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Interview mit clara Henning zu User Tests mit Menschen mit Behinderung

Blinde Person vor Rechner

Dies ist das Transkript des Interviews mit Clara Henning zum Thema User-Tests mit Menschen mit Behinderung. Für die bessere Lesbarkeit wurde es sprachlich geglättet. alle Fehler und Ungenauigkeiten gehen auf mein Konto.
Domingos: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts zur digitalen Barrierefreiheit. Heute freue ich mich besonders, Clara Henning als Gesprächspartnerin begrüßen zu dürfen. Sie wird uns Einblicke in User-Tests mit Menschen mit Behinderungen geben. Vielen Dank, Clara, dass du dir die Zeit nimmst.
Clara: Sehr gerne, ich freue mich auf das Gespräch.

Über clara und ihren Weg zur Barrierefreiheit

Domingos: Wie üblich beginnen wir mit einer kurzen Vorstellung: Erzähl uns doch bitte etwas über deinen fachlichen Hintergrund und deine aktuelle berufliche Tätigkeit.
Clara: Gerne. Ich bin Clara und arbeite als User Researcherin bei Leefs in Köln. Ursprünglich komme ich jedoch aus einem ganz anderen Bereich: Ich habe zunächst Physiotherapie studiert und diesen Beruf auch einige Zeit ausgeübt. Im Anschluss habe ich mich jedoch für ein weiteres Studium entschieden und bin in das Feld der Informationstechnologie gewechselt – genauer gesagt in den Bereich der nutzerzentrierten Entwicklung digitaler Produkte.
Heute beschäftige ich mich damit, digitale Anwendungen aus einer menschenzentrierten Perspektive zu verbessern. Bei Leaves arbeiten wir als kleines Team daran, Unternehmen dabei zu unterstützen, ihre Nutzerinnen beziehungsweise Endanwenderinnen besser zu verstehen. Konkret bedeutet das, dass ich Bedürfnisse, Erwartungen und Problemstellungen identifiziere, die durch digitale Produkte adressiert werden sollen. Ziel ist es, den Nutzungskontext transparenter zu machen, sodass Entwicklungsteams fundierte Entscheidungen treffen können und relevante Anforderungen nicht aus dem Blick verlieren.
Domingos: Ihr habt euch in eurer Arbeit unter anderem intensiv mit digitaler Barrierefreiheit und User Research beschäftigt. Kannst du erläutern, wie ihr zu diesem Thema gekommen seid?
Clara: Sehr gerne. Der Weg in dieses Themenfeld war für uns als Team tatsächlich ausgesprochen spannend. Das liegt inzwischen etwa zwei Jahre zurück. Damals haben wir erstmals intensiver wahrgenommen, dass sich im regulatorischen Umfeld etwas verändert – insbesondere im Zusammenhang mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. In diesem Kontext stellten wir uns zunächst ganz grundlegend die Frage, welche konkreten Anforderungen und Implikationen sich daraus ergeben.
Wir haben daraufhin bewusst einen gemeinsamen Termin im Team angesetzt, um unseren Wissensstand zu erfassen: Welche Vorerfahrungen gibt es bereits? Wer hatte bislang Berührungspunkte mit digitaler Barrierefreiheit? Die ehrliche Bestandsaufnahme fiel eher ernüchternd aus – unser Wissen war noch fragmentarisch. Gleichzeitig wurde uns sehr deutlich, dass das Thema inhaltlich hervorragend zu unserem Selbstverständnis passt. Unsere Arbeit ist konsequent nutzerzentriert ausgerichtet, häufig beschrieben mit dem Ansatz des Human-Centered Design und der User Research. Wenn der Mensch im Mittelpunkt steht, darf Barrierefreiheit folglich kein Randthema sein.
Vor diesem Hintergrund haben wir entschieden, uns systematisch einzuarbeiten. Wir sind bewusst kleinschrittig vorgegangen: Zunächst haben wir unser Netzwerk aktiviert, um bestehende Expertise zu identifizieren. Ich habe beispielsweise über LinkedIn gezielt nach Erfahrungen im Bereich barrierefreie User Research gefragt. Durch Gespräche mit Praktikerinnen und Praktikern konnten wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln, wie ein sinnvoller Einstieg aussieht und welche methodischen sowie organisatorischen Aspekte zu berücksichtigen sind.
Auf dieser Basis haben wir uns als Team schrittweise vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt und geprüft, wie wir Barrierefreiheit konkret in unsere Forschungsprozesse und in die Zusammenarbeit mit unseren Kundinnen und Kunden integrieren können. Dabei ging es nicht nur um regulatorische Anforderungen, sondern vor allem um die qualitative Verbesserung unserer Arbeit.
Besonders prägend war für mich persönlich der Aufbau eines Panels mit Menschen mit Behinderungen. In den ersten telefonischen Gesprächen entstand ein unmittelbarer Austausch, der mir sehr deutlich vor Augen geführt hat, welche spezifischen Herausforderungen im digitalen Alltag bestehen. Diese direkten Einblicke haben mein Verständnis erheblich erweitert. Teilweise dauerten die Gespräche eine Stunde oder länger, weil es mir wichtig war, die individuellen Perspektiven wirklich nachzuvollziehen.
Aus diesen Kontakten konnten wir sehr konkret ableiten, an welchen Stellen wir unsere Forschungsdesigns, unsere Test-Setups und unsere Kommunikation anpassen müssen. Diese persönliche Auseinandersetzung war außerordentlich wertvoll – fachlich wie auch menschlich. Nach vielen dieser Gespräche war ich nachhaltig beeindruckt von der Offenheit und der Expertise, die uns entgegengebracht wurde.
Domingos: Du hast bereits das Panel erwähnt. Viele Zuhörerinnen können sich vermutlich noch nicht genau vorstellen, wie User Research konkret funktioniert. Könntest du daher erläutern, was unter einem Panel zu verstehen ist – und wie euer Panel im Kontext digitaler Barrierefreiheit aufgebaut ist?
Clara: Gerne. Ein Panel ist, stark vereinfacht gesagt, eine strukturierte Kontaktbasis – also eine kuratierte Liste von Personen, die bestimmte definierte Kriterien erfüllen und grundsätzlich bereit sind, an Forschungsformaten teilzunehmen. Panels lassen sich für unterschiedlichste Zielgruppen aufbauen. Wir verfügen beispielsweise auch über ein Landwirtschaftspanel, das aus Landwirtinnen und Landwirten besteht, die wir für Interviews oder Nutzertests rekrutieren können.
Im Fall unseres Barrierefreiheitspanels handelt es sich um Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Der inhaltliche Schwerpunkt lag zu Beginn auf Personen mit visuellen Einschränkungen, da wir hier unsere ersten Aktivitäten gestartet haben. Inzwischen umfasst das Panel jedoch auch Menschen mit kognitiven, auditiven und motorischen Beeinträchtigungen. Es gibt also keine bewusste thematische Ausgrenzung, wenngleich der Fokus initial stärker auf dem Bereich Sehen lag.
Methodisch ist es wichtig zu verstehen, dass User Research nicht primär aus Umfragen besteht – auch wenn das häufig angenommen wird. Deutlich häufiger führen wir qualitative Interviews oder Usability-Tests durch. Bei Letzteren testen Personen konkrete digitale Produkte: beispielsweise Websites, Apps oder Softwarelösungen. Diese können entweder bereits live sein oder sich noch im Prototypenstadium befinden. Gerade die Testung von Konzepten oder Prototypen vor der eigentlichen Entwicklung ist besonders wertvoll, da Optimierungspotenziale frühzeitig identifiziert werden können. Ziel ist es, Produkte so anzupassen, dass sie beim Launch möglichst gut den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer entsprechen.
Eine zentrale Herausforderung im gesamten Forschungsprozess besteht regelmäßig in der Rekrutierung geeigneter Testpersonen. Zwischen der initialen Fragestellung („Was möchten wir herausfinden?“) und belastbaren Ergebnissen liegt der operative Schritt, die passenden Personen zu identifizieren. Diese müssen der jeweiligen Zielgruppe eines Unternehmens entsprechen – was je nach Projekt sehr spezifische Kriterien beinhalten kann. Dieser Rekrutierungsprozess ist häufig zeitintensiv und stellt eine der größten Hürden in der User Research dar.
Vor diesem Hintergrund haben wir entschieden, für das Thema digitale Barrierefreiheit proaktiv vorzugehen. Unser Anspruch ist es, Unternehmen diese Hürde zu erleichtern, indem wir bereits auf ein bestehendes Netzwerk von Personen mit Behinderungen zurückgreifen können, die grundsätzlich zur Teilnahme bereit sind. Die Panelmitglieder wissen, was sie in Interviews oder Tests erwartet, und bringen ein echtes Interesse an der Mitgestaltung digitaler Produkte mit.
Dabei achten wir bewusst auf eine heterogene Zusammensetzung. Es finden sich sowohl sehr technikaffine Personen mit hoher digitaler Expertise als auch Menschen, die eher typische Alltagsnutzerinnen und -nutzer repräsentieren. Diese Bandbreite ist essenziell, um unterschiedliche Nutzungsmuster und Kompetenzniveaus abzubilden.
Für jedes Projekt prüfen wir dann gezielt, welche Profile für die jeweilige Fragestellung geeignet sind. Auf diese Weise können wir schnell und passgenau rekrutieren, ohne jedes Mal bei null beginnen zu müssen. Gerade im Bereich digitaler Barrierefreiheit ist diese strukturierte Vorbereitung ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Spezielle Test-Bedingungen bei Menschen mit Behinderung

Domingos: Wie gestaltet sich ein solcher Test konkret? Bei der Einbindung von Menschen mit Behinderungen sind vermutlich spezifische Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Beispielsweise kann die Nutzung assistiver Technologien zusätzliche Zeit erfordern. Führt ihr die Tests eher remote durch, etwa per Videokonferenz, oder arbeitet ihr mit einem stationären Testlabor und besonderen Vorkehrungen?
Clara: Aktuell führen wir diese Tests überwiegend remote durch. Dabei legen wir großen Wert darauf, uns an die Bedürfnisse und Gewohnheiten der jeweiligen Testperson anzupassen. Ein zentraler Aspekt ist die Wahl des Videokonferenz-Tools. Häufig nutzen wir beispielsweise Zoom, teilweise auch Microsoft Teams oder andere gängige Lösungen. Entscheidend ist jedoch nicht unsere Präferenz, sondern welches Tool der betreffenden Person bereits vertraut ist. Dadurch vermeiden wir zusätzliche Einstiegshürden und stellen sicher, dass sich die Teilnehmenden in einer möglichst vertrauten digitalen Umgebung bewegen.
Der Ablauf einer Studie beginnt in der Regel mit einer engen Abstimmung mit dem Auftraggeber – häufig Designerinnen, Entwickler oder Product Owner. Gemeinsam definieren wir die Forschungsziele: Welche Fragestellungen sollen beantwortet werden? Welche Materialien oder Prototypen liegen vor? Handelt es sich um eine bereits live geschaltete Website, eine App oder um ein Konzept im Prototypenstadium?
Anschließend prüfen wir, welche Profile aus unserem Panel für die jeweilige Fragestellung geeignet sind. Wir versenden eine strukturierte Einladung per E-Mail an passende Panelmitglieder. Darin sind Thema, Zielsetzung, zeitlicher Umfang sowie organisatorische Details transparent beschrieben.
Zeitlich planen wir bei Tests mit Menschen mit Behinderungen in der Regel großzügiger – meist zwischen 60 und 90 Minuten pro Einzeltermin. Die Sessions finden grundsätzlich one-on-one statt. Im Vergleich zu klassischen Usability-Tests kalkulieren wir bewusst mehr Zeit ein. Das hat mehrere Gründe:
• Die technische Einrichtung, insbesondere im Zusammenspiel mit assistiven Technologien wie Screenreadern oder Vergrößerungssoftware, benötigt teilweise zusätzlichen Abstimmungsaufwand.
• Bestimmte Interaktionen dauern naturgemäß länger.
• Zudem ist die kognitive Belastung bei intensiven Testsituationen nicht zu unterschätzen.
Wir berücksichtigen daher auch mentale Ermüdung und strukturieren die Sessions entsprechend mit klaren Phasen und ausreichend Raum für Pausen, falls erforderlich.
Technisch bereiten wir die Sitzung so vor, dass ein reibungsloser Ablauf möglich ist. Üblicherweise planen wir einen zeitlichen Puffer ein, sodass sich die Testperson etwa zehn Minuten vor Beginn zuschalten kann. In vielen Fällen bitten wir die Teilnehmenden, ihren Bildschirm zu teilen. Wenn beispielsweise eine Live-Website getestet wird, öffnet die Person diese in ihrem eigenen Browser und wir beobachten in Echtzeit, wie sie navigiert, wo sie sich befindet und welche Interaktionen stattfinden. So erhalten wir authentische Einblicke in tatsächliche Nutzungsszenarien – inklusive der Verwendung assistiver Technologien im gewohnten individuellen Setup.
Diese Herangehensweise hat sich für uns als sehr praktikabel erwiesen, da sie sowohl Flexibilität als auch Realitätsnähe gewährleistet.
Ein besonders relevanter Punkt ist beispielsweise die Testung mit Screenreadern oder Sprachassistenzsystemen. Wenn jemand den Screenreader einsetzt, müssen wir zu Beginn des Termins sicherstellen, dass die Sprachausgabe korrekt übertragen wird, damit wir und gegebenenfalls auch die Teams unserer Kunden den Ton mitverfolgen können. Das ist nicht nur für uns interessant, sondern besonders lehrreich für die Beteiligten aus den Unternehmen: Sie bekommen unmittelbar mit, wie die Person mit dem Screenreader arbeitet, wie schnell die Ausgabe erfolgt und welche Herausforderungen dabei auftreten können. Gerade dieser technische Setup ist zu Beginn einer Session oft eine kleine Herausforderung, die wir jedoch aktiv begleiten.
Während der Tests ist es zentral, flexibel auf unvorhergesehene Hürden zu reagieren. Als Moderatorin achte ich darauf, dass die Testperson jederzeit den Eindruck hat, nicht selbst „getestet“ zu werden. Im Gegenteil: Sie ist die Expertin oder der Experte für ihre bzw. seine Alltagssituation. Dieses Rollenverständnis sorgt dafür, dass sich die Teilnehmenden sicher fühlen und authentisches Feedback geben können.
Nach der Durchführung erhalten die Panelmitglieder eine angemessene Aufwandsentschädigung – ein Aspekt, den wir in unseren telefonischen Vorgesprächen oft als wichtig identifiziert haben, da dies in anderen Kontexten, wie etwa universitären Studien, nicht immer selbstverständlich ist. Darüber hinaus pflegen wir eine Rückkopplung: Nach Abschluss eines Projekts teilen wir die zentralen Erkenntnisse mit den Panelmitgliedern. So erfahren sie, was konkret aus den Tests abgeleitet wurde.
Darüber hinaus ist es uns wichtig, den Kreis zu schließen: Nach einigen Wochen oder Monaten informieren wir die Panelmitglieder über die Umsetzung der Ergebnisse bei unseren Kunden. So wird transparent, dass ihre Zeit und ihr Input einen echten Einfluss hatten und dass die Teilnahme an den Tests tatsächlich zu Verbesserungen geführt hat. Dieses Vorgehen basiert auf unseren Erfahrungen aus den ersten Telefonaten mit Menschen mit Behinderungen und ist seitdem ein fester Bestandteil unseres Prozesses – sowohl aus Respekt gegenüber den Teilnehmenden als auch, um die Wirkung der Forschung greifbar zu machen.

Sensibilisierung des Kunden

Domingos: Das ist tatsächlich ein Klassiker: Kunden dürfen bei Usability-Tests häufig zuschauen. Wie relevant ist das speziell im Kontext digitaler Barrierefreiheit?
Clara: Das ist enorm wertvoll. Ein Beispiel aus unserer letzten Studie: Wir haben geprüft, wie barrierefrei PDF-Dokumente sind, wenn sie beispielsweise per E-Mail verschickt werden. Bei diesem Projekt hatten zwei Mitarbeitende unseres Kunden vorab schon Anpassungen an den Dokumenten vorgenommen, entsprechend der geltenden Richtlinien. Diese beiden Personen haben wir dann als stille Zuschauer in die Test-Session eingeladen.
„Stille Zuschauer“ bedeutet, dass sie zwar mitverfolgen, was passiert, aber keine Fragen während des Tests stellen. Das ist wichtig, weil zu viele Stimmen während der Testung verwirrend sein können – sowohl für die getestete Person als auch für das Forschungsteam. Die Beobachtenden können so direkt erleben, wie Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich mit dem Produkt interagieren, welche Schwierigkeiten auftreten und welche Erwartungen sie haben.
Gerade für die Mitarbeitenden unseres Kunden war das ein echter Aha-Moment. Oft waren sie überrascht von bestimmten Verhaltensweisen oder Problemen, die sie vorher nicht erwartet hatten. Dieses direkte Erleben hat den Lerneffekt enorm verstärkt: Sie konnten sich später viel besser an konkrete Situationen erinnern, an die Reaktionen der Testpersonen, und die gewonnenen Erkenntnisse im Team diskutieren.
Wenn ich anschließend die Hauptergebnisse zusammenfasse, Zitate aus den Tests einbringe und Empfehlungen ableite, ist der Effekt für die Beobachtenden viel größer, weil sie die Situationen selbst miterlebt haben. Der Mehrwert ist also deutlich höher, als wenn sie nur eine schriftliche Zusammenfassung erhalten würden.
Dabei gilt aber: Wir laden nicht 50 Personen gleichzeitig ein, sondern nur eine kleine, ausgewählte Gruppe, damit die Testperson sich wohlfühlt und der Ablauf angenehm bleibt. Vorab informieren wir die Zuschauer natürlich über ihre Rolle, und am Ende des Tests haben sie die Möglichkeit, noch Fragen zu stellen oder Feedback zu geben. Gerade in unserem Bereich der digitalen Barrierefreiheit liefert das Einbeziehen der Beobachtenden einen echten, praxisnahen Mehrwert für alle Beteiligten.
Domingos: Gab es Erkenntnisse, die dich persönlich überrascht haben? Zum Beispiel Funktionen, die für uns total sinnvoll erscheinen, aber für Menschen mit Behinderungen gar nicht oder nur sehr umständlich nutzbar sind?
Clara: Ja, da gab es definitiv einige Aha-Momente. Besonders bei den PDF-Dokumenten ist mir etwas aufgefallen: Für uns ist es oft ganz einfach, ein Dokument schnell zu überfliegen, Informationen zu erfassen und Zusammenhänge zu erkennen. Für Nutzerinnen mit Screenreadern sah das jedoch ganz anders aus. Manche Bereiche des Dokuments waren schlicht nicht zugänglich, und man merkt erst beim Test, dass diese Inhalte überhaupt nicht vorgelesen werden können.
Das bedeutet, dass man deutlich mehr kognitiv mitdenken muss: „Fehlt gerade etwas? Habe ich die Information korrekt erfasst?“ In manchen Fällen mussten die Testpersonen das Dokument noch einmal auf einem anderen Weg öffnen, um fehlende Inhalte zu erfassen. Mir wurde dabei bewusst, wie hoch die zusätzliche kognitive Belastung ist – man denkt währenddessen permanent mit und prüft, ob die Informationen vollständig sind. Das war für mich vorher nicht so greifbar und hat mich wirklich überrascht.
Ein weiteres Beispiel betrifft klassische Webseitenaufbauten: Wenn sich Inhalte schrittweise öffnen, etwa modale Fenster oder dynamische Auswahlfelder, mag das für geübte Nutzerinnen übersichtlich wirken. Für Menschen, die auf bestimmte Fokussteuerungen angewiesen sind, kann das jedoch sehr verwirrend sein, selbst wenn die Technik formal korrekt umgesetzt ist.
Solche Beobachtungen zeigen, wie unterschiedlich Nutzungsrealitäten sein können, je nach assistiven Technologien und individuellen Bedürfnissen. Genau das macht User Research in diesem Bereich so spannend: Man sieht Funktionen aus einer ganz neuen Perspektive und erkennt Optimierungspotenziale, die man vorher nicht auf dem Schirm hatte.
Domingos: Wie herausfordernd ist es für euch, wenn jemand assistive Technologien wie Screenreader oder Bildschirmzoom nutzt? Manchmal arbeiten die Systeme ja sehr schnell oder mit starken Vergrößerungen – da ist es für Sehende oft schwer nachzuvollziehen, was genau passiert.
Clara: Ja, das stimmt, das ist tatsächlich eine besondere Herausforderung. Ich muss mich in solchen Fällen deutlich stärker konzentrieren. Mir fällt es nicht unmöglich, den Vorgängen zu folgen, aber es erfordert, dass ich sehr aufmerksam bin. Als Moderatorin muss ich genau beobachten, was passiert: Ich achte auf die Bildschirmaktivitäten, auf die verbalen Hinweise der Testperson und oft auch auf Gesichtsausdrücke, wenn die Kamera an ist. Ein kleines Stirnrunzeln oder eine Geste kann schon einen Hinweis geben, wo es gerade hakt, und ich notiere mir, später gezielt nachzufragen.
Es ist also mental sehr fordernd – es passiert permanent viel im Kopf, während ich gleichzeitig die Interaktion verfolge. Gleichzeitig finde ich es unglaublich spannend und lehrreich. Es gehört ja zu meiner Rolle, im Zweifel nachzuhaken: „Kannst du mir das noch einmal zeigen?“ oder „Ich bin gerade nicht mitgekommen, wie hast du das genau gemacht?“ – das ist vollkommen in Ordnung. Manche Teilnehmenden bieten auch an, die Sprachausgabe des Screenreaders langsamer zu stellen, aber meist lasse ich sie ihre Technologie so nutzen, wie sie es im Alltag gewohnt sind.
Wenn ich etwas wirklich nicht verstehe, frage ich nach: „Was hat der Screenreader gerade gesagt?“ – und so kann ich die Nutzung trotzdem nachvollziehen. Nach solchen Terminen bin ich oft etwas erschöpft, weil die Konzentration sehr hoch ist, aber das gehört dazu.
Für manche Teilnehmenden kann es noch herausfordernder sein, insbesondere wenn der Screenreader mit hoher Geschwindigkeit liest oder der Bildschirm stark vergrößert wird. Für mich funktioniert das gut, weil ich in meiner Rolle als Moderatorin aktiv nachfrage und beobachte. Mit zunehmender Erfahrung und mehreren Tests gewöhnt man sich aber daran – und gerade die intensive Beobachtung macht die Arbeit auch sehr interessant und aufschlussreich.
Domingos: Ja, vielen Dank für den Einblick. Wo kann man Dir bzw. euch am besten folgen?

Clara: Mich kann man über LinkedIn oder per Mail erreichen. Die Firma heißt leefs CX GmbH.

Domingos: Dann vielen Dank für diesen Einblick und schön, dass ihr euch mit dem Thema Barrierefreiheit und UX beschäfttigt, aktuell ist das zu selten. weiterhin viel Erfolg.

Clara: vielen Dank.