Barrierefreiheit und Inklusion – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Stilisierte farbige FigurenDie Begriffe Inklusion und Barrierefreiheit werden oft synonym und auch gerne falsch verwendet. Das fiel mir zuletzt bei der Debatte um Apples neue Emojis auf. Diese Emojis haben etwas mit Behinderung zu tun. Sie sind deshalb aber weder inklusiv noch barrierefrei und müssen auch nicht dazu beitragen. Im Gegenteil: Wie Leidmedien immer wieder zeigt, kann eine unangemessene Bildsprache auch zur Exklusion beitragen.
Ich verdrehe zwar immer innerlich die Augen, wenn mich ein potentieller Auftraggeber danach fragt, wie man eine Website auf Inklusion prüfen kann, er meint wahrscheinlich Barrierefreiheit. Da die Begriffe aber selbst von Eingeweihten wild durch die Gegend geworfen werden, kann man den Nicht-Eingeweihten auch keinen Vorwurf machen. In der anglo-amerikanischen Diskussion wird zum Beispiel in letzter Zeit wieder verstärkt von inclusive design gesprochen: Was damit konkret gemeint ist, bleibt aber offen. Vielleicht klingt ihnen accessible design einfach zu langweilig.

Was heißt Inklusion?

Inklusion ist im Wesentlichen ein Begriff, der sich auf die Lebenswelt von Personen bezieht. Gemeint ist, dass behinderte und nicht-behinderte Menschen zusammen leben und die Gesellschaft gemeinsam gestalten. Behinderte Menschen haben allerdings den Begriff gekapert: Tatsächlich kann er sich im gesellschaftlichen Sinne auf alle Minderheiten beziehen, also etwa auf Migranten, Homosexuelle oder andere benachteiligte Personengruppen.
Da sich einige Einrichtungen einfach mal von integrativ in inklusiv umbenannt haben, ist Vorsicht auf jeden Fall angebracht. Für sie heißt dann inklusiv: „Wir machen irgendwas mit Behinderten“. Für manche dieser Einrichtungen wäre schon das Prädikat integrativ gewagt. Irgend jemand sagte mal: Ein wenig inklusiv ist wie ein wenig schwanger. Da der Begriff Inklusionweder geschützt noch überprüfbar ist, kann sich jeder dieses Label anheften. Ich zumindest kenne kein Testverfahren für Inklusion, vielleicht sollten wir eine Zertifizierung für Inklusion erfinden, da ist sicher eine Menge Geld zu holen.
Die vollständige Exklusion sollte in Deutschland hoffentlich nur noch in Einzelfällen existieren. So etwas wie eine vollständige Inklusion kann es meines Erachtens ebenfalls nicht geben. Das liegt daran, dass sich die Umstände dynamisch ändern. Was heute inklusiv ist, kann morgen von gestern sein. Inklusion ist ein Prozess wie Barrierefreiheit. Das ist dann auch die Gemeinsamkeit von Inklusion und Barrierefreiheit.
Inklusion ist außerdem im Wesentlichen ein sozialer Prozess. Barrierefreiheit ist hingegen ein im Wesentlichen technischer Prozess.

Was heißt Barrierefreiheit

Barrierefreiheit kann sich, wie ich in meinem Buch gezeigt habe immer nur auf einen Sachverhalt oder eine Personengruppe beziehen. Zwar sprechen wir von Barrierefreiheit wie von Inklusion so, als ob sie ein erreichbarer Zustand wäre. Sie ist aber ein Prozess. Vor zehn Jahren zum Beispiel hat keiner über Leichte Sprache oder Echt-Zeit-Übertragungen in Leichte Sprache gesprochen. Heute kommt kaum eine größere Veranstaltung zum Thema Behinderung ohne aus. Wir wissen nicht, was in fünf oder zehn Jahren möglich und Standard sein wird. Ziemlich sicher ist aber, dass die Standards steigen werden, so wie sie in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind.
Barrierefreiheit umfasst also Maßnahmen, die einer oder mehreren Gruppen behinderter Menschen einen Zugang ermöglichen oder erleichtern: Seien es Rampen, Gebärdensprach-Dolmetsher oder vorlesbare Dokumente.
Daneben gibt es Standards für einige Bereiche der Barrierefreiheit: Dazu gehören die WCAG oder die DIN 18040. Für die Inklusion gibt es verschiedene Indizes für Inklusion, die als Mess-Instrumente zum Status der Inklusion dienen können. Allerdings hört man doch recht selten von ihnen, sie scheinen sich nicht auf breiter Fläche durchgesetzt zu haben.
Inklusion schließt also Barrierefreiheit ein, Barrierefreiheit schließt aber nicht die Inklusion ein. Barrierefreiheit ist eine Voraussetzung für Inklusion.

Apples Emojis als Negativ-Beispiel

Zugegeben, ich habe nicht alle Emojis von Apple gesehen. Allerdings gibt es doch einige Kritik daran: Eine amerikanische Kolumnistin merkte zum Beispiel an, dass man das Hörgerät-Emoji auch als Beleidigung verwenden könnte, als Kurzform von „Bist du taub“ = dumm. Ein Emoji, auf dem eine einzelne behinderte Person oder ein Hilfsmittel abgebildet ist steht weder für Inklusion noch für Barrierefreiheit. Inklusion setzt ja zumindest eine behinderte und eine nicht-behinderte Person voraus. Barrierefreiheit macht nur in einem konkreten Zusammenhang Sinn. Wie diese Emojis zu Inklusion oder Barrierefreiheit beitragen sollen, kann mir auch keiner sagen. Ich zumindest habe auf keines dieser Emojis sehnsüchtig gewartet. Eine bessere Alternative ist die Inklumoji-App der Aktion Mensch. Es bleibt das Geheimnis des Unicode-Konsortiums, warum Apples Emojis in den offiziellen Emoji-Wortschatz aufgenommen wurden, es hat bestimmt nichts damit zu tun, dass Apple eines der reichsten Unternehmen der Welt ist.

Fazit: Ein vorsichtiger Umgang mit den Begriffen ist angebracht

Wer von Inklusion oder Barrierefreiheit spricht, erweckt Erwartungen bei behinderten Menschen, die er in aller Regel nicht erfüllen kann. Es mag sein, dass Inklusion oder Barrierefreiheit für eine oder mehrere Gruppen vorbildlich umgesetzt wurde, aber für andere Gruppen nicht. Und wie oben dargestellt: Solange es keinen Standard gibt, kann sich jeder inklusiv nennen. Ich kann meine Website inklusiv nennen, weil ich gerade sonst nichts zu tun habe, die Aussage wäre gleich Null, denn nicht mal ich wüsste, was ich mit inklusiver Website meine.

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