Vier Gründe, warum Du behinderte Menschen bei der Barrierefreiheit einbinden solltest

Stiliserte FigurenWusstest Du, dass man Barrierefreiheit umsetzen kann, ohne die Betroffenen zu beteiligen? Zumindest in Deutschland scheint man das zu glauben.
Beispiele gibt es zuhauf: So gab es im Jahr 2020 eine millionenschwere Ausschreibung des Bundes zum Testen von Barrierefreiheit, von Beteiligung behinderter Menschen bei diesen Tests war nicht die Rede. Eine Ausschreibung der Bundestagsverwaltung zum Thema Sensibilisierung zur Barrierefreiheit mit rund 20 Vorträgen erwähnte auch mit keinem Wort, dass behinderte Menschen dabei sein sollten. Agenturen, die Barrierefreiheit umsetzen, ob groß oder klein, erwähnen mit ein paar Ausnahmen nicht, dass behinderte Menschen bei der Entwicklung oder beim Testing eingebunden werden. Es gibt zahllose Behindertenbeauftragte im öffentlichen Dienst oder in Betrieben, die selbst keine Behinderung haben. Last not least die IAAP DACH, auch hier bleiben behinderte Menschen bisher unsichtbar, ebenso wie beim BITV-Test.
Hier also vier Gründe, warum Du behinderte Menschen aktiv in Deine Barrierefreiheitsprojekte einbinden solltest.

  • Theoretisches Wissen reicht nicht aus. Ich muss selbst gestandenen Experten klar machen, dass eine bestimmte Sache mit Screenreadern nicht funktioniert. Es ist eben ein Unterschied, theoretisch zu wissen, auf welche Probleme behinderte Menschen stoßen oder die Probleme aus der Praxis zu kennen.
  • Ein Imperativ der Inklusion ist, dass nichts über uns ohne uns geschehen soll. Viele Barrierefreiheits-Experten glauben aber, es besser zu wissen als die Betroffenen. Der Verweis auf die Guidelines ist richtig, aber greift zu kurz. Es sind eben Guidelines und keine Regeln oder feste Normen.
  • Es werden Stellen für behinderte Menschen geschaffen. Es ist unglaublich, wie viele arbeitslose behinderte Menschen es gibt. Es könnten problemlos mehrere hundert Stellen für Tester:Innen geschaffen werden, im übrigen hochqualifizierte und gut bezahlte Stellen, an denen fehlt es behinderten Menschen. Natürlich muss man diese Personen qualifizieren, Behinderung ist ja keine Qualifikation an sich. Aber nicht-behinderte Menschen muss man auch qualifizieren.
  • It’s the right thing to do. So wie andere benachteiligte Gruppen auch lange Zeit für Gleichberechtigung kämpften, kämpfen behinderte Menschen nach wie vor für ihren angemessenen Platz in der Gesellschaft. Bei der Gleichberechtigung von Frauen im Beruf zum Beispiel geht es eben nicht darum, dass Frauen generell bessere Mitarbeiterinnen sind, das mag häufig der Fall sein. Es geht darum, dass Frauen praktisch immer strukturell benachteiligt waren bzw. sind und es das Richtige ist, diese Benachteiligung abzubauen. Ich hoffe mal, niemand käme heute noch auf die Idee, eine Altherrenrunde einzuberufen, um zu klären, wie man Gleichberechtigung für Frauen umsetzen kann. Bei behinderten Menschen scheint mir dieses Vorgehen aber weit verbreitet, also Nicht-Behinderte, die besser als wir wissen, was gut für uns ist.

Ich sehe bei einigen nicht-behinderten Menschen einen ausgeprägten Paternalismus, frei nach dem Motto, wir machen die Welt für die armen Behinderten mal barrierefrei. Wahrscheinlich finden jeden Tag solche Runden statt, in denen kein Betroffener vertreten ist. Das ist aber das Verhalten der 80er. Wir haben eine Behindertenrechtskonvention, in die einige Leute mal reinschauen sollten.
Ich bezweifle nicht, dass da viele Involvierte guten Willens sind. Mich stört allerdings die Haltung, die dahinter steht und auch die Ergebnisse, die nicht so gut sind, wie sie sein könnten, wären behinderte Menschen beteiligt gewesen.

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