Virtuelle Realität – eine Chance für die Barrierefreiheit

Virtuelle Welten wie das Metaversum des Meta-Konzerns sind zugegebenermaßen noch Zukunftsmusik. Sie bieten aber große Chancen für behinderte Menschen.
Das Problem der digitalen Barrierefreiheit ist nicht gelöst, scheint aber mit überschaubaren Mitteln regelbar zu sein. Anders sieht es mit zwei anderen großen Bereichen aus: Wohnen und Mobilität.
Generell fehlen unzählige Wohnungen, zumal durch die starke Zuwanderung durch die diversen Zuzüge von Flüchtlingen. Für die Einwanderung in den Arbeitsmarkt wären weiterhin zusätzliche adäquate Wohnungen in den Metropolen notwendig. Gar nicht erwähnt ist dabei das Thema barrierefreie Wohnungen, der Markt ist leergefegt und unsere diversen Regierungen schaffen es nicht, das Problem zu lösen. Es wären Investitionen im Rahmen von Milliarden sowie entsprechende Fachkräfte notwendig – beides ist nicht absehbar.
Das gleiche Trauerspiel finden wir bei der Mobilität: Es gibt Fortschritte, aber zu wenige und zu langsam. Ältere und behinderte Menschen mit Mobilitäts-Problemen konkurrieren mit Pendlern, Schülern und anderen Menschen um die knappen mobilitäts-Ressourcen, uralte Busse, Bahnen, Bahnhöfe und Züge machen das Ein- und Aussteigen zu einer Tortour.
Gleichzeitig sehnen wir uns nach menschlicher Nähe – zumindest die Meisten von uns. Der große Nachteil der Peripherie sind die eingeschränkten Möglichkeiten, Freunde zu treffen und kulturelle Einrichtungen zu nutzen. Remote Work ist eine gute und sinnvolle Sache, doch möchte man zumindest ab und zu mal die Kolleg:Innen persönlich treffen. Online-Meetings sind gut, aber nicht optimal.
Virtuelle Welten könnten viele dieser Probleme lösen. Remote Work ist, wie ich an anderer Stelle schrieb, für Menschen mit Mobilitäts-Einschränkungen interessant, solange es inklusiv stattfindet, man also nicht benachteiligt wird gegenüber vor Ort arbeitenden Personen. Mit VR könnte sich das Standort-Problem besser lösen lassen als mit Online-Meetings. Auf In-Persona-Meetings muss man trotzdem nicht verzichten, aber sie müssten seltener stattfinden.
Und natürlich das ganze Thema Freizeit-Gestaltung – auch das eine Herausforderung dank mangelnder Barrierefreiheit. Auch das wäre mit der entsprechnden VR machbar. Klar, die Atmosphäre eines Live-Festivals wird man vielleicht nie über VR-Wearables spüren, aber es ist ein Kompromiss und besser als nichts. Man vergisst gerne, dass solche Events mit Tickets, Anreise, Übernachtung und so weiter gerne mal so viel kosten wie ein kleiner Urlaub, auch Geld bzw. dessen Fehlen kann eine Barriere sein.
Und nun die Preisfrage, ist VR/AR barrierefrei realisierbar? Zumindest was motorisch und Sehbehinderte sowie Schwerhörige/Gehörlose angeht, sollte es hier keine größeren Probleme geben. Man müsste natürlich sicherstellen, dass Zoom, Sprach- und Bewegungssteuerung, Untertitel und die ganzen anderen existierenden Hilfsmittel sich weiterhin verwenden lassen, dass also die entsprechenden Schnittstellen vorhanden sind.
Für Blinde gibt es besondere Herausforderungen, wenn virtuelle Welten vor allem visuell gestaltet werden. Bis in die 2000er Jahre hinein habe ich gerne Computerspiele gespielt: Civilisation, Monkey Island, Need for Speed und so weiter haben mir einige Nachmittage versüßt. Danach wurde mein Sehen schlechter bzw. die Spiele so visuell komplex, dass es nicht mehr machbar war. Aber weil ich aus der Sehenden-Welt komme, konnte ich mit Audio-Games bis heute nichts anfangen. Computerspiele sind 95 Prozent Optik und vielleicht 5 Prozent Audio.
Wenn wir das Gleiche bei VR/AR erleben – das befürchte ich – dann wird das für Blinde nicht funktionieren. Das heißt, man braucht auch eine saubere Akkustik: Wenn ich an einem virtuellen Konferenztisch sitze, muss die Stimme einer sprechenden Person aus der entsprechenden Richtung kommen oder halt von oben oder unten, 3D-Sound halt. Der klassiche Stereo-Kopfhörer reicht nicht aus. Die visuelle Welt – nun ja, man kann sie für blinde Menschen weder real noch virtuell wirklich zugänglich machen, zumindest nicht mit absehbar verfügbarer Technik.
Dringend notwendig wäre auch die wesentlich aufwendigere Entwicklung von Tools für haptisches Feedback. Das scheint im Augenblick noch Zukunftsmusik zu sein, aber wenn hier nicht geforscht wird, passiert da gar nichts. Und das könnte umgekehrt auch für Sehende interessant sein. Es ist doch sehr schade, dass in einer ohnehin visuell ausgerichteten Welt auch die VR rein visuell und ein wenig akustisch, aber kaum haptisch ist.
Doch sagt niemand, dass VR einfach nur die Realität kopieren muss. Wo man gedruckte Handouts verteilen würde, kann man in der VR digitale Unterlagen verteilen. Eine virtuelle Leinwand kann digital befüllt und von der Sprachausgabe vorgelesen werden und so weiter.
Wir müssen ein wenig abwarten, ob und wie der Hype sich in tatsächlichen Anwendungen manifestiert. Aber ich glaube schon, dass sich für behinderte Menschen Vorteile ergeben könnten.
Augmented Reality und Barrierefreiheit

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