In diesem Beitrag geht es um digitale Souveränität und die Bedeutung von digitaler Barrierefreiheit in diesem Kontext. In der Politik wird derzeit intensiv über die Souveränität der Europäischen Union diskutiert, da ein Großteil der Software und Hardware aus Ländern stammt, die politisch problematisch agieren. Das Problem aus meiner Sicht: Über digitale Barrierefreiheit bei Alternativen wird kaum gesprochen.
Zusammenfassung – TLDR
Digitale Souveränität bedeutet im Kern, sich von ausländischen Plattformen weitgehend zu entkoppeln, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Derzeit wird dieses Thema besonders durch KI-Plattformen relevant: Die leistungsfähigsten Anbieter stammen bisher aus den USA, während China schnell aufholt. Europa steht damit vor der Herausforderung, zwischen schwierigen Partnern zu navigieren und eigene Lösungen zu entwickeln.
Die naheliegende Option, eigene Plattformen zu schaffen, ist zeitaufwendig, aber langfristig sinnvoll – allerdings nur, wenn diese Lösungen vergleichbare Barrierefreiheit und nutzerfreundliche User Experience (UX) bieten. Bisher wird Barrierefreiheit im Diskurs um digitale Souveränität kaum berücksichtigt. Argumente wie Datensicherheit, Ausfallsicherheit und die Einhaltung von Datenschutz- und KI-Vorgaben (DSGVO, KI-Act) stehen klar im Vordergrund, während digitale Zugänglichkeit und UX oft vernachlässigt werden.
Ein zentrales Problem liegt im Mangel an Barrierefreiheitskompetenz in deutschen und europäischen Entwicklerteams. Während die USA mit Gesetzen wie dem American Disabilities Act und Section 508 einen klaren Rahmen für barrierefreie Software und Procurement schaffen, existieren in der EU vergleichbare Vorgaben nur begrenzt. Dies führt dazu, dass barrierefreie Arbeitsplätze und Software in vielen Unternehmen nach wie vor unzureichend umgesetzt werden. Veraltete Systeme oder Eigenentwicklungen, die lange nicht aktualisiert wurden, verstärken dieses Problem.
Auch die Bürgerdienste sind betroffen. Beispiele wie die elektronische Patientenakte oder der elektronische Personalausweis zeigen, dass fehlende Barrierefreiheit, komplizierte Bedienung und mangelnde Information die Nutzung erschweren. Bürgerinnen und Bürger sind oft unsicher oder wissen nicht, wie sie digitale Angebote korrekt nutzen können. Dies trägt dazu bei, dass die Digitalisierung in Deutschland nur schleppend vorankommt.
Darüber hinaus zeigt sich in der Verwaltung, dass ältere Mitarbeiterinnen oft Schwierigkeiten haben, neue Software effizient zu nutzen. Reibungsverluste und geringe Akzeptanz entstehen, wenn neue Lösungen zwar funktional, aber anders gestaltet sind als vertraute Systeme wie Microsoft Office. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, bei digitalen Plattformen UX und Barrierefreiheit von Anfang an zu berücksichtigen.
Lösungen können nur erfolgreich sein, wenn die Nutzerperspektive einbezogen wird. Digitale Souveränität darf nicht bedeuten, amerikanische Plattformen abrupt zu ersetzen und dafür mittelmäßige lokale Lösungen einzuführen. Stattdessen müssen neue Systeme barrierefrei, nutzungsfreundlich und partizipativ entwickelt werden – gemeinsam mit Bürgerinnen und Verwaltungsmitarbeiterinnen. Open Source bietet hierbei besondere Chancen: Europaweit einheitliche Standards können geschaffen werden, indem mehrere Staaten gleichzeitig an der Umsetzung arbeiten.
US-amerikanische Plattformen sind in vielerlei Hinsicht vorbildlich, haben aber ebenfalls Defizite. Microsoft Office etwa ist überladen und kann durch souveräne europäische Lösungen effizienter, intuitiver und barrierefreier gestaltet werden. Europa hat somit die Chance, eigene Plattformen zu schaffen, die sowohl digital souverän als auch nutzerfreundlich und barrierefrei sind. Voraussetzung dafür ist, dass Barrierefreiheit und UX endlich konsequent auf die Agenda gesetzt werden.
Fazit: Digitale Souveränität ist nicht nur eine Frage von Datensicherheit und Unabhängigkeit, sondern auch von Benutzerfreundlichkeit und Zugänglichkeit. Ohne konsequente Berücksichtigung von Barrierefreiheit und UX wird die Digitalisierung in Deutschland weiterhin nur schleppend vorankommen. Investitionen in Fachkräfte, partizipative Entwicklung und Open-Source-Lösungen sind dabei zentrale Bausteine für eine erfolgreiche Umsetzung.
Das Problem digitale Souveränität
Bisher wurde die Abhängigkeit von außereuropäischen Plattformen im Softwarebereich kaum als Problem wahrgenommen. Allerdings zeigt sich zunehmend, dass Software als Druckmittel eingesetzt, zur Ausspähung genutzt oder Daten abgegriffen werden kann. Die Abhängigkeit von wenigen großen Unternehmen wächst dabei weiter. Einige wenige Anbieter – allen voran Microsoft und Google – kontrollieren heute einen erheblichen Teil der Softwarelandschaft. Sie liefern zum Beispiel zentrale Softwarelösungen für Unternehmen und betreiben wichtige Internetplattformen. Cloud-Dienste, etwa von Amazon oder Microsoft, bilden die technische Basis vieler Anwendungen. Ein Ausfall eines großen Cloud-Anbieters kann somit Teile des Internets und zahlloser Anwendungen lahmlegen.
Dieses Machtpotenzial wird zunehmend als Problem wahrgenommen. Zwar wurde diese Macht bisher nicht stark ausgenutzt, doch es besteht immer die Möglichkeit, dass Plattformen als Mittel politischer oder wirtschaftlicher Einflussnahme missbraucht werden. Viele Plattformen können ausspionieren oder einfach abgeschaltet werden, was die Abhängigkeit von wenigen Anbietern weiter erhöht. Während früher klassische Software wie Office oder Suchmaschinen im Fokus stand, dominieren heute KI-Plattformen. Die meisten großen KI-Dienste stammen aus den USA oder China, während europäische Alternativen bislang wenig genutzt werden. Dies verstärkt die Diskussion über digitale Souveränität.
Digitale Souveränität bedeutet im Wesentlichen, globale Plattformen durch Alternativen zu ersetzen, etwa durch Open-Source-Lösungen oder europäische Angebote. Es gibt gute Gründe, sich nicht von wenigen Anbietern abhängig zu machen, und es existieren durchaus Alternativen.
Mangelnde Barrierefreiheit bei Alternativen
Ein zentrales Problem: Viele dieser Alternativen berücksichtigen Barrierefreiheit nur unzureichend. Bei US-amerikanischen Plattformen hingegen ist Barrierefreiheit oft gut umgesetzt – nicht aus reiner Selbstlosigkeit, sondern aus wirtschaftlichem Interesse und gesetzlichen Vorgaben. In den USA existieren strenge Gesetze für Barrierefreiheit im öffentlichen Sektor, und Unternehmen wie Google, Microsoft oder Apple profitieren davon, wenn ihre Software in Behörden, im Bildungsbereich oder bei staatlich geförderten Projekten eingesetzt wird. Daher legen sie großen Wert auf barrierefreie Lösungen.
Europäische Plattformen hingegen haben diesen Fokus bislang kaum gesetzt. Viele Eigenentwicklungen, die als Alternative zu Microsoft Office gedacht sind, priorisieren die Kernfunktionalität und schnelle Entwicklung über Barrierefreiheit. Die Dynamik der Entwicklung und das Streben nach Funktionsumfang führen dazu, dass Barrierefreiheit oft zurückgestellt wird.
Ein weiteres großes Problem ist der Mangel an Barrierefreiheitswissen in deutschen und europäischen Entwicklerstudios. Es fehlt an Fähigkeiten, barrierefreie Software zu entwickeln. Dieser Kompetenzmangel wird zunehmend spürbar, insbesondere im Vergleich zu den USA, die in diesem Bereich deutlich weiter entwickelt sind.
In den USA existieren starke gesetzliche Vorgaben wie der Americans with Disabilities Act oder Section 508, die Barrierefreiheit in der Softwarebeschaffung verpflichtend machen. In der EU gibt es zwar Gesetze, diese betreffen aber vor allem Arbeitsplatz-Software und stärken die Rechte von Menschen mit Behinderung nur unzureichend. Dies führt dazu, dass barrierefreie Arbeitsplätze und Software in vielen Unternehmen nach wie vor vernachlässigt werden.
Eigenentwicklungen oder veraltete Systeme machen häufig Probleme, weil sie lange nicht aktualisiert wurden und bei denen Barrierefreiheit nur eine geringe Priorität hat. Zwar garantiert das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz theoretisch barrierefreie Arbeitsplätze, in der Praxis wird dies jedoch häufig ignoriert. Softwareanschaffungen orientieren sich oft an der einfachsten Lösung – beispielsweise Microsoft Office oder Google Docs – ohne Berücksichtigung digitaler Souveränität oder Barrierefreiheit.
Das Thema digitale Souveränität gewinnt erst seit einigen Jahren an Bedeutung, besonders seit dem die Trump-Administration deutlich machte, dass Softwareunternehmen politischem Druck ausgesetzt sein können. Solche Eingriffe können zu Datenabfluss oder Sperrungen führen und stellen massive Eingriffe in die Selbstbestimmung dar. Die Plattformen selbst sind in vielen Fällen gesetzlich verpflichtet, diese Anordnungen umzusetzen, was unsere Abhängigkeit und Verwundbarkeit noch verstärkt.
Funktionalität, nicht Barrierefreiheit oder UX
Bislang liegt der Fokus darauf, die Funktionalität von US-amerikanischen lösungen nachzubauen. UX und Barrierefreiheit kommen aber kaum vor. Sie mögen sagen, dass das doch selbstverständlich sei. Aus schmerzlicher Erfahrung muss ich das leider verneinen: Wenn nicht darüber gesprochen und es eingefordert wird, wird es nicht beachtet. Ich habe geprüft, ob es Informationen zur Barrierefreiheit gängiger Alternativen gibt – Fehlanzeige.
Gängige Argumente für digitale Souveränität sind Datensicherheit, Ausfallsicherheit und die Einhaltung von Datenschutz- und KI-Vorgaben (DSGVO, KI-Act). Diese Aspekte sind berechtigt und wichtig. Was bisher kaum thematisiert wird, ist die digitale Barrierefreiheit und die User Experience. Gerade bei deutscher Software bestehen hier erhebliche Defizite.
Dabei ist UX nicht trivial: Auch die Bedienbarkeit von Microsoft Office oder Google-Diensten ist oft nicht optimal, und die Vorstellungen von User Experience oder Barrierefreiheit dieser Plattformen müssen nicht unbedingt den eigenen Anforderungen entsprechen. Für europäische Plattformen gilt: Solange Barrierefreiheit und gute UX nicht gewährleistet sind, bleibt ein zentraler Aspekt der digitalen Souveränität unberücksichtigt.
Es besteht noch erheblicher Verbesserungsbedarf, der bisher kaum berücksichtigt wird: die Qualität der Software selbst. Einfach Software auszutauschen, ohne die Nutzerinnen mitzunehmen, kann erhebliche Probleme verursachen. Besonders in der Verwaltung, mit einem höheren Durchschnittsalter der Beschäftigten, fällt die Umstellung auf neue Software oft schwer. Reibungsverluste entstehen, die Effizienz leidet – ganz abgesehen von Barrierefreiheit.
Die Einführung von Office-Alternativen, die zwar funktional sind, aber anders aussehen und bedient werden müssen als Microsoft Office, löst das Problem nicht. Dieses Phänomen zeigt sich nicht nur innerhalb der Verwaltung, sondern auch bei digitalen Bürgerdiensten.
Beispiele hierfür sind die elektronische Patientenakte und der elektronische Personalausweis. Die Patientenakte ist bundesweit eingeführt, wird aber kaum genutzt, da sie schwer zugänglich ist. Der elektronische Personalausweis bietet theoretisch Funktionen wie die digitale Identifikation für Onlineservices, wird aber kaum verwendet. Gründe sind fehlendes Wissen über die Funktion, komplizierte Handhabung und unklare Datenschutzregelungen.
Alternativen scheitern ohne Beteiligung
Solche Schwächen führen dazu, dass digitale Angebote unattraktiv und ineffizient werden. Der Staat muss dringend die Benutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit seiner digitalen Dienste verbessern, damit Bürgerinnen und Mitarbeiterinnen bereit sind, sie zu nutzen.
Die mangelhafte digitalisierung hat weitreichende Konsequenzen. Deutschland zählt zu den Ländern, die stark auf Bargeld setzen, und viele Bürgerinnen bevorzugen weiterhin traditionelle Kommunikationswege wie Telefon oder Post. Digitale Angebote werden deshalb nur zögerlich angenommen, was auch auf schlechte Nutzerfreundlichkeit und unzureichende Zugänglichkeit zurückzuführen ist.
Obwohl das Onlinezugangsgesetz klare Vorgaben zu UX-Tests und Barrierefreiheit enthält, werden diese Anforderungen nicht konsequent umgesetzt. Die vorhandenen digitalen Services sind oft kompliziert, wenig intuitiv und erfüllen die Bedürfnisse der Nutzerinnen nicht.
Gerade der Staat hat die Aufgabe, digitale Dienste und seine Arbeitsplätze für alle Bürgerinnen zugänglich zu machen – einschließlich älterer Menschen und Menschen mit Behinderungen. Bisher ist er dieser Verantwortung jedoch nur unzureichend gerecht geworden.
Fazit: Die EU kann es besser machen als die USA
Ich bin kein Gegner digitaler Souveränität – im Gegenteil: Hier sollte wesentlich mehr getan werden, insbesondere im Bereich Open Source. Die EU verfügt über Kapazitäten und Fähigkeiten, die sie stärker einbringen sollte. Entscheidend ist jedoch, dass die Perspektive der Nutzerinnen – sowohl der Verwaltungsmitarbeiterinnen als auch der Bürgerinnen – in die Entwicklung einbezogen wird.
Ein abruptes Ersetzen amerikanischer Plattformen durch mittelmäßige lokale Anwendungen ist keine Lösung. Stattdessen müssen digitale Services von Anfang an auf Benutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit ausgerichtet sein. Dafür sind massive Investitionen in Personal und Kompetenzen nötig: Es werden dringend mehr Fachkräfte benötigt, die barrierefreie Software und Webapplikationen entwickeln können. Nötig ist auch ein agiler Prozess, bei dem Anwendungen iterativ, zum Beispiel über Nutzungs-Feedback verbessert werden.
Die US-amerikanischen Plattformen sind vor allem deshalb vorbildlich, weil die Alternativen deutlich schlechter sind. Die EU kann hier mit Nutzerinnen-Beteiligung noch mal deutlich besser werden.
Die bereitgestellten Lösungen müssen barrierefrei, nutzungsfreundlich und partizipativ entwickelt werden – gemeinsam mit Bürgerinnen und Verwaltungsmitarbeiterinnen – bevor sie breit ausgerollt werden. Open Source bietet dabei besondere Chancen: Europaweit einheitliche Standards können geschaffen werden, da mehrere Staaten gleichzeitig an der Umsetzung arbeiten können.
US-amerikanische Plattformen sind zwar in vielen Bereichen vorbildlich, doch auch sie haben Defizite. Beispielsweise ist Microsoft Office überladen und kann durch souveräne europäische Lösungen besser, effizienter und barrierefreier gestaltet werden. Voraussetzung dafür ist, dass das Thema überhaupt auf die Agenda kommt – aktuell ist dies noch eines der größten Probleme.