Barrierefreie Text-Gestaltung für Print und Digital

webdesignDieser Beitrag beschäftigt sich mit der visuellen Text-Gestaltung und Barrierefreiheit für Print- und Digital-Produkte, auch barrierefreie Typographie genannt. Da ich selbst kein Grafiker bin, bitte ich um Nachsicht, wenn ich nicht die Fachbegriffe verwende.
Aus den Web Content Accessibility Guidelines gibt es relativ wenige strenge Vorgaben zur visuellen Textgestaltung. Das liegt daran, dass es relativ schwer nachzuweisen ist, dass Text X lesbarer ist als Text Y. Erst auf der höchsten Stufe der WCAG 2.1 gibt es unter 1.4.8 Visual Presentation (AAA) sehr strenge Vorgaben zu Abständen bei Wörtern, Zeichen und Zeilen sowie Zeilenlänge und Textsatz.
Anders als im digitalen Bereich gibt es für barrierefreie Druck-Erzeugnisse keine harten Richtlinien zur Barrierefreiheit. Hier lassen sich nur allgemeine Aspekte feststellen, die zur Erkennbarkeit und Lesbarkeit beitragen.

Barrierefreiheit und Typographie

Sowohl die Ästhetik als auch die Lesbarkeit einer Webseite hängen entscheidend von der Typographie ab. Typographie befasst sich mit der ästhetischen Textgestaltung.
Die Lesbarkeit eines Textes hängt von verschiedenen Aspekten der Typographie ab:

  • die Auswahl der Schriftart
  • Abstände von Buchstaben, Worten, Zeilen und Absätzen
  • Linienstärke
  • Schriftart
  • Schriftfarbe
  • und so weiter

Normalerweise beschäftigt man eine Expert:In, die sich mit graphischer Textgestaltung auskennt. Es kann aber nicht schaden, ein wenig Grundwissen darüber zu haben. Insbesondere Redakteure können ihre Texte aufwerten, wenn sie sich mit Typographie auskennen. Die Textgestaltung wird im Wesentlichen mit CSS umgesetzt, dazu erfährst Du später mehr.

Schriften

Im wesentlichen werden Schriften nach zwei Familien unterschieden: die Serifenschriften haben Verzierungen an den Buchstaben. Serifenfreie Schriften haben keine solchen Verzierungen und wirken dadurch klarer, aber oft auch langweiliger. Für den Druckbereich, insbesondere für Belletristik und Magazine werden Serifenschriften bevorzugt eingesetzt. Im Computerbereich und für Sachtexte werden hingegen serifenfreie Schriften bevorzugt. Das liegt auch daran, dass das Schriftbild im Druck eine höhere Auflösung als am Bildschirm hat. Die Buchstaben können also im gedruckten Bereich wesentlich leichter erkannt werden. In Zukunft wird sich dies wahrscheinlich durch bessere Darstellungs-Technik bei Ebook- und selbstleuchtenden Bildschirmen ändern.
Für praktisch jeden denkbaren Einsatzbereich gibt es eigens entwickelte Schriften. Es gibt spezielle Schriften für Anzeigetafeln, für Straßenschilder, für tragbare Geräte und vieles mehr.
Es mag zunächst überraschend sein, aber die Lesbarkeit einer Schrift hängt weniger davon ab, welche Schriftart eingesetzt wird als davon, wie vertraut der Leser mit einer bestimmten Schrift ist. Die Benutzer von Word arbeiten sehr häufig mit Calibri oder Arial, deswegen sind beide Schriftarten weit verbreitet und gelten als gut lesbar. Arial und Calibri zeichnen sich durch einfache Gestaltung der Zeichen-Linien aus. Dennoch wird auch die Arial kritisiert, weil zum Beispiel das große I und das kleine l sich relativ ähnlich sehen. E
Ästhetik und Lesbarkeit können sich nicht nur ergänzen, sondern auch widersprechen. Viele Zeitungen setzen den Zeitungsnamen in Fraktalschrift. Sie kämen aber nicht auf die Idee, längere Texte in dieser Schrift zu setzen, weil das niemand lesen würde. Aus dem gleichen Grund werden immer seltener Texte in Schreibschrift geschrieben, wenn sie nicht gerade für persönliche Belange gedacht sind. Schreibschrift kann ästhetisch sehr ansprechend sein, weil wir aber nicht mehr daran gewöhnt sind, unterschiedliche Schreibschriften unterschiedlicher Personen zu lesen, fällt es schwer, längere Texte in Schreibschrift zu lesen.
Für die Lesbarkeit am Bildschirm sollten gängige serifenfreie Schriften verwendet werden. Serifenschriften verschlechtern häufig die Lesbarkeit, sie sind bei gleicher Punkt-Größe kleiner als serifenfreie Schriften. Die Times New Roman nimmt bei Punkt 12 rund zehn Prozent weniger Platz ein als die Arial. Entscheidet man sich dennoch für eine Serifenschrift, sollte ein etwas höherer Schriftgrad gewählt werden als man ihn für eine serifenfreie Schrift nehmen würde.
Als schlecht lesbar können Schriften gelten, deren Zeichen:

  • sehr dünne Buchstabenlinien haben wie die Times New Roman
  • viele Verzierungen haben
  • die Buchstabenlinien ihre Dicke nicht innerhalb eines Zeichens verändern

Generell sollte es der Leser:In überlassen bleiben, den Text an Ihre Bedürfnisse anzupassen. Man wird es nie allen Leser:Innen recht machen können.

Gibt es die barrierefreie Schrift?

Die Antwort auf die Frage nach einer barrierefreien Schrift ist ein klares Jein. Vergleicht man einige Schriften wie etwa Arial oder Times New Roman ist klar, das Arial unter gleichen Bedingungen besser lesbar ist.
Aber die Umstände sind eben nicht gleich: Schriftfarbe, Größe, Hintergrund und Schriftstellung können unterschiedlich sein. Es kann dann nicht gesagt werden, dass Schrift A unter allen Umständen besser ist als Schrift B.
Es gibt Schriftarten, die für bestimmte Zielgruppen wie Personen mit Dyslexie oder Sehbehinderung optimiert wurden. Das heißt aber nicht, dass diese Schriften auch für Personen ohne Dyslexie oder Sehbehinderung gut oder angenehm zu lesen sind.
Als spezielle Schriftarten für lese-behinderte Personen werden unter anderem die Open Dyslectic, die Atkinson Hyperlegible und Semikolon Plus. als besonders lesbar empfohlen. Da diese Schriftarten teils recht teuer sind, empfehlen wir, auf gänige Schriftarten wie Arial oder Calibri bzw. auf Schriften zu setzen, die diesen recht ähnlich sind. Wie oben gesagt kommt es nicht so sehr auf die eingesetzte Schrift an, sondern auf die Lese-Erfahrung mit der Schriftart.
Auch andere Schriftarten, die sich als barrierefrei oder inklusiv bezeichnen können nicht jede Person überzeugen. Sie mögen in speziellen Kontexten sinnvoll sein, am Ende muss eine Schriftart aber für die Allgemeinheit funktionieren, wenn sich das Schriftstück an die Allgemeinheit wendet.

Textfluss

Der Text sollte immer linksbündig und im Flattersatz gesetzt werden. Der Blocksatz hat sich nur für mehrspaltige Texte bewährt, hinterlässt aber bei
fehlender Silbentrennung unschöne Lücken im Text. Schwerer wiegt, dass im Flattersatz die unterschiedlichen Zeilenlängen dem Auge zusätzliche Orientierungspunkte bieten. Der Blocksatz sieht zu gleichmäßig aus und kann so zum Ermüden der Augen beitragen. Durch den linksbündigen Text wird für Sehbehinderte die Orientierung erleichtert, weil auf der linken Seite eine imaginäre Linie entsteht. Hat man einen zentrierten Text und benutzt eine Bildschirmvergrößerung, hat man Probleme, den Beginn der Zeile zu finden.
Die Silbentrennung ist im Internet nicht sinnvoll, weil sie das Überfliegen des Textes erschwert. Für langsame Leser und Nutzer von Sprachausgaben ergibt sich das Problem, dass lange Wörter schwerer zu lesen sind. Der Leser muss sich den Anfang des Wortes merken, zum Anfang der nächsten Zeile springen, das Wort wieder zusammensetzen und wiederum im Gesamtkontext des Satzes setzen. Der geringe Vorteil der Silbentrennung besteht darin, dass die Lücken im Blocksatz vermieden werden, aber den wollen wir – wie gesagt – ohnehin vermeiden.
Empfohlen wird eine Zeilenlänge von maximal 80 Zeichen. Der Text sollte nicht den gesamten Bildschirm einnehmen und die Zeilen sollten nicht zu lang werden. Je länger die Zeilen sind, desto schwieriger ist es für das Auge, den Beginn der nächsten Zeile zu finden. Bei zu kurzen Zeilen hingegen muss das Auge zu oft hin und her bewegt werden.

Schriftgrad

Für die Schriftgrößen sind Standardgrößen zu wählen. Für Menschen mit verringertem Gesichtsfeld zum Beispiel wären zu große Schriftgrößen schlecht lesbar. Früher wurde von den Webseiten eine Funktion zur Vergrößerung von Text erwartet, mittlerweile beherrschen aber alle gängigen Browser die Textvergrößerung.
Starke Änderungen der Schriftgrade innerhalb eines Dokuments sind zu vermeiden. Sehbehinderte sind nicht immer in der Lage, das Auge schnell an Änderungen zu adaptieren. Sie müssen ständig den Abstand oder den Zoom-Grad neu einstellen.

Sonderformatierung und Hervorhebungen

Mit Sonderformatierungen ist immer sparsam umzugehen. Kursiv-Stellung, Versalien (GROSSBUCHSTABEN), Unterstreichung und Schmuckschriftarten verschlechtern in jedem Fall die Lesbarkeit. Ganze Absätze in solchen Formatierungen führen zu Ermüdung und Langeweile. Vielen Sehbehinderten und allen Blinden entgehen Hervorhebungen durch gefetteten Text.
Ebenfalls zu vermeiden sind Schriftgrafiken, also längerer Text, der in ein Bild eingebettet ist. Solche Texte werden bei Vergrößerung unscharf, sie sind außerdem für Blinde gar nicht lesbar und werden außerdem oft bei großen Bildschirmen verzerrt, auf kleinen Displays sind sie hingegen gar nicht lesbar, weil die Grafiken zu klein dargestellt werden.

Abstände

Die Abstände für Buchstaben, Wörter, Zeilen und Absätze sollten dem Standard entsprechen. Zu enge Buchstaben etwa als graphischer Effekt verschlechtern die Lesbarkeit ebenso wie zu weit gesetzte Buchstaben.
Absätze sollten nicht zu lang werden. Lange Absätze verraten oft, dass sich der Schreiber keine Gedanken zu einer sauberen Gliederung gemacht hat. Mehr als drei oder vier mittellange Sätze sollte ein Absatz nicht umfassen.
Das selbe gilt dann auch für Textabschnitte. Lange Texte sollten durch Zwischenüberschriften angeteasert oder zusammengefasst werden.
Konkrete Vorgaben gibt es in der WCAG 2.1 unter 1.4.4 Resize text (AA). Text soll ohne assistive Technologien und Informations-Verlust auf 200 Prozent vergrößerbar sein.
Harte Vorgaben für Textabstände gibt es in der WCAG 2.1 unter 1.4.8 Visual Presentation. Diese Anforderung muss aber nur auf der höchsten Stufe der Barrierefreiheit erfüllt werden.

Farben

Jede andere Kombination als Schwarz auf Weiß verschlechtert den Kontrast. Es mag Leute geben, für die andere Kombinationen besser sind. Tatsächlich ist es aber eher schwierig für den Textgestalter, für alle individuellen Sehschwäche sinnvolle Farbkombination bereit zu stellen. Hier ist der Nutzer gefragt, der sich seine bevorzugten Farben auf seinem Computer einstellen kann. Der Gestalter sollte sich vor allem darum kümmern, dass Anpassungen der Farben nicht dazu führen, dass der Text unlesbar wird, etwa wegen eines Hintergrundbildes. Bei Fließtext sollten generell Hintergrundbilder oder Farbeffekte wie Farbverläufe vermieden werden.
In anderen Ländern gibt es tatsächlich die Tradition, keinen rein weißen Hintergrund für Präsentationen zu verwenden, weil diese Hintergründe zu stark blenden. Stattdessen wird der Hintergrund leicht abgedunkelt.
Für das Papier würden wir nicht strahlend weiß empfehlen, denn es reflektiert das Licht zu stark. Creme-weißes Papier ist in der Regel augenfreundlicher. Auch modernes Recyclingpapier ist in Ordnung. Von dem stark gelb-grauen Recyclingpapier würden wir eher abraten, weil es sich doch deutlich auf den Kontrast auswirkt.

Augenbewegungen und kognitiven Load reduzieren

Verzichten Sie auf „Kleingedrucktes“ und Fußnoten in winziger Schrift. Fußnoten sind für Sehbehinderte oder andere Lesebehinderte stets schwierig, da sie Probleme haben, sich schnell innerhalb des Textes zu bewegen. Das Kleingedruckte sollte in der Größe nicht zu stark abweichen, da Schrift bei starker elektronischer Vergrößerung wie bei Lesegeräten schnell unscharf wird.

Alternative zum gedruckten Text

stellen Sie eine elektronische Version bereit. Viele behinderte Personen nutzen ebook-Reader oder assistive Technologien und können sich elektronische Dokumente besser zugänglich machen als Drucksachen.

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