Während die harten Fähigkeiten – wie das Kennen der BITV (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung), der Barrierefreiheitsrichtlinien oder von Lösungsmöglichkeiten und Testergebnissen – das grundlegende ABC der digitalen Barrierefreiheit ausmachen und natürlich sitzen müssen, dürfen wir die Soft Skills keinesfalls vernachlässigen. Dabei geht es nicht darum, diese von Anfang an perfekt zu beherrschen, sondern sie im Laufe der Zeit kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu schärfen, da sowohl die persönliche als auch die allgemeine Entwicklung stetig voranschreiten.
Zwischenmenschliche Fähigkeiten & der Umgang mit verschiedenen Interessen
Da man Barrierefreiheit selten ganz alleine umsetzt – besonders als Consultant, der andere Personen in diesem Bereich steuert, betreut und berät –, sind zwischenmenschliche Fähigkeiten von zentraler Bedeutung.
Man trifft im Berufsalltag immer wieder auf Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Ausgangslagen: von Personen, die sich engagiert einbringen, über solche, die kein Interesse zeigen, bis hin zu Mitarbeitenden, die schlichtweg von ihrer Firma auf ein Abstellgleis geschoben wurden und keine Lust auf das Thema haben. Hier gilt es, den respektvollen Austausch zu wahren, alle auf Augenhöhe zu kommunizieren und das Notwendige gemeinsam zu erarbeiten. Auch im Umgang mit externen Rollen – die manchmal mit weniger Respekt behandelt werden – muss man professionell und lösungsorientiert bleiben, ohne die eigenen Grenzen und Standards (wie Fristen oder Absprachen) komplett über Bord zu werfen.
Empathie für die Zielgruppe der Barrierefreiheit
Eine essenzielle Eigenschaft ist die Empathie für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Man beobachtet häufig, dass Personen aus der Barrierefreiheits-Community zwar stark auf die Einhaltung von Standards pochen, aber im Alltag oft nur wenig echtes Verständnis dafür haben, wie Menschen mit Behinderungen Technologien tatsächlich nutzen und welchen Hürden sie im Detail begegnen.
Während körperliche Einschränkungen oft noch greifbar sind, fällt es vielen schwer, sich in unsichtbare Behinderungen hineinzuversetzen. Hier ist es wichtig, die Perspektive der Betroffenen wirklich zu verstehen, anstatt starr nur Paragrafen durchzusetzen.
Verständliche Kommunikation komplexer Sachverhalte
Eine der wichtigsten Kompetenzen ist die Fähigkeit, Barrierefreiheitsprobleme so zu erklären, dass sie von Laien verstanden werden. Zahlreiche Prüfberichte und Gutachten sind oft so kompliziert verfasst, dass selbst Expertinnen und Experten sie nach mehrmaligem Lesen kaum verstehen.
Wenn es schon Fachleuten so geht, stehen fachfremde Auftraggeber oder Mitarbeitende vor noch größeren Hürden. Da man den größten Teil der Zeit mit Menschen zu tun hat, die keine Vorkenntnisse oder Berührungspunkte mit dem Thema haben, ist die Übersetzungsleistung in eine einfache, greifbare Sprache der Schlüssel zum Erfolg. Es gilt, komplexe Kriterien verständlich zu machen und zu erklären, warum bestimmte Dinge umgesetzt werden müssen (z. B. warum ein Formularfeld ein Label braucht oder wie Alternativtexte funktionieren), anstatt nur stumpf Fehler aufzulisten.
Frustrationstoleranz und der Umgang mit Widerständen
Da man in diesem Berufsfeld oft das Gefühl hat, bei jedem Projekt von Null zu beginnen, ist eine ausgeprägte Frustrationstoleranz überlebenswichtig. Man macht manchmal zwei Schritte vor und anderthalb Schritte zurück, weil Kundinnen und Kunden Vorgaben ignorieren oder trotz Aufklärung Fehler einbauen.
Da Barrierefreiheit eine starke soziale Komponente hat und das Produkt am Ende für Menschen mit Behinderungen nutzbar sein muss, ärgert man sich verständlicherweise, wenn trotz guter Erklärungen alles falsch umgesetzt wird. Hier hilft es, einen kühlen Kopf zu bewahren, den Ärger abzubauen und immer wieder neue Wege der Vermittlung zu finden.
Vermeidung von Mikromanagement und lösungsorientierte Offenheit
Schließlich sollte man lernen, kein striktes Mikromanagement zu betreiben. Anstatt Kundinnen und Kunden einen starren, einzigen Lösungsweg aufzuzwingen, sollte das übergeordnete Ziel im Vordergrund stehen.
Wenn das Ziel – nämlich die barrierefreie Nutzung – auf einem anderen, effizienteren Weg erreicht wird, der für das Unternehmen besser passt, sollte man offen dafür sein. Radikale Lösungsorientierung bedeutet am Ende, dass das Ergebnis konform ist und sowohl für die Barrierefreiheit als auch für den Kunden funktioniert.