Wie sinnvoll sind BITV-Test und Zertifizierungen zur Barrierefreiheit von Webseiten?

Häufig werde ich gefragt, ob ich einen BITV-Test durchführen könnte. Meine Antwort: Ich teste gerne, halte den BITV-Test aber nicht für zeitgemäß und führe ihn daher nicht mehr durch.
Der BITV-Test ist kein sinnvolles Instrument, um Barrierefreiheit zu messen und als Qualitätssiegel eingeschränkt aussagekräftig. Ebenso wenig sinnvoll sind Zertifizierungen zur Barrierefreiheit von Webseiten. Warum das so ist, erkläre ich in diesem Beitrag.

Enger Fokus auf Blindheit und Sehbehinderung

Ein großer Teil der Barrierefreiheits-Szene dreht sich vor allem um das Thema Blindheit und Sehbehinderung. Deren Anforderungen sind plastisch und im Wesentlichen auch leicht umsetzbar. Ob es dann tatsächlich gemacht wird, ist eine andere Frage.
Doch was ist mit motorisch Behinderten, Autisten, geistig Behinderten und so weiter? Deren Anforderungen werden mit dem BITV-Test kaum erfasst.

Technische Barrierefreiheit ist nicht alles

Der BITV-Test prüft im Wesentlichen den technischen Unterbau einer Website. Auch das ist in Grenzen sinnvoll. Doch auch hier werden die Bedürfnisse anderer Behinderungen nicht erfasst. Sie verwenden nicht den Quellcode, sondern die visuelle Web-Oberfläche. Und ist diese nicht auf den Nutzer optimiert, ist das eine größere Barriere – im Übrigen auch für Blinde und Sehbehinderte. Insgesamt lässt der BITV-Test Fragen der Usability und Informationsarchitektur komplett außen vor.

Seiten-basierte Test-Verfahren sind nicht zeitgemäß

Ein Testverfahren, das einzelne Seiten isoliert betrachtet, ist in Zeiten nicht mehr sinnvoll, in welchen ganze Anwendungen im Browser laufen. Natürlich sollte man sich Schlüsseltemplates ansehen, doch wichtiger ist das Kernanliegen des Nutzers oder der Schlüsselprozess der Website: Sei es das Kontaktformular, ein Bestellprozess oder eine Kommentarfunktion. Wichtig ist alles, wo der Nutzer mit der Website interagieren muss. Ja, man sollte sich die wichtigsten Templates der Website anschauen, aber auch die wichtigsten Prozesse einmal durchspielen. Der BITV-Test ist aber seiten-basiert.

Der BITV-Test wird den Nutzern nicht gerecht

Während die Nutzer vor allem Smartphones und vielleicht noch Tablets verwenden, wird der BITV-Test mit Desktop-Versionen der Website durchgeführt. Nun können aber auf der mobilen Versionen andere Probleme entstehen als auf der Desktop-Version. Der BITV-Test wird also aktuellen Anforderungen nicht gerecht.

BITV-Test lädt Entwickler zum Schummeln ein

Ein fauler, aber schlauer Entwickler optimiert die Website einfach so, dass sie 100 Punkte beim BITV-Test erhält. Das ist ziemlich einfach, da das Verfahren ja offen dokumentiert ist.
Wenn der Auftragnehmer weiß, dass am Ende ein BITV-Test ansteht, wird er von vorneherein darauf setzen, dass eine möglichst ohe Punktzahl erreicht wird. Das kann, muss aber nicht zur Barrierefreiheit der Website beitragen.

Stempel drauf und fertig

Gerne werden die Erkenntnisse aus dem BITV-Test oder aus Zertifizierungen als Totschlag-Argument verwendet, wenn sich ein behinderter Mensch über die Website beschwert: Wir haben doch den BITV-Test durchgeführt. Was sollen wir noch machen?
Solche Verfahren können – auch wegen der Kosten – nur Momentaufnahmen sein. Schließlich können sie nicht bei jeder Veränderung der Seite neu durchgeführt werden. Aber was nutzt ein BITV-Test oder eine Zertifizierung einer Seite, wenn der gemessene Zustand gar nicht mehr existiert.

Kaum behinderte Tester

Mein Kritikpunkt ist allerdings auch, dass es kaum behinderte Personen mit Erfahrung in Hilfstechnologien gibt, welche diese Tests durchführen. Bisher habe ich nur Personen ohne Behinderung getroffen, die solche Tests verantworten. Das hat teilweise gute Gründe, doch fallen Verwendern von Hilfstechnologien zwangsläufig mehr Dinge auf als solchen ohne eine Behinderung. Einige Testskönnen zwar von Blinden oder stark Sehbehinderten nicht durchgeführt werden, einige der Schritte sind aber durchaus auch für behinderte Menschen geeignet. Die sich nebenbei gesagt damit auch eine kleine Einkommensquelle erschließen könnten. Persönlich habe ich noch keinen BITV-Tester mit Behinderung kennengelernt.

Ist der BITV-Test also sinnfrei

Der BITV-Test ist sinnvoll – in bestimmten Situationen.

  1. Er ist entwicklungsbegleitend sinnvoll, denn die Entwickler können damit Qualitätssicherung betreiben und schwerwiegende Fehler finden.
  2. Er ist als Selbsttest sinnvoll: So können Sie den Status Ihrer Website prüfen oder auch, ob die Web-Agentur generell sauber gearbeitet hat.
  3. Und er ist eine Möglichkeit, sich systematisch mit den BITV-Richtlinien zu beschäftigen. Sie sind zum Runterlesen nicht wirklich geeignet

Alternativen zum BITV-Test

Neben der Möglichkeit, den BITV-Test selbst durchzuführen, sehe ich noch zwei weitere Alternativen:

  • Eine Möglichkeit ist ein Expertentest: Er kann von einem Experten in Sachen digitale Barrierefreiheit durchgeführt werden. Wir werden hier in der Regel auf eine Mischung aus Standard-Testverfahren und heuristischer Analyse zurückgreifen. Es kommt keine so schöne Zahl wie beim BITV-Test heraus. Doch sind die Ergebnisse für die praktische Barrierefreiheit wesentlich relevanter.
  • Die zweite und bessere Möglichkeit sind Nutzer-Tests. Dies kann mit Ihren eigenen Mitarbeitern erfolgen oder im Laufenden Betrieb. Im letzteren Fall laden Sie alle Nutzer ein, Ihnen Barrieren und Probleme auf der Website mitzuteilen. Sie müssen dann Ressourcen vorhalten, um diese Meldungen zu bearbeiten sowie eventuelle Verbesserungen durchzuführen.Im Rahmen der EU-Richtlinie 2102 wären Sie ohnehin verpflichtet, Feedback-Möglichkeiten zur Barrierefreiheit anzubieten. Aber solche Angebote lassen sich auf unterschiedliche Weise gesstalten, frei nach dem Motto, „Ja, gerne“ oder „Mach ruhig, ist uns egal“.

Websites sind häufig so komplex, dass Nutzertests der erkenntnisreichste, wenn auch aufwändigste Prozess sind. Stehen die Ressourcen für ein solches Testverfahren nicht zur Verfügung, sollten Sie einen Feedback-Mechanismus einrichten, über den Sie Feedback von behinderten Menschen einholen können. Ein solcher Feedback-Mechanismus ist im übrigen durch die Richtlinie EU 2016-2102 vorgeschrieben, muss also ohnehin etabliert werden. Weiterhin können Sie Ihre Mitarbeiter mit einer Behinderung, natürlich alles im Rahmen des Möglichen, für solche Tests gewinnen.
Wir haben also eine Agentur, die ordentliche Arbeit macht, die sich an die Vorgaben der WCAG/BITV gehalten hat und wir haben Nutzer-Feedback. Das ist vollkommen ausreichend. Stecken Sie also das Geld, dass Sie für den BITV-Test vorgesehen haben in den Feedback-Mechanismus, die Wartung und die Qualitätssicherung.
Wolfgang Wiese. Sind WCAG-Tests hilfreich oder Marketing

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