren. Heute sind es 90, morgen 120 und irgendwann 150 Prüfschritte. Dann sitzt man mehrere Personentage an dem Test einer Handvoll Webseiten, hat aber im Endeffekt nichts für die Barrierefreiheit erreicht.

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3 Gedanken zu „Über Sinn und Unsinn von Barrierefreiheits-Tests“

  1. Nun ja, es ist ja das Geschäftsmodell der DIAS, das sie mit dem Test Geld verdienen, warum sollten sie das aufgeben, dann braucht man sie ja gar nicht mehr.

  2. Die DIAS GmbH lebt meines Erachtens noch in den 80er Jahren mit dem Fürsorgegedanken. Ich denke schon, dass sie sich für Barrierefreiheit interessieren, habe aber den Eindruck, dass sie wollen das komplett ohne Menschen mit Behinderung umsetzen. Fürsorgegedanke halt. Ich würde die DIAS GmbH mit Barrierefreiheit nicht mehr beauftragen.

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